cover.jpg

 

Cover

Impressum

Der Autor

Inhalt

Säcke

Schatten

Schwerter

Schädel

Sorgen

Steine

Strafen

Epilog

Glossar

 

E-Book © 2014 by GRAFIT Verlag GmbH

Originalausgabe © 2007 by GRAFIT Verlag GmbH

Chemnitzer Str. 31, D-44139 Dortmund

Internet: http://www.grafit.de/

E-Mail: info@grafit.de

Alle Rechte vorbehalten.

Umschlaggestaltung: Peter Bucker

Umschlagfoto: Dain Hubley/stock.xchng

eISBN 978-3-89425-174-1

Ernst Solèr

 

 

 

Staub im Wasser

 

 

 

Kriminalroman

 

 

 

img1.jpg

Der Autor

 

Ernst Solèr, geboren 1960 in Männedorf und im Juli 2008 in Zürich viel zu früh verstorben, arbeitete zuletzt als Autor und Journalist u.a. für das Schweizer Radio DRS und die Wirtschaftszeitung Cash.

2006 ist sein erster Kriminalroman um den launischen Hauptmann Fred Staub von der Zürcher Kantonspolizei, Staub im Feuer, erschienen. Es folgten Staub im Wasser, Staub im Schnee und Staub im Paradies.

Die Melone zerspritzte mit einem dumpfen Plopp. Voller Bewunderung starrte er auf das blitzende Werkzeug in seiner Hand. Sein Schwert war das schärfste weit und breit, da war er sich sicher. Scharf genug, ganz Panama zweizuteilen, einen zweiten Kanal durch dieses korrupte Land zu schlagen. Erbarmungsloser, unaufhaltbarer Stahl. Liebevoll wischte er mit dem Zeigefinger den Melonenmatsch von der Klinge. Sein Schwert war mächtig, unerschrocken und stark, ein Menetekel, das aufrütteln würde. Er legte es sachte auf den Tisch und griff sich den Joint vom totenkopfförmigen Aschenbecher. Ein Mitbringsel aus Sri Lanka, eine Erinnerung an die beste Zeit seines Lebens. Damals, als er noch gesund war und der König der Jointdreher in den Nachtclubs von Hikkaduwa. Damals, als Frieden für ihn noch etwas ganz anderes bedeutete.

Oben trampelten Kinder herum und draußen kreischte eine Säge. Er mochte Melonen nicht. Aber er mochte das Geräusch, wenn das Metall sie halbierte. Sein Schwert war ein Instrument und es war bereit zum Musizieren. Der Gesang würde schaurig sein, schön und blutig.

Er drückte den Joint aus und ließ den glänzenden Stahl in die lederne Scheide gleiten. Versteckte sie sorgsam unter dem Schrank. Blickte zum Fenster hinaus auf den Schopf, in dem die Limousine stand, die er gar nicht haben dürfte. Sie kam nur bei besonderen Missionen zum Einsatz. Dann, wenn sein Schwert zum Festkonzert aufspielte, um das Totenglöcklein zu begleiten. Wenn Geschwüre entfernt werden mussten.

Säcke

 

Ich sitze in meinem Büro in der Zeughausstraße und harre der Dinge, die da kommen mögen. Frage mich, ob dieser Tag mehr Spannung bringen wird als der gestrige oder der vorgestrige. Viel bräuchte es dazu nicht. Unsere Abteilung Besondere Verfahren bearbeitet momentan einzig den Fall einer kopflosen Leiche, die vorgestern Morgen bei Leimbach in der Sihl trieb. Wir haben keine Ahnung, wer der Geköpfte ist. Um zehn treffen wir uns zur Sitzung im großen Saal, vielleicht haben meine Mitarbeiter über Nacht ja neue Erkenntnisse gewonnen. Zu hoffen wäre es, zurzeit besteht meine Arbeit nämlich vor allem aus zielloser Grübelei. Entsprechend großartig ist meine Laune. Wäre ich doch Aktienspekulant geworden oder Stuntman! Aber nein, ich musste zur Polizei gehen, um in einem schäbigen Büro über die Ursache sinnloser Gewalttaten nachzudenken und Erkenntnissen entgegenzufiebern, die nach Taten rufen, aber derzeit einfach nicht kommen wollen.

Ich raffe mich hoch und verlasse das Gebäude, um eine Runde um die Kasernenwiese zu drehen. Der Himmel ist wolkenverhangen und für einen Junimorgen ist es viel zu kalt. Ein einsamer Hund tobt über die Wiese, sein Besitzer flegelt sich auf einer der Parkbänke unter den Platanen. Ich lasse mich auf einem der verwitterten Steinblöcke am Wiesenrand nieder und beobachte, wie der Wind einen leeren Plastiksack über das Gras treibt. Launisch purzelt er davon, bleibt kurz an einem Büschel Löwenzahn hängen, nur um dann jäh in die Höhe gerissen zu werden. Er tanzt ein paar Meter durch die Luft und verfängt sich schließlich in dem Stacheldraht, welcher das provisorische Bezirksgefängnis umgibt. Ein Schandmal, in dem Ausschaffungshäftlinge einsitzen. Leute, die aus der Schweiz abgeschoben werden sollen, weil sie arm sind und stören und das Pech haben, nicht die erforderlichen Papiere zu besitzen, die notwendig sind, um bleiben zu dürfen. Gegenüber befindet sich in einem denkmalgeschützten Gebäude eine städtische Kontakt- und Anlaufstelle, in der man Leuten, die arm sind und stören, aber die richtigen Papiere haben, gratis Heroin abgibt.

