cover.jpg

 

Cover

Impressum

Der Autor

Inhalt

Teil I – Schwarzer Advent

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

11.

12.

13.

14.

15.

16.

17.

18.

Teil II – Katzenjammer

19.

20.

21.

22.

23.

24.

25.

26.

27.

28.

29.

30.

31.

32.

33.

34.

35.

36.

37.

38.

39.

40.

41.

42.

43.

44.

45.

46.

47.

48.

49.

50.

Teil III – Familienbande

51.

52.

53.

54.

55.

56.

57.

58.

59.

60.

61.

62.

63.

64.

65.

66.

67.

68.

69.

70.

71.

72.

Danksagung

 

E-Book © 2014 by GRAFIT Verlag GmbH

Originalausgabe © 1999 by GRAFIT Verlag GmbH

Chemnitzer Str. 31, D-44139 Dortmund

Internet: http://www.grafit.de/

E-Mail: info@grafit.de

Alle Rechte vorbehalten.

Umschlagfoto: kaibieler / photocase.com

eISBN 978-3-89425-169-7

Horst Eckert

 

 

 

Finstere Seelen

 

 

 

Kriminalroman

 

 

 

img1.jpg

Der Autor

 

Horst Eckert, 1959 in Weiden/Oberpfalz geboren, lebt als hauptberuflicher Autor in Düsseldorf. Wie kaum ein Zweiter versteht er es, Spannung mit Tiefgang zu erzeugen, indem er Seelen in all ihren Schattierungen auslotet. Dabei erweist er sich als schonungsloser Chronist unserer Zeit. Davon zeugen zahlreiche Auszeichnungen. Eckerts Romane sind ins Tschechische, Französische und Niederländische übersetzt.

www.horsteckert.de

Teil I

 

 

 

Schwarzer Advent

»Wenn die Nacht anbricht, verlasse ich heimlich das Haus, um ziellos auf den Straßen spazieren zu gehen. Ich liebe es, junge Frauen zu belauern und ihnen von weitem zu folgen. Ich stelle mir vor, sie zu lieben und von ihnen geliebt zu werden, obwohl ich weiß, dass das niemals möglich sein wird. Meine Wahnvorstellung dabei? Die abgetrennten Köpfe der jungen Frauen zu besitzen.«

Der Serienmörder Edmund Emil Kemper bei einer Vernehmung 1991

1.

 

Ein Schauer trieb Thilo und Schalowski unter das schmale Vordach einer Frittenbude. Menschenmassen zwängten sich durch den Weihnachtsmarkt, Streben vorbeischwebender Regenschirme hackten nach Thilos Augen. Heinz Schalowski gab die Bestellung auf, dann entdeckte er die Tauben, die zu seinen Füßen Krümel pickten.

»Welche fliegt eher weg?«

»Wo hast du das denn her?«, fragte Thilo Becker.

»Clint Eastwood, In the Line of Fire. Ich setz auf die Braune, du auf die Weiße. Der Verlierer bezahlt das Essen.«

»Okay.«

Sie hielten still, um das Schicksal nicht zu beeinflussen. Eine Horde holländischer Teenies mit Nikolausmützen zog vorbei. Die Tauben wurden nervös. Als Erstes machte die Weiße die Flatter.

Schalowski hatte mal wieder kein Geld und musste sich die neun Mark für die Krakauer von seinem jungen Kollegen leihen. Thilo biss in die Wurst, Fett spritzte auf seine Hand und er verbrannte sich den Gaumen.

»Jetzt um die Getränke«, schlug Schalli vor. »Der nächste Kunde an dieser Stinkbude. Kerl oder Tussi?«

»Tussi«, sagte Thilo.

Frauen waren in der einkaufswütigen Masse eindeutig die Mehrheit. Tatsächlich: Eine Dame im Pelzmantel bestellte Pommes Rotweiß. Schalowski pumpte sich das Geld für zwei Altbier.

Ein ausgemergelter Junkie trat an die Bude. Offensichtlich kannte er den Frittenverkäufer. Aus einer Plastiktüte zog er ein Autoradio. »Zwanzig Mark?«, fragte er.

Ein Automarder. Thilos und Schalowskis Blicke kreuzten sich. Der Mann in der Bude winkte den Junkie nach hinten und schloss den Handel durch einen Türspalt ab.

Thilo schüttelte den Kopf. »Hast du Lust auf Überstunden? Freitagnachmittag? Ich nicht.«

»Ich auch nicht. Da vorne kommt ein Lieferwagen. Hey, Partner. Um die Summe, die ich dir schulde.«

»Du wirst wieder verlieren.«

»Diesmal nicht. Ich spür's in den Haarwurzeln. Gerade oder ungerade?«

Thilo überlegte kurz – reine Glücksache. »Ungerade.«

Der Junkie stopfte die leere Tüte in die Hosentasche und schob ab. Wahrscheinlich hatte ihn der Frittenverkäufer auf die Hälfte heruntergehandelt. Zehn Mark für ein Radio, das neu fünfhundert gekostet hatte. Und vermutlich war der Schaden am geknackten Auto noch weit höher. Wenn der Junkie Glück hatte, konnte er sich genügend gestrecktes Dreckzeug für einen Schuss kaufen, der drei oder vier Stunden vorhalten würde. Dann war das nächste Fahrzeug fällig. Zweitausend solcher kranken Idioten gab es in Düsseldorf. Solange sie keinen anderen Weg fanden, ihre Sucht zu befriedigen, florierte das Geschäft der Händler schlechten Heroins und guter Autoradios.

Der junge Kommissar sah auf die Uhr. Nur noch eine halbe Stunde bis Schichtende. Die Festnahme des Automarders und seines Hehlers hätte den beiden Beamten der Zivilstreife mindestens drei bis vier Überstunden beschert. Die Ausbeute war auch so ansehnlich genug: vier Taschendiebe im Vorweihnachtsgewühl, ein bekiffter Kleindealer sowie zwei Punks, die sich an der Rolltreppe zur U-Bahn dessen schuldig gemacht hatten, was die Straßenordnung ›Aggressives Betteln‹ nannte.

Alltag beim Einsatztrupp der Altstadtwache.

Bereits nach drei Monaten hatte Thilo Becker einen untrüglichen Blick für Heroinverkäufer entwickelt, für kleinkriminelle Machos mit Schnappmesser in der Jacke, für Nutten, die sich im Sperrbezirk als Hausfrauen tarnten. Nach einem weiteren Vierteljahr hatte er nun die Nase voll vom Einsatz auf der Straße, vom Einsammeln der Verrückten und Gestrandeten, der Verzweifelten und Krawallmacher. Thilo hielt es für möglich, dass der Umgang mit menschlichem Abschaum auf Dauer abfärben würde. Er hatte keine Lust, wie sein älterer Partner Heinz Schalowski zu enden: als Trinker, der zusehends verfettete, als Zyniker, dem sogar das eigene Leben gleichgültig schien.

Thilo wollte möglichst rasch zur ›richtigen Kripo‹. Einen Schreibtisch in der ›Festung‹, wie das Präsidium am Jürgensplatz genannt wurde – für die Beamten, die vor Ort in den Wachen für Verkehrssicherheit, Streifendienst und kleine Kriminalität zuständig waren, hatte diese behördeninterne Bezeichnung den Beiklang von ihr dort drinnen, wir da draußen. Trotz der so genannten ›Strukturreform‹, die vor zwei Jahren den Unterschied zwischen Schutzpolizei und Kripo aufgehoben hatte, zumindest in den Plänen und Organigrammen hoch bezahlter Sesselfurzer.

