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Impressum

Der Autor

Inhalt

TEIL EINS – Zugriff

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

TEIL ZWEI – Kochendes Blut

9.

10.

11.

12.

13.

14.

15.

16.

17.

18.

19.

20.

21.

22.

TEIL DREI – Golden Twins

23.

24.

25.

26.

27.

28.

29.

30.

31.

32.

33.

34.

35.

TEIL VIER – Zeugen in der Nacht

36.

37.

38.

39.

40.

41.

42.

43.

44.

45.

46.

47.

48.

49.

50.

TEIL FÜNF – Wenn die Asche glüht …

51.

52.

53.

54.

55.

56.

57.

58.

59.

Danksagung

 

E-Book © 2014 by GRAFIT Verlag GmbH

Originalausgabe © 2000 by GRAFIT Verlag GmbH

Chemnitzer Str. 31, D-44139 Dortmund

Internet: http://www.grafit.de/

E-Mail: info@grafit.de

Alle Rechte vorbehalten.

Umschlagfoto: Francesca Schellhaaa / photocase.com

eISBN 978-3-89425-170-3

Horst Eckert

 

 

 

Die Zwillingsfalle

 

 

 

Kriminalroman

 

 

 

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Der Autor

 

Horst Eckert, 1959 in Weiden/Oberpfalz geboren, lebt als hauptberuflicher Autor in Düsseldorf. Wie kaum ein Zweiter versteht er es, Spannung mit Tiefgang zu erzeugen, indem er Seelen in all ihren Schattierungen auslotet. Dabei erweist er sich als schonungsloser Chronist unserer Zeit. Davon zeugen zahlreiche Auszeichnungen. Eckerts Romane sind ins Tschechische, Französische und Niederländische übersetzt.

www.horsteckert.de

Immer wieder versucht, alles aufzugeben,

kam ich zu dem Schluss,

dass ich das Unglaubliche

nicht erklären kann, bestenfalls nachbuchstabieren.

 

Ich jagte immer verbissener und wurde selbst gejagt.

Bilder des Grauens, die ich nie mehr loswerde –

die Gesichter der Opfer werden niemals altern.

Damals: zu Schlagzeilen geronnene Sensationen.

 

Kalte Sätze für die Akten.

Die Wahrheit dahinter –

ihr Schrei nach dem Sinn hält mich am Leben,

während ringsum alles zerbricht.

 

In memoriam Rolf Nowak † 1997

TEIL EINS

 

 

 

Zugriff

»… dass alles Tun des Menschen den Gezeiten gleicht, die sich auf die Jagd nach dem Mond machen.«

 

Joseph Wambaugh, Wasserpatrouille

Donnerstag, 27. Juli, Morgenpost, Lokalteil:

 

POLIZEI SUCHT GELBEN GELÄNDEWAGEN

 

Zwei Tage nach dem Brandanschlag auf eine Diskothek in der Düsseldorfer Altstadt konzentriert die Polizei ihre Ermittlungen auf einen Geländewagen, den ein Augenzeuge in der Nacht zum Dienstag in unmittelbarem Tatzusammenhang bemerkt haben will. Konkrete Hinweise auf die Täter gibt es bislang nicht. Vermutungen, die Tat stünde in Zusammenhang mit ähnlichen Anschlägen in den letzten Wochen, bezeichnete die zuständige Staatsanwältin gestern als Spekulation.

Seit seiner Eröffnung vor drei Monaten hatte sich das ›Power House‹ auf der Bolker Straße zum beliebten Treffpunkt für Jugendliche entwickelt. Selbst wenn die Versicherung den Millionenschaden ersetzt, bedeutet der Anschlag für Inhaber Andreas Schalk (31) vermutlich das Aus. Einrichtung und Technik seien noch nicht abbezahlt. »Ein Monat Verdienstausfall genügt und die Zinsen drücken mir die Luft ab«, so Schalk, der in der Altstadtszene auch als ›Dr. House‹ bekannt ist und sich als Diskjockey einen Namen gemacht hat. Schalk hofft nun auf ein Entgegenkommen der Banken.

Eine Stunde nach Schließung der Diskothek in der Nacht zum Dienstag hatten Unbekannte die Eingangstür aufgebrochen und mehrere Brandbomben in das Lokal geworfen.

Ein Taxifahrer, der um diese Zeit unterwegs war, will beobachtet haben, wie ein gelber Geländewagen mit hoher Geschwindigkeit aus der Fußgängerzone in die Hunsrückenstraße bog und in südlicher Richtung davonraste. Zeugen, die dieses Fahrzeug ebenfalls bemerkt haben, werden gebeten, sich zu melden. Hinweise nimmt die Polizei unter der Nummer 8700 entgegen.

Im Juni war ebenfalls in der Altstadt das Restaurant ›Zur Keule‹ (Ex-›Notorious‹) wenige Wochen nach der Eröffnung in Flammen aufgegangen. Sechs Wochen zuvor hatte es in einem Pempelforter Fitnesscenter gebrannt. Nach Informationen der Morgenpost sind die Täter in beiden Fällen noch immer nicht ermittelt. Personen kamen wie beim jüngsten Anschlag nicht zu Schaden.

 

 

1.

 

Die Welt hatte Löcher, in die er fiel, um an Orten aufzuschlagen, an die er nie und nimmer wollte. Eine erste Ahnung davon bekam Leo Köster am frühen Nachmittag des 27. Juli, einem Donnerstag.

Es war Routine, doch Leo hatte von Beginn an kein gutes Gefühl. Er stieg in das Klettergeschirr und zog die Maske über das Gesicht und sein kurz geschnittenes, rötliches Haar. Er schwitzte sofort – der Stoff war etwas Schwerentflammbares namens Nomex. Er setzte den Helm auf, fünf Kilo Stahl mit schussfestem Visier, Gehörschutz und eingebauten Kopfhörern.

Sein Kumpel Olli tat es ihm nach. Der Pilot zeigte den erhobenen Daumen, Leo und Olli schwangen sich hinaus auf die Kufen des Helikopters und klinkten sich mit dem Karabinerhaken an ihre Abseilgeräte. Der Kragen der schusssicheren Weste scheuerte gegen Leos Kinn.

Er hatte es tausend Mal zuvor getan. Es war Teil seines Lebens. Im Helmlautsprecher war die Stimme des Kollegen: »Du kommst zur Feier?«

Leo fiel ein, dass er noch kein Geschenk hatte. Die Hälfte seines Lebens sei am Sonntag vorüber, stöhnte Olli bei jeder Gelegenheit. Seinen eigenen Fünfunddreißigsten hatte Leo vor drei Monaten ohne Gejammer hinter sich gebracht. Er hoffte, älter als siebzig zu werden.

»Wird Brigitte da sein?«, fragte Leo zurück.

Olli wandte ihm das Visier zu. »Wär's ein Grund für dich, nicht zu kommen?«

»Unsinn. Dein Garten ist groß genug.«

»Heike meint, ihr solltet euch mal aussprechen, Brigitte und du.«

Da gibt's nichts auszusprechen, dachte Leo. Scheidung ist Scheidung.

Leo sah hinunter. Das Flachdach des Zielobjekts war jetzt genau unter ihnen, rund dreißig Meter vibrierende Sommerhitze hing dazwischen. Leo registrierte das Zittern seiner rechten Hand, das ihn seit Tagen irritierte – er umklammerte die Abseilvorrichtung.

Im letzten Jahr hatte die Reibung ein Seil schmelzen lassen, die Bremse hatte blockiert und er hilflos auf halber Höhe gebaumelt. Als Nummer eins der Gruppe wollte er eine solche Panne nicht noch einmal erleben.

