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eISBN 978-3-89425-816-0

Die Originalausgabe Michael Preute: Der Kurier erschien 1996 im Verlag Ullstein GmbH, Berlin. Die vorliegende Ausgabe folgt der Originalausgabe, einzig die Rechtschreibung wurde den seit 1. August 2006 gültigen Regeln angepasst.

Der Autor

Jacques Berndorf – Pseudonym des Journalisten Michael Preute – wurde 1936 in Duisburg geboren und lebt heute in der Eifel. Er war viele Jahre als Journalist tätig, arbeitete unter anderem für den stern und den Spiegel, bis er sich ganz dem Krimischreiben widmete.

Mit seinen ›Eifel-Krimis‹ stürmt er regelmäßig die Bestsellerlisten, darüber hinaus hat er schon mehrfach bewiesen, dass er es genauso versteht, packende Thriller zu schreiben – so wie Der Kurier.

Widmung

In Erinnerung an Csaba von Ferenczy,
der das Leben an jedem Tag so sehr suchte
und wohl zuweilen auch fand.

Zitat

»Was mich an unserer reizenden Zivilisation so schafft, ist die vollständige Gleichgültigkeit, mit der das Publikum solche Enthüllungen begrüßt. Wir rechnen einfach nicht mehr damit, dass jemand ehrlich ist …«

Raymond Chandler an Carl Brandt am 1. November 1948

 

Inhalt

Onkel Hermann spricht aus dem Off

Alte Bekannte

Whites Bericht

Ende der Dürre

Die Arena

Zweifel

Am Ende des Tunnels

Die Eintrittskarte

Lehrstunden

Nases Tod

Omertà – Hat Steeben gesungen?

Vaya con Dios

Einmal Bogotá und zurück

Präsentation einer Leiche

Onkel Hermann spricht wieder aus dem Off

Im Auge des Taifuns

Die Explosion

Onkel Hermann spricht das Schlusswort

Onkel Hermann spricht aus dem Off

Es ist still. Ich bin wütend und hilflos. Normalerweise gehe ich in solchen Momenten hinaus auf den Flur, laufe irgendjemand über den Weg, schwätze ein paar Worte oder steige in den Aufzug, fahre hinunter in die Cafeteria, trinke etwas, sehe irgendwelche Leute, rede belangloses Zeug und spüre, wie sich die Spannung in meinem Bauch langsam aufzulösen beginnt.

Heute funktioniert diese Taktik nicht, das riesige Gebäude ist leer, nirgendwo ein Mensch. Mit Sicherheit hocken ein paar Bundesbedienstete in einem Gemeinschaftsraum im Keller und trinken behaglich eine Flasche Bier. Wahrscheinlich grinsen sie über mich und fragen sich scheinheilig: Wie kann sich ein Abgeordneter in der Silvesternacht mit seinen Scheißakten beschäftigen?

Nein, nein, das werden sie nicht fragen, denn sie sind abgebrüht. Sie haben die Damen und Herren sinnlos betrunken erlebt, weinend oder haltlos schreiend, nur weil sie lächerliche Machtpositionen verloren haben. Nein, sie kann nichts mehr erschüttern, nicht einmal ein Geschlechtsakt auf dem Flur zwischen Bündnis 90/Die Grünen und Christlich-Sozialer Union.

So etwas soll sich unlängst ereignet haben, nachts um drei. Der die Stille kontrollierende Bedienstete hat blubbernd vor Vergnügen nur verlauten lassen: »Oh, Verzeihung, ich wusste nicht, dass Sie noch arbeiten.«

Die Dame von den Alternativen hat hysterisch gekreischt, und der Christlich-Soziale war augenblicklich impotent. Sic transit gloria mundi.

Ich habe mir für ein paar hundert Mark diese Schreibmaschine gekauft, eine japanische Brother AX, das meistgekaufte Modell der Welt. Ich will nicht, dass man mich über solche Lächerlichkeiten wie Papier und Schreibmaschinentyp identifizieren kann, denn garantiert wird mich eine Horde von Journalisten suchen.

Ich kann jetzt schon mit Sicherheit voraussagen, dass der Generalbundesanwalt dieses Manuskript Zeile für Zeile untersuchen lassen wird: Hat da jemand das Vaterland verraten? Selbstverständlich werde ich als Nestbeschmutzer gelten, und ebenso selbstverständlich wird jemand auf die Idee kommen, mir nachzusagen, ich hätte Millionen für diesen Bericht kassiert. Die Boulevardzeitungen werden titeln: Bonn zittert.

Der Verkäufer der Schreibmaschine hat versichert, dieser Typ sei robust, nicht kaputtzukriegen und im Falle eines Falles leicht zu reparieren. Seltsamerweise habe ich erwartet, dass dieses Maschinchen nahezu lautlos das Papier mit Zeichen belegt. Das ist nicht so. Es rattert enorm in die Stille, aber es vermittelt mir immerhin das Gefühl, wirklich zu arbeiten.

Drüben auf der anderen Rheinseite vor dem niedrig hingestreckten Buckel des Siebengebirges schießen die ersten Raketen hoch. Väter werden ihre Söhne anschreien: »Kannst du denn nicht bis Mitternacht warten?« Was liegt dort drüben eigentlich? Das südliche Ende von St. Augustin? Ist das Oberdollendorf oder Vinkel? Ich weiß es nicht, ich arbeite seit zwei Jahrzehnten hier und weiß es nicht.

Ich bin sehr unsicher, oder besser gesagt: Ich schwanke. Soll ich diese Schmuddelgeschichte öffentlich machen oder schweigen? Zuweilen schießen mir Formulierungen in den Sinn, wie etwa: »Sie waren verdammt gründlich, sie setzten ein Zeichen. Sie schnitten ihm den Schwanz und die Hoden ab und stopften sie ihm in den Mund.« Ich weiß, das klingt schockierend, und ich weiß, das hat etwas von klebriger Effekthascherei. Aber das war eine Realität in einer ganzen Kette brutaler Realitäten, und es geschah in dieser Welt.

Wenn ich Ihnen versichere, dass ich wütend bin, so hat das viele Gründe. Wütend bin ich, dass das alles überhaupt passiert ist, weil Behörden versagten, weil wie üblich jeder jedem die Verantwortung zuschob, um die eigene Haut zu retten. Wütend bin ich auch, weil der Untersuchungsausschuss des Bundestages so elegant am Rande der Wahrheit entlangtänzelte und dabei jede einfache Erkenntnis unter Wortblasen verbarg. Und wütend bin ich zudem über mich selbst. Warum quäle ich mich seit Tagen, warum frage ich mich überhaupt, ob das, was ich tun will, richtig ist? Ich muss es tun.

Ich gelte als ein Zeitgenosse, der mit allen Dingen sehr leise, fast behutsam umgeht. Was werden meine Gefährten sagen, wenn sie erfahren, dass ich diesen Bericht geschrieben habe? Sie werden es zunächst nicht glauben, das ist ganz sicher. Die Erkenntnis wird über sie kommen, wie es in dieser kleinen Stadt so oft geschehen ist. Es wird sein, als eröffnete ihnen einer der Geheimdienste: Er war jahrelang ein Spion!

