Umschlag

Sebastian Stammsen

Affenfutter

Kriminalroman

 
 

 

 

 

 

 

 

Der Autor

Sebastian Stammsen, geboren 1976 in St. Tönis am Niederrhein, studierte Psychologie. Er arbeitet für die Unfallkasse Nordrhein-Westfalen und lebt mit seiner Frau und zwei Kindern in Tönisvorst.

Seine Reihe um die Kriminalkommissare Markus Wegener und Nina Gerling startete mit Gegen jede Regel. Es folgte Kettenreaktion. Auch mit neuem Personal beweist Stammsen in Endlich sind sie tot! sein Talent für ungewöhnliche Plots und authentisch-spannende Ermittlungsarbeit.

www.sebastian-stammsen.de

Dienstag

»Ein Puzzlespiel ist nichts dagegen«, brummte Karl und schob einen durchgeweichten Papierschnipsel zur Seite. Er deutete auf ein längliches, vielleicht sieben Zentimeter langes rotbraunschwarzes Objekt.

»Was um alles in der Welt ist das nun wieder?«, murmelte ich von hinten über seine Schulter.

Dr. Karl Konermann war der diensthabende Gerichtsmediziner. Ich bin Kriminalhauptkommissar Markus Wegener und wir befanden uns an dem wohl ungewöhnlichsten Tatort, der mir in elf Jahren Mordermittlungen untergekommen war: im Affentropenhaus des Krefelder Zoos. Im Schimpansengehege, um ganz genau zu sein.

Elen, eine Kollegin der Spurensicherung, kniete sich neben Karl und schoss eine Serie von Fotos.

Karl nahm das blutige Etwas vom Boden auf und tütete es ein. »Ich halte es für den rechten Zeigefinger«, verkündete er nüchtern.

Das Gehege war halbkreisförmig angelegt und wurde von einer weitläufigen Holzkonstruktion beherrscht, die wohl an einen Wald erinnern sollte und in der die Schimpansen an normalen Tagen in ihren Hängematten lagen oder durch die Äste turnten. An diesem Morgen befanden sich auf dem Klettergerüst, halb aufgespießt von einem der obersten Äste, die Reste eines menschlichen Körpers – ohne Gliedmaßen und mit entstelltem Gesicht.

Zwei weitere Kollegen der Spurensicherung hockten-knieten-krochen in weißen Schutzanzügen auf der Suche nach den noch fehlenden Körperteilen herum. Sie nahmen Objekte, Schnipsel, Fetzen und Partikel auf, prüften sie, tüteten einige ein und legten andere wieder zurück. Das Blitzlicht von Elens Kamera zuckte fast ohne Unterbrechung. Karl verstaute seinen Fund in einer Plastikbox, in der er schon drei andere Finger und den Teil eines Fußes gesammelt hatte.

»Was ist das da?«, fragte ich und zeigte Karl ein ebenso schmales schwarzbraunes Ding. »Noch ein Finger?«

Er betrachtete meine Entdeckung prüfend, dann schüttelte er den Kopf. »Kot.«

»Oh.«

»Mach dir nichts draus, Markus«, sagte Karl müde. »Hier liegt so viel Zeug rum, dass ich mich langsam frage, ob wir die Leiche überhaupt jemals vollständig zusammensetzen können.«

Nur quälend langsam meldeten die Kollegen das Auffinden weiterer Teile. Hier ein halber Armknochen, dann wieder Teile eines Organs, Muskelfasern oder einfach undefinierbares organisches Material, das man erst im Labor würde identifizieren können.

»Mein Gott, Markus«, hörte ich Evas Stimme hinter mir, ungewohnt schwach und ein wenig zittrig. »Was ist denn das hier?« Kriminaloberkommissarin Eva Kotschenreuth war seit drei Wochen meine neue Partnerin.

»Das ist unser neuer Tatort«, erwiderte ich matt. Was hätte ich auch sagen sollen? Aufmerksam beobachten und flach atmen war das Gebot der Stunde.