»Bereit zum Zugriff«, krächzte die Stimme des Kommandoführers. Leo griff nach der Sprechtaste des Zweimeterfunkgeräts, das über ein Spiralkabel mit dem Helm verbunden war, und antwortete, indem er es zweimal klicken ließ – das Zeichen für Zustimmung.

Die Straße war leer, das Gebäudedach sauber. Ein paar Autos parkten auf dem Feld, trockenes Gestrüpp wuchs entlang des Zauns. Kein Mensch zu sehen.

»Zugriff«, befahl Kommandoführer Adomeit.

Leo ließ sich fallen. Das Seil surrte, er zählte die Sekunden, dann fing er sich mit einem Druck auf den Bremshebel ab – die Stiefel setzten hart auf den Kies. Fast gleichzeitig landete Olli neben ihm. Sie lösten ihre Karabinerhaken.

Leo rekapitulierte die Geländetaufe: Zwölf Uhr war die Position des Maschinenaufbaus für die Aufzüge, sechs Uhr das Ziel – der westliche Rand des Dachs. Aus ihren Taschen zogen sie das zweite Seil, ein mehrfacher Knoten am Geländer. Abseilen zum Balkon des ersten Stockwerks – die Hoteletage. Bis hierhin kein Problem.

Die Glastür stand offen. Dahinter ein kleiner Raum. Gerümpel, Holzschilder, Putzkram. Leo zog Taschenlampe und Dienstwaffe: die Sig Sauer P226, fünfzehn Schuss im Magazin, einer im Lauf. Olli nahm seine Maschinenpistole von der Schulter und murmelte grimmig den Lieblingsspruch des Kommandos: »Wir machen auch Hausbesuche.«

Leo öffnete die nächste Tür. Das Treppenhaus. Sie lauschten – nichts, nur der eigene Herzschlag und das Atmen zweier Männer, die aus dem Himmel gesprungen waren.

Hinter der dritten Tür begann die Finsternis. Ein langer, fensterloser Gang.

Sie klappten die Nachtsichtbrillen nach unten. Leo versuchte, sich im grünlichen Flimmern zu orientieren. Der Laser an Ollis MP zielte als grüner Strahl den Hotelflur entlang – wo er als gleißender Punkt auftraf, hellte sich die Umgebung auf. Ein kurzes Husten des Kollegen klang im Helm wie ein Rumpeln. Leo knipste die Taschenlampe mit dem Infrarotaufsatz an.

Zehn Türen an jeder Seite des Gangs.

Links die Nummer eins. Leo postierte sich frontal vor dem Eingang, Olli sicherte, indem er sich seitlich hinter ihm hielt und auf die Tür zielte. Leo trat auf die Stelle unterhalb der Klinke, die Tür sprang auf, Olli ging rein.

»Sauber«, hörte Leo den Kollegen sagen.

Nummer zwei: Jetzt sicherte Leo. In der Faust der Linken hielt er die Taschenlampe, die Waffenhand aufs andere Handgelenk gestützt und auf den Lichtfleck an der Tür zielend. Olli trat, Leo sprang hinein – ein langhaariger Blonder stand keine vier Meter entfernt und zielte aus der Hüfte.

»Täterkontakt«, rief Leo und drückte ab, zweimal.

Drei: Ein harmloser Typ – in der Hand nur eine Coladose.

Nummer vier und fünf waren leer.

Sechs: Ein Gangster hatte eine Geisel genommen, hielt der Frau ein Messer an die Kehle. Nur Kopf und Arm waren von dem Mann zu sehen – wenig Angriffsfläche. Leo war dran und verlor keine Zeit. Er feuerte die übliche Dublette.

Sieben bis neun: ein bärtiger Täter, ein glatzköpfiger Schütze, dann ein Mann, der einen Blumenstrauß in der Hand hielt und keine Kugel verdiente.

Zügig arbeiteten sie sich weiter bis zum Ende des Flurs durch.

Bevor Adomeit im gläsernen Gang über ihnen das Licht anknipste, schalteten Leo und Olli die Sichtgeräte aus und klappten die Brillen nach oben. Sie rissen sich Helm und Maske vom Kopf und wischten den Schweiß aus den Augen. Seit der Hochsommer begonnen hatte, war es unerträglich heiß unter Overall und Weste, selbst im abgedunkelten Inneren des Übungsgebäudes.

Die Neonröhren flammten auf. Die beiden SEK-Beamten gingen zurück und überprüften die Scheiben.

Sperrholztafeln, auf die Poster getackert waren – verschiedene Typen in Lebensgröße. Es hieß, ein belgischer Zeichner habe sie entworfen. So genannte Overlaps machten aus Pistolenträgern harmlose Zeitgenossen. Die Figur mit dem Fotoapparat hatte Leo verschont, die mit der Pistole hatte Olli zweimal getroffen. Die Übungsmunition aus Plastik hatte Kopf und Brust sauber durchschlagen.

Im nächsten Raum: Leo ärgerte sich – danebengeschossen. Beide Male. Er hielt den landesweiten Rekord an Übungstreffern in Serie und hätte gern noch die dreihundert voll gemacht.

»Mach dir nichts draus«, sagte Olli im Weitergehen. »Im Ernstfall hatte der Typ 'ne Schreckschusspistole, du hast richtig reagiert und wirst nicht von den Hinterbliebenen verklagt. Keine Suspendierung vom Dienst, kein Skandal in den Medien.«

In Nummer sechzehn hatte Leo ebenfalls nicht getroffen.

»Jeder hat mal so 'nen Tag«, versuchte Olli ihn zu beruhigen.

Es kam noch schlimmer. Nur ein einziges Mal hatte Leo seine Dublette versenkt. Als er die Doppelscheibe mit dem Geiselnehmer kontrollierte, wusste er, dass er ein ernstes Problem bekommen würde – er hatte den Täter außer Gefecht gesetzt, aber auch die Geisel mit einem Schuss in die Herzgegend getötet.

Kommandoführer Bertram Adomeit stand hinter ihnen und kaute stumm auf seinem Nikotinkaugummi.

»Scheidungsstress«, erklärte Olli mit einem Blick auf Leo. »Renkt sich wieder ein.«

»Sicher«, antwortete Adomeit.

Leos Hand zitterte noch immer. Er verbarg sie in der Hosentasche.

 

 

2.

 

Haffke sang Sex Bomb vor sich hin, falsch, aber laut, als er in die zweite Querstraße nach dem Großmarkt bog und dabei den Dienstwagen mit nur zwei Fingern lenkte. Martin Zander fand, dass es sein junger Kollege mal wieder übertrieb: grellbuntes Hawaiihemd, verspiegelte Sonnenbrille, zu viel Gel im zurückgekämmten Haar.

Wahrscheinlich stellte Arnie Haffke sich gerade weibliches Publikum vor und fühlte sich noch unwiderstehlicher als ein junger Tom Jones: »Baby you can turn me on!«

»Meinst du mich?«, fragte Zander.

Der Kollege strich über sein Haar. »Ich mein alles, was nicht bei drei auf den Bäumen ist.«

»Fahr langsamer.« Zander kniff die Augen zusammen, um die vorbeihuschenden Hausnummern zu erfassen.

»Kauf dir 'ne Brille, Padre.«

»Elf, dreizehn … Stopp. Hier muss es sein.«

»Ich hasse Wohnungseinbrüche«, sagte Arnie Haffke.

»Die EK ist nicht auf meinem Mist gewachsen«, antwortete Zander. EK stand für Ermittlungskommission und vom Abteilungsleiter Gefahrenabwehr/Strafverfolgung persönlich stammte die Idee, dass sich sämtliche Einsatztrupps der Stadt für ein Vierteljahr ausschließlich um Wohnungseinbrüche kümmern sollten, weil die Aufklärungsrate bei dieser Art von Delikt zu niedrig sei und die Zeitungen sich darüber beklagt hatten. EK – Wohnungseinbruch hatten die Bosse in der Festung das Projekt getauft – für alle Trickdiebe, Handtaschenräuber und Straßendealer, die Zander und seine Kollegen sonst jagten, waren paradiesische Zeiten angebrochen. Für den passionierten Dealerjäger Haffke eine besonders unerträgliche Vorstellung – Arnie hatte seine Laufbahn einst bei der Drogenfahndung begonnen und im Geiste war er noch immer dabei.