Zwar kann ich jedes Detail beweisen, aber ich bin ein zu alter Hase, um nicht Vorverurteilungen zu befürchten. Bekanntlich gehe ich einem Gewerbe nach, das in hohem Maße mit Vorverurteilungen lebt. Ich muss für diesen Bericht sogar in eine Branche einsteigen, die in einem ungebührlich hohen Maß Vorurteile in Bargeld umsetzt: in den Journalismus. Wie Sie sehen, ist meine Lage vertrackt, denn eben diese Journalisten werden schneller zu atmen beginnen und hektisch nachfragen: »Wer hat das geschrieben?«

Ich merke, ich bin es nicht mehr gewohnt, mit der Schreibmaschine umzugehen, ich tippe »Satd« statt »Stadt« und »veilleicht« statt »vielleicht«. Ich könnte alles diktieren und die Bänder in ein anonymes Schreibbüro bringen. Das ist mir jedoch zu riskant. Ich will mich also verbergen – mit der Option, eines Tages aufzutauchen und zu bekennen: Ich bin es gewesen!

 

Es ist jetzt eine Stunde vor Mitternacht, die letzten sechzig Minuten des alten Jahres verstreichen. Immer häufiger schießen bunte Raketen in den Himmel. Ich wurde unterbrochen, weil Trude mich anrief. Trude ist meine Frau, und sie sagte mit dieser Packen-wir’s-an-Stimme: »Hör mal, du oller, arbeitswütiger Elefant, wann bist du morgen hier? Dann buddeln wir aus, was auszubuddeln ist. Vielleicht mögen wir uns ja noch. Wann kommst du?«

»Gegen Abend. Ich muss noch was Wichtiges aufarbeiten.«

»Und dann vier Wochen Ferien?«

»Dann vier Wochen Ferien«, bestätigte ich.

»Und du widerstehst auch deinem blöden Fraktionsvorsitzenden, wenn er anruft und dich in Bonn haben will, weil das Vaterland in Gefahr ist?«

»Ich widerstehe.«

Dann kam eine Frage, die mich erschreckte. »Sag mal, glaubst du, dass du noch Lust haben wirst, mit mir zu schlafen?« Sie lachte.

Ich gebe zu, ich war geneigt, einfach mit einem lapidaren Warum zu parieren, sagte aber dann: »Ich bin demnächst Rentner. Und soweit ich weiß, bist du auch jenseits der fünfzig.«

»Das macht nichts«, sagte sie hell. »Wie lange sind wir jetzt verheiratet?«

»Über dreißig Jahre. Ich habe jetzt nicht viel Zeit.«

»Fahren wir, bitte, über Lausanne, Genf, Lyon, Montélimar und so? Kann ich fahren? Und können wir in Aigues-Mortes darüber sprechen, ob wir miteinander schlafen wollen?« Sie hatte wahrscheinlich Angst, ich würde sie unterbrechen, und schnurrte hastig weiter: »Also, ich werde versuchen, ein Hähnchen mit Orangen zu füllen. Ich kann natürlich nicht so gut kochen wie Margit!«

Du lieber Himmel! Margit konnte überhaupt nicht kochen, und diese Geschichte ist neun Jahre her.

»Also gut, ich komme morgen, so schnell ich kann. Und rutsch gut ins neue Jahr!«

Sie sagte weich: »Alles Gute im neuen Jahr, du oller Elefant. Ich habe hier zwanzig Leute hocken, die eigentlich gehofft haben, ihren Bundestagsabgeordneten zu sehen.«

»Grüß sie alle von mir. Und ich freue mich darauf, mit dir zu reden.«

»Ich freue mich auch.« Sie seufzte und begann ganz sanft zu weinen, aber ihre Stimme war voll von einem kleinen Glück.

 

Der Lärm draußen geht langsam vorbei, der Himmel wird wieder, was er meistens ist, schwarz. Das neue Jahr hat begonnen, und für mich ist es ein besonderes Jahr. Ich werde als Abgeordneter ausscheiden und werde es gerne tun. Ich bin es leid, für dieses Volk meine Seele zu opfern. Einfacher ausgedrückt: Ich habe die Nase voll.

Ich werde meinem Nachfolger Platz machen und inständig hoffen, dass er scheitert. Ich mag meinen Nachfolger nicht, er trägt Lederkrawatten zu Armani-Jacketts und versteht den Eindruck zu vermitteln, dass er alle Lösungen aus dem Ärmel schüttelt.

Letztlich scheitern die Arroganten meist an ihrer eigenen Dummheit. Mich ärgert nur, dass ich ihm zu häufig väterlich wohlwollend zulächle, wenn seine Plattheiten aus ihm heraussprudeln. Im Ortsverein verkündete er unlängst: »Man muss den Menschen von heute auch zugestehen, dass sie adrett gekleidet durchs Leben gehen wollen.« Darunter versteht er Sozialpolitik.

Ich habe Ihnen versprochen, mich zu verbergen. Sie vermuten, Sie könnten mich entlarven. Sie denken: Jemand, der in der Silvesternacht in seinem Abgeordnetenbüro hockt, ist leicht zu identifizieren. Nun, den Plan, diesen Bericht zu schreiben, fasste ich nicht in einer Silvesternacht und auch außerhalb meines Bonner Büros.

Es ist richtig, ich bin seit fast zwanzig Jahren Abgeordneter in Bonn, es ist auch richtig, dass ich bald aus diesem Amt ausscheiden werde. Das werden wir gleich haben!, meinen Sie resolut. Lassen Sie es lieber bleiben, denn mit mir zusammen werden etwa zweihundert Frauen und Männer den Dienst quittieren.

Meine Frau heißt auch nicht Trude und sie nennt mich niemals liebevoll »oller Elefant«, wenngleich ich mir das zuweilen wünsche. Wir haben kein Ferienhäuschen im französischen Aigues-Mortes, und soweit ich weiß, hat meine Frau noch nie versucht, ein mit Orangen gefülltes Hähnchen zu braten. Es ist richtig, ich hatte vor neun Jahren kurzfristig eine Geliebte, aber sie hieß nicht Margit und wohnte nicht in Bonn.

Sie könnten jetzt auf die Idee kommen, meine Sprache zu untersuchen, um daraus Rückschlüsse auf meine Parteizugehörigkeit zu ziehen. Bei dem rhetorischen Einheitsbrei, den die Regierung in Bonn anrührt, ist das ein schlichtweg aussichtsloses Unterfangen. Nachdem sich ein Abgeordneter der Freien Demokraten von einem Fahrer des Bundestages in einen Kölner Puff fahren ließ und den Mann vergatterte, »zwei oder drei Nümmerchen lang« zu warten, scheint es mir unmöglich, parteispezifische Verhaltensmuster festzuzurren. Gleiches Recht für alle, Sie verstehen schon …

Fairerweise will ich Ihnen jedoch erklären, wie ich an die Geschichte von Jobst Grau gekommen bin. Lange bevor jemand daran dachte, einen Untersuchungsausschuss einzusetzen, habe ich die ganze dreckige Story erfahren. Bemerkenswerterweise von einer sehr intimen Kennerin der Berliner Vorgänge. Die Frau war sehr clever, sie kam nicht in mein Abgeordnetenbüro nach Bonn, sondern besuchte mich in meinem heimischen Wahlkreis, in dem ich einmal pro Monat eine Bürgersprechstunde abhalte. Ich war wütend. Ich wollte dem Mann auf der Straße reinen Wein darüber einschenken, wie rücksichtslos Politiker in Bonn schalten und walten. Wie sie Wahrheiten unterdrücken oder so lange hin und her wenden, bis sie ihnen in den Kram passen.