Der Lieferwagen schob sich durch die Fußgängerzone. Thilo sah das Nummernschild und musste grinsen. Ungerade.

»Nicht mein Tag«, kommentierte Schalowski. »Dafür gibst du mir jetzt noch ein Bier aus.«

»Sag mal, Schalli. Du warst doch früher bei den Mordermittlern. Wie bist du nur zu dieser Scheiße hier gekommen?«

»Hab 'ner Leiche die Uhr abgenommen. Du weißt schon, Spielschulden. Hab gedacht, dem Toten würd's nichts ausmachen. Hab gedacht, keiner würd's merken.«

»Spielerpech.«

»Also, so schlimm, wie du tust, ist der Job in der Altstadtwache auch nicht. Naja, ich versteh schon, dass du weg möchtest von uns rauen Kerls. Karriere machen. Ich war auch mal so drauf. Aber ich brauch das nicht mehr.«

Thilo wischte sich die Hand an einer Papierserviette ab. »Ich hab nur Angst, nie mehr wegzukommen. Welches Kommissariat nimmt schon einen, der aus der Altstadtwache kommt, bei dem Ruf, den unsere Dienststelle hat?«

»Wegen der Pennergeschichte? Ach was. Längst verjährt. Das hat die Presse bloß aufgebauscht. Die Schlägerwache ist eine reine Blitz-Erfindung.«

»Immerhin hat man die Hälfte der Belegschaft gegen unbelastete Neulinge wie mich ausgetauscht.«

Schalli winkte ab. Thilo wusste, dass sein dicker Kumpel nicht gern über die Nacht redete, in der fünf Obdachlose von Kollegen in der Ausnüchterungszelle misshandelt worden waren – zumindest hatten es die Zeitungen so dargestellt. Schalli war nicht dabei gewesen, aber er wusste Bescheid. Er befolgte das Motto des Wachleiters Hanke: dichthalten und die Dinge intern regeln. Wie ihr gemeinsamer Chef die Affäre überstanden hatte, war Thilo ein Rätsel. Hanke musste einflussreiche Freunde haben.

Der Dicke stieß Thilo mit dem Ellbogen an. »Die Nutte da drüben kenn ich doch. Die ist mir noch was schuldig. Hältst du so lange die Stellung? Bin gleich wieder da. Nur mal schnell 'ne Matinee durchziehen.«

»Wenn's sein muss.«

Sein älterer Kollege wechselte die Straßenseite und sprach die Frau an. Thilo konnte auf zehn Meter Entfernung ihre Unruhe ausmachen: die Nervosität einer Drogennutte mit ein paar Briefchen Heroin in der Einkaufstasche. Sicher hätte sie nie im Leben damit gerechnet, auf dem Weihnachtsmarkt an einen Kunden zu geraten. Noch dazu auf einen, der nicht bezahlen würde.

Schalowski und die Nutte steuerten das nächstgelegene Parkhaus an. 'ne Matinee durchziehen – irgendwann würde Schallis Obsession auffliegen, eine der Frauen ihn verpfeifen. Doch Thilos Warnungen schlug der Kollege stets in den Wind. Es mussten Professionelle sein, möglichst während der Dienstzeit. Zu Hause bekam der Dicke keinen hoch.

»Kann ich hier mal telefonieren?«, fragte Thilo den Frittenverkäufer. Der Schürzenträger kramte ein klebriges Handy hervor und reichte es dem jungen Polizisten.

Thilo wählte Schallis Privatnummer.

Antje Schalowski war sofort dran.

»Nachher schon was vor?«, fragte er.

»Eigentlich wollte ich zum Power-Yoga.«

Thilo stellte sich Antjes gut trainierten Körper vor. In engen Gymnastiksachen. Ohne diese Sachen. »Ich weiß was Besseres. In einer Stunde bei mir zu Hause?«

»Ist gut. Was treibt der Dicke?«

Ließ gerade die Hose runter. »Im Einsatz. Harter Tag heute. Will anschließend noch mit ein paar Kollegen in die Kneipe.«

»Habt ihr wieder gewettet?«, fragte sie weiter. »Wie viel schuldet er dir?«

»Wir sind auf zweiunddreißig Mark plus den Hunni, den er sich neulich geliehen hat.«

»Warum lässt du ihn nicht mal gewinnen?«

»Gib ihm lieber sein Taschengeld.«

»Wenn er alles verwettet, bleibt mir nichts anderes übrig, als es ihm zu sperren.«

»Pech im Spiel, Glück in der Liebe.« Thilo stellte sich für einen Moment die Drogennutte vor, wie sie vor Schalli kniete.

»Wieso das denn?«, fragte Antje.

»Naja, er ist mit dir verheiratet.«

»Ha, ha. Liebe. Da ist nicht mehr viel zwischen mir und Heinz. Ich hab ihm gesagt, er soll erst mal abnehmen und aufhören zu trinken.«

»Sei nicht so streng zu ihm.«

»Halt dich da raus. Also – in einer Stunde?«

Thilo verabschiedete sich und gab das Handy zurück.

»Macht fünf Mark«, sagte der Frittenverkäufer. Seine Augen guckten aus tiefen Höhlen.

Einen Fünfer – der Tünnes war auf dem Holzweg. Völlig verstrahlt, würde Schalli sagen – seit der Dicke im letzten Jahr an der Sicherung eines Castor-Transports zum Atommülllager Ahaus teilgenommen hatte, war das sein Lieblingswort für alle Clowns und Idioten, die ihm unterkamen. Genauso wie ›Tünnes‹ das behördeninterne Wort für jeden war, mit dem ein Polizist in dienstlichen Kontakt geriet, ob Zeuge, Opfer oder Beschuldigter. Oder für jemanden, den man jederzeit zu einem Beschuldigten machen konnte – wie diesen Frittensieder.

»Handy is' teuer«, erklärte der Typ mit der großen Nase, nachdem Thilo keine Anstalten machte, das Geld herauszurücken.

»Mal halb lang.« Thilo zeigte seinen grünen Ausweis. »Ich könnte Sie jetzt wegen Hehlerei festnehmen und Ihre Bude dichtmachen. Während Sie in der Zelle schmoren, kriegen Ihre Krakauer Beinchen.«

»Hehlerei? Wegen dem Autoradio? Das gehört mir nicht. Ich bewahr es nur auf. Für einen Freund.«

»Wetten, dass Sie zu Hause noch mehr davon haben? Mich würde es reizen, mal nachzusehen.«

Der Schürzenträger wurde unruhig. Thilo fiel die bevorstehende Weihnachtsfeier der Altstadtwache ein. »Für einen Karton Asbach und eine Kiste Cola könnte ich ein Auge zudrücken.«

»So viel hab ich nicht da«, stotterte der Typ.

»Schade für Sie. Dann kommen Sie mal mit auf die Wache.«

»Na gut, gewonnen.« Der Frittenverkäufer hob ächzend zwei Kisten auf den Tresen.

Schalli kam zurück, ein Grinsen im Gesicht. »Sie nennt es Summ-Job«, flüsterte er in Thilos Ohr.

»Wie?«

»Ja. Sie nimmt die Eier in den Mund und summt Jingle-Bells

»Passt immerhin zur Jahreszeit.« Thilo klopfte gegen den Asbachkarton. »Schau mal, wir haben einen neuen Sponsor für unsere Party am Donnerstag.«

»Wer soll das denn schleppen?«, fragte sein dicker Partner besorgt.

Thilo lieh sich noch einmal das Handy, rief die Wache an und verlangte einen Streifenwagen. Schalli hatte Recht. Es waren mindestens dreihundert Meter bis zur Wache an der Heinrich-Heine-Allee. Und das nach einer harten Schicht.