Ich habe mein Jackett vergessen und friere. Auch der Plastiksack schlottert erbärmlich im Stacheldraht. Gerade als ich überlege, ob ich ihn nicht aus seiner misslichen Lage befreien soll, surrt in meiner linken Hosentasche das Natel.

Es ist Leonie, meine Ehefrau, die mir aufträgt, im Globus Delicatessa Olivenöl der Marke Extra Vergine Planeta zu besorgen.

»Was?«, frage ich.

»Öl, Fred! Olivenöl aus Sizilien. Schaffst du das?«

»Mal sehen«, brumme ich. »Wir haben ziemlich viel zu tun derzeit.«

»Klar, Fred. Wer nicht? Wie du weißt, kommen heute Abend Studers zum Essen und ich muss noch allerhand vorbereiten.«

»Dies wenigstens in ausgeschlafenem Zustand«, wage ich einzuwerfen, aber sie lässt sich heute nicht so leicht provozieren. Dazu müsste ich über ihre geliebten Studers herziehen, was mir schwerfiele, da sie mir inzwischen ziemlich sympathisch geworden sind.

»Also, ich erwarte dich samt dem Vergine Planeta um achtzehn Uhr zu Hause zum Apéro, Fred. Pünktlich und mit guter Laune.«

»Ich werde sehen, was ich tun kann«, sage ich.

»Bist du überhaupt im Büro?«, fragt sie mit skeptischem Unterton. »Ich höre Hundegebell.«

Tatsächlich kläfft der Hund auf der Wiese gerade einen arglosen Passanten an. Der Mann weicht verängstigt zurück und umgeht das Tier großräumig.

»Ich bin unterwegs«, behaupte ich. »Wir arbeiten an einem schwierigen Fall, ich erzähle es dir ein andermal.«

»Du spazierst in der Gegend herum, Fred?«

»Warum nicht? Das unterstützt mich beim Ordnen der Gedanken.«

»Möge es helfen«, sagt sie frech und verabschiedet sich. Bis zum Abend wird sie sich mit Akribie und Leidenschaft dem anstehenden Essen widmen. Und ich einer Leiche ohne Kopf. Kein Wunder, dass sie bessere Laune hat.

Der Plastiksack am Zaun des Bezirksgefängnisses scheint erledigt. Wenn sich niemand seiner erbarmt, wird er im Draht hängen bleiben, bis er sich auflöst. So wie ich in Trübsal zerfließen werde, wenn nicht bald ein Wunder geschieht.

Plötzlich steht der Hundebesitzer vor mir. Ein ausgemergelter Junkie, den ich von einer früheren Ermittlung her kenne.

»Grüezi, Kommissar Staub, wie geht es Ihnen?«, fragt er mich und ich antworte: »Es geht, Reto, es geht. Und es heißt Hauptmann Staub. Nicht Kommissar Staub.«

Er lässt ein heiseres Lachen ertönen. »Ich hab einen neuen Hund, sehen Sie da drüben, der Rüde.«

Ich sehe mir das Tier etwas genauer an. Es ist braun-weiß gescheckt und wirkt so nervös und zittrig wie sein Besitzer. Gerade scheißt es an eine Platane. »Prächtig«, sage ich.

»Ich hab ihn aus dem Tierheim«, erklärt mir Günthardt, der früher mal ein fähiger Taschendieb war, dann aber definitiv ein paar dreckige Spritzen zu viel abbekommen hat.

»Toll«, sage ich.

»Sie sollten das Leben genießen, solange es dauert«, rät er mir ungefragt und ich nicke. Ich genieße mein Leben durchaus, wenn auch nicht durchgehend. Heute zum Beispiel hält sich der Genuss in überschaubarem Rahmen. Vielleicht sollte ich doch auf Leonie hören und am Morgen regelmäßig Yogaübungen machen. Leider traue ich diesen Yogis nicht so richtig.