Ich will ehrlich sein: Zunächst glaubte ich ihr kein Wort. Ich schimpfte sie insgeheim eine hemmungslose, neurotische Spinnerin. Als sie aber einen jungen Mann, der laut Zeitungsmeldungen einem Herzversagen erlegen war, als »mafios getötet« bezeichnete und erklärte: »Den hat man mit siebzehn Messerstichen umgebracht und anschließend zur Besichtigung freigegeben«, wurde ich aufmerksam.

Entweder war die Frau total krank oder es war etwas Wahres in ihren Worten. O-Ton der Zeugin: »Dauernd war die Rede von zwei Männern, die bei der Brandkatastrophe umgekommen sind. Stimmt gar nicht. Die waren schon tot, ehe der Brand gelegt wurde. Und es waren drei!« Die Frau senkte den Stachel des Zweifels in meine Seele.

 

In Berlin gab es viel politischen Lärm, weil der Bundesnachrichtendienst in froher Runde mit den verspielten Jungs vom amerikanischen DEA (Drug Enforcement Administration. US-amerikanischer Geheimdienst zur Drogenbekämpfung; als einziger seiner Art dem Finanzministerium unterstellt, operiert weltweit) im Chaos versank. Es war, als hätte man eine Horde tollwütiger Füchse durch die Stadt gejagt. Schließlich wurde kleinlaut und hinter vorgehaltener Hand ein Untersuchungsausschuss gefordert, und diese Frau fiel mir wieder ein.

Ich rief, deutlich mein Amt hervorhebend, aber unter falschem Namen, den zuständigen Berliner Staatsanwalt an. Es gab einen kurzen, heftigen Wortwechsel, den ich meinen Lesern nicht vorenthalten möchte.

»Oh«, sagte er gedehnt, »ausgerechnet ein Abgeordneter aus Bonn! Nun ja, auch uns hat mittlerweile die Nachricht erreicht, dass Markus Schawer keineswegs an Herzversagen starb, sondern mit ein paar Messerstichen ins Jenseits befördert wurde …«

»Siebzehn, Herr Staatsanwalt, siebzehn!«, brüllte ich ins Telefon.

»Das habe ich auch gehört.« Er seufzte. »Es kommt ja noch erschwerend hinzu, dass Markus Schawer gar nicht Markus Schawer war, sondern …«

»Wie bitte?«

»Na ja, angeblich war Markus Schawer ein Jungdiplomat des Auswärtigen Amtes und hieß in Wirklichkeit Ulrich Steeben. Aber das Auswärtige Amt streitet das ja ab, wie Sie sicher wissen …«

»Was haben Sie denn unternommen?«

»Na ja, Anzeige gegen unbekannt erstattet, zunächst wegen Verdachts auf Totschlag, wie immer eben.«

»Mein Gott, der Tote hatte sein Geschlechtsteil im Mund …«

»Ja, ja, das ist mir auch zu Ohren gekommen. Aber was sollten wir denn machen? Wir haben diesen Toten ja niemals …«

»Herr Staatsanwalt, was ist denn wirklich passiert?«

»Das wissen wir eben nicht, Herr Abgeordneter. Als wir auf die Sache aufmerksam wurden, war die Leiche schon verbrannt.«

»Prima«, sagte ich erheitert, »prima!«

 

Vielleicht können Sie sich jetzt vorstellen, was passiert ist, als dieser Untersuchungsausschuss in Bonn konstituiert wurde und seine Sitzungen aufnahm. Ich besorgte mir die Protokolle auf Umwegen, da das Thema innere Sicherheit absolut nicht mein Feld ist. Ich las atemlos, was die hohen Damen und Herren miteinander beredeten, wen sie befragten und zu welchen Schlüssen sie kamen. Ich war entsetzt, was sie alles übersehen und wen sie nicht angehört hatten.

Ob Sie es glauben oder nicht: Keiner der wirklichen Akteure in diesem höchst dreckigen und blutigen Krieg wurde als Zeuge einvernommen. Das wäre auch viel zu riskant gewesen, denn sie kochten alle ihr Süppchen. Die Ausschussmitglieder suchten sich für ihre langen Verhandlungen exakt die Zeugen aus, die garantiert nicht einmal annähernd begriffen hatten, um was es eigentlich ging. Sie wollten alle nur eins: den alten, bequemen Zustand wiederherstellen.

Noch etwas muss ich erwähnen. Sie werden erstaunt sein, dass ich bestimmte Dialoge präzise beschreibe, obwohl ein Teil der Gesprächspartner längst tot ist, also nicht mehr befragt werden konnte.

Sie müssen mir in diesem Punkt vertrauen: Ich habe kein einziges Gespräch um der Spannung willen erfunden oder des Kitzels wegen verändert. Zuweilen werden Sie sich verblüfft fragen, woher ich denn diese oder jene Einzelheit wissen kann. Nun, meine Recherchen waren sehr genau, und immerhin verfügte ich über einige ernst zu nehmende, verantwortungsbewusste Zeugen.

Ein Beispiel: Der Held der Geschichte, Jobst Grau, schlief mit seiner zeitweiligen Lebensgefährtin ein einziges Mal auf einem Bettvorleger. Die Dame nahm anschließend diesen Bettvorleger und stopfte ihn in die Waschmaschine. Woher ich das weiß? Diese Dame führt seither in Bonn den Spitznamen ›die Trockenschleuder‹ …

Und was ist nach all den Befragungen und Untersuchungen geblieben? Geblieben sind Menschen, die heilfroh sind, dass die Ausschusssitzungen so gewollt ergebnislos verlaufen sind. Menschen, die jetzt wieder ihren Geschäften nachgehen und langsam zu den alten Praktiken zurückfinden: zu Grausamkeit, Brutalität und Einschüchterungsversuchen.

Und dann gab es noch eine witzige Lovestory, so unglaublich Ihnen das erscheinen mag. Sie ist der tröstliche Aspekt der Angelegenheit, die immerhin mindestens sechs Menschenleben forderte – wie viele genau, weiß ich noch immer nicht.

Der letzte Bericht, der mich ebenfalls auf Umwegen erreichte, besagt, dass Held und Heldin sich in der Nähe von Nizza ausruhen. Wörtlich heißt es: »Grau und Kern erholen sich. Die Frau scheint weitgehend schmerzfrei zu sein. Manchmal schiebt er sie in ihrem Rollstuhl im Laufschritt am Strand entlang. Sie albern herum, was lächerlich wirkt. Im Hotel verlassen sie selten das Zimmer. Das Personal ist eifrig bemüht, sie in allen Punkten zufriedenzustellen. Ein von mir befragtes Zimmermädchen erklärte naiv: ›Wir achten darauf, dass Frau Kern wieder in Form kommt. Dazu ist es notwendig, sie aufzupäppeln. Sie macht am Tag mehrere Male Liebe, und das tut ihr besonders gut.‹ Eine ernst gemeinte Lebensplanung konnte ich bei beiden zu Observierenden nicht feststellen. Irgendwelche Treffen im Sinne von den Staat zersetzender Arbeit fanden wohl nicht mehr statt.«

Natürlich wollen Sie wissen, wer diese Berichte schrieb. Sie stammen von einem zweiundfünfzigjährigen Außenagenten des Bundesnachrichtendienstes in Pullach mit einer starken Neigung zu Bluthochdruck und ständigen Magengeschwüren. Nun könnte es sein, dass Sie diesen Bericht im Kreise Ihrer Lieben diskutieren wollen. Ich sollte meine Identität preisgeben, weil Sie streng genommen nicht einmal wissen, ob ich eine Frau oder ein Mann bin, nicht wahr? Nun gut: Nennen Sie mich für die Dauer der Lektüre einfach ›Onkel Hermann‹. Wir werden uns ohnehin nie kennenlernen.