Er bremste und lenkte den Wagen über die Bordsteinkante. Es rummste und schaukelte gewaltig – Zander fürchtete um den rechten Vorderreifen des kackbraunen Opel Vectra.

»Sozialparadies«, kommentierte Haffke beim Aussteigen den freudlosen Bau aus den sechziger Jahren. Graue Fassade, morsche Fensterrahmen, an denen der Lack nur noch in Spuren haftete. Eine weitgehend aus Sperrholz genagelte Pommesbude lehnte sich daran, der Besitzer verkaufte auch Zeitschriften und Zigaretten. Bernhards Billig-Büdchen stand in roten Klebebuchstaben über der Durchreiche. Die übrigen Fenster voller Titelbilder: Silikonbrüste, gekrönte Häupter, erlogene Knüller. Am Zeitungsständer hing das führende Boulevardblatt der Stadt: FEUERTEUFEL FLOH IN GELBEM GELÄNDEWAGEN – ANSCHLAG AUS EIFERSUCHT?

Die meisten Klingeln waren ohne Namensschilder. Daneben klebte eine Suchanzeige: Kater Schnurri entlaufen. Hat was Besseres gefunden, dachte Zander.

»Weißt du, in welchem Stock die Frau wohnt?«, fragte sein Kollege.

Zander schüttelte den Kopf. Im Treppenhaus roch es nach altem Kohl und Pisse. Ein unrasierter Bursche, der Müll raustrug, gab Auskunft. Erster Stock.

Die Wohnungsinhaberin öffnete beim ersten Klopfen. Ein blasses Mädchen mit großen Augen und einem Kilo Metall im Gesicht. Zerrissene Jeans, ein Top mit verrutschten Trägern, der BH darunter war dunkelblau.

»Sina Dorfmeister?«, fragte Zander.

»Sind Sie die Bullen?«

»Ja.«

»Endlich. Kommen Sie rein.«

Zander dachte an seine Tochter Pia, die nur ein paar Jahre jünger war als diese Kundin. Pia hatte ihre rebellische Phase, es war nicht immer leicht. Immerhin stand sie nicht auf Piercing.

Die Mieterin ließ Zander und Arnie in ihre Einzimmerwohnung, deren Möblierung vom Sperrmüll zu stammen schien. Ein Wasserhahn tropfte, zwei Kochplatten setzten Rost an. An den Wänden der Bruchbude waren Stockflecken, zum Teil verdeckt von Postern – Werbeplakate für einen Laden namens Skin Bizarre: Models in Lack und Latex, Scheinwerfer warfen Lichtreflexe auf eng anliegende Kunsthaut und jede Menge Ringe. Die Frau mit dem meisten Silber in der Haut hatte Ähnlichkeit mit dem blassen Ding, das Zander und Arnie zum geöffneten, gardinenlosen Fenster führte.

Der Rahmen war gesplittert, etwa zwei Zentimeter breite Hebelspuren. Der Einbrecher war über das Dach des Billig-Büdchens gekommen.

Arnie packte das Spurenset aus: Federpinsel, Klebefolien. Er pumpte Rußpulver aus dem Griff in die Federn und begann Glas und Rahmen einzustauben.

Zander wusste, dass es nichts bringen würde. Ein beschissener Einbruch in eine noch beschissenere Wohnung. Und dafür mussten zwei Beamte Beflissenheit vortäuschen und Berichte schreiben, die niemand lesen würde.

»Fehlt etwas?«, fragte er.

»Wäsche.«

»Wie bitte?«

»Ich hatte ein Mieder aus Latex. Das fehlt. Und zwei Slips. Spezielle Slips.«

»Verstehe«, sagte Zander mit Blick auf das Poster.

Das Mädchen zeigte auf Kisten, die als Schrankersatz dienten – von ihrem Platz unter dem Bett hervorgezogen und durchwühlt. Zander erkannte BHs, weiße Spitze, rosa Billighöschen. Der Dieb hatte es auf Gummikram abgesehen.

Über ihm waren Schritte zu hören, Radiomusik – unwillkürlich hob Zander den Kopf und starrte auf braune Ränder und abblätternden Putz. Wieder dachte er an seine Tochter, die sich neuerdings eine eigene Bude wünschte. Niemals würde er Pia in solch einem Loch wohnen lassen.

Die Kundin sagte: »Ich hab extra nichts verändert. Wegen der Spuren.«

»Fein.«

»Seltsam, dass sie den Fernseher dagelassen haben.«

Jedes Opfer glaubte, dass es mehrere Täter waren. Und alle hielten ihren Fernseher für das wertvollste Stück – als interessierten sich Einbrecher für alte Kisten, deren Helligkeitsregler man bis zum Anschlag aufdrehen musste, um noch ein Bild zu erkennen.

»Geld, Schmuck?«

»Alles noch da.« Das Mädchen zog eine Schublade auf und entnahm eine mit Samt ausgekleidete Schatulle: antike Klunker, Ringe, Ohrstecker, ein Amulett. Zander dachte an Schmiedinger, der sein Partner war, wenn es um Nebengeschäfte ging – der Alte würde auf den ersten Blick wissen, ob die Steine echt waren.

»Hübsche Sachen«, sagte Zander.

»Hat mir meine Ma hinterlassen.«

»Haben Sie einen Verdacht, wer es auf Ihre Höschen abgesehen hat? Ein aufdringlicher Verehrer vielleicht?«

Sina Dorfmeister riss die Augen noch weiter auf und schüttelte den Kopf. Zander beschloss, nicht weiter zu fragen. Er würde ihr nur Angst machen.

»Ich hab hier so was wie 'ne Hand«, sagte Arnie.

»Ist es eine oder nicht?«

Arnie berührte mit der Nase fast die Scheibe. Er tätschelte das Glas mit den Federn des Pinsels. »Eine komplette linke Hand, würde ich sagen. Aber keine Papillarleisten.«

»Pappi- was?«, fragte das Mädchen.

Zander besah sich die Spur. Der junge Kollege hatte Recht. Keine Rillen zu erkennen.

»Wie kann es so etwas geben?«, fragte Arnie.

»Vielleicht trug er Handschuhe. Was weiß ich.«

Die Dorfmeister sagte: »Die müssen mich beobachtet haben. Die sind genau zu der Zeit eingestiegen, als ich nicht zu Hause war.«

Na klar, dachte Zander. Jeder glaubt, dass er beobachtet wurde.

»Womöglich kommen die wieder?«

»Unwahrscheinlich.«

»Es ist ein Scheißgefühl, in der eigenen Wohnung nicht mehr sicher zu sein«, sagte das Mädchen.

»Das gibt sich. Glauben Sie mir.«

»Werden Sie die Täter finden?«

Arnie sah nicht rüber. Er packte das Spurenset ein. Zander notierte, was er für den Bericht benötigte: Name, Adresse, Einstiegsweg, Art und Anzahl der geklauten Slips. Ein Höschendieb – so etwas Verrücktes war Zander in sechsundzwanzig Jahren Polizeidienst nicht begegnet.

»Was ist an dem Gummikram eigentlich so besonders?«, fragte er.

»Latex trägt sich wie eine zweite Haut. Sie nehmen Temperaturen ganz anders wahr. Sie bekommen ein ganz anderes Gefühl zu Ihrer Umwelt.«

»Brauch ich nicht. Du, Arnie?«

Haffke drückte das Fenster zu. Es hielt nicht.