»Immer schön sauber geblieben?«, frage ich Günthardt und er beteuert mit weit aufgerissenen Augen, in denen Pupillen wie Stecknadeln tanzen: »Aber ganz sicher, Herr Staub. Sie wissen ja, ich bin auf Bewährung.«

»Ja, eben«, sage ich und seufze. »Ich wünsche dir einen schönen Tag, Reto. Und pass mir auf den Hund auf!«

»Mach ich, Herr Kommissar, mach ich.«

Ich stapfe zurück ins Büro. Bringe dort den Tauchsieder zum Laufen und schütte ein paar Krümel Instantkaffee in meine Tasse – ein Geschenk von Tochter Anna, auf dem sinnigerweise I shot the sheriff zu lesen ist. Ich gebe reichlich Zucker dazu und gönne mir die Brühe an meinem Schreibtisch mit den Schuhen auf dem Pult. Greife wahllos in den großen Papierhaufen vor mir und bekomme den Zwischenbericht meines Freundes und Stellvertreters Michael Neidhart zum kopflosen Toten zu fassen. Ich durchblättere das Dossier schlürfend und stelle fest, dass ich mich nicht getäuscht habe: Wir wissen gar nichts, außer dass der Kopflose ein Mann und vermutlich seit Sonntag tot ist. Wohl nicht zu Unrecht geht Michael davon aus, dass sich der Mann die Rübe nicht selbst abgesäbelt hat. Also muss es einen oder mehrere Täter geben, die es dingfest zu machen gilt. Nur weiß ich leider nicht, welche konkreten Schritte uns dahin bringen könnten.

Ich gehe rüber zu Neidhart und Kollegin Gret. Nehme zur Kenntnis, dass beide am Telefon hängen. Sie winken mir beiläufig zu, wie einem flüchtigen Bekannten, der beim Ausverkauf im Warenhaus an einem vorbeihastet. Ich schaue eine Tür weiter nach, was unsere Abteilungspfeife Mario und die Neue treiben. Bea musste zum Personaldienst in die Stampfenbachstraße, erklärt mir Mario. Er selbst informiere sich im Computer über die neuesten Fahndungen.

»Fahnden wir nach Wohnmobilen?«, frage ich ihn nach einem dreisten Blick auf seinen Bildschirm.

»Nein, Fred, ähm …«, windet er sich. »Aber es besteht die vage Möglichkeit, dass der Tote vom Zeltplatz im Sihlwald aus … ähm … angeschwemmt wurde.«

»Und deshalb siehst du dir Wohnmobile an?«

Er schweigt konsterniert. Mario ist der unfähigste all meiner Mitarbeiter und dies mit Lichtjahren Abstand, auch wenn er mir damals in der Erpressergeschichte um Ruedi Fischer das Leben gerettet hat. Ich kann nur hoffen, dass seine Unfähigkeit nicht auf die neue Bürokollegin abfärbt.

»Wir sehen uns um zehn zur Sitzung im Saal«, sage ich versöhnlich und verlasse sein Büro. Draußen fällt mir ein, dass er eigentlich das Olivenöl für Leonie besorgen könnte, dazu müsste er in der Lage sein. Aber ich verwerfe den Gedanken wieder, denn seit er mir das Leben gerettet hat, quäle ich ihn nur noch, wenn es unbedingt notwendig ist. Zur Senkung meines Adrenalinspiegels beispielsweise.

Ich schaue noch rasch bei Häberli rein, der aber wie meist abwesend ist. Präsent ist er nur auf einem übergroßen Poster, das ihn mit einem riesigen Wels zeigt, den er eigenhändig aus dem Walensee gezogen hat. Fischen ist John Häberlis mir einzig bekannte Leidenschaft. Ansonsten ist er ein knorriger Wicht um die sechzig, der pro Tag drei Schachteln Gauloises Gelb raucht und zwanzig Espressi schwarz trinkt. Genau deshalb hat er ein Einzelbüro. Er arbeitet seit jeher weitgehend selbstbestimmt, jeder Versuch, ihn unter Kontrolle zu bringen, ist jämmerlich gescheitert. Ich persönlich mag ihn gerne, auch wenn ich ihn selten sehe. Im Notfall ist allerdings auf ihn Verlass. Besonders als penetranter Fragesteller ist er unerreicht. Schon viele Leute haben sich ihm allein deshalb offenbart, weil sie ihn und den Qualm, den er permanent ausstößt, nicht mehr aushielten.

 

Ich kehre in mein Büro zurück und überfliege den Tages-Anzeiger. Doping beim Phonak-Radrennstall, Bomben in Nahost, Elend in Afrika. Ist es die Zeitung vom letzten Jahr oder ist es die von vor fünf Jahren? Nein, das Datum oben rechts sagt mir, dass sie von heute ist. Hoffentlich wissen die Macher, dass das Datum das Wichtigste ist an ihrem Produkt. Denn auch der zweite Teil eröffnet mit Aufgewärmtem: Selbst ernannte Bildungskoryphäen wollen die Schule umgestalten, Freizeitapotheker die Krankenkassen sanieren, sparwütige Politiker unsere Löhne senken. Das fehlte gerade noch!