Alte Bekannte

Meckems Ausbruch war gewaltig. Er stand so schnell und ruckartig auf, dass seine Kniekehlen den Schreibtischstuhl rückwärts gegen das Bücherregal schleuderten. Ein Plastikglobus stürzte ab und platzte mit einem lauten Plopp. Grau wunderte sich den Bruchteil einer Sekunde, warum kein Wasser aus der Kugel floss. Bei Meckems Vorliebe für den Kitsch dieser Zeit war alles möglich.

»Hören Sie!« Grau gestikulierte abwehrend mit beiden Händen. »Diese Art von Journalismus …«

»Himmel, Arsch und Zwirn!«, schrie MeckeM. »Es interessiert unsere Leser einen Dreck, ob Ihr Seelchen diese Art von Journalismus mag oder nicht. Die Leute wollen Bilder sehen. Jetzt sehen sie die bei der Konkurrenz!«

»Heißt das, dass Sie mich entlassen?«, fragte Grau ganz sanft. Er flehte Gott an, oder wen auch immer, dass genau dies passieren möge.

»O nein.« Meckem konnte zwei einsilbige Wörter zusammenziehen und dabei seinen Tonfall von dem heller Wut in den sabbernder Gefälligkeit verändern. »O nein, ich entlasse Sie nicht, ich entbinde Sie nur von Ihren Recherchen und setze Sie auf die Karnickelzüchtervereine Bonns an. Damit Sie endlich begreifen, worauf es in dieser Branche wirklich ankommt!«

»Woher wissen Sie denn, worauf es in dieser Branche wirklich ankommt?« Grau fand seine eigene Bemerkung im gleichen Atemzug dümmlich.

Meckem seufzte: »Es kommt darauf an, besser zu sein als die Konkurrenz. Und Sie haben genau das versiebt.«

»Ich werde es das nächste Mal auch versieben«, versprach Grau störrisch. Er hockte auf dem Stuhl wie jemand, der seinem Zahnarzt Mut machen muss, endlich den faulen Zahn zu ziehen.

Meckem stand merkwürdig zurückgebogen, als glaubte er nicht so recht an seine eigene Kraft. Sein Kopf war hochrot, violette Flecken glühten an beiden Seiten der Nase. Zum Jeanshemd trug er einen grellgrünen Lederschlips. Grau fand, dass er verdammte Ähnlichkeit mit einem wütenden Papagei hatte.

»Hören Sie mal zu, mein lieber Jobst.« Meckem langte hinter sich, richtete seinen Stuhl wieder ordnungsgemäß vor dem Schreibtisch auf und setzte sich betulich hin. Damit pflegte er anzudeuten, dass er etwas Grundsätzliches zu sagen hatte. »Hören Sie zu, mein lieber Jobst. Sie sind seit zwanzig Jahren in diesem Beruf. Gelten als guter Mann. Sie haben eine Story aufgetan: In einem Altenheim wird eine alte Frau von einer brutalen Pflegerin zu Tode gefüttert und erstickt. Ihr Auftrag war, vom Mann dieser Frau private Bilder zu besorgen, die diese tote alte Frau lebendig, lachend und glücklich zeigen. Versaut haben Sie es, weil …«

»Der alte Mann hat zwei Stunden nur geweint«, unterbrach Grau scharf. »Ich musste ihm sagen, dass es wahrscheinlich Totschlag ist, ich musste ihn trösten, ich konnte ihm nicht gleichzeitig das Fotoalbum klauen. Meine Würde …«

»Ihre Würde ist mir und den Lesern scheißegal«, schnappte Meckem, ganz ein großer Mann, ein großer bunter Papagei. »Während Sie edel mit dem Alten trauern, geht die Konkurrenz hin und luchst der Tochter die Fotos ab!«

Grau nickte. Er starrte auf den Topf mit Papyrus, den irgendjemand optimistisch und diskret in eine Ecke gestellt hatte. »Diese Form von Journalismus finde ich beschissen.«

Meckem sagte müde: »Dann sind Sie hier bei uns falsch.«

»Stimmt. Wenn man hier Sachverstand wie Diebstahl buchstabiert, dürfte diese Redaktion meinen Anforderungen nicht genügen.« Nun kündige mir doch endlich!, dachte Grau heiter.

»Geh heim, Junge«, sagte Meckem leise und sorgenvoll. »Geh nach Hause, ruh dich aus, beschimpf mich ein paar Stunden im Geiste und schlaf. Dann machst du Ferien. Du kommst wieder und wir reden noch mal.«

»Leck mich doch am Arsch!« Erbost verließ Grau das Zimmer.

Er war ein dünner, mittelgroßer Mann mit kurzem, grauem Haar und einigen scharfen Falten um Nase und Mund. Er hatte Jeans zu knöchelhohen weißen Baseballschuhen an, ein weißes Hemd, ein mattgraues dünnes Jackett. Er weigerte sich beharrlich, Krawatten zu tragen. Er ging leicht gebeugt, bewegte sich langsam, fast schläfrig, und machte meist den Eindruck, als wäre er geistesabwesend, nicht wirklich interessiert, ein Tagträumer.

Grau blieb in dem langen Korridor vor Meckems Zimmertür stehen und stopfte sich eine Pfeife. Er wirkte fehl am Platz: ein Fremder im falschen Haus, im falschen Flur, vor dem falschen Zimmer.

Es war elf Uhr vormittags. Wenn er jetzt nach Hause ging, würde er Angie ausgeliefert sein, die heute Morgen laut gejammert hatte, ihre Blusen wären bei der Wäsche nicht weiß genug geworden – jedenfalls nicht weiß genug für Teneriffa. Seit Tagen nahm er sie nur als schmale herumwerkelnde Gestalt wahr, die Wäschestücke ins grelle Tageslicht hielt und bekümmert feststellte: »Da sind noch Schatten!« Wie konnte eine Frau, die Angela hieß, darauf bestehen, dass man sie Angie nannte? »Und, bitte, ja englisch aussprechen.« Wie lange lebe ich jetzt mit ihr zusammen? Drei Jahre? Dreißig Jahre?

Er trottete zu seinem Büro, öffnete die Tür und sagte in Monheims rundes, schwitzendes Gesicht: »Ich gehe in Urlaub.«

Ohne aufzublicken, erwiderte Monheim zerstreut: »Da war ein Anruf für dich, klang amerikanisch oder englisch. White oder Weiß, was weiß ich. Er sagte, er ruft noch mal an. Hat der Chef dich durch die Mangel gedreht?« Monheim war nicht wirklich an ihm interessiert.

»Leider nein.« Grau starrte auf Monheims Bildschirm, den er hasste, weil er so vollkommen lautlos Vieldeutigkeiten produzierte. Er beschloss, irgendwo einen Kaffee zu trinken und ein Stück Obsttorte mit einer doppelten Portion Schlagsahne zu verdrücken. Angie würde jetzt sagen: Sahne schmiert die Seele! Zuweilen sagte sogar sie etwas Wahres.