Die Kleine sagte: »Wollen Sie nicht auch noch den Rest der Wohnung auf Spuren untersuchen? Ich hab extra nichts angefasst.«

Zander sagte: »Ich glaube nicht, dass es hier weitere Spuren gibt. Wenn wir einen Einbrecher schnappen, der Ihr Mieder oder Ihre Höschen hat, bekommen Sie Bescheid, Frau Dorfmeister.«

»Ich kann Ihnen eine Beschreibung der gestohlenen Sachen geben.«

Kleinscheiß. Die Kripokollegen in der Festung würden sich damit niemals abgeben. Zander hatte Hunger. Er sagte: »Ach ja. Das nimmt dann mein Kollege entgegen.«

Haffke hatte keine Einwände. Zander wusste, dass sein Partner die Gelegenheit nutzen würde, die Mieterin nach Kontakten zur Drogenszene zu befragen. Kein Kleindealer, den er nicht hopsnahm, keine Fixerin, die Arnie nicht belaberte, den Entzug zu probieren.

 

Die Pommes waren, wie sie sein sollten: heiß und fettig. Zander hatte die halbe Portion intus, als Arnie aus dem Haus kam.

Zander fragte: »Wo bleibst du so lange? Du hast sie doch nicht etwa gevögelt?«

»Ich wette, die Kleine kokst«, erwiderte Haffke.

»Vergiss es.«

»Wir sollten uns vielleicht umhören, ob die anderen in der Einsatzkommission ähnliche Fälle haben«, sagte Arnie.

»Hältst du das für einen Fall? Ein Latexfummel und zwei Höschen? Jetzt versteh ich, warum sie dich bei der Drogenfahndung nicht mehr wollten. Du verzettelst deine Kräfte, mein Junge.«

»Der Täter muss ganz schön schräg veranlagt sein. Ich meine, auf sexuellem Gebiet.«

»Passt zu dem Mädel. Sind dir die Poster aufgefallen?«

»Sie sagt, sie jobbt als Model für so 'n Laden, der diese Fetischmode schneidert.«

»Eben. Schräg veranlagt.«

»Irgendwie tut mir die Kleine Leid.«

»An einem Magneten darf die nicht vorbeigehen.«

»Du alter Spießer. Das hat heute jeder. Ich hätt mir selber mal fast 'n Piercing machen lassen. Das war, als ich das Tattoo bekam. Willste mal sehen?« Haffke drehte sich zur Seite und zerrte am Hosenbund.

»Nee, lass mal.«

»Ein roter Drache.«

»Schon gut, wirklich.« Zander fühlte sich in seiner Meinung bestätigt. Einen wie Arnie würde er niemals auch nur in Pias Nähe lassen.

Haffke stibitzte ein Stück Pommes von Zanders Pappschale und fragte: »Und was hat Bernhard mitgekriegt?«

Zander brauchte eine Sekunde, bis er kapierte, dass Arnie den Besitzer von Bernhards Billig-Büdchen meinte. »Es muss gestern nach zweiundzwanzig Uhr gewesen sein. Sonst hätte er's gehört. Sagt er.«

»Zwischen zwei zwohundert und null sechshundert also.« Arnie hatte neulich einen amerikanischen Militärfilm im Kino gesehen. Er nickte, als würde er über Schlussfolgerungen nachdenken. Dann klaute er sich eine weitere Pommes. »Sie ist mächtig stolz auf die Fotos. Ich glaub, sie hat das Zeug dazu.«

»Wozu?«

»Mit ihrer Figur Geld zu verdienen.«

»Auf dem Strich vielleicht. Vergiss die Kleine.« Zander zerknüllte die leere Pappschale und leckte sich die Finger ab. »Hat dir eigentlich schon mal jemand gesagt, dass du aussiehst wie ein beschissener Bademeister?«

»Ja, Padre. Du. Jeden Tag.«

 

 

MEMO

 

von: HK Bertram Adomeit, Kommandoführer 1. SEK

an: PR Markus Enders, Leiter Führungsstelle Spezialeinheiten

Betr.: PK Leonid Köster, Gruppenbeamter 1. SEK

Datum: Freitag, 28. Juli

 

Markus,

ich teile deine Auffassung, dass jeder Angehörige eines Spezialeinsatzkommandos stets in Topform zu sein hat, damit er im Ernstfall einer Reallage wie ein Teil eines Räderwerks funktioniert. Dazu gehört auch die Treffsicherheit. Es ist richtig, dass Leo Köster den Leistungstest am Donnerstag nicht bestanden und bei zwei vorangegangenen Schießübungen gefehlt hat.

Die Notwendigkeit, der Nummer eins meiner Gruppe deshalb einen anderen Platz im Kommando zuzuweisen, sehe ich jedoch nicht. Leo Köster verfügt über fünfzehnjährige SEK-Erfahrung. Er hat sich als enorm stresssicher erwiesen und kann sich wie kein anderer flexibel auf geänderte Situationen einstellen. Seine Belastbarkeit ist selbst für einen SEK-Mann weit über dem Durchschnitt. Im landesweiten Vergleich schnitt er bislang stets als einer der besten Schützen ab.

Für sein Fehlen bei zwei Übungen hatte er eine Entschuldigung (Termine bei Anwalt und Jugendamt bzw. Gericht). Sein schlechtes Abschneiden beim jüngsten Test liegt in der Anspannung aufgrund privater Umstände (Scheidungsverfahren gerade abgeschlossen) begründet. Da dies von vorübergehender Natur ist, finde ich darin keinen Grund zur Besorgnis.

Die Gemeinschaft des Kommandos und der Zusammenhalt der Kollegen sind m. E. besser als jede Familie geeignet, in Krisensituationen Halt und Geborgenheit zu bieten. Ich gehe deshalb davon aus, dass es Köster rasch wieder gelingen wird, mit voller Konzentration zu arbeiten.

In der nächsten Woche werden wir den Leistungstest wiederholen.

Gruß, Bertram Adomeit

 

 

3.

 

Als der Anruf kam, saß Ela Bach im Bikini auf dem Balkon ihrer Wohnung und lackierte die Zehennägel. In der Kastanie, die den Hinterhof beschattete, zeterten die Stare, der Geruch eines Grillfeuers stieg in Elas Nase. Hinter den gegenüberliegenden Dächern ragten die Wahrzeichen der Rheinfront auf: Fernmeldeturm, Geminag-Hochhaus, Lamberti, der neue Glasturm der Victoria. Darüber gab es nur noch flirrenden Dunst, der eine warme Abendbrise ankündigte.

Das Diensthandy schrillte – eine elektronische Variante der Kleinen Nachtmusik – und Ela wusste, dass es für sie mit der Sonntagsruhe vorbei war. Sie sah auf die Uhr: zehn Minuten vor sechs.

Rasch strich sie mit dem kleinen Pinsel über die letzten zwei Nägel, dann lief sie ins Zimmer. Auf dem Klappstuhl neben dem Bett türmte sich ein Klamottenhaufen, daraus zog sie das Mobiltelefon hervor und würgte die Tonfolge mit einem Knopfdruck ab.

»Bach.«

»Ritter, K-Wache«, meldete sich eine männliche Stimme, die ihr bekannt vorkam. »Sprech ich mit der Mordbereitschaft?«

Ela ging in die Küche und versuchte, sich den Kerl vorzustellen, der zu der Stimme gehörte. »Was gibt's?«, fragte sie und drückte mit der freien Hand eine Carotin-Tablette aus der Folie. Wenn sie sich schon nicht sonnen konnte, wollte sie wenigstens auf diese Art braun werden.