 

 

2.

 

Die Hansaallee ging in einen ungeteerten Weg über, davor stand ein Grünweißer und verblitzte sein blaues Licht. Polizeiabsperrung stand auf dem rotweißen Flatterband. Hauptkommissar Benedikt Engel hielt, ein Kollege in grüner Kutte trat vor sein Auto – Regenwasser troff vom Schirm seiner Mütze. Ben hielt seinen Dienstausweis vor die Windschutzscheibe, der Schupo hob das Absperrband und winkte ihn durch. Im Weiterfahren erhaschte der Mordermittler einen Blick auf die Uhr über der Werkseinfahrt zu seiner Linken: zehn Minuten nach drei.

Der Anruf hatte Ben erreicht, als er gerade mit Sozialarbeitern und ein paar Typen vom Sportamt das Programm für das kommende Frühjahr beratschlagte: Sport gegen Gewalt e. V. – eine der ebenso gut gemeinten wie verzweifelten Ideen, um chancenlosen Jugendlichen in den hässlichen Randbezirken der Stadt eine Alternative zur Bandenkriminalität zu bieten. Street-Soccer statt Autoklau, Handtaschenraub und Abziehen von Mitschülern. Längst hatte sich Frust breit gemacht: Die Streetworker klagten über Stellenstreichungen, dem Sportamt fehlte das Geld, um unzerstörbare Basketballkörbe aus Eisenketten zu kaufen. Die Kids nahmen die Angebote der Initiative nur mit, um gleich danach zu ihren alten Gewohnheiten zurückzukehren.

Im letzten Frühjahr hatte Ben wider besseres Wissen zwei Wochen seines Urlaubs dafür geopfert, um mit Metin, einem damals Dreizehnjährigen aus Garath, Abenteuerferien an der Dordogne zu machen. Der Junge hatte einhundertzweiunddreißig Straftaten auf der Liste und das Ausländeramt erwog die Abschiebung samt seiner Eltern in die Türkei. Die Idealisten vom Jugendamt handelten eine Schonfrist aus und konnten ausnahmsweise Geld für die Reisekosten lockermachen. Zwei Wochen lang hielt Ben den kleinen Türken in Frankreich auf Trab: Klettern, Touren mit dem Mountainbike, Kanufahrten im Wildwasser. An die erzieherische Wirkung einer Abschiebung konnte der Hauptkommissar nicht glauben, und dass geschlossene Erziehungsheime kein Rezept waren, wusste er aus eigener Erfahrung.

Fünf Tage nach der Rückkehr stach Metin ein Nachbarmädchen nieder, das sich weigerte, für ihn auf den Strich zu gehen. Seitdem sperrte sich Ben gegen sein sporadisch aufflackerndes Helfersyndrom.

Er hätte gar nicht erst zu diesem Vereinstreffen gehen sollen. Die Sportamtfuzzis beknieten ihn, das für die Osterferien vorgesehene Turnierkicken zu organisieren. Die Idealisten von der sozialpädagogischen Fakultät appellierten daran, dass er einst den Anstoß zur Initiative gegeben hatte – ein durchsichtiger Angriff auf Bens sentimentale Ader. Noch mehr hasste es der Mordermittler, dass ihn die Jugendarbeit an seine eigene verkorkste Kindheit erinnerte.

Er machte der Runde klar, wo seiner Meinung nach der x-te Versuch der Integration nordafrikanischer Schlägergangs, kurdischer Kinderdealer, albanischer Messerhelden und pickliger, deutscher Möchtegernhitlers enden würde. Dann schlug sein Piepser an.

Der Leichenfund hatte ihn davor gerettet, von den Sozialarbeitern als arroganter Zyniker beschimpft zu werden. Fast war er froh gewesen, einen Grund zu haben, abzuhauen. Allerdings war es kein schöner Grund.

Bens Golf rumpelte langsam weiter, entlang einer schier endlosen Fabrikhalle, die von dieser Seite fast einer Ruine glich. Die Fahrspur war schmal, zu beiden Seiten von Gestrüpp und dürren Birken gesäumt. Weiter rechts lagen die Gleise der Straßenbahnlinie, die stadtauswärts führte.

Nach etwa vierhundert Metern versperrte eine Reihe weiterer Grünweißer den Weg. Auch aus der Gegenrichtung waren Polizeifahrzeuge eingetroffen – irgendwo hier verlief die Stadtgrenze zu Meerbusch-Büderich.

Ein kalter, nasser Windstoß fuhr unter seine Jacke, als Ben seine Einszweiundneunzig aus dem Wagen schälte. Das Empfangskomitee: acht Uniformierte und zwei Kollegen von der Kriminalwache. Stummes Händeschütteln. Der Jüngere der beiden Kripomänner tippte bereits seinen Bericht in ein Notebook – sicher sein privates Eigentum, denn mit moderner Technik tat sich die Behörde notorisch schwer. Der Ältere, ein Stämmiger mit Vollbart, winkte Ben mit der Taschenlampe und setzte sich in Bewegung.

Der Mordermittler stapfte hinterher. Mit einer Hand hielt er den Lederblouson über der Brust zusammen. Das alte Ding mit den zerschlissenen Strickbündchen – Sonja hatte ihn deshalb schon verspottet. Aber es passte so gut zu seiner Lieblingskrawatte.

»Scheußliche Sache, ein junges Ding«, sagte der Bärtige, die Lampe schwenkend, als habe er vergessen, wo die Leiche lag.

Hinter einem Strauch sah Ben den fahlen Körper im blauen Flackern der Streifenwagen schimmern, dann erfasste ihn auch der Lichtkegel – weiße Haut leuchtete auf.

Der Kollege schniefte. Ben reichte ihm ein Tempo. Der Bärtige schnäuzte sich und sagte: »'tschuldigung.« Ben fiel die Lammfelljacke des Kollegen auf. Vielleicht sollte er sich so ein Ding besorgen.

Er bog die blattlosen Zweige zur Seite: Die Leiche lag mit dem Gesicht nach unten im feuchten Gras, unmittelbar am Fuß der Mauer, die das Fabrikgelände umgab. Sie war vollständig entkleidet, Arme und Beine waren grotesk verdreht. Wo das Haar nicht Kopf und Hals verdeckte, nahm Ben malträtierte, blutunterlaufene Haut wahr. Er griff nach ihrem Arm: kalt und steif – tot seit mindestens sechs Stunden.

Der Hauptkommissar hob den Blick und starrte auf rote Ziegel, rostigen Stacheldraht und die Reihen blinder Fenster der Werkshalle der Böhler AG. Kein Laut kam vom Fabrikgelände, Sonntagsruhe.

Er wandte sich seinem Begleiter zu. »Zeugen?«

»Bis jetzt noch nicht. Nur der Tünnes, der die Leiche gemeldet hat. Wir haben ihn nach Hause geschickt. Er hat versprochen, sich bereitzuhalten.«

Der Bärtige machte Ben auf eine Reihe verschiedener Fußabdrücke aufmerksam. Auf den ersten Blick erkannte der Hauptkommissar, dass sie wertlos waren. Die einen waren zu frisch, sie stammten von dem Hundebesitzer oder von Kollegen, die älteren waren vom Dauerregen aufgeweicht.

»Reifenspuren?«, fragte Ben.

Der Mann von der Kriminalwache schüttelte den Kopf. »Hier fahren zu viele durch.« Er schnäuzte sich wieder.

Ein roter Kleinwagen schlitterte durch die Pfützen und stoppte. Ela Bach, Bens neue Mitarbeiterin, frisch vom Landeskriminalamt ins Kriminalkommissariat 11 der Düsseldorfer Polizei versetzt – die Dienststelle für Tötungsdelikte.