»Ich dachte, er schmeißt dich raus«, sagte Monheim, ohne seine Arbeit zu unterbrechen.

»Leider nein«, wiederholte Grau. »Hat dieser White gesagt, wann er sich wieder meldet?«

»In einer halben Stunde«, antwortete Monheim. »Jetzt muss ich diesen Scheiß hier zu Ende schreiben, sonst schaffe ich es nie.« Er bezeichnete alles, was er zu schreiben hatte, als Scheiß.

Grau drehte seinen Stuhl zum Fenster, setzte sich hin und legte die Füße auf das Fensterbrett. Er sah blinzelnd in den sommerlichen Himmel. Warum hatte er sich darauf eingelassen, als Redakteur angestellt zu werden? Warum verfolgte er Themen, die er gar nicht wollte, warum zelebrierte er einen eingefahrenen kurzen, harten Stil, der ihm unangemessen schien, einen Stil, der zuweilen wie ein rostiges Messer das Papier ritzte, der zuweilen auch verlogen war?

Dann schellte das Telefon. Es war Angie und sie fragte mit hoher, ein wenig aufgeregter Stimme: »Was glaubst du, brauchen wir Filme mit hunderter Empfindlichkeit oder besser mit zweihunderter? Denk dran, du fotografierst gerne Schatten.«

»Nimm zweihunderter«, sagte er. »Kauf zehn Filme. Das lohnt sich wenigstens.«

»Glaubst du, dass du mit zwölf Hemden auskommst?«

»Aber ja«, antwortete er gutmütig. »Mach dir nicht so viel Arbeit.«

»Freust du dich ein bisschen?«

»O ja«, sagte er.

Er verschwieg den Streit mit Meckem, denn Angie würde sich ängstigen. Alles ängstigte sie, was neu und unberechenbar war und ihren zerbrechlichen Alltag zu zerstören drohte.

»Wann kommst du heim?«

»Gegen Abend«, sagte er. »Wie immer.«

»Morgen um diese Zeit sind wir schon da«, sagte sie hell, fast siegessicher.

»Ja.« Er legte auf.

Er hatte die Hoffnung aufgegeben, dass irgendetwas Unvorhergesehenes ihm diese grässliche deutsche Gruppenreise auf die Sonneninsel vermasseln würde. Sie hatte quengelnd gebeten, endlich dieses Pauschalangebot zu buchen, »wie alle normalen Menschen«. – »Deine Art, Urlaub zu machen, ist so eigenartig«, hatte sie geäußert. Das Wort ›eigenartig‹ war ein wütender Tadel. – »Was ist denn an meiner Art, Urlaub zu machen, eigenartig?«, hatte er wissen wollen. – »Na ja, du sagst zum Beispiel, wir fahren nach Saint-Tropez, aber in Wirklichkeit mietest du eine Hütte in zwanzig Kilometern Entfernung und nimmst dreißig Bücher über das Mittelalter mit. Ich bin erst siebenunddreißig, ich will noch was erleben, ich will nicht so enden wie mein Exmann, der mit fünfundzwanzig schon ein Greis war.« ›Wie mein Exmann‹ war gewissermaßen ein Schimpfwort.

Plötzlich fragte er sich, warum er nicht einfach krank wurde. Wenn er zu einem Arzt ginge, würde der irgendetwas finden. Zum Beispiel nicht näher definierbare Schmerzen im Oberbauch.

Das Telefon klingelte, Grau hob ab, jemand sagte: »Hello?«

»Grau hier. Bitte?«

»White hier. Al White, wenn Sie so gütig sein wollen, sich zu erinnern.«

»Ich erinnere mich«, sagte Grau mit einem hohlen Gefühl im Bauch. »Wie geht es Ihnen?«

»Na ja«, antwortete White vage. Er hatte eine tiefe, gut geölte Stimme. »Ich toure ein bisschen durch Europa, um den Dreckladen in Washington zu vergessen.«

»Warum rufen Sie an?«

»Weil ich Sie in guter Erinnerung habe. Können wir uns sehen?« White lachte.

»Wo sind Sie jetzt?«

»In der Botschaft in Godesberg.«

»Also doch dienstlich.«

»Nein. Hier sitzen ein paar alte Kumpels, die ich besucht habe. Also? Wie steht’s mit einem Kaffee? Wann? Wo?«

Grau versuchte, sich an Whites Gesicht zu erinnern. Er entsann sich der Haare: ein stumpfes Braun, ins Grau hineinspielend, ziemlich kurz. Überhaupt viel Braun an diesem Mann. Dunkelbraune Augen, braunes Jackett, braune Hose, braune Schuhe. Wie lange war das her? Wann ist Eichhörnchen gestorben? September 84.

»Im Stadtcafé, in einer Viertelstunde.«

Grau gab sich einen Ruck, ging hinaus zum Lift und fuhr hinunter.

Die Sonne stand hoch und stach grell in die Augen, was ihn blinzeln ließ. Er steuerte den Kiosk an und kaufte sich zwei Schachteln Gauloises. Wenn er aufgeregt war, vergaß er seine Pfeifen und rauchte Zigaretten. Er überquerte die Adenauerallee und schlenderte in den Hofgarten hinein. Den Kopf hielt er in einem spitzen Winkel zur Erde geneigt.

Er dachte verkrampft: Sie hatte zwanzigtausend Gesichter. Jede Siebzehnjährige hat zwanzigtausend Gesichter. »Herr Grau, ist diese Tote hier Ihre Tochter?« – »Herr Grau, Sie haben dem Mann beide Schlüsselbeine zerschmettert. Warum?« Grau zündete sich eine zweite Gauloise an und trat den Rest der ersten im roten Lehm des Parkwegs aus.

»Haste ’n paar Groschen für ’n antifaschistischen Umtrunk?« Ein Penner hockte inmitten eines Sammelsuriums von Plastiktüten auf dem Rasen und lächelte zahnlos und frech. Er war sehr jung.

»Sicher.« Grau gab ihm ein Zweimarkstück.

Was konnte White von ihm wollen? Verbindungen in Bonn? Vielleicht geht es ihm wie mir, vielleicht versucht er, etwas herauszufinden, von dem er nicht einmal ahnt, was es sein könnte. Pippi Langstrumpf nennt uns Sachensucher.

Grau bewegte sich langsam und verkrampft vorwärts, er wirkte wie jemand, der angestrengt gegen den Strom schwimmt. Er rauchte Kette, aber ohne Genuss, und überlegte, ob er wohl in vierundzwanzig Stunden mit einer drallen Metzgersfrau aus Düsseldorf darüber streiten würde, wo es das beste Eisbein gab: bei Pablo oder Juglio.

Das Stadtcafé war wie immer sehr voll und laut. Er fragte sich ein wenig ratlos, warum er White ausgerechnet an diesen Ort bestellt hatte. Dann fiel es ihm wieder ein: White liebte das Gedränge, mochte die Masse, versteckte sich gern als Gleicher unter Gleichen. Wahrscheinlich waren alle Geheimdienstleute so.