»Wir haben hier 'ne tote Oma. Der Wohnungsinhaber sagt, er kennt sie nicht. Er sagt, sie klingelte, kam rein und kippte um. Die Sache kommt uns seltsam vor. Der Tünnes ist verletzt. Er sagt, er hat sich gestoßen.«

»Und der Arzt?« Sie ging zurück ins Schlafzimmer. Das Mineralwasser, mit dem sie die Tablette hinunterspülen wollte, stand neben dem Bett.

»Will sich wie immer nicht festlegen. Anzeichen von Fremdeinwirkung sind auf den ersten Blick nicht feststellbar.«

»Bei der Oma.«

»Ja.«

Sie nahm einen Schluck. Lauwarm. »Was ist mit dem Wohnungsinhaber?«

»Blutet aus der Nase wie ein Schwein. Sagt, er sei gegen die Glastür gelaufen. Kann sein, kann auch nicht sein.«

»Okay. Der Typ soll sich nicht von der Stelle rühren.« Sie ließ sich Namen und Adresse nennen und notierte alles am Rand eines Katalogs für Studienreisen, die sie sowieso nie antreten würde. Dann drückte sie die Nummer von Thilos Diensthandy.

»Becker.« Etwas Lateinamerikanisches schmeichelte im Hintergrund. Bossa Nova, ein alter Ohrwurm.

»Gib deinem Mädel einen Abschiedskuss und schwing dich ins Auto.«

»Was?«

»Frag nicht so dumm. Wir treffen uns bei mir.«

»Hast du endlich meine Gebete erhört?«

»Idiot.«

Ela bückte sich nach der Decke, die vom Bett hing – Nagellackflecken. Sie verfluchte ihre Angewohnheit, beim Telefonieren umherzulaufen. Sie wollte nicht auch noch ihre Jeans versauen, entschied sich für Shorts und stieg in leichte Sandalen. Sie wühlte im Klamottenhaufen und wählte ein weites, schwarzes T-Shirt. Der Sommer war mit dreiunddreißig Grad Celsius in Hochform. Ela riss die Seite mit der Adresse aus dem Katalog und sammelte ihre Utensilien ein: Handy, Zigaretten, das Holster mit der P6, der kleine Rucksack aus schwarzem Leder, in dem sie alles verstaute.

Sie wartete im Schatten des Hauseingangs. Es dauerte keine fünf Minuten. Fiat Barchetta, offenes Verdeck. Auf der Fahrerseite saß Thilo Becker und starrte auf ihre Füße.

Ela umrundete das Auto und stieg ein. »Zooviertel. Faunastraße neun, der Name ist Larue«, sagte sie und stopfte die Katalogseite in die Ablage.

Thilo bog in die Kaiserstraße und beschleunigte in nördlicher Richtung. Seine blonden Locken wirkten, als hätten sie nie einen Kamm gesehen.

»Ich muss gerade an meine erste Freundin denken«, sagte er.

»Und?«

»Auf grüne Zehennägel fahr ich ab. Ich kann nicht anders. Sie hatte auch manchmal welche.«

»Lass den Scheiß.«

Thilo bog in die Kleverstraße und gab Gas. »Grün«, stöhnte er. »Aaah, gib's mir, Baby!«

Die Straße war frei, halb Düsseldorf verbrachte die Ferienwochen in Holland oder auf Ibiza. Ela genoss den warmen Fahrtwind. Dass der Notarzt keine natürliche Todesursache bescheinigt hatte, besagte gar nichts – sie war noch keinem Arzt begegnet, der sich festgelegt hätte, ohne die Verstorbene gekannt zu haben. Fünfundneunzig Prozent aller Fälle, zu denen die Polizei hinausfuhr, erwiesen sich nach Leichenbesichtigung und Rücksprache mit Hausarzt und Angehörigen als natürlicher Tod. ›Toter Vogel‹ nannten die Leute der K-Wache solche Fälle und behelligten die Mordbereitschaft in aller Regel nicht damit.

Etwas Papierkram, und in einer Stunde würde Ela wieder auf ihrem Balkon sitzen und in der Abendsonne Weißwein schlürfen.

Das Handy spielte Mozart, noch im ersten Takt erwischte Ela die richtige Taste. Kollege Ritter live vom Tatort. Er hatte die Leiche identifiziert: Es war die Nachbarin des Wohnungsinhabers. Sie hatte sich Zutaten für einen Kuchen borgen wollen. Sie war in Stress wegen des bevorstehenden Besuchs ihrer Kinder und sie war herzkrank gewesen.

Ein toter Vogel.

»Wir könnten die Schreiberei für euch erledigen, aber ich fürchte, die nächste Sache wartet schon auf uns«, sagte die Stimme im Handy.

Das Cabrio hatte das Eisstadion passiert. Brehmplatz. Thilo setzte den Blinker nach links.

»Lasst mal, wir sind gleich da«, sagte Ela.

Thilo fragte: »Ist die Oma wieder aufgestanden?«

»Nein. Vermutlich Herzschlag. Wir machen die Leichenschau und du kannst wieder zu deinem Mädchen. Den Hausarzt besuchen wir morgen.«

Thilo ließ das Cabrio auf der Faunastraße ausrollen. Er schenkte Ela einen Seitenblick. »Wann läuft dein Film?«

Vor drei Wochen hatte ein WDR-Team sie einen Tag lang bei der Arbeit begleitet. Eine Reportage über Frauen bei der Polizei – die Reporterin war jung, gut aussehend und wusste, was sie wollte. Es hatte Ela Spaß gemacht – an Kamera und Mikrofon hatte sie sich rasch gewöhnt.

»Es ist nicht mein Film. Keine Ahnung, wann sie ihn senden.«

»Ein paar Kollegen sind jetzt schon neidisch.«

»Sollen sie doch.«

»Es sind Gerüchte über dich in Umlauf.«

»Wegen des Films?«

»Nein, wegen Engel. Weil er dich protegiert.«

»Tut er das?«

»Es heißt, du gingst mit dem Langen ins Bett.«

»Mit Engel? Wer behauptet so einen Scheiß?«

Der Blondschopf antwortete nicht. Er zog den Schlüssel ab.

Ela fragte: »Gerres?«

»Nur so ein Gerücht. Aber dass der Lange dich gern als seine Nachfolgerin hätte, wenn er zur Führungsakademie geht, ist offensichtlich.«

»Davon weiß ich nichts.«

»Echt nicht?«

Jetzt schwieg Ela.

Thilo sagte: »Seit der Kannibalensache bist du der Liebling der Obermuftis. Das ist Tatsache.«

»Wie kommst du darauf?«

»Du warst die große Heldin, hast all die Scheiße ohne Knacks überlebt. Sogar im Krankenhausbett hast du eine gute Figur gemacht. Der Lange hat einen Narren an dir gefressen. Und jetzt auch noch dieser Film.«

»Klar, das kommt daher, weil ich mit allen ins Bett gehe. Mit Engel, mit den Obermuftis bis rauf zum Präsidenten und mit der Redakteurin vom WDR dazu.«

»Hey, von mir stammt das Gerücht nicht. Ich fänd's prima, wenn du Chefin werden würdest.«

Ela kletterte aus dem Auto. Ja, sie rechnete sich Chancen aus, Engels Nachfolgerin als Dienststellenleiterin des KK 11 zu werden. Es hieß, dass die Behördenleitung den frei werdenden Posten mit einer Frau besetzen wollte, und Ela fand, dass es höchste Zeit dafür war.

Becker schloss den Wagen ab. »Da ist übrigens kein Mädchen bei mir zu Hause.«

Ela suchte die Hausnummer neun.