Eva stand neben mir und ich konnte erkennen, wie blass sie hinter der Gesichtsmaske und unter der Kapuze war. Ich dachte lieber nicht daran, wie ich aussehen musste. Aber zum Glück fand der Schönheitswettbewerb der Polizei ja erst in ein paar Wochen statt.

Vor uns grunzte Karl mit grimmiger Genugtuung. »Na bitte, hier haben wir den rechten Daumen. Damit sind alle Finger komplett.«

»Gibt es draußen etwas Neues?«, fragte ich Eva.

Sie schüttelte den Kopf. »Wir sind immer noch dabei, das Personal zu sortieren.«

Für die polizeiliche Absperrung war der Zoo ein dankbares Objekt – vollständig umzäunt und mit weniger als einer Handvoll Zugangsmöglichkeiten. Umso unübersichtlicher gestaltete sich dafür das Personal.

Karl stand auf und streckte sich. »Mein Gott, der arme Kerl ist so gründlich zerlegt worden, als wäre er in einer Fleischerei gelandet.«

»Und das waren die Affen?«, fragte Eva ungläubig.

»Es sieht so aus«, bestätigte Karl.

»Schimpansen«, präzisierte ich das Offensichtliche, weil wir ja in ihrem Gehege standen.

»Aber …«, setzte Eva an. Sie wurde von einem Ruf aus dem Graben unterbrochen. »Ich habe den Arm. Hier ist der linke Arm.«

»Das nenne ich eine gute Nachricht«, kommentierte Karl und wir folgten ihm die drei großen Betonstufen hinunter in den Graben, der das Gehege von den Aussichtsplattformen der Besucher trennte.

»Fotografiert?«, vergewisserte sich Karl.

Elen nickte zur Bestätigung. Der Gerichtsmediziner hob den Arm auf und drehte ihn behutsam in seinen Händen. Er betastete vorsichtig den Oberarmknochen, wo er im Schultergelenk vom Rumpf abgetrennt worden war. »Riss- und Beißwunden«, murmelte er gedankenverloren.

»Grauenvoll«, meinte Eva.

»So, wie der Körper auf diesem Klettergestell liegt, können wir davon ausgehen, dass er davon nicht mehr viel mitbekommen hat«, beruhigte sie Karl. Er hielt den abgetrennten Arm nachdenklich in die Höhe und studierte ihn mit gerunzelter Stirn.

»Es gibt nur einen Schnitt«, bemerkte ich.

Karl nickte nachdenklich. Am rechten Arm hatten wir vier Einschnitte entdeckt, die allesamt tiefer waren. »Falls das tatsächlich Abwehrverletzungen sind, war er wahrscheinlich Linkshänder.«

Eva stand schweigend neben uns, aber ihr Gesicht verriet mir, dass mit dieser Information ihre bisher ungestellte Frage beantwortet war: Eine Leiche allein, selbst wenn sie zerlegt im Schimpansengehege des Krefelder Zoos aufgefunden wurde, rechtfertigte noch nicht das ›große Besteck‹, also ein Großaufgebot der Spurensicherung mit allen Schikanen und das Einleiten einer Mordermittlung. Wenn das Opfer aber Schnitte an den Unterarmen aufwies, die mit hoher Wahrscheinlichkeit Abwehrverletzungen waren, sah das Ganze sofort anders aus.

Wir stiegen die Stufen aus dem Graben wieder nach oben und gingen vorsichtig zur Leiche. Dem Gesicht des Toten waren keine Informationen mehr zu entnehmen. Die Ohren fehlten und anstelle der Nase klaffte nun ein blutiges Loch zwischen Augen und Mund.

»Wir brauchen eine Aufnahme vom Gesicht«, sagte ich zu Elen.

Sie schoss eine Serie weiterer Fotos aus verschiedenen Winkeln, wobei sie sich ganz schön ins Zeug legen musste, um zwischen den Ästen durchzukommen. »In fünf Minuten auf Papier«, erklärte sie schließlich.