Sie stieg aus und stiefelte ihm entgegen, eine Kleine mit strenger, schwarzer Kurzhaarfrisur und sinnlichen Lippen, die ihre Figur in einem großen Pullover versteckte und auf burschikos machte. Sie hatte einen breiten Schal um den Hals gewickelt, dessen Muster Ben gefiel – vielleicht war so etwas ein passendes Weihnachtsgeschenk für Sonja.

Er verstellte der Kollegin die Sicht auf die Tote, als müsse er sie vor dem Anblick schützen.

»Hallo, Chef.« Ela zog den Mund schief. »Und ich dachte, ich sei diesmal schneller am Fundort als Sie.«

Er musste lächeln. »Haben wir nicht vereinbart, uns zu duzen?«

»Sorry, aber mein Vorgesetzter beim LKA trug auch immer Anzug und Krawatte. Das war so ein Formeller, Überkorrekter. Ich muss mich erst daran gewöhnen, dass es auch anders geht.« Sie suchte den Grund für die Versammlung und entdeckte die Tote. »Was ist passiert?«

»Fremdeinwirkung«, erklärte der Bärtige überflüssigerweise.

Ben ging zu einem der Streifenwagen und funkte die Zentrale an, damit sie die Rechtsmedizin und den Dienst habenden Staatsanwalt benachrichtigte. Eine Funkwagenbesatzung hatte genug gesehen und setzte zurück, zwei Vectras in grünweißer Vereinsbemalung kamen ihm entgegen, gefolgt vom Transit der Kriminaltechniker. Die Wagen mussten rangieren, die Schlange wurde immer länger. Auf der Tür des Transporters stand Weiß auf Grün ein Werbespruch: Die Polizei wünscht Ihnen ein Weihnachten in Frieden und Sicherheit.

Ein Generator brummte los, Licht flammte auf. Die Techniker zogen ihre weißen Overalls über. Zwei durchstreiften das Gestrüpp entlang des Wegs, ein dritter fotografierte den Fundort aus verschiedenen Blickwinkeln und griff dann zu einer Handycam, um das Gleiche auf Video zu bannen. Ein gutes Dutzend Beamte standen herum und warteten darauf, dass die tote Frau umgedreht wurde. Die größte Attraktion des vierten Advents.

Ein Weißkittel rief Ben zu sich, Kollegin Bach und der K-Wachen-Kollege mit dem Notebook fühlten sich ebenfalls angesprochen. Sie überquerten den aufgeweichten Weg. Ein Lampenschein traf ein Bündel Klamotten unter einem Gebüsch auf der anderen Seite. In diesem Moment rauschte ein Zug vorbei, Linie 76 Richtung Hauptbahnhof. Dutzende neugieriger Gesichter klebten an den Fenstern.

Der Fotograf legte einen Maßstab neben das Bündel und stellte ein Schild auf: Nummer 2. Er verschoss ein paar Aufnahmen, dann nahmen die behandschuhten Finger seines Kollegen vorsichtig die oberste Schicht auf: ein orangefarbenes Sweatshirt.

»Könnte die Größe der Toten sein«, bemerkte Ela.

Der Techniker verstaute das Sweatshirt in einem transparenten Beutel – die Fasertanten im Labor des Landeskriminalamts würden Arbeit bekommen. Ben sah den Kragen einer Jeansjacke. Der Weißkittel griff danach, plötzlich entfaltete sich das Knäuel: Weißes, blutverschmiertes Teddyfutter kam zum Vorschein, fleckige Unterwäsche rutschte zu Boden und ein braunrotes, faustgroßes Ding kullerte vor die Schienen. Den Kollegen stockte der Atem.

Ben fasste in eine Plastiktüte, ging in die Hocke und stülpte die Tüte über das Ding. Er hielt es hoch, der Techniker leuchtete darauf: ein bräunlicher Muskelklumpen, aus dem Stummel von dicken Blutgefäßen ragten. An einer Seite war er aufgerissen – Ben erkannte eine Bissspur.

»Was ist das?«, fragte Ela.

»Ein Herz.«

Der K-Wachen-Kollege ließ die Tasten seines Notebooks klappern.

Ben fragte ihn: »Was ist mit deinem Partner los? Für euch sind Leichensachen doch an der Tagesordnung?«

»Sie erinnert ihn an seine Tochter. Er hat sie vor drei Jahren rausgeworfen. Jetzt lebt sie in Berlin und lässt nichts mehr von sich hören.«

Ben und Ela Bach teilten sich auf, um die Schaulustigen zu befragen, die sich inzwischen an beiden Enden des Weges versammelt hatten. Ben hatte kein Glück: Unter denen, die an der Hansaallee standen, hatte niemand am Morgen etwas Auffälliges gesehen.

Ein Auto hielt an der Absperrung, Ben erkannte Alex Vogels Kombi – auf der Beifahrertür textgewordener Schwachsinn, typisch für das Blatt, für das Vogel schrieb: Schnell, schneller, BLITZ!

Der Reporter drängelte sich mit seiner Kamera durch die Schaulustigen. »Hallo, Benni, du siehst gut aus. Solarium?« Vogel machte Anstalten, über das Absperrband zu klettern.

Ben schob ihn zurück – heute nicht. »Nein, Kanaren.«

»Mensch, Alter, lass mich durch«, beschwerte sich der Blitz-Reporter. Ben bemerkte eine Glühweinfahne und Flecken von Lippenstift an Vogels Wange. Offenbar hatten sie ihn von einer Weihnachtsfeier aufgescheucht. Er flüsterte in Bens Ohr: »Einmal Clara Schumann, wenn ich meinen Schnappschuss machen darf.«

»Nichts da.«

»Zweimal«, quengelte Vogel mit leiser Eindringlichkeit.

Ben sah sich um und schüttelte den Kopf. »Keine Chance, Alex. Die Zeiten sind vorbei. Ich bin jetzt Kommissariatsleiter, verstehst du?«

Vogel wurde giftig. »Na warte.« Er fuchtelte mit dem Zeigefinger vor Bens Nase. »Komm du mir noch mal mit der Bitte um einen Gefallen.«

Der Zeitungsmann schien mächtig unter Druck zu stehen – nicht mein Bier, dachte Ben. Er sah Vogel nach, der in die Mitte der Straße trat, um wenigstens den Uniformierten neben dem Streifenwagen aufs Bild zu bekommen. Der Kollege drehte dem Reporter den Rücken zu.

Ein alter Ford rollte vor den rotweißen Plastikstreifen.

»Der Gerichtsmediziner«, erklärte Ben dem Kuttenträger, der das Band hob. Ben stieg zu und ließ sich von Professor Rosenbaum die kurze Strecke bis zum Fundort chauffieren. »Ein Weihnachtsgeschenk, auf das wir gerne verzichtet hätten«, sagte er.

»So ist das Leben«, antwortete der alte Rechtsmediziner. »Ohne den Tod ist es nicht zu haben.«

Ben drehte sich um: Im Heckfenster des Ford blinkte eine bunte Lichterkette.

»Das Auto meiner Schwiegertochter«, erklärte Rosenbaum. »Waren gerade beim Canastaspielen. Hatte 'ne Gewinnsträhne. Eine verdammte Schande ist das.« Er sah die Fahrzeugschlange. »Meine Güte. Ein Auflauf, als wär's 'ne nackte junge Frau.«

»Erraten, Professor.«

Sie stiegen aus. Der Alte schnaufte mit seinem Hebammenkoffer den Weg entlang. Ächzend stellte er die Tasche vor der Leiche ab. Ein Techniker reichte ihm einen Overall. Die Bestatter trafen ein, zwei traurige Gestalten in grauen Regenmänteln, das Rollgestell mit dem Leichensack klapperte.