9.58 Uhr. Die Sitzung naht.

 

Im fensterlosen, schmutzig gelben Saal riecht es wie immer nach kaltem Zigarettenrauch und den Ausdünstungen Tausender ziel- und ergebnisloser Sitzungen. Michael Neidhart trägt ein hellblaues Hemd von Hugo Boss und wirkt dynamisch. Auswirkungen des Fruchtsalats vermutlich, den er seit Neuestem jeden Morgen zu sich nimmt. Er fährt sich kurz durch seine hellbraunen Haare und holt Atem, um schmerzlos zum Besten zu geben, was wir über den unbekannten Toten ohne Kopf wissen. Gret hört ihm gebannt zu. Sie ist eine dieser feingliedrigen, weißblonden Frauen, die kein Gramm Fett zu viel herumtragen und auch mit fünfunddreißig noch H&M-Klamotten tragen können, ohne dass es peinlich wirkt. Heute sind es anthrazitfarbene Jeans mit tausend Taschen und ein lindgrünes schulterfreies Top. Lästermäuler aus anderen Abteilungen nennen sie Eisblock. Meiner Ansicht nach ist sie eine zarte Schönheit, und wenn ich mit ihr einen trinken gehe, komme ich danach regelmäßig ins Träumen. Sie meines Wissens leider nicht, auch wenn ich ihr durchaus sympathisch bin. Aber ich bin eben auch schon zweiundfünfzig und habe eine Frau zu Hause, die mit Olivenöl umgehen kann.

»Um seine Handgelenke finden sich Fesselungsspuren, die Leiche wurde vermutlich notdürftig beschwert«, beginnt Michael. »Kann aber keine sorgfältige Arbeit gewesen sein, sonst wäre er nicht so bald wieder aufgetaucht. Ein Stück Seil, mit dem er hätte gefesselt sein können, haben wir nicht gefunden.«

»Vielleicht war es dem Täter egal, ob man ihn findet. Vielleicht sollten wir ihn sogar schnell finden«, meint unsere Neue, Bea Tschannen, die offensichtlich rechtzeitig aus den Irrgängen der kantonalen Verwaltung zurückgekehrt ist und mit verschränkten Armen neben Gret sitzt. Sie ist ein ganz anderer Typ Frau. Struppiges dunkelbraunes Haar, schmale Augen, Farbe undefinierbar zwischen Braun und Grün. Untersetzt, üppig, knollennasig. Fünf Kilo zu viel. Bedächtig. Solide. Zäh. Ein Mutterfels in der Brandung, auch wenn sie mit ihren vierunddreißig noch kinderlos ist. Verheiratet ist sie allerdings seit einem halben Jahr, mit einem Kollegen von der Flughafenpolizei, der acht Jahre älter ist als sie und in seiner Freizeit Bienen züchtet. Wir alle haben schon ein Glas Honig erhalten. Bea nimmt Verbrechern ihre Taten persönlich übel und will weder ihre Beweggründe kennen noch ihre traurige Kindheitsgeschichte hören. Sie will sie im Gefängnis sehen. Und zwar so lange wie möglich. Alles in allem ist sie der Typ der dankbaren Mitarbeiterin, von deren unermüdlichem Einsatz man gerne profitiert, ohne allerdings je mit ihr ein Bier trinken zu wollen.

»Vielleicht«, meint Michael. »Aber wozu? Um uns ein Rätsel aufzugeben?«

»Die Kriminaltechnik meint, der Kopflose sei ohne Zweifel Europäer«, sagt Gret. »Mehr können sie erst nach einer detaillierten Analyse der Knochensubstanz sagen. Fingerabdrücke und genetischer Code sind nirgends registriert. Was er zuletzt gegessen hat, wird die Obduktion ergeben. Seine Hände deuten nicht auf einen handwerklichen Beruf hin. Er ist etwa fünfundfünfzig Jahre alt und dürfte – mit Kopf – circa eins achtzig groß sein. Haut und Blut verraten uns, dass er höchstens ein mäßiger Trinker war und nicht geraucht hat. Der Mann ist untätowiert. Einstiche oder andere Wunden – außer jener am Hals natürlich – fanden sich nicht.«

»Der Einzige, der vom Alter her infrage kommen könnte, ist ein verschollener Finanzakrobat, den die Tessiner Kollegen gemeldet haben«, fährt Neidhart fort. »Aber der ist nur einen Meter vierundsiebzig groß. Sonst wird derzeit niemand dieser Beschreibung vermisst, zumindest nicht in der Schweiz.«

»Na toll«, sage ich. »Wie lange lag er denn schon im Wasser? Seit seinem Tod?«

»Vermutlich«, meint Gret. »Allerdings sind sich die Techniker sicher, dass er erst nach seiner Ermordung in die Sihl geworfen wurde.«

»Und wie lange ist das her?«

»Mindestens zwei Tage. Das sagt der Verwesungsprozess.«

Das alles gefällt mir nicht. Konkret bedeutet das nämlich, dass sich der Mörder längst irgendwo zwischen Timbuktu und Kopenhagen ins Fäustchen lacht, während wir hier rätseln, wen er in unser schönes Zürcher Wasser geworfen hat.

»Ist er wirklich geköpft worden? Oder zerstückelte man ihn erst, als er schon tot war?«, frage ich weiter.

»Das Köpfen war die Todesursache. Leider. Der Gerichtsmediziner spricht von einem sehr scharfen Schwert oder sogar einer Art Guillotine. Sehr unheimlich das Ganze. Ein rascher, weitgehend schmerzloser Tod allerdings«, erklärt Gret.

»Was ist mit diesem Zeltplatz?«, frage ich Mario.