»Hast du schon …?«, begann ich die übliche Frage an Karl, doch er schnitt mir mit einer Geste das Wort ab.

»Frag mich heute Mittag. Mit etwas Glück kann ich dir dann sagen, ob er am Sturz gestorben ist oder ob die Schimpansen ihn umgebracht haben.«

Und mehr war auch nicht zu erwarten. Karl verstaute den Arm sorgfältig bei den anderen Körperteilen in seiner Plastikbox. Wahrscheinlich kam es nicht allzu häufig vor, dass er an einem Tatort seine Leiche erst einmal Stück für Stück aufsammeln musste, bevor er sie untersuchen konnte.

Wir betrachteten langsam den Umkreis der Leiche. Ein Kollege hatte den Unterschenkel des rechten Beins hinter der Holzverkleidung der Panoramawand an der Rückseite des Geheges entdeckt, die anderen arbeiteten sich weiter über den Betonboden, um jedem Millimeter den noch so kleinsten Spurenpartikel abzuringen.

Neben der erschreckenden Brutalität, zu der die Schimpansen anscheinend fähig waren, war das einzig Offensichtliche an diesem Tatort der Weg, auf dem der Körper in das Gehege gelangt war. Als wir neben dem Geäst standen, über dem der Rumpf der Leiche hing, sahen wir, dass direkt darüber das Dach des Affenhauses geöffnet war. Die großen Paneele aus mehr oder weniger transparentem Kunststoff erinnerten an ein Gewächshaus und waren im Abschnitt über dem Schimpansengehege zur Seite gefahren. Das Netz, das die Vögel im Affenhaus daran hindern sollte, das Weite zu suchen, war direkt senkrecht über der Leiche zerrissen. Die schwarzen Fransen tanzten im Luftzug, als wollten sie uns zuwinken.

»Zumindest das ist klar«, brummte ich.

Bisher ungeklärt war natürlich, wie es zum Sturz des Mannes vom Dach in das Schimpansengehege gekommen war. Die erste Streifenwagenbesatzung hatte festgestellt, dass das Dach über stählerne Laufstege aus Gitterrost zu begehen war und dort normalerweise nur Personen Zugang hatten, die im Zoo arbeiteten.

Eva deutete mit einem Kopfnicken zum Ausgang. Ich folgte ihr durch die schmale Stahltür und einen engen Gang in den rückwärtigen Bereich des Affenhauses, wo sich kleinere Käfige befanden, wahrscheinlich für den Fall, dass die Affen genug von den Besuchern hatten und lieber unter sich sein wollten. Auch hier fanden sich astähnliche Strukturen, Schaukeln und Hängematten. Durch die massiven Gitterstäbe und die Enge hatten diese Boxen allerdings eher den Charme einer Gefängniszelle.

»Das reicht nicht«, hörte ich Reinholds Stimme. »Dieser Bereich muss geräumt werden.« Der Erste Kriminalhauptkommissar Reinhold Bühler war der Leiter des Kriminalkommissariats 11 und damit Evas und mein direkter Vorgesetzter. Seine Anwesenheit unterstrich die Bedeutung des Falls. Sein Gesprächspartner war ein hohlwangiger Mann mit silberfarbener John-Lennon-Brille, Dreitagebart und Pferdeschwanz, der ihn ratlos anschaute.

»Diese Käfige müssen geräumt werden. Und zwar sofort«, präzisierte Reinhold seine Forderung. Er deutete auf die Boxen neben uns, in denen die Schimpansen außer Rand und Band von Ast zu Ast sprangen, sich gegen die Gitter warfen, schrien und kreischten. Zwei von ihnen schienen besonders aufgebracht zu sein und zeigten uns abwechselnd ihre Muskeln und ihre Zähne. Es war dabei offenkundig, woher die roten Schlieren auf ihrem Gebiss stammten. Mir lief ein eiskalter Schauer über den Rücken.