Zuerst maß der Rechtsmediziner die rektale Körpertemperatur der Leiche sowie die von Luft und Boden. Er befühlte die Totenstarre und murmelte lateinisches Zeug in sein Diktiergerät. Dann nahm er Abstriche und verstaute die Wattestäbchen in Gläsern mit Schraubverschluss, die er mit Hieroglyphen beschriftete, die nur er lesen konnte.

Rosenbaum winkte den Bestattern zu, doch die beiden rührten sich nicht – ein Völkchen für sich. Ben sprang ein und half dem Professor, die Tote umzudrehen.

Ein Raunen ging durch die Reihe der gaffenden Kollegen. Der Bärtige wandte sich ab, sein zerknülltes Papiertaschentuch vor die Nase gedrückt.

Die steifen Gliedmaßen machten den Leichnam sperrig. An Hand- und Fußgelenken bemerkte Ben Druckstellen – die junge Frau war gefesselt worden. Er versuchte, nicht in ihre toten Augen zu sehen. Der Anblick des aufgeschlitzten Körpers wühlte ihn auf – als hätte ihn das herausgetrennte Herz nicht gewarnt.

Rosenbaum knipste sein Bandgerät wieder an, zählte Stichverletzungen, berührte Hämatome und Schürfstellen, tastete in die klaffende Wunde, die den Leib der Frau in zwei Hälften teilte. Der Rechtsmediziner erhob sich.

»Sie wurde geschlagen, im Kopf- und Halsbereich, ich schätze, mit bloßer Faust. Auch an den Unterarmen hat sie einiges abgekriegt, Abwehrverletzungen, würde ich sagen. Demnach war sie noch nicht gefesselt, als sie geschlagen wurde. Möglicherweise wurde sie später bewusstlos, ich wünsche es ihr jedenfalls. Sie wurde aufgeschnitten und ausgeweidet. Leber und Herz fehlen. Sie wurde gewaschen, die Bauchhöhle regelrecht ausgespült. Deshalb ist nicht feststellbar, welche der Schnitt- und Stichverletzungen post mortem zugefügt wurden und welche vorher. Hier draußen ist es jedenfalls nicht geschehen. Sehen wir uns zur Obduktion, sagen wir: morgen um acht?«

Ben musste sich räuspern, bevor er Rosenbaum darauf hinweisen konnte, dass sie das Herz bereits gefunden hatten. Dann stülpte er Plastikbeutel über die Hände der Toten und befestigte sie mit Gummiringen, um mögliche Spuren unter ihren Fingernägeln zu bewahren.

Die Bestatter hatten Mühe, den starren Körper in den blauen Sack zu zwängen. Als sie das Alugestell zu ihrem schwarzen Kombi rollten, begann das Blitzlichtgewitter. Alex Vogel und seine Kollegen hatten den Weg über die Straßenbahngleise gefunden und fluchten, dass sie zu spät kamen, um mehr von der Toten zu sehen. Uniformierte scheuchten die Pressegeier zurück, der nächste Zug brauste heran, diesmal in Richtung Krefeld.

Ben atmete tief durch. Er erinnerte sich an die Worte seines Vorgängers Frank Brauning: Entweder du bist ein guter Bulle oder du bist es nicht. Ben hatte Wasserleichen gesehen mit kreideweißer Waschhaut und blaurot angelaufenem Kopf. Verweste Leichen, Tierfraß, von Ohr zu Ohr durchschnittene Kehlen. Er hatte gedacht, nach fast zwanzig Jahren im Polizeidienst würde ihn nichts mehr erschüttern können, vielleicht abgesehen von misshandelten Kindern.

Trotzdem ein guter Bulle, redete er sich ein.

Ela Bach kam von der Büdericher Seite zurück. Ben hoffte, dass sie ihm nichts anmerkte. »Und?«, fragte er.

»Nichts«, antwortete die Kollegin. Sie starrte dem Wagen des Beerdigungsinstituts hinterher. »Wieder was für unsere Alpträume, was?«

Ben ignorierte Elas Bemerkung. Sie kannte seine nächtlichen Dämonen nicht und ihre konnte sie für sich behalten. Er wandte sich den Weißkitteln von der Technik zu. Entlang des gesamten Weges keinerlei Blutspur – die junge Frau konnte überall getötet worden sein, nur nicht hier vor dieser Mauer.

Die beiden Mordermittler machten sich auf den Rückweg zu ihren Autos. Ben fühlte einen unbestimmten Hass. Er schwieg.

Der Bär von der Kriminalwache trat ihnen mit geröteten Augen in den Weg. Ben war jetzt weit entfernt davon, sich über ihn lustig zu machen.

»Das gab's schon mal«, sagte der Kollege. »Genau so.«

»Wie bitte?«, fragte Ben und musste an die Tochter des Bärtigen denken.

»Der Kannibale. Ich hab bei seinem ersten Opfer den Tatort gesichert. Ich werd nie vergessen, wie die zugerichtet war. Absolut genauso, ich schwör's.«

 

Das Faxgerät ratterte.

Ben kippte das Fenster des muffigen Büros auf. Er sehnte sich nach Sonja, doch vor Dienstag würde sie nicht in Düsseldorf sein. Egal – er musste mit den Belastungen seines Jobs ohnehin alleine fertig werden. Er war nicht der Typ, der im Bett über Leichen sprach.

Die Faxmaschine beendete den Empfang mit einem Piepston.

Ben überflog das Blatt. »Bingo.« Er reichte es an Kollegin Bach weiter. »Eine Vermisstenanzeige, eingegangen bei der Wache Goethestraße.«

Sie las vor: »Weiblich, wohnhaft Achenbachstraße, 22 Jahre, 1,67 groß – könnte stimmen. Beruf Krankenschwester. Vor zwei Stunden gemeldet, von ihrem Freund.«

»Wir fahren hin. Das ist im Zooviertel.« Ben stürmte auf den Gang.

»Sollten wir ihn nicht gleich zur Identifizierung in die Rechtsmedizin bestellen?«, fragte Ela, mit ihm Schritt haltend.

»Auch. Aber zuerst will ich mir die Wohnung ansehen. Die allermeisten Morde sind Beziehungstaten.«

Sie nahmen die Treppe – aus irgendeinem Grund mied die Kollegin den Paternoster.

»Was meinte der Kollege von der K-Wache vorhin mit dem Kannibalen?«, fragte Ela.

»Irgendeine alte Sache, vor meiner Zeit als Mordermittler.«

»Ein Serienmöder?«

»Vielleicht.« Er berührte ihren Arm. »Wir dürfen uns nicht aus der Ruhe bringen lassen.«

Vor dem Präsidium stiegen sie in Bens privaten Golf. Er trat aufs Gas und schoss hinaus auf den Fürstenwall. »Hast du heute Abend schon etwas vor?«, fragte er mit einem Seitenblick.

Ela zögerte. »Wieso?«

Ben zeigte ein Lächeln. Dann erklärte er: »Sag es ab. Bei einem Mord sind die ersten zwölf Stunden entscheidend. Wenn wir nicht heute noch einen entscheidenden Hinweis bekommen, wird's schwierig.«

 

 

3.

 

Sie hörte abrupt auf, den Kopf hin und her zu werfen, und sah ihn an. Große, braune Augen, die ihm sagten, dass auch sie jetzt genug hatte. Er verweilte noch in ihr, küsste Schweißtropfen von der geröteten Stirn, dann rollte er zur Seite. Pure Lust hatte sie zusammengeführt – Liebe würde alles nur komplizieren.