Mario in seinem blütenweißen Hemd errötet und sagt: »Das war nur so eine vage Idee von mir. Ich bin gestern die Sihl hochgefahren bis nach Sihlbrugg und habe alle Brücken abgeklappert. Da ist mir aufgefallen, dass auf dem Zeltplatz in Langnau bereits Betrieb herrscht. Eine solche Bluttat wäre also keinesfalls unbemerkt geblieben.«

Ich grunze.

»Wir suchen morgen nochmals den ganzen Fluss ab, vom Sihlsee bis zur Limmat«, sagt Neidhart. »Auch die Limmat selbst, soweit das geht, und die Ufer. Wir brauchen den Kopf, sonst wird es schwierig.«

»Allerdings«, sage ich. »Sonst noch eine Idee? Auch Ausgefallenes ist willkommen!«

»Köpfen«, sagt Gret und wir richten unsere Blicke alle verwundert auf sie.

»Keine übliche Mordmethode«, sagt sie schließlich. »Die letzten Geköpften, an die ich mich erinnern kann, waren irgendwelche arme Geiseln im Irak.«

»Um Himmels willen! Du meinst, wir könnten es mit religiösen Fanatikern zu tun haben?«

Sie lächelt mich an: »Es ist einfach eine ungewöhnliche Methode in unseren Breitengraden, das meine ich.«

»Fürwahr«, sage ich und kratze mich am Kinn. »Wir warten auf weitere Details aus der Gerichtsmedizin, checken die internationalen Vermisstenlisten, waten knietief durch diesen trüben Fluss …«

»Die Sihl ist sauber, Chef«, unterbricht mich Bea. »Ich bin in Adliswil aufgewachsen. Es gab eine Zeit, da durften meine Eltern nicht mal die Füße hineinstrecken. Aber heute ist die Wasserqualität gut und auch der Fischbestand hat sich erholt. Mit etwas Glück fängt man sogar wieder Regenbogenforellen.«

Gut, dass Häberli nicht da ist, denke ich. Irgendjemand muss die gute Bea dringend darüber aufklären, dass der ansonsten überaus gutmütige Häberli äußerst allergisch auf alle reagiert, die sich zum Thema Fisch verlautbaren.

»Petri Heil«, sage ich jedenfalls schnell. »Aber der vermisste Kopf wäre mir lieber.«

»Den finden wir schon«, sagt Bea, und ihrem entschlossenen Blick nach zu urteilen, kann es wirklich nicht mehr allzu lange dauern.

Wir verteilen die Aufgaben und ziehen uns in unsere Büros zurück. Nein, leider kann ich nicht mit essen kommen, entschuldige ich mich bei Michael und Gret. Ich muss dieses Teufelsöl für Leonie besorgen und abends werde ich ohnehin vollgefüttert werden, bis sich meine Magenwände blähen wie die Segel eines Dreimasters bei Windstärke 37.

 

Der Plastiksack mit dem Vergine Planeta reißt wenige Meter hinter der Kasse direkt vor dem Globus. Scherben, Splitter, Schweinerei. Ich scheuche Personal hoch, muss dasselbe beschissene Öl aber trotzdem nochmals kaufen. Unglaubliche 32,80 Franken kostet der Viertelliter, dazu kommen dreißig Rappen für einen bunten Papiersack, da sich die Gratis-Plastiksäcke ja als untauglich erwiesen haben. Ich versichere der Kassiererin, dass ich für nichts garantieren könne, wenn auch der teure Edelsack nicht halte. Sie gönnt mir den mitleidigen Blick einer Psychiatrieschwester und hinter mir höre ich das Murren von Leuten, deren Horizont es offensichtlich übersteigt, Menschen zu verstehen, die unverhofft vom Fluch des Sackgottes getroffen werden.

Ich verschwinde unauffällig und überlege mir auf der schmalen Militärbrücke, warum ich nicht Olivenölhändler geworden bin.

Als ich so in die Sihl hinunterschaue, erkenne ich nahe am Ufer einen weiteren Plastiksack, der sich zerzauselt in einem Ast verfangen hat. Ich verlache ihn lauthals, weil ich unweigerlich an unsere angeschwemmte Leiche denken muss. Nein wirklich, dass unser gesuchter Kopf gerade in diesem Sack steckt, ist schlicht unmöglich. Allerdings enthält das schwer lädierte Ding schon etwas Rundliches. Und oben ist es seltsam verschnürt.

Zum Glück erscheint in diesem Moment Mario, in feines Tuch gehüllt und mit glänzenden Edeltretern an den Füßen. »Ich hole mir rasch ein Sandwich«, erklärt er mir.

»Siehst du den Sack dort drüben?«, frage ich ihn. »Könntest du nicht schnell nachschauen, was er enthält?«

Er mustert mich entgeistert von oben bis unten, blickt nachdenklich über das Geländer, klettert dann aber ohne Murren die struppige Böschung hinunter. Eine Lasche des Plastiksacks hat sich verhakt, etwa zwei Meter vom Ufer entfernt. Natürlich kommt Mario nicht ganz hin, auch nicht mit einem herumliegenden Aststück. Hilflos blickt er zu mir hoch, doch ich lehne einfach weiter mit verschränkten Armen auf dem Geländer. Ich bezweifle, dass das Wasser mehr als zehn Grad hat. Und auch, dass es wirklich so sauber ist, wie Bea behauptet. Mario rudert nochmals vergeblich mit dem Aststück herum, zieht sich dann umständlich Schuhe und Socken aus und krempelt die Hosenbeine hoch. Ich gönne ihm ein ermutigendes Lächeln. Vermutlich tritt er in wenigen Sekunden in eine Glasscherbe oder einen entflohenen Skorpion. Aber jeder stirbt mal und er täte es wenigstens an einem Fluss.