Sie wusste, dass es der Behördenleitung nicht um sie persönlich ging, sondern um die Erfüllung politischer Vorgaben: die Frauenquote in Führungspositionen des öffentlichen Dienstes. Vor einer Woche hatte Engel erklärt, dass er zum ersten September zur Führungsakademie nach Münster-Hiltrup gehen würde. Seitdem war die Stimmung unter den zwei Dutzend Beamten des KK 11 vergiftet. Konkurrenzkämpfe. Ela sah sich zunehmend angefeindet – es gab Männer, die weit länger dabei waren und sich etwas auf ihren angeblichen Erfahrungsvorsprung einbildeten.

Sie dachte an den Kannibalenfall vor zwei Jahren. Ela Bach, die Heldin – natürlich hatten die Obermuftis diese Legende nur deshalb in die Welt gesetzt, um sich mit der jungen Kriminaloberkommissarin schmücken zu können.

Ob Thilo Becker sie tatsächlich unterstützte oder sich nur einschleimen wollte, war ihr egal. Letztlich musste sie es ohnehin aus eigener Kraft schaffen. Und die war nicht grenzenlos.

All die Scheiße ohne Knacks überlebt – schön wär's.

Sie traten in die Kühle eines herrschaftlichen Jugendstilhauses. Stuckwappen an der Wand, ein goldgerahmter Spiegel. Ela ignorierte den Aufzug – sie wussten nicht, in welchem Stockwerk der Tatort war. Auf einem von Messingstangen gehaltenen roten Teppich stiegen sie die Treppe hoch.

Ein Mann um die vierzig wartete auf dem zweiten Absatz. Ela erkannte ihn jetzt. Mit K-Wachen-Ritter hatte sie sich auf dem letzten Sommerfest über Nebenjobs unterhalten – er spekulierte mit Aktien und makelte Immobilien, während sie die Überstunden schneller auftürmte, als sie sie abfeiern konnte. Mit seinem Schnauzbart wirkte er wie eine Billigausgabe von Magnum – aber er war nicht unattraktiv. Sein bunt kariertes Hemd hing lässig über den Hosenbund, nur notdürftig das Holster einer Pistole kaschierend. Er blickte auf ihre nackten Beine, ohne zu erkennen zu geben, was er von ihnen hielt.

»Mordbereitschaft«, grüßte Thilo. »Wo liegt der tote Vogel?«

Ritter fragte Ela: »Wie geht's dir?«

Sie ging nicht darauf ein. »Hier drin?«

»Ja. Tragische Geschichte.«

Der Kollege hielt die Tür auf. Die Leiche lag auf dem Parkett der weiträumigen Diele, eine zierliche, weißhaarige Frau. Bauchlage, Kopf nach rechts gedreht, linker Arm angewinkelt. Sie trug einen tannengrünen Hosenanzug aus einem Stoff, der wie Seide wirkte, Goldkettchen an Hals und linkem Handgelenk, an den Füßen Pantoffeln. Ritter überreichte Ela den Bericht des Notarztes und drei Polaroids, die den Fundort dokumentierten.

Ein korpulenter, alter Herr im Rollstuhl hatte der Toten den Rücken zugewandt und starrte an die Wand, als würde er die Kohlezeichnungen studieren, die neben der Garderobe hingen.

»Larue?«, fragte Ela.

»Nein«, sagte Ritter. »Anton Niehaus, der Nachbar von gegenüber. Nachdem wir euch verständigt hatten, hat er geklingelt, weil er nachschauen wollte, wo seine Frau bleibt.«

Der alte Mann drehte sich zu Ela. Dicke Brillengläser verstärkten das Knopfige seiner Augen. »Morgen ist ihr Geburtstag. Sie war ganz aus dem Häuschen, wegen der Kinder. Ich sagte, sie sollen im Hotel schlafen und essen können wir im Restaurant, aber Klara wollte das nicht. Die ganze Arbeit. Filet Wellington, Aprikosentorte, dabei ist es dafür doch viel zu heiß.«

»Die Fundortaufnahme hab ich schon gemacht«, sagte Ritter. »Habt ihr morgen früh auf dem Tisch.«

Niehaus sagte: »Sie wollte sich nur rasch ein Ei borgen.«

»Larue ist dort drinnen.«

Durch die Glastür, die zum lichtdurchfluteten Wohnzimmer führte, sah Ela einen Mann auf einem orangefarbenen Sofa sitzen. Ritters Kollege war bei ihm und tippte etwas in einen Laptop, den er auf den Knien hielt. Aus dem hinteren Teil der Wohnung drang ein Rauschen wie von einer Dusche.

Ritter sagte: »Die Bestatter müssten gleich da sein.«

Der Rollstuhlfahrer ruckte an den Rädern. Fast wäre er gegen die Leiche gefahren.

»Duscht da jemand?«, fragte Ela.

»Larues Frau. Das geht schon so, seit wir da sind. Wir konnten ihre Aussage noch nicht aufnehmen.«

»Wir kümmern uns darum.«

Es klingelte, Ritter sah auf den Monitor der Sprechanlage und drückte den Knopf, um die Haustür zu öffnen. Sein Kollege kam aus dem Wohnzimmer, den zusammengeklappten Laptop unter dem Arm.

»Was ist Larue für ein Typ?«, fragte Ela.

»Vorname Christoph, geboren 1962 in Remscheid. Beruf Mediaplaner, frag mich nicht, was das ist. Er und seine Frau Verena wohnen erst seit ein paar Tagen hier. Deshalb hat er die Nachbarin nicht erkannt.«

Die beiden Bestatter betraten die Wohnung, trotz der Hitze im dunkelblauen Anzug – ein wenig rochen sie nach Schweiß. Sie quittierten das Ambiente mit anerkennendem Nicken, legten die Trage ab und öffneten den Reißverschluss des Leichensacks. Das Geräusch erinnerte Ela an Campingurlaube längst vergangener Jahre.

Der Alte im Rollstuhl wurde laut. »Ich will, dass sie bei mir bleibt!«

Thilo und die K-Wachen-Kollegen versuchten, ihn zu beruhigen.

Ela ging durch die offen stehende Glastür – keine Blutspuren an der Scheibe. Larue erhob sich vom Sofa.

»Bach, Kriminalpolizei«, sagte sie.

»Scheußliche Sache, so seine neuen Nachbarn kennen zu lernen«, antwortete der Wohnungsinhaber.

Er war nicht größer als Ela, schlank und drahtig. Seine Nase war rot und geschwollen, der Notarzt hatte ihm Watte hineingestopft. Ela registrierte teure Freizeitkleidung: T-Shirt von Versace, weit geschnittene Hose, beides in Schwarz. Lederslipper, keine Socken.

Sie fragte: »Haben Sie der Aussage, die Sie gegenüber meinen Kollegen gemacht haben, noch etwas hinzuzufügen?«

»Nein.«

»Ich würde gern mit Ihrer Frau sprechen.«

»Das ist wirklich nicht nötig.«

Ela blickte sich um. Die Bestatter trugen die Leiche weg, Thilo schob den Witwer in dessen Wohnung zurück. Die K-Wachen-Kollegen hatten inzwischen den Abgang gemacht.

Unvermindert rauschte die Dusche.

Ela ging auf die Türen am Ende des Raums zu.

»Das ist völlig überflüssig«, sagte Larue. »Verena hat den Tod der Nachbarin gar nicht mitbekommen.«

Die eine führte in die Küche. Ela stutzte: geöffnete Hängeschränke, Terrakottafliesen mit Glasscherben übersät. Überall war weißes Pulver verstreut – auf dem Boden, in der Spüle, auf den Arbeitsflächen, mindestens ein Kilo Mehl oder Salz, schätzte Ela. Der Rest schien unversehrt, Regale mit Gewürzen, auf einem Sims antike Flaschen. Mitten im Raum stand der Herd, blitzblank, als wäre er noch nie benutzt worden. Darüber eine Abzugshaube in futuristischem Design.