Er ging in den ersten Stock hinauf und entdeckte mittendrin einen freien Zweiertisch. Weil es heiß war, zog er das Jackett aus und hängte es über seine Stuhllehne. Dann bestellte er sich einen Tee und ein Stück Obstkuchen mit Schlagsahne. Die Bedienung brüllte: »Erdbeeren? Die sind frisch!« Grau nickte. »Erdbeeren.« Verdammtes Bonn, dachte er matt. Teneriffa! Wenn man das i scharf betonte, war es ein schöner Fluch.

Dann sah er White. Der lehnte mit dem Rücken an einem Rollladenschrank, in dem die Bestecke gestapelt waren. Grau benutzte das alte Zeichen. Er fuhr sich mit der rechten Hand ans Ohr und spreizte dabei den kleinen Finger weit ab, sodass der einen Bogen zum Auge bildete.

White lächelte flüchtig und näherte sich langsam. Er war einige Zentimeter kleiner als Grau, wesentlich kompakter, mit breiteren Schultern, einem runderen Gesicht und uralten dunkelbraunen Augen über einer schmalen Nase und einem dünnlippigen harten Mund.

Grau grinste, als er sah, dass alles an White braun war. Die Unauffälligkeit in Person. Ein cremefarbenes Hemd zu einer dunkelbraunen Lederjacke, einer dunkelbraunen Hose und dunkelbraunen Slippern. Nur die Krawatte war ein grüner Wollstreifen. »Nice to see you«, sagte er und wies auf den Stuhl neben sich.

»Es ist schön im alten Europa«, erwiderte White. Sie gaben sich nicht die Hand. »Wie ist es Ihnen ergangen?«

»Ich versuche unablässig, meiner Mittelmäßigkeit zu entfliehen.«

White lachte. »Ich hab mich schon gefragt, ob Sie sich diese direkte Art bewahrt haben. Sie rauchen keine Pfeife mehr?«

»Zwei Packungen lang nicht. Wenn Sie mehr als zwei Stunden meiner Zeit beanspruchen, kann ich Ihnen nicht dienen.«

»Wieso? Was ist?«

»Urlaub.«

»Den kann man verschieben.«

»Ich nicht.«

»Sind Sie wieder verheiratet?«

»Nein. Wie geht es Ihnen in Washington?«

»Ich bin Computerfachmann geworden. Kleines Haus in Georgetown für die Familie, die ich alle vierzehn Tage flüchtig sehe. Meine Frau ist sauer, meine Kinder sind sauer, ich bin es auch. Da habe ich mir gesagt: Die können mich doch alle kreuzweise. Ich mache eine offizielle Inspektionstour. Bonn, München, Rom, Madrid. Gut, Sie zu sehen.«

Grau verzog den Mund. »Es ist sieben Jahre her. Ich war ein deutscher Vater mit einem süchtigen deutschen Kind, eine Adresse unter zwanzigtausend.«

»Okay, okay, Sie sind misstrauisch. Sie fragen sich: Was will der?« White lächelte schmal.

»Und, was will er?«

White starrte auf irgendeinen Punkt über Graus rechter Schulter. »Sie sind Journalist. Ich treffe Sie nicht, ohne vorher meine Leute gefragt zu haben. Die sagten: Grau ist unauffällig, gibt nie auf, ein Berufsfrager. Also können Sie mir vielleicht helfen.«

»Ich? Der DEA helfen? Ich habe nicht die geringste Ahnung von der Szene, das müssen Ihre Leute Ihnen doch gesagt haben.«

»Das haben sie auch. Aber dieser Fall ist nicht so einfach. Mir gefällt es hier nicht. Lassen Sie uns gehen.« Grau war erstaunt, aber er widersprach nicht, legte Geld auf den Tisch und ging hinter White her. Auf der Straße blieb der Amerikaner stehen. »Gehen wir spazieren. Zum Rhein runter?«

»Hören Sie, White, was soll das?«, fragte Grau ganz ruhig. »Ich habe null Ahnung vom Drogengeschäft, ich kenne nicht einmal einen Kleindealer, ich kenne bestenfalls ein Dutzend Leute, die leuchtenden Auges berichten, um 1968 herum mal Haschisch gequalmt zu haben. Und AN 1 und Rosimon-Neu haben sie gefressen. Als der Scheißdrogenpapst Leary behauptete: ›Jesus kommt zu dir mit LSD‹, haben sie alle LSD geschmissen. Das war deren wilde Zeit, und jetzt sind sie LBS-Sparer und asthmatisch.«

»Sie haben genug begriffen, um den Dealer Ihrer Tochter halb totzuschlagen.«

»Dass Sie mich daran erinnern, ist nicht fair«, wandte Grau ein.

»Zu mir ist auch kein Mensch fair«, stellte White ruhig fest. »Ich weiß, dass Sie Ihr Geld als fest angestellter Redakteur verdienen. Ich weiß auch von dieser Frau, die Angie heißt. Ich weiß auch, dass Sie morgen früh mit der TUI nach Teneriffa fliegen wollen. Geben Sie mir einfach die Chance, Ihnen etwas zu verklickern, okay?«

»Okay.« Grau lächelte vage. »Aber schlagen Sie keinen großen Bogen, machen Sie schnell. Sie sind eigens meinetwegen hier. Richtig?«

»Richtig.«

»Sie machen auch keine Inspektion der DEA-Außenposten. Richtig? Wenn Sie mich also anheuern wollen, müssen Sie ungefähr knietief in einem Schlamassel waten.«

»Etwa bis zum Kinn.« White machte ein paar Trippelschritte, weil sie in einen Trupp Schulkinder geraten waren, die lärmend heimwärts zogen.

»Wieso ausgerechnet ich?«, fragte Grau und blieb stehen.

»Wir haben Sie im Computer.«

»Das kann nicht der Grund sein«, widersprach Grau schnell. »Sie haben Tausende von Deutschen im Computer, die möglicherweise viel besser geeignet sind.«

White schüttelte den Kopf. »Die wirklich Wichtigen stehen in meinem Notizbuch. Es gibt Lichtgestalten in meinem Beruf, Sie waren so eine Lichtgestalt.«

»Ich bin vorbestraft deswegen.«

»Ja, ja, ich weiß.«

»Also los, sagen Sie, was Sie sagen wollten.« Grau setzte sich auf eine Bank.

White sah sich aufmerksam um und sagte dann durch die Zähne: »Ich möchte lieber weitergehen.«

»Was ist denn los?« Grau wurde langsam auch unruhig.

»Die Geschichte macht mich meschugge.«

Widerwillig erhob sich Grau und sie gingen weiter.

»Ich bin 1985 nach Washington zurückversetzt worden. Ganz normal. Ich kam ins Computerzentrum der DEA. Von Zeit zu Zeit koordiniert man als ehemaliger Außenmann eine Operation. Man plant sie, man holt sich die geeigneten Leute, man zieht sie durch. Meine letzte Operation ging in die Hose. Das ist der Stand der Dinge.«

»Und ich bin jetzt der Schlüsseldienst?«

White lächelte. »Ein paar Kollegen fordern meinen Kopf. Wenn sie sich durchsetzen, hocke ich den Rest meines Lebens im Archiv, und das packe ich nicht. Ich bin erst achtundvierzig. Wollen Sie die Geschichte hören?«

Grau war plötzlich unruhig. »Ich kann nichts für Sie tun, ich fliege morgen.«

»Vielleicht fliegen Sie ja nicht«, sagte White ernst.