Mario tappt vorsichtig in Richtung des Sacks und kann ihn mithilfe des Asts endlich heranziehen. Er deponiert die Tüte mit ausgestrecktem Arm und angewidertem Gesichtsausdruck vorsichtig neben seinem Schuhwerk. Nun gehe ich zu ihm hinunter und beäuge das Teil von Nahem. Der Sack riecht erbärmlich, mich gruselt es ein wenig. Aber als ich die Schnur öffne, sehe ich lediglich einen vergammelten Salatkopf in seiner Endphase. Ich wusste ja, dass der Sack eine Falle war.

»Alles klar, Fred?«, fragt mich Mario und blickt mir über die Schulter.

»Soweit schon«, antworte ich. »Sorry, aber es hätte ja sein können.«

»Keine Ursache«, meint er und stülpt sich die Socken wieder über die Füße. »Was machen wir denn jetzt mit dem Sack?«

Gute Frage. Einfach wieder in den Fluss werfen können wir ihn wohl nicht. »Stopf ihn bei uns in den Container. Dann haben wir wenigstens etwas für die Umwelt getan.«

»Jeden Tag eine gute Tat«, sagt er und ringt sich ein verkniffenes Lächeln ab.

 

Auch am Nachmittag geschieht vorerst gar nichts. Bleiern blubbern die Gedanken, zähflüssig zerrinnen die Stunden. Um drei meldet sich Leonie, um mit Unschuldsstimme nachzufragen, ob ich das Öl besorgen konnte. Problemlos, grummle ich und verabschiede mich mit dem Hinweis auf grausame Arbeitsüberlastung, um in Ruhe die Neue Zürcher Zeitung durchblättern zu können. Mein erster Blick geht auch jetzt zum Datum, um sicherzustellen, dass ich nicht nur alten Kaffee lese.

Ich widme mich gerade einem Artikel, der sich des Problems der Überfischung afrikanischer Binnenseen annimmt, als plötzlich Michael Neidhart hereinstürzt und aufgeregt ein Papier vor mir hin- und herschwenkt. »Ein neuer Vermisster, Fredy! Wurde eben auf der Wache Zürichberg gemeldet. Seine Tochter sucht ihn seit einer Woche. Gustav Graf, wohnhaft in der Finslerstraße. Die Beschreibung könnte auf unseren Toten passen. Die Tochter wartet vor dem Haus auf uns.«

»Okay, fahren wir«, sage ich und werfe mir mein Sakko über. »Hol Gret!«

 

Grafs Tochter ist gute dreißig und sehr körperbetont gekleidet: schwarze Stretchhosen und ein enges, pinkfarbenes Top. Sie ist nervös und scheint froh, uns zu sehen. Das Haus in der Finslerstraße ist eine Allerweltsvilla aus den Dreißigern, in dieser Gegend so unspektakulär wie Gurkensalat und auch etwa in dessen Farbe gestrichen. Drei Stockwerke und ein Estrich unter steilem Ziegeldach. Dunkelgrüne Fensterläden, kleine Balkone mit schmiedeeisernen Brüstungen. Graf scheint das Haus allein zu bewohnen, jedenfalls steht kein anderer Name auf dem Messingschild an der Tür.

»Waren Sie schon drin?«, frage ich die junge Frau Graf und sie bejaht.

»Kommen Sie mit«, sagt sie und stößt die schwere, mit Ornamenten versehene Holztür auf. Wir treten in eine geräumige Diele und begegnen einer jaulenden braunen Perserkatze. Es riecht muffig.

»Haben Sie etwas angefasst?«, frage ich. Sie gibt zu, in der Küche ein Fenster geöffnet und die Katze gefüttert zu haben. »Ich heiße Violetta«, sagt sie.

»Sehr erfreut, Staub«, antworte ich.

Wir steigen zusammen die steinerne Treppe hinauf. Drei Zimmer zuoberst, praktisch alle leer, lediglich in einem steht verloren ein Billardtisch. Im mittleren Stock befinden sich das Arbeits-, das Schlaf- und das Gästezimmer sowie ein Bad. Unten das riesige Wohnzimmer, ein Nebenraum voller Haushaltsgeräte, ein weiteres Bad, eine Bibliothek und die bestens ausgerüstete Küche, in der ein Mülleimer zum Himmel stinkt. »Fehlt etwas?«, will ich wissen.

»Der große Teppich«, deutet sie ins Wohnzimmer und die Sorge steht ihr deutlich ins schmale Gesicht geschrieben.

»Seht mal nach!«, weise ich Gret und Michael an. Zu Violetta sage ich, dass sie sich setzen soll.