Ela ging in die Hocke, tippte in die weißen Kristalle und kostete: Zucker.

Hinter der anderen Tür führte ein Flur zum Schlafzimmer. Durch Glasbausteine drang Tageslicht, rechts gingen weitere Türen ab: Gäste-WC, Abstellkammer. Larue lief Ela nach. »Verena war gar nicht …«

Als Ela die nächste Tür öffnete, schlug ihr Dampf entgegen. »Frau Larue?«

Durch den Nebel erkannte sie eine gläserne Duschkabine. Der Wasserstrahl schlug auf eine nackte Gestalt, die auf dem Boden kauerte, die Knie mit beiden Armen gegen den Körper gepresst.

Larue stand hinter Ela und sagte nichts.

Sie schob die Kabinenwand zur Seite und stellte das Wasser ab. Verena Larue zuckte zurück, drängte sich gegen die Wandfliesen wie ein angeschossenes Reh. Ela erkannte Blutergüsse an Armen, Beinen und im Gesicht der Frau – ihre Oberlippe war aufgeplatzt.

»Ein Handtuch«, forderte Ela.

Larue reichte es ihr. Sie gab es an die Frau weiter, die zögernd aufstand und es vor ihren Leib drückte. Sie war sehr schlank, fast wie magersüchtig. Mit ihrem langen, nassen Haar und dem verschmierten Lidstrich wirkte sie wie ein Mädchen.

Etwa fünfzehn Jahre jünger als ihr Mann, schätzte Ela. »Ich bin Polizistin«, sagte sie. »Keine Angst.«

Thilo betrat das Badezimmer. Ela wartete, bis er zu begreifen schien, dann schickte sie die Männer hinaus und schloss die Tür.

»Verena?«

Die Frau nickte, ohne Anstalten zu machen, sich abzutrocknen. Auf dem Frotteeteppich lag Wäsche. Ein zerrissenes T-Shirt. Die Flecken auf dem Slip stammten von Blut und waren frisch.

Verena Larue tastete mit der Zunge nach der geplatzten Lippe.

Ela entdeckte einen Bademantel, schlang ihn um die junge Frau und nahm sie in den Arm.

»Wollen Sie mir erzählen, was vorgefallen ist?«

Die Frau begann zu zittern.

Kein toter Vogel.

 

Als Ela zurück ins Wohnzimmer kam, kritzelte Thilo in sein Notizbuch. Christoph Larue saß in dem orangefarbenen Sofa und starrte hinaus ins Grüne. Wenn das eine Befragung war, dann verlief sie nur stockend.

Ela musterte die Einrichtung. Wenige Möbel, die meisten wirkten fabrikneu. Eine Stehlampe, deren Schirm wie eine zerknitterte Tüte wirkte, daneben eine Plastik aus altem Holz und Nägeln. An den Wänden weitere Zeichnungen von der Art, wie sie in der Diele hingen.

Auf dem Teppich waren Flecken – Ela hatte das Gefühl, überall Blut zu sehen.

Sie wandte sich an ihren Kollegen: »Was hat er gesagt?«

»Zwei unbekannte Täter, der eine hatte eine Handfeuerwaffe, Pistole oder Revolver, der andere so etwas wie eine abgesägte Flinte. Sie wollten Geld, und weil nicht genug im Haus war, haben sie ihre Wut an der Frau ausgelassen.«

»Sie trugen so 'ne Art Motorradkappen«, erklärte Larue. »Schwarzer Wollstoff.«

Ela fuhr ihn an: »Warum haben Sie uns das nicht gleich gesagt?«

»Verena wollte das nicht.«

Ela atmete tief durch. Die Aussage der Frau: Mein Mann meinte, das wäre zwecklos. Die Polizei würde die Einbrecher ohnehin niemals schnappen. Als ginge es hier nur um einen Wohnungseinbruch.

Das Chaos in der Küche fiel ihr ein. »Bewahren Sie Ihr Geld im Zuckerbehälter auf?«

»Ja, das Haushaltsgeld.«

»Und wie war das mit Ihrer Nachbarin?«

»Als es klingelte, hauten die beiden ab und rannten die alte Frau fast über den Haufen. Sie machte noch ein paar Schritte in den Flur hinein und …« Larue machte eine unbestimmte Geste mit der Rechten.

Ela zog Blondschopf Becker hinaus in den Flur. Sie verschloss die Glastür, durch die Scheibe behielt sie Larue im Auge. Auf dem Diensthandy wählte sie die Nummer der Leitstelle, nannte das Codewort der Woche für die Personenüberprüfung und gab die Namen des Mediaplaners und seiner jungen Frau durch. Dann verständigte sie den Bereitschaftsdienst der Spurensicherung.

Zu Thilo sagte sie: »Verstehst du den Kerl? Zuerst behauptet er, seine Frau hätte nichts mitbekommen, und dann stellt sich heraus, dass sie vergewaltigt wurde.«

»Sie wollte es nicht anzeigen.«

»Ach was, dieser Arsch hätte es anzeigen müssen

»Reg dich nicht so auf, Ela.«

»Erzähl mir nicht, worüber ich mich aufregen soll! Du gehst jetzt rein und lässt dir von ihm noch mal den genauen Hergang erzählen. Vielleicht kann er uns auf eine Spur bringen.«

»Hör mal …«

»Unterbrich ihn nicht, auch wenn er weitschweifig wird. Nachbohren lohnt sich nicht, verstehst du?«

»Ela, ich bin kein Anfänger.«

»Frag die Details erst ab, wenn er mit seiner Erzählung fertig ist. Merk dir die Stellen, bei denen er nervös oder angespannt wirkt. Bestell ihn für morgen in die Festung, damit er das Protokoll unterzeichnet. Wenn die Erkennungsdienstler da sind, machst du dich an die Befragung der Nachbarn.«

»Liebste Kollegin, für Sexualdelikte ist bekanntlich das KK 12 zuständig. Und Raub macht das KK 31, falls du's vergessen hast.«

»Es ist Sonntag, 18.42 Uhr. Bis morgen um acht ist das unsere Sache.«

»Pass bloß auf, dass dir der Ehrgeiz nicht aus den Ohren fließt.«

Das Handy schrillte – die Leitstelle. Die Larues hatten sich noch nicht umgemeldet, die alte Adresse war die Krahkampstraße in Volmerswerth. Ihnen gehörten ein Porsche und eine Limousine Marke Jaguar. Autofreaks. Gegen das Paar lag nichts vor: keine Vorstrafen, keine Ordnungswidrigkeiten.

Verena Larue kam ins Wohnzimmer, eine Reisetasche in der Hand. Die junge Frau hatte frische Sachen angezogen. Langer Rock, Strümpfe, Bluse, eine Jacke – zu viel für den Sommerabend. Die Eheleute wahrten Distanz. Kein Versuch, Trost zu empfangen oder zu geben.

Ela öffnete die Glastür. Die junge Frau kam ihr entgegen.

»Wo willst du hin, Verena?«, fragte Larue.

Ela lieh sich Thilos Autoschlüssel und sagte: »Ins Krankenhaus.«

»Muss das sein?«

Auf dem Weg zur Klinik glaubte Ela zu spüren, dass Verena froh war wegzukommen. Ihr neues Zuhause – seit diesem Sonntagnachmittag der Ort des größten Schreckens ihres Lebens.

 

 

4.

 

»Warum heiratet sie ihn nicht?«, fragte Leo den Kurzen.