»Kann ich die Sache journalistisch auswerten? Und wer weiß, dass Sie mich um Hilfe bitten?«

»Niemand. Fast niemand.«

»Wie lange kann die Sache dauern?«

»Ich weiß es nicht. Vielleicht einen Monat, vielleicht drei Monate, vielleicht klappt es nie.«

»Sie schicken mich doch nicht etwa Heroin oder Koks suchen?«

»Sie sollen einen Mann finden.«

»Was ist das Besondere an ihm?«

»Er hat zehn Millionen US-Dollar in bar bei sich und etwa fünfzig Pfund reines Kokain. Wahrscheinlich ist er längst eine Leiche.«

»Ich kenne die Szene nicht«, gab Grau zu bedenken.

Sie erreichten die erste Quergasse, die zum Rhein hinunterführte, und ihre Schuhe klackten hell auf dem uralten Pflaster.

»Der Mann gehört nicht zur Berliner Szene«, erklärte White. »Das ist mein Handicap. Er ist ein Außenseiter, sozusagen ein Seiteneinsteiger.«

»Warum setzen Sie nicht ein Dutzend Ihrer Spezialisten auf ihn an?«, fragte Grau misstrauisch.

»Haben wir längst getan«, antwortete White müde. »Es gibt nichts, was wir nicht getan haben. Klingt gut für einen Journalisten, nicht wahr?«

»Klingt gut«, gab Grau zu. »Sie sind also auf mich verfallen, weil mich kein Mensch in der Szene kennt und weil ich diesen Beruf habe?«

»Ja. Und weil ich Sie ein bisschen kenne.«

»Wie behalte ich meinen Job? Ich kann nicht einfach verschwinden.«

»Sie können zunächst Ihren ganzen Urlaub verjubeln. Anschließend schreibt Sie ein Mediziner der US-Botschaft krank, inklusive Kur.«

»Wer trägt die Spesen?«

»Spesen trage ich unbegrenzt gegen Quittung. Sie bekommen außerdem täglich zweihundert Dollar Bewegungsgeld ohne Abrechnungspflicht. Sind Sie erfolgreich, bekommen Sie dreißigtausend Dollar. Zehntausend davon sofort, die behalten Sie so oder so.«

»Wo muss ich arbeiten?«

»In Berlin.« White wurde etwas lebhafter. »Sie arbeiten für National Geographic an einer Geschichte der wiedererstandenen deutschen Hauptstadt. Sie müssen also zuweilen Englisch sprechen. Wie ist Ihr Englisch?«

»Besser als das meines Kanzlers. Wer hat mir den Auftrag für National Geographic gegeben?«

»Die New Yorker Redaktion. Ein Mann namens Tree hat Sie in Bonn angerufen, Sie haben akzeptiert. Sie kennen Tree nicht, aber das ist auch nicht notwendig.«

»Kein Deckname? Kein Arbeitsname?«

»Nicht nötig. Sie sind Jobst Grau, Sie sind Journalist, Sie recherchieren, Sie haben nichts mit Rauschgift oder Dealern zu tun.«

Grau dachte erstickt: Mach’s gut, Angie! Dann fragte er: »Habe ich Kontakt, wenn etwas schiefgeht?«

»Natürlich. Kontakt über DEA Bonn. Botschaft. Tag und Nacht.«

»Da stimmt etwas nicht«, murmelte Grau. »Sie sagten: Fast niemand weiß, dass Sie sich an mich wenden. Wie können Sie mich dann bezahlen?«

White lächelte zuerst, dann lachte er. »Von meinen zwanzig Vorgesetzten glauben sechs daran, dass ich die Sache wieder in Ordnung bringe. Also habe ich einen Etat und bezahle Sie nicht von meinem Sparbuch.«

»Wann muss ich anfangen?«

»Vorgestern.«

»Dann will ich die Geschichte hören.«

Sie setzten sich auf eine Bank am Rheinufer und starrten auf den stark frequentierten Fluss. Die beiden Männer wirkten wie zwei alte Büroangestellte, die Mittagspause machen und sich wortlos darüber verständigen, dass sie nie eine weitere Sprosse auf der Karriereleiter vor sich haben werden.

Whites Bericht

Die Geräuschkulisse ließ nicht zu wünschen übrig. Da waren die tuckernden Dieselmotoren der Rheinschiffe, einmal ferner, einmal näher. Da war das Summen der Stadt hinter ihnen: Die jungen Linden rechts und links rauschten sanft zischend im Wind, ein paar Kinder übten auf Skateboards, Spaziergänger schlenderten plaudernd vorbei.

Trotzdem schien es Grau, als säßen sie in einem geschlossenen Raum.

White sprach sehr leise. In der rechten Hand hatte er einen kleinen dünnen Ast und malte damit wirre Linien in den Sand zwischen zwei zerzausten Grasbüscheln. »Haben Sie die Welt der Drogen so ungefähr im Blick? Wissen Sie, was läuft?«

Grau schüttelte den Kopf. »Gelegentlich lese ich darüber, sonst nichts.«

White nickte bekümmert. »Okay, okay. Sie müssen auch die hemmungslos provinziellen deutschen Politiker vergessen, wenn Sie die Lage begreifen wollen. Es besteht sonst die Gefahr …«

»White«, unterbrach Grau sanft, »bitte keine pädagogische Exkursion. Ihr Amis seid schließlich Weltmeister in Provinzialismus.«

»Ich weiß.« White nickte. »Deshalb erwähnte ich diesen Punkt. Und Ihr Deutschen seid fantastische Schüler.«

Er grinste flüchtig. »Die Drug Enforcement Administration arbeitet wie eh und je weltweit. Wir sind der einzige Geheimdienst der Welt, der sich exklusiv auf Drogen und Drogengelder spezialisiert hat. Wir sind auch die einzige Gruppe, deren Mitglieder ausnahmslos diplomatischen Status haben und die logischerweise beim Finanzministerium angesiedelt ist, denn schließlich geht es ja um Geld, um die Ware also …«

»Al White.« Grau legte ihm die Hand an den rechten Oberarm. »Ich soll einen Mann in Berlin suchen, der möglicherweise eine Leiche ist. Wenn Sie jetzt eine Vorlesung halten, sitzen wir morgen noch hier.«

»Okay. Also die Kurzfassung: Wir operieren in jedem Staat, der als Hersteller oder Transitland eine Rolle spielt. Deutschland ist Letzteres. Und hier verfügen eine ganze Menge Menschen über eine ganze Menge Geld. Also können von Deutschland aus Drogen finanziert werden, ohne dass die Finanziers auch nur den leisesten Dunst davon haben, was mit ihrem Geld passiert. Okay?

Ferner ändert sich der internationale Drogenmarkt derzeit rapide. Kolumbien hat traditionell immer nur Kokain hergestellt. Jetzt baut es seit einigen Jahren zusätzlich auch noch den Grundstoff von Heroin an, also Mohn. Die Kokainsträucher wuchsen bisher ausschließlich in Südamerika; jetzt werden sie zusehends auch in Fernost angepflanzt.