Er griff nach dem Päckchen mit Zigarettentabak und sah sie fragend an. Sie nickte.

»Was hast du deinem Mann gesagt?«, fragte er. »Power-Yoga?«

»Red nicht von Heinz. Er probt mit seiner Band. Früher hab ich das alles toll gefunden. Heute könnte ich sein Saxophon aus dem Fenster werfen. Diese Band ist nur ein Vorwand, um nach der Probe in die Kneipe zu gehen. Wenn Heinz nach Hause kommt, ist er viel zu blau, um Fragen zu stellen.«

»Du übertreibst.« Er verteilte Tabak auf zwei Blättchen, dann wickelte er den braunen Stoff aus der Plastikfolie.

»Nein, tu ich nicht. Ich hab's wirklich satt.«

Thilo hoffte, dass sie damit nur die Jazzband meinte. Er brach einen Krümel ab, so groß wie der Nagel seines Zeigefingers, und erwärmte ihn mit der Flamme seines Feuerzeugs. Dann zerrieb er ihn über dem Tabak und drehte daraus zwei dünne Zigaretten.

Antje tastete nach der Narbe auf seiner Brust. Er stoppte ihre Hand, indem er seine drauflegte. Sie wischte sich eine Strähne aus dem Gesicht. »Haarscharf am Herzen vorbei«, sagte sie. »Was war das für ein Gefühl?«

»Kein gutes.«

Manchmal glaubte Thilo, die Narbe machte ihn für Antje erst richtig interessant. Das Andenken an seinen ersten Einsatz als Beamter der Altstadtwache, damals noch im Streifendienst. Eine Kneipenschlägerei, die andauerte, als er dazukam. Der Messerstich traf ihn, bevor er die Situation überhaupt erfasste. An den Schmerz konnte er sich nicht einmal erinnern.

Darüber würde er nie mit Antje sprechen: Dass ihr Mann es war, der ihn damals vor dem Verbluten bewahrt hatte. Dass Heinz Schalowski ihn in die Lehre genommen hatte, damit sich das nicht wiederholte.

Zum Dank vögelte er die Frau des Dicken. Keine moralischen Bauchschmerzen – sein Kumpel nahm es selbst nicht genau. Es war in Ordnung, solange Schalowski nichts erfuhr. Solange Antje bei ihrem Mann blieb. Es berührte das Leben seines Kumpels nicht wirklich. Das durfte es auch in Zukunft nicht.

Thilo steckte die Joints an und gab einen davon weiter.

»Wenn Heinz fragen sollte, dann war ich im Studio«, sagte Antje und inhalierte tief.

Er tat es ihr nach. Sofort spürte er das leichte Schwindelgefühl. So gefiel ihm der Sonntag: Sex entspannte den Körper, Shit den Geist. »Schon mal was von Fitnesswahn gehört?«, fragte er, nachdem er den Rauch aus den Lungen entlassen hatte.

»Du treibst doch auch Sport.«

»Das bisschen Tennis und Laufen ist kaum der Rede wert.«

»Und Karate?«, fragte sie grinsend. Vor ein paar Wochen hatte er ihr einige Übungen vorgeführt. Zu ihrer Belustigung hatte er das Gleichgewicht verloren und hätte beinahe die Gardine abgerissen.

»Ist mir zu blöd geworden.«

»Warum?«

»Der Trainer hat sich aufgeführt wie ein Guru. Dem ging es um irgendeine fernöstliche Philosophiekacke statt um Sport. Jeder einzelne Schnaufer hatte einen tieferen Sinn.«

Antje kuschelte sich in die Bettdecke. Thilo lag plötzlich halb im Freien. Er kämpfte, um seinen Anteil an Federbett und Wärme zurückzuerobern. Dann rauchten sie schweigend vor sich hin.

»Ich muss grad dran denken, wie wir uns kennen lernten«, sagte sie.

»Und?«

»Diese Kneipe, in die ihr Altstadtbullen immer geht. Ich warte auf Heinz und auf einmal bringt mir der Kellner 'n Glas Sekt, ohne zu sagen, von wem.«

»Du bist auf mich gekommen.«

»Ein Dutzend Kerle glotzte mich von der Theke aus an. Du warst der Hübscheste. Du mit deinem knuffeligen Blondschopf.« Sie legte einen Arm um seine Brust und rammte ihr Kinn lächelnd in seine Rippen. Ihre Finger fuhren in sein Haar und er hob den Kopf, um zärtlich nach ihrer Nasenspitze zu schnappen.

»Ich muss dir was gestehen«, sagte er. »Von mir kam der Sekt nicht.«

»Ich weiß. Dafür bist du viel zu geizig.«

»Hör mal, wer spendiert hier den Shit?«

»Und warum drehste die Heizung nicht höher auf?« Sie griff neben das Bett und zog das Portemonnaie aus ihrem Rucksack. Sie zählte. Scheine, Münzen.

Er hob die Hände und spielte lachend den Empörten. »Bin ich ein Callboy?«

»Einhundertzweiunddreißig. Die Summe, die Heinz dir schuldet.«

Thilo küsste ihre Lippen. Dann sah er in ihre Augen. Kluge, braune Augen. »Das geht nicht«, sagte er.

»Spiel jetzt nicht den Großzügigen.«

»Was sag ich, wenn Schalli mir das Geld geben will? Nein danke, deine Frau hat deine Schulden schon beglichen, neulich, als sie bei mir im Bett war?«

Antje lachte – diese dreckige, unverschämte Lache, die ihn so anmachte.

Er erklärte: »Du siehst, er muss es mir selbst geben.«

»Das wird dauern.«

Synchron zogen Thilo und Antje an ihren Glimmstängeln. Ihre Hand ging wieder auf Wanderschaft und er tastete nach ihren Brüsten. Gerade, als er spürte, dass er bereit war für ein zweites Mal, hörte sie auf.

»Heinz sagt, im tiefsten Inneren bist du sensibler, als man meint.«

»Tolles Lob.« Er nahm die Hand von ihrer Brust. »Hab ich was falsch gemacht?« Er war nicht wirklich beleidigt – Hasch macht lasch.

Antje lachte wieder drauflos. »Gar nicht, mach weiter.«

»Was sagt er noch?«

»Dass die Altstadtwache nicht der richtige Ort für dich ist. Dass du 'n klasse Ermittler sein könntest, wenn sie dich richtig einsetzen würden.«

Stimmt, dachte er. Zum Beispiel als Mordermittler. Schallis ehemaliger Job. Die Arbeit, die sein Vater tat, bevor er aus dem Polizeidienst ausschied. Die Dienststelle, die sein Onkel leitete, bevor er die Kriminalgruppe gegen organisiertes Verbrechen aufbaute.

Nach dem Abitur hatten alle von Thilo Becker etwas anderes erwartet. Doch er bewarb sich für den Polizeidienst. Weil er Mordermittler werden wollte.

»Und er sagt, dass es vor elf Jahren 'n Mord gab, der dich bis heute nicht losgelassen hat. Die Frau hat dir viel bedeutet, isses wahr, Thilo?«

»Sie hat mich praktisch großgezogen. Sie war wie eine Mutter für mich.«

Während seine leibliche Mutter wie sein Vater berufstätig war. Nur morgens am Frühstückstisch konnte er sicher sein, die Eltern zu sehen. Ansonsten war es Christa, die für ihn da gewesen war.