Dani biss vom Hamburger, ließ Ketchup vom Kinn tropfen und antwortete mit vollem Mund: »Thomas hat auch eine Ex. Er muss sein ganzes Geld für sie ausgeben. Er sagt, er kann Mama nicht heiraten, weil wir auf deine Kohle angewiesen sind. Deswegen.«

»Das nennt man Teufelskreis.«

»Was?«

»Eine Katze, die sich in den Schwanz beißt.«

Eine Gruppe lärmender Teenies zog vorbei. Am Nachbartisch saßen zwei Frauen und unterhielten sich angeregt über ihren Milchshakes. Sie trugen Jeans und bunte Tops und hatten beide schulterlanges Haar. Leo schätzte sie auf Anfang zwanzig.

Dani fragte: »Gehen wir nächsten Sonntag wieder zu den Pinguinen?«

»Wenn das Wetter wie heute ist, sollten wir ins Freibad gehen.«

Die Teenies standen am Tresen an, Leo fiel auf, dass fast alle Zigaretten pafften.

Sein Blick schweifte wieder zu den Frauen am Tisch nebenan. Die ihm den Rücken zuwandte, war dunkelblond mit hellen Strähnchen. Die andere, honigfarbene, gestikulierte mit der Rechten, die ebenfalls eine Zigarette hielt. Sie strich sich eine Strähne aus der Stirn. Ein Muttermal unter dem linken Auge. Ein Gesicht, das keinem gängigen Schönheitsideal entsprach, aber Leo sah nicht mehr weg, bis sie für einen Moment seinen Blick erwiderte.

»Oder wir paddeln auf dem Unterbacher See«, sagte er zu Dani. »Wie Lederstrumpf und der letzte Mohikaner.«

Er verstand seinen Sohn nicht. Statt sich selbst zu bewegen, beobachtete der Junge lieber die Robben und Pinguine, die ihre Bahnen durchs Betonbecken zogen. Für sein Alter war der Kurze viel zu schmächtig.

»Auf'm See war ich neulich mit Thomas«, sagte Dani. »Thomas ist ein Stinner.«

»Was?«

»Er arbeitet in einem Büro.«

»Du meinst Stino.«

»Du sagst doch immer, wer ins Büro geht, ist ein Stinner.«

»Stino. Stinknormal.«

»Ich möchte mal kein Stinner werden.« Sein Sohn trank lange von der Cola. Sein Schlucken war laut, als würde etwas in seiner Kehle umknicken. Als er das Glas abstellte, war noch fast genauso viel drin wie vorher.

Leo sah hinüber zu der Blonden und war sich sicher, dass sie ebenso wenig auf Stinos stand.

Dani fragte: »Hast du heute Bereitschaft?«

»Nein.«

»Warum darf ich dann nicht bei dir übernachten?«

»Dani, du weißt, dass es nicht geht. Deine Mama will das nicht.«

Leo beschloss, auch am nächsten Sonntag zu tun, was Dani wollte. Acht Stunden Besuchsrecht pro Woche – er konnte froh sein, dass der Kurze ihn noch Papa nannte. Also wieder Aquazoo.

Ein Blick aufs Handgelenk: sieben Uhr. Jeden Moment würde Brigitte oder ihr Freund vor dem McDonald's-Schuppen aufkreuzen. Leo spähte durch die Scheiben: nur ein paar Passanten, kein weißer GTI in Sicht. Er überlegte. Wenn Thomas den Kurzen abholte, würde das bedeuten, dass Brigitte zu Ollis Geburtstagsfeier ging.

Sein Sohn malte mit einem Pommesstück Ketchupkreise aufs Tablett. Für Leos Geschmack zu laut sagte er: »Mama hat einen an der Waffel.«

Das Mädchen am Nachbartisch sah herüber und lächelte.

Leo spürte, wie sein Puls schneller ging. Er fuhr seinem Sohn zärtlich durch das verschwitzte Haar. »Das darfst du nicht sagen, Dani. Sonst behauptet sie wieder, ich hätte dir das eingeredet.«

»Aber du hast doch selber gesagt, dass sie einen an der Waffel hat.«

Leo griff nach der klebrigen Hand des Zehnjährigen. Ein aufgewecktes Kind, das trotz der Scheidung in der Schule nicht nachgelassen hatte. Nach den Ferien würde sein Sohn aufs Gymnasium wechseln. Schlechte Noten hatte er nur in Sport – Leo hatte Brigitte gesagt, sie solle Dani bei einem Fußballklub anmelden. Sie hörte nicht auf ihn.

»Papa, du zitterst ja.«

Leo zog seine Hand zurück.

Von draußen war ein kurzes Hupen zu hören. Dani rutschte vom Stuhl und schlang die Arme um den Rucksack mit dem Batman-Zeichen. »Kannst du Thomas nicht erschießen, mit 'nem Präzisionsgewehr?«

Mit der Serviette wischte Leo dem Jungen über das Kinn.

»Nie darf ich fernsehen. Nicht mal Star Trek. Is' nicht korrekt.«

Leo drückte ihn. Ein verletzlicher, kleiner Mensch, kaum Fleisch auf den Rippen. »Denk an die Krokodile. Die lassen sich auch nicht unterkriegen. Korrekt?«

»Korrekt.« Dani schnappte in die Luft, als sei er der gefährlichste aller Alligatoren.

Die Honigblonde blickte wieder herüber. Leo zwinkerte zurück. Möglicherweise galt ihr Lächeln nicht nur dem süßen Jungen.

»Mit dir ist es am schönsten. Mama und Thomas streiten nur.«

Sie wollte einen Stino – jetzt hat sie einen, dachte Leo. Er sagte: »Vergiss nie, dass dein Papa dich lieb hat.«

Der Kurze drückte ihm einen Kuss aus Ketchup und Cola auf die Wange. Ein zweites Hupen. Mein Auto, dachte Leo. Mein Kind.

Er schaute zu, wie Dani hinaustrottete und noch einmal herüberwinkte, bevor er in den Golf GTI stieg. Eine legale Entführung.

Brigitte saß am Steuer.

Ein Schwarzer trat an Leos Tisch und sammelte die Abfälle ein, eine lächerliche Papiermütze auf dem Kopf.

Die beiden Frauen vom Nebentisch waren gegangen.

 

 

5.

 

Vom Krankenhaus aus fuhr Ela mit Thilos Cabrio zum Unigelände. Der Pförtner gab ihr den Schlüsselbund für die Baracke des rechtsmedizinischen Instituts.

Sie schaltete sämtliche Lichter ein und zog die Bahre mit der toten Klara Niehaus aus dem Kühlraum. Die alte Frau war jetzt nackt, Hosenanzug und Wäsche lagen nachlässig gefaltet auf ihren Unterschenkeln.

Dem Fragenkatalog des Formblatts folgend brauchte sie fünf Minuten für die Leichenbeschreibung. An der Hüfte entdeckte sie rote Stellen, die sie als sichtbare Verletzungen interpretieren konnte. Christoph Larues Aussage: Sie rannten die alte Frau fast über den Haufen.

Wenn sie das fast strich, war es ein Tötungsdelikt.

Sie rief den Dienststellenleiter des KK 11 an, ihren direkten Vorgesetzten. Elas Stimme hallte von den weiß gefliesten Wänden wider, als sie ihm den Sachverhalt beschrieb.

»Beruhig dich«, antwortete Benedikt Engel. »Die Alte ist und bleibt ein toter Vogel.«

»Aber die Hämatome an ihrer Hüfte …«

»Kann sie sich zugezogen haben, als sie fiel. Die Täter haben geraubt und vergewaltigt. Das ist offensichtlich. Aber Körperverletzung mit Todesfolge wirst du ihnen kaum nachweisen können. So wie du mir den Fall geschildert hast, ist er beim KK 12 in guten Händen.«

»Larue wollte die Sache nicht zur Anzeige bringen. Er wollte nicht, dass seine Frau untersucht wird. Die Sache stinkt. Ich hab das Gefühl, sie gibt ihm irgendwie die Schuld an der Geschichte. Und dann ist da die Sache mit dem Geld.«

»Welche Sache?«