»Außerdem«, fügte Reinhold hinzu, »müssen wir jedes einzelne Tier untersuchen.«

»Was soll das heißen?«, fragte der Mann verständnislos. Er kam mir vage bekannt vor, aber ich konnte ihm keinen Namen zuordnen.

Von der Seite kam Ralf hinzu. »Das bedeutet, wir untersuchen die Affen auf Spuren, die uns etwas darüber verraten, was hier passiert ist«, erklärte er. Ralf Menzel war der Leiter der Spurensicherung.

»Wir suchen nach Faserresten, Blutspuren, Haaren, Hautschuppen des Opfers. Außerdem benötigen wir Gebissabdrücke von allen Schimpansen.«

Erkennungsdienstliche Behandlung nannte man das beim Menschen. Alles wurde unter die Lupe genommen und eingetütet: der Staub auf der Schulter, der Dreck unter den Fingernägeln, Speichelprobe, Fingerabdrücke.

Hatten Affen überhaupt Fingerabdrücke?, schoss es mir unwillkürlich durch den Kopf, obwohl die Frage natürlich im Moment absurd unwichtig war.

»Und eine Blutprobe«, schob Ralf noch hinterher. »Wir müssen feststellen, ob die Affen unter dem Einfluss von bestimmten Substanzen stehen.«

Der Mann vom Zoo war offenbar zu sehr mitgenommen, um mehr als ein Kopfnicken zustande zu bringen. Er erhielt Unterstützung von einer geschäftsmäßig gestylten Frau mit blauem Hosenanzug und braunem Pferdeschwanz. Vielleicht die vom Zoo vorgegebene Frisur, ging es mir durch den Kopf, als ich die beiden nebeneinanderstehen sah.

»Lass uns die Gorillas ausquartieren und die Schimpansen erst einmal dort unterbringen«, schlug sie ihm mit einer Mischung aus Pragmatismus und Mitgefühl vor und legte ihm dabei beruhigend die Hand auf den Rücken. Sie mochte Immobilienmaklerin sein oder Filialleiterin einer diskreten Privatbank. Da sie im Zoo arbeitete, war sie aber vermutlich keins von beidem.

Der Mann nickte geistesabwesend. »Ich hole das Blasrohr.« Er schlurfte mit unsicheren Schritten davon. Die Frau bewegte sich einige Schritte abseits und inspizierte die Käfige im hinteren Bereich.

»Wie sieht es drinnen aus?«, wollte Reinhold von uns wissen.

Wir schoben unsere Kapuzen zurück und streiften Mundschutz und Handschuhe ab. »Grauenhaft«, antwortete Eva.

»Kettensägenmassaker«, präzisierte ich.

Reinhold verzog das Gesicht. »Danke, sehr anschaulich.«

Wir standen in einem schmalen Gang zwischen dicken Käfiggittern, Lagerräumen und einer Art Küche mitten im geschäftigen Treiben. Die Schimpansen tobten immer noch hinter den Gittern, vielleicht in der Hoffnung, einen von uns irgendwie anlocken und genauso in Einzelteile zerlegen zu können wie ihr erstes Opfer. Ich drehte ihnen demonstrativ den Rücken zu.

»Es sind noch nicht alle Leichenteile gefunden«, erklärte ich nun sachlich. »Ich schätze, für das Gehege brauchen die Kollegen noch mindestens drei Stunden.«

»Das würde ich auch sagen«, schaltete sich Ralf ein. »Und dann noch die Boxen im Innenbereich, die Tiere selbst und der Rest vom Haus. Und natürlich das Dach.«

»Ein Großprojekt.«

»Ein spurentechnischer Albtraum«, korrigierte mich Ralf.

»Was wissen wir bis jetzt?«, fragte Reinhold.