»Was ist los mit meinem Vater?«, fragt sie mich.

»Wir versuchen gerade, das herauszufinden«, entgegne ich. »Sehen Sie ihn öfter?«

»Das nicht«, verneint sie. »Aber wir telefonieren alle paar Tage.«

»Wann zuletzt?«

»Vor rund zehn Tagen. Vorgestern habe ich es wieder versucht, aber er nahm nicht ab. Heute auch nicht, weder das Telefon hier noch sein Natel. Deshalb bin ich hergekommen. Ich habe ein ungutes Gefühl.«

Das habe ich auch. »Vielleicht ist er verreist?«

Sie umfasst die Knie mit ihren Händen, auf denen sich violette Venen abzeichnen. »Das hätte er mir und meinem Bruder gesagt. Da bin ich sicher, auch wenn wir sonst nicht sehr viel Kontakt haben.«

Ich sehe, dass sie leicht zittert. »Wollen wir rausgehen an die frische Luft?«, frage ich und sie nickt erleichtert.

»Fred«, höre ich Grets Stimme. »Kommst du mal rasch?«

»Einen Moment bitte«, sage ich zu Violetta und gehe ins Wohnzimmer rüber. Michael kauert mit finsterem Blick auf dem dunklen Riemenparkett, auf dem deutlich zu erkennen ist, wo der verschwundene Teppich einst lag. »Ich muss die Kriminaltechnik holen«, meint er und deutet auf zwei winzige dunkle Flecken zwischen den Fugen.

»Tu das«, stimme ich zu und kehre zu Violetta zurück.

»Wir können zur Kirche Fluntern runter«, schlägt sie vor.

»Einverstanden«, sage ich und bald stehen wir vor der Wirtschaft zum Vorderberg, einem altehrwürdigen Gasthaus voller giftiger alter Wachteln. Ich frage nach, ob es möglich sei, auch draußen zu sitzen, und man führt uns an einen pollenverstaubten Zweiertisch auf Steinplatten. Ein blütenweiß behemdeter ehemaliger Playboy serviert uns den Kaffee.

»Was tut Ihr Vater denn so?«, will ich wissen.

»Er ist Treuhänder«, sagt sie. »Er berät Leute in finanziellen Dingen. Ehrenamtlich kümmert er sich um Tierschutzfragen. Er müsste längst nicht mehr arbeiten, wenn er nicht wollte.«

Ich horche auf und blicke ihr in die Augen. Sie sind von einem hellen Blau, ähnlich dem von Gret, und von Mascara und Lachfältchen umgeben. Ich denke, dass sie eine recht aparte junge Frau ist.

»Nicht?«, frage ich.

»Nein. Sein Treuhandbüro ist sehr erfolgreich. Lüthy & Graf in Kilchberg.«

»Kilchberg?«, wundere ich mich. Eine sehr renommierte Gegend, ziemlich genau gegenüber meines Wohnorts Küsnacht, am linken Ufer des Zürichsees.

»Meines Wissens hatte er Kunden aus der ganzen Schweiz. Weniger Leute vom Zürichberg, sondern eher Gewerbetreibende und Bauern. Das Haus hier hat er erst vor zehn Jahren gekauft, wohl um in die feineren Kreise hineinzukommen«, erklärt sie mir.

»Ihr Vater ist reich?«

»Er hat uns nie im Detail informiert. Ich denke aber schon«, meint Violetta und forscht in meinem Gesicht nach Spuren der Verachtung. Sie findet aber keine. Immerhin hat Graf ja gearbeitet.

»Aber was reden wir denn da eigentlich? Das ist doch alles nicht so wichtig! Ich gebe eine Vermisstenanzeige auf und eine Stunde später kommt die Kriminalpolizei. Was hat das zu bedeuten?«, fragt sie und ihre blauen Augen leuchten angsterfüllt auf.

»Momentan wissen wir leider noch gar nichts. Aber ich möchte Sie bitten, dass wir die Spurensicherung holen und DNA-Proben nehmen dürfen.«

»Herr Staub, bitte!«, fleht sie. »Sagen Sie mir doch, was los ist! Das ist doch wohl kaum das übliche Vorgehen!«

Das ist es tatsächlich nicht. Ich überlege, was ich ihr erzählen soll. Es ist schwierig, weil ich ja wirklich nichts weiß. Viele Leute verschwinden plötzlich für ein paar Tage und tauchen dann frohgemut wieder auf. In diesem Fall jedoch ahne ich, dass Graf unser Kopfloser aus der Sihl ist.

»Wir haben gestern einen Toten gefunden«, würge ich schließlich heraus, weil sie mich immer noch anstarrt. »Das muss aber wirklich nicht Ihr Vater sein, Violetta. Die Chance, dass er es ist, ist sogar verschwindend klein.«

»Kann ich mir die Leiche ansehen?«, stößt sie hervor. »Dann hätten wir doch wenigstens Gewissheit!«

»Das geht nicht«, sage ich schnell. »Ich kann Ihnen nicht sagen, weshalb. Aber es geht nicht, glauben Sie mir.«

Violetta beginnt zu weinen. Ich nehme ihre Hand und schweige. Lasse meine Augen an der grauen Mauer auf der anderen Straßenseite entlangschweifen. Erkenne eine neuere, orange leuchtende Aufschrift: Frieden. Mit einem seltsamen, geteilten F, bei dem der obere Querstrich nach oben versetzt ist.