»Heute haben sie wieder 'ne Tote gefunden«, sagte Antje und blies Rauch in Richtung Zimmerdecke. »Hier in Düsseldorf. Hab's vorhin im Radio gehört. Schrecklich, wie viele gewalttätige Kerle es gibt.«

Thilo hörte nicht hin. Er reagierte nicht, als Antje seine Narbe mit Küssen bedeckte. Er drückte seinen Joint aus, bevor er ihm die Fingerkuppen versengte. Schlechter Stoff, er fühlte sich nicht sehr entspannt. Er musste an damals denken.

Er ging in die zehnte Klasse. Wenn er von der Schule kam, hatte Christa für ihn gekocht. Nur an diesem Novembertag nicht. Ein kalter, stürmischer Tag. Das Haus der Zimmermanns war menschenleer, genauso wie das der Beckers. Er verzog sich gelangweilt auf sein Zimmer, hörte Musik, las ohne Konzentration im Handbuch für den jungen Hobbyfotografen. Dreimal lief er hinüber zum Haus der Zimmermanns, doch Christa war nicht da. Er blätterte in den Zeitschriften seiner Eltern, doch nicht einmal die nackten Brüste und Hintern in den Artikeln über Frauenliebe, Pornostar Karin Schubert oder Wie viel Männer braucht eine Frau konnten seine wachsende Unruhe bremsen. Im Radio meldeten sie einen Leichenfund, ohne einen Namen zu nennen.

Am Abend kam Mutter aus dem Büro. Sie war noch nervöser als er, gab aber vor, nichts zu wissen. Als Stunden später sein Vater die Tür öffnete und den regennassen Mantel an den Haken hängte, das Gesicht grau und verzweifelt, wie Thilo es nie zuvor bemerkt hatte – da wusste er Bescheid.

Er hatte sich so sehr gewünscht, einen letzten Blick auf Christa werfen zu können. Sich zu verabschieden. Thilo wusste, wo Ermordete aufbewahrt wurden und dass der Pförtner an der Einfahrt seinem Vater die Schlüssel zur Baracke des rechtsmedizinischen Instituts aushändigen würde, ohne Fragen zu stellen. Doch Hermann Becker, der damals noch Kriminalbeamter im Kommissariat für Tötungsdelikte war, hatte Thilos Bitten ignoriert.

 

 

4.

 

Trotz der Kälte trug die Zeitungsverkäuferin einen kurzärmligen Kittel. Sie stellte schwammige, nackte Oberarme zur Schau und raunzte Ben an, die Zigarette nicht aus dem Mund nehmend: »Dat Übliche?«

Ben griff nach der Montagsausgabe des Blitz. Er war neugierig, was Vogel geschrieben hatte. Noch im Büdchen riss der Mordermittler die Zeitung auseinander. Die Verkäuferin musste ihn erinnern, das Wechselgeld einzustecken.

Die Bilanz eines scheinbar ganz normalen Wochenendes: Ein vierzehnjähriger Stricher hatte seinen Freier niedergestochen. Ein Rheinbahnfahrer hatte mit 3,2 Promille seinen vollbesetzten Bus gegen einen Weihnachtsbaum gesetzt. Eine Prostituierte beschuldigte einen TV-Star der Zuhälterei. Bewohner des Bahnhofsviertels klagten über zunehmende Belästigung durch Junkies, Nutten, Freier und Diebe. Zwölf Wohnungseinbrüche im gesamten Stadtgebiet.

Dann entdeckte er Vogels Artikel. Gerade mal zwölf Zeilen auf der letzten Seite, kein Foto: LEICHE EINER UNBEKANNTEN FRAU GEFUNDEN!

Ben war der Zeitung einen Schritt voraus.

Der Mann, von dem die Vermisstenanzeige stammte, hatte die Tote noch am gleichen Abend als seine Freundin identifiziert: Britta Landwehr, Krankenschwester im Marienhospital an der Rochusstraße.

Der Freund hieß Bernd Felix – ein quirliger, junger Werbetexter mit der Figur eines Marathonläufers. Auf dem Weg zum rechtsmedizinischen Institut hatte er vor sich hin gequasselt, Mutmaßungen anstellend, wo Britta überall stecken könnte. Er wollte den Mord nicht wahrhaben. Als Ben die Leiche aus dem Kühlraum schob, verging Felix die Aufgedrehtheit mit einem Schlag. Allein das von Schlägen rot unterlaufene Gesicht der toten Krankenschwester sah grauenvoll genug aus. Den Rest des Körpers ließ Ben abgedeckt. Ela musste einen Arzt verständigen, der dem Freund eine Stärkungsspritze gab.

Während Ela die Nachbarn der beiden in dem feinen Wohnhaus an der Achenbachstraße aushorchte, brachte Ben den Werbetexter ins Präsidium, um sich dessen Version vom letzten Abend mit seiner Freundin erzählen zu lassen. Eine nur schwer nachprüfbare Geschichte: Sie hatten sich in einem Lokal der Altstadt getrennt, angeblich aus dem schlichten Grund, weil die Krankenschwester länger bleiben wollte. Er sei nach Hause gefahren, dort sei ihm eingefallen, dass Britta kaum Geld dabei hatte – zu wenig für ein Taxi. Er sei zurückgekehrt, doch sie sei bereits verschwunden gewesen. Zeugen konnte er nicht benennen. Er sei schließlich wieder in die Achenbachstraße gefahren und habe vor Sorgen nicht schlafen können. Felix beschrieb zum Beweis den Spielfilm, den er im Nachtprogramm gesehen haben wollte – die x-te Wiederholung eines Schwarzweißklassikers, den jedes Kind kannte.

Unter den sichergestellten Kleidungsstücken der Toten hatte der Werbetexter einen dunkelblauen, wattierten Anorak mit Kapuze vermisst sowie ein Kettchen mit goldenem Anhänger in Delphinform, dessen Auge aus einem kleinen Diamanten bestand. Felix hatte den Wert mit rund dreihundert Mark angegeben. Wenn es Raubmord war, würde das Kettchen vielleicht in einem der Leihhäuser Düsseldorfs auftauchen.

Vor dem Büdchen pikste kalter Nieselregen gegen Bens Kopf. Er eilte zu seinem Golf.

Der Blitz-Artikel war kurz genug, dass Ben ihn an einer roten Ampel im schwachen Schein der Innenbeleuchtung überfliegen konnte. Keine Rede vom Zustand der Leiche, kein Wort vom Kannibalen. Aber was nicht war, konnte noch werden – Vogel war ein hartnäckiger Rechercheur mit Gespür für sensationsträchtige Begleitumstände. Ben musste aufpassen, dass der Modus operandi nicht an die Öffentlichkeit kam. Das konnte Geständnisse wertlos machen und im schlimmsten Fall Nachahmungstäter auf den Plan locken.

Ben bemühte sich, die negativen Gedanken zu verjagen. Eigentlich war er auf der Siegerstraße. Er hatte auf Lanzarote eine viel versprechende Beziehung zu einer interessanten Frau geknüpft und sein Verhältnis zu den Obermuftis der Behörde war entspannt wie selten. Er hatte die Begehrlichkeiten der Mitinitiatoren von Sport gegen Gewalt e.V. abwehren können und konzentrierte sich wieder auf den Job – der Fall Landwehr schien spektakulär genug, dass ihm eine rasche Klärung bei der anstehenden Beurteilung die maximale Punktzahl einbringen würde. Dann könnte er den Dienstgrad des Ersten Hauptkommissars überspringen und am Auswahlverfahren für den höheren Dienst teilnehmen. Nach drei Jahren Polizeiakademie in Hiltrup würden ihm als Kriminalrat aufgeschlitzte Frauenleichen höchstens noch in Form von Aktennotizen begegnen.