Das hat auch etwas mit den Verbrauchern zu tun. Wir erwarten für die Vereinigten Staaten eine harte, brutale Heroinphase, für Europa und gewisse Länder in Fernost, Japan zum Beispiel, eine Kokainphase.«

»Wieso denn das?«

»Das passt zur politischen Stimmung«, erklärte White lapidar. »Der Deutsche zum Beispiel hechelt ununterbrochen seine Karriereleiter rauf, will ununterbrochen gut drauf sein, will immer Power haben. Natürlich könnte er künstliche Aufputscher sniefen, spritzen oder schlucken. Wer aber was auf sich hält, schnupft Koks. Er demonstriert damit Geld, und Geld ist das Zeichen für Erfolg.

Kokain hat für alle Polizisten der Welt einen erheblichen Nachteil: Kokainverbraucher fallen niemals oder nur sehr selten kriminell auf. Bestenfalls kriegen sie eine Anzeige wegen Falschparkens. Streng genommen sind Kokssniefer Leute mit Geld, die sich hin und wieder einen Spaß erlauben wollen, weil Spaß im Leben das Einzige ist, was man sich ständig gönnen sollte.«

»Warum legalisiert ihr das ganze Scheißzeug nicht einfach?«

White sah Grau grinsend an. »Wenn wir es legalisieren, verlieren wir unsere Spielwiese.« Er wandte sich wieder seinem dürren Ast zu und ritzte ein Viereck in den Sand.

»Nach wie vor ist Kokain ein Fetisch der Reichen. Wenn ich auf der Jacht eines reichen Mannes auftauche und sage: ›He, Leutchen, hebt mal die Patschhändchen, ich bin der schreckliche Al White von der DEA!‹, lachen die sich tot und bieten mir die silberne Zuckerdose mit dem Kokain an. Verstehen Sie, was ich meine? Kokain war und ist die Droge intensivster Arroganz.«

»Haben Sie denn selbst mal gekokst?«

»Selbstverständlich habe ich es probiert.«

»Und? War’s gut?«

White verzog den Mund. »Ja und nein. Ich wollte wissen, wie es wirkt. Aber ich würde mich nie auf dieses Scheißzeug verlassen. Okay, es putschte auf. Aber toll war es nicht.«

»Wen soll ich suchen?«

»Der Mann heißt Ulrich Steeben.«

»Ein Gangster?«

»Nein! Aber falls doch, ist er perfekt getarnt. Das kommt darauf an, aus welcher Perspektive man ihn betrachtet. Also der Reihe nach: Wir sind seit Jahren hinter einem Südländer her. Er ist ein Mann, der zwar Drogen finanziert, aber seinen Enkel totprügeln würde, wenn es dem einfallen sollte, auch nur einen Joint zu probieren. Er macht wie die meisten Großdealer sowohl legale als auch illegale Geschäfte. Er finanziert Drogen, aber er weiß nicht einmal, wie sie aussehen. Das interessiert ihn auch nicht.«

»Wie heißt er?«

»Das kann ich Ihnen nicht sagen. Zu Ihrem eigenen Schutz. Dieser Mann reiste privat nach Acapulco zum Sonnenbaden. Dann machte er einen Abstecher ins Grenzgebiet zwischen Peru und Kolumbien. Er wollte mit ein paar Kokainherstellern einen Plan besprechen. Es ging darum, in Berlin einen Kokainschläfer einzusetzen.

Der Grund ist einfach: In Europa sind die Grenzen kein Problem mehr. Gleichzeitig wird Interpol ausgebaut, dadurch sichert man Europa nach außen ab. Die alten Schmuggelrouten über den Atlantik an die Küste Nordspaniens oder über Afrika taugen nicht mehr. Die Kokainmärkte in den Ballungsgebieten Europas werden ausgetrocknet. Ein Kokainschläfer in Berlin würde für ganz Nordeuropa viele Probleme erledigen: Wann immer jemand Kokain benötigt, der Schläfer kann es liefern. Klar?«

»Durchaus nicht«, sagte Grau.

White seufzte. »Sie wollten keinen Vortrag, jetzt kriegen Sie eben doch einen. Die nationalen und internationalen Kriminalisten sind verdammt gut geworden. Die Kokaindealer müssen darauf reagieren. Ein Schläfer in Berlin ist eine verdammt clevere Reaktion. Kapiert?«

»White, ich bin Laie.« Grau sah ihn vorwurfsvoll an. »Was zum Teufel ist ein Kokainschläfer?«

»Shit«, sagte White und schlug sich auf die Knie, »immer diese Spezialisten!« Er lachte. »Ein Kokainschläfer ist ein Mann, der die Struktur der Szene auf den Kopf stellt. Normalerweise bilden viele Leute eine Kette. Hersteller, Großverteiler, Schmuggler, Großdealer, mittelstarke Dealer, Kleindealer, Konsumenten. Beim Schläfer ist das alles etwas anders. Er wird direkt vom Hersteller beliefert, aber verdammt selten. Er bekommt auch niemals gebrauchsfertigen Stoff, sondern das reine Konzentrat. Er selbst steht mit keinem Großverteiler, mit keinem Schmuggler, mit keinem Großdealer und keinem Kleindealer in Verbindung. Die interessieren ihn überhaupt nicht …«

»Ach, du lieber Gott.« Grau war erheitert. »Ich beginne zu begreifen. Das macht Ihnen Kummer, nicht wahr?«

»Und wie! Das, was sich der Finanzier da ausgedacht hat, ist teuflisch. Nehmen wir an, London hat kein Kokain mehr oder der angebotene Stoff ist qualitativ schlecht. Sie können auch Düsseldorf nehmen oder Stockholm, das ist wurscht. Irgendein Großverteiler fordert per Telefon Nachschub. Das geht über eine ganze Kette von Telefonaten. Und der Finanzier kriegt zwangsläufig auch Wind davon. Der ruft nun den Schläfer in Berlin an und sagt: ›London.‹ Er sagt nur London, sonst gar nichts. Der Schläfer hat ja genügend Bargeld und Stoff. Er macht einfach eine Sendung fertig und übergibt sie einem Kurier. Dieser Kurier ist nicht vorbestraft, hat noch nie im Leben mit Drogen zu tun gehabt und hat keine Ahnung, was er da transportiert. Er schwingt sich auf ein schnelles Motorrad oder steigt in seinen Porsche, und London hat kein Problem mehr. Der Schläfer kassiert nicht, er beauftragt bei jeder Transaktion einen neuen Kurier, er benutzt jedes Mal ein anderes Telefon, auf keinen Fall sein eigenes. Der Plan ist deshalb so gut, weil er so einfach ist.«

»Dieser Schläfer sollte also dieser Ulrich Steeben sein?«

»Richtig.«

»Und jetzt ist er futsch. Samt Koks und Dollars.« Grau lachte.

»Langsam, langsam. Die Kokainhersteller stimmten dem Plan zu und beteiligten sich mit fünfzig Prozent. Der Schläfer bekam zehn Millionen Dollar in bar und fünfzig Pfund hochprozentiges Kokain.«

»Wie viel wäre das umgerechnet für den Verbraucher?«

White wiegte bedächtig den Kopf. »Aus diesen fünfzig Pfund kann man locker zwei Zentner machen, und es wäre immer noch der beste Stoff in ganz Europa. Der Schläfer soll ja auch durch Qualität glänzen.«

»Zehn Millionen Dollar, zwei Zentner Koks. Was macht das insgesamt?«

»Etwa dreißig Millionen Dollar oder rund fünfzig Millionen Mark.«

»Großer Gott, und was sagt die Konkurrenz?«

»Die hat keine Chance.«