Ich weiß nicht, was ich Violetta noch fragen geschweige denn, wie ich ihr helfen könnte. Ich nehme an, dass die Leute von der Spurensicherung bereits im Haus ihres Vaters herumkriechen.

»Darf ich Sie um die Hausschlüssel bitten? Sie bekommen natürlich eine Quittung.«

»Klar.« Sie lässt meine Hand los, um in ihre Freitag-Tasche zu greifen. »Hier«, sagt sie und fummelt den schweren Schlüssel vom Bund.

»Haben noch andere Personen Zugang zum Haus?«, frage ich.

Sie zögert. »Ich weiß nicht, ich glaube nicht. Mein Bruder hat noch weniger Kontakt zu meinem Vater als ich.«

Ich schweige.

»Mein Vater ist nicht immer ganz einfach. Hoffentlich ist nicht wirklich etwas Schlimmes passiert.«

»Machen Sie sich keine Sorgen! Hier ist meine Karte«, versuche ich sie zu beruhigen. »Sie können mich jederzeit anrufen. Und bitte informieren Sie uns sofort, falls Ihr Vater wieder auftaucht! Wohnen Sie in der Nähe?«

»Ich lebe in Höngg, am Wasser, und arbeite als Cutterin beim Schweizer Fernsehen. Heute habe ich frei.«

»Können wir Sie irgendwo hinfahren?«

»Nein. Es geht schon. Ich rufe nachher meinen Freund an. Darf ich mich morgen bei Ihnen melden?«, fragt sie.

»Ja, natürlich. Wann immer Sie wollen.«

»Gut«, sagt sie und steht zögernd auf. Auch ich erhebe mich und wir schütteln uns ein wenig hilflos die Hände. Ich sehe, dass ihre Augen immer noch feucht sind. Plötzlich wendet sie sich ab und strebt eilig zur Tramstation. Erst als sie außer Sicht ist, fällt mir ein, dass ich sie nach der Adresse ihres Bruders hätte fragen sollen.

Der Geck von Kellner bequemt sich erst nach ein paar Minuten, meine Zwanzigernote entgegenzunehmen, Trinkgeld kriegt er keins. Dafür wiederum lässt er sich viel Zeit mit dem Rückgeld und der Quittung.

Als ich schließlich loskomme, marschiere ich wieder zu Grafs Haus hinauf. Sehe moosbedeckte steile Mauern. Stabile Zäune. Alten Baumbestand. Einen Lamborghini. Einen Greis mit einem Stock. Eine flatternde Amsel. Das Straßenschild Dunant-Straße samt Erklärung, wer Henry Dunant war.

Ich gehe durchs Tor und besehe mir Grafs Haus von hinten. Ein simples Stück Rasen, ein kompakt gestutzter Haselnussstrauch, eine hochgeschossene Erle, ein zinkfarbener, runder Gartentisch mit drei weißen Stühlen der Marke Flyline. Eine Außendusche. Ein stabiler Zaun aus imprägnierten Holzpfählen. Eine lange nicht genutzte Grillstelle. Kein Pool. Kein Gemüsegarten. Keine Blumen. Kein Hintereingang.

Ich gehe wieder zur Vorderseite und beobachte, dass Gret im Eingang des Nachbarhauses mit einer Frau spricht, an der ein ungefähr Fünfjähriger herumzerrt. Michael entdecke ich nirgends. Dafür seltsamerweise wieder diesen orange aufgesprayten Frieden-Schriftzug, zwei Häuser weiter oben auf einem Glassammelcontainer.

Ich betrete Grafs Haus. In einer Ecke des Wohnzimmers lehnt der Chef unseres kriminaltechnischen Dienstes und wurstelt in einer Tüte Zweifel Pommes-Chips herum. Strich heißt der Mann und sein Name ist nun wirklich nicht Programm – der Mann ist hochgradig fettsüchtig. Es wundert mich sehr, dass er sich noch nicht in einem der bequemen Sessel niedergelassen hat.

»Ah, der Kollege Staub«, begrüßt er mich. »Freut mich sehr, Sie hier zu sehen.«

Ich knurre und beuge mich über einen seiner Mitarbeiter, der mit einem skalpellartigen Gegenstand Staub vom Boden kratzt.

»Das ist zweifellos Blut, Kollege«, quetscht Strich hervor. »Da bin ich mir sicher. Aber ob es Herrn Grafs Blut ist, muss sich erst noch weisen.«

»Und? Haben Sie irgendeine Vorstellung, wann etwa sich das weisen könnte?«

»Aber ja doch! Eine überaus präzise sogar. Morgen um acht Uhr haben Sie die Resultate auf Ihrem Pult.«

»Himmel, das reicht nicht, Strich! Ich brauche die Resultate sofort!«