Ja, er glaubte sich dem perfekt kartographierten Paradigma des Lebens zu nähern – ein wundervoll verschrobener Begriff, den er am Strand von Famara im Roman eines amerikanischen Erzählers entdeckt hatte. Die kryptische Formulierung hatte ihn zunächst nur amüsiert, aber je mehr er versuchte, sie zu entschlüsseln, desto mehr wurde ihm klar, was er im Innersten anstrebte: jenes entscheidende Mehr als das ganz schön, in dem er bislang gelebt hatte.

 

Als Erstes rasierte Rosenbaum der Toten den Kopf und beschrieb die Verfärbungen der Haut. Er schnitt sie bis auf den Knochen ein und klappte die Hautlappen auseinander. Er führte die kreischende Elektrosäge durch die Schädeldecke und hob sie vom Rest des Kopfes. Dann untersuchte er das Hirngewebe und wog es. Mit geschäftsmäßiger Gelassenheit diktierte der Rechtsmediziner den Befund in das Mikrofon, das von der Decke hing: massive Blutungen im Schädel, ein subdurales Hämatom – wäre die Frau nicht erstochen worden, so hätte der Druck des austretenden Blutes auf das Hirn mit gewisser Zeitverzögerung wahrscheinlich zum Tod geführt. Ob die Frau ihr Bewusstsein verloren hatte, bevor sie starb, blieb unklar.

Ben bewunderte die Ruhe, mit der sich der Professor der Öffnung der Brust- und Bauchhöhle der Toten widmete. Der Staatsanwalt gab vor, eine Zigarettenpause nötig zu haben, und verließ den gekachelten Raum.

»Wie heißt das Mädchen?«, fragte Rosenbaum, als sein Assistent die Landwehr mit groben Stichen wieder zunähte. Der Staatsanwalt kehrte zurück und verbreitete Nikotinmief, der vom Geruch des toten Fleisches ablenkte.

»Sie hieß Britta«, sagte Ben. »Sie war in Ihrer Branche tätig. Krankenschwester.«

Der Rechtsmediziner tätschelte die Wade des Opfers. »Hast es nicht leicht gehabt, Britta. Im Vaginalabstrich habe ich übrigens bewegliche Spermien gefunden.«

Der Staatsanwalt kombinierte sofort: »Der Täter hat sie …«

»Möglicherweise. Entweder hatte unsere Britta in den letzten zehn Stunden vor dem Tod einvernehmlichen Geschlechtsverkehr oder der Täter hat tatsächlich seinen genetischen Fingerabdruck hinterlassen. Hatte sie einen Freund oder Ehemann?«

»Ja«, antwortete Ben.

»Dann hätte ich gern eine Speichelprobe von ihm.«

»Wenn wir diesen Werbetexter ausschließen können, dann kommt eigentlich nur ein Sexualmörder in Frage«, mutmaßte der Staatsanwalt voller Vorfreude auf einen Triebtäterprozess. Ein Medienspektakel – für jeden Vertreter seiner Zunft eine erstklassige Chance zur Profilierung.

Als Ben das Funkeln in den Augen des Staatsanwalts sah, sank seine Stimmung auf den Nullpunkt. Keine Zeugen, kaum Spuren – wenn Britta Landwehr tatsächlich das Zufallsopfer eines kranken Mörders war, würde es für ihn umso schwerer werden. Und umso mehr würde dieser Staatsanwalt Druck machen.

 

Zurück in die Festung. Auf dem Schreibtisch fand Ben eine Nachricht. Elas Handschrift:

 

Eltern: keinerlei brauchbare Hinweise.

Leihhäuser: negativ, kein goldener Delphinanhänger aufgetaucht.

Spurensicherung noch am Fundort. Bin jetzt bei Hundehalter, der die Leiche gefunden hat.

Bis später, E. Bach.

P. S. Der Kripochef verlangt nach Ihnen.

 

Ben musste schmunzeln. Das Ihnen war durchgestrichen und durch ein Dir ersetzt.

Er brachte eine Zeichnung des Kettchens hinüber zum KK 32. Die für Diebstahl und Hehlerei zuständigen Kollegen versprachen, ihre Informanten für Bens Fall einzuspannen.

Der Mordermittler unterdrückte das Knurren und Zwicken seines Magens. Er nahm den Paternoster in die Chefetage. Hier verströmten Milchglaslampen warmes Licht, keine nackten Neonröhren wie in den Fluren der gewöhnlichen Kommissariate. Teppichboden dämpfte die Schritte – auf den Stockwerken darunter gab es nur abgewetztes Linoleum.

Sonntags Sekretärin telefonierte. Sie winkte ihn durch.

Offiziell gab es Schutzpolizei und Kripo nicht mehr, Sonntags Unterabteilung hieß jetzt Zentrale Kriminalitätsbekämpfung. Doch im Sprachgebrauch der meisten Kollegen war der graue, alte Mann, der sich schon längst hätte pensionieren lassen können, noch immer der Kripochef.

Der Leitende Kriminaldirektor war nicht allein. Ihm gegenüber saß der Polizeisprecher und machte eine wichtige Miene – der Präsident hatte seinen Mann für Medienkontakte geschickt, die schlechten Zeichen häuften sich.

Beide standen auf, um Ben die Hand zu geben.

Clemens Sonntag nestelte an seiner Krawatte. »Sagen Sie mal, Herr Engel, was hat es mit diesem Kannibalen auf sich?«

Ben war verwundert. »Dazu kann ich noch nicht viel sagen.«

»Der Kannibale wurde nie gefasst. Ihr Vorgänger Brauning musste die Ermittlungen einstellen.«

»Trotzdem. Ein Serienmörder, der elf Jahre lang nichts von sich hören lässt – ich weiß nicht.«

Sonntag beugte sich über seine Telefonanlage und drückte mehrere Tasten, bis er die Richtige fand. »Wo bleibt Dr. Romberg? Haben Sie sie nicht erreicht, oder was?«

Bevor die Sekretärin antworten konnte, drückte Sonntag sie weg.

»Kennen Sie Alex Vogel?«, wollte der Pressesprecher von Ben wissen.

»Den Blitz-Reporter? Flüchtig. Wieso?«

»Weil Vogel irgendetwas über die alte Sache aufgeschnappt hat.«

»Sie glauben, ich hätte …«

»Nein. Aber vielleicht könnten Sie …«

Der Kripochef wedelte mit einer Notiz und unterbrach den Sprecher. »Zwei Morde vor elf Jahren. Weitgehend übereinstimmende Handschrift.« Sonntag blickte Ben an – fast flehend. »Zwei Frauen, denen der Täter das Herz aus dem Leib schnitt. Und jetzt wieder. Die Presse glaubt jedenfalls nicht an einen Zufall.«

»Das wäre der erste Serienmörder, der elf Jahre Ruhe gibt, bevor er sich wieder ans Werk macht.«

Der Pressesprecher antwortete an Stelle des Kripochefs. »Das habe ich Vogel auch gesagt. Aber für den Blitz ist die Sache ein gefundenes Fressen. Wir müssen eine Panik in der Öffentlichkeit vermeiden. Könnten Sie nicht mit Vogel …«

Ben drehte den Spieß um: »Was ist mit Ihren Drähten? Sie kennen doch den Chefredakteur.«

Der Pressesprecher wandte den Blick ab und zuckte hilflos mit den Schultern.

»So kommen wir nicht weiter«, entschied der Kripochef, das Revers seiner Jacke nach Schuppen absuchend. »Wir müssen der Öffentlichkeit mit Fakten entgegentreten.«

Wie der Dicke in der Focus-Fernsehwerbung, dachte Ben. Fakten, Fakten, Fakten.