»Eine männliche Leiche. Mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Sturz von oben durch die offene Dachkonstruktion in das Schimpansengehege. Abwehrverletzungen an beiden Unterarmen, die darauf hindeuten, dass er vor seinem Tod mit einem Messer angegriffen wurde. Es ist plausibel zu vermuten, dass er hinuntergestoßen wurde. Der Körper landete auf einem Geflecht aus Holzbalken. Ob er noch bei Bewusstsein oder bewegungsfähig war, kann ich noch nicht sagen. Danach haben die Schimpansen den Körper zerrissen. Alle Gliedmaßen sind abgetrennt, der Kopf ist entstellt. Spuren, die darüber Aufschluss geben könnten, was vor seinem Sturz geschehen ist, werden wir erst im Labor suchen können.«

Reinhold brummte bei Ralfs Schilderung unverständlich. Tiefe Falten gruben sich in seine Stirn. »Wir müssen den Mann identifizieren.«

»Wir sollten uns gut überlegen, wem wir ein Foto vom Kopf zeigen«, gab ich zu bedenken.

Und wie auf ein Stichwort kam ein Kollege der Spurensicherung von draußen zu uns. »Ich habe die Fotos, die du wolltest.«

»Danke, Simon.« Er war unser Spezialist für elektronische Geräte und zweifellos über irgendeine drahtlose Technologie seines Druckers mit Elens Kamera verbunden. Wie auch immer er es gemacht hatte, er hielt mir einige farbenprächtige Ausdrucke des toten Gesichts hin.

»Ach du meine Güte«, keuchte Reinhold.

Ich nahm die Papiere, wählte das präsentabelste Bild aus und faltete den unteren Rand nach hinten, sodass zumindest die Bisswunden am Hals nicht mehr sichtbar waren. »Damit sollte es gehen, oder?«, fragte ich in die Runde. Zur Antwort erhielt ich skeptische Blicke, aber keinen Widerspruch.

Im nächsten Moment kam der Mann mit der John-Lennon-Brille zurück. Auch seine Kollegin im Hosenanzug gesellte sich wieder zu uns, nachdem die Inspektion anscheinend abgeschlossen war. John Lennon trug einen schmalen schwarzen Koffer, in dem sich frisch gewaschene und gebündelte Geldscheine oder auch ein Scharfschützengewehr befinden mochten. Er stellte den Koffer auf dem Boden ab. Aber bevor er dazu kam, ihn aufzuklappen, dröhnte eine polternde Stimme durch das Affenhaus. »Was um alles in der Welt ist denn hier los?«

Ich vermutete, dass sogar die Gorillas hochgeschreckt waren. Umso mehr waren wir alarmiert vom Auftritt des großen schwarzhaarigen Mannes, der mit raumgreifenden Schritten die Entfernung von der Tür zu uns überwand und sich direkt vor Reinhold aufbaute. Ich kannte den Zoodirektor Dr. Uwe Haddenhorst nur aus der Zeitung. So, wie er sich hier präsentierte, mit zurückgegelten Haaren, perfekt getrimmtem Schnurrbart und teurem Anzug, wäre er auch als Direktor der Bank durchgegangen, deren Filialleiterin ja schon vor uns stand. Ich vergewisserte mich mit einem kurzen Blick über die Schulter, dass hinter den Gittern weggeschlossen immer noch die Schimpansen lauerten und keine Finanzhaie.

»Was geht hier vor?«, verlangte der Direktor erneut zu wissen.

Ich sah, wie sich Reinhold unmerklich versteifte. »Guten Tag, mein Name ist Reinhold Bühler von der Kriminalpolizei«, sagte er kühl und streckte seine Hand aus.

Die Blicke der beiden Männer fanden und verhakten sich. Haddenhorst war größer als Reinhold, aber der ließ sich nicht einschüchtern.

Schließlich schüttelten sie sich die Hände. »Haddenhorst. Zoodirektor.«

»Es freut mich sehr«, behauptete Reinhold.

»Was geht hier vor?«, wiederholte Haddenhorst.

»Wir sperren das gesamte Gelände ab, um es untersuchen zu können.«

»Was?! Aber das geht doch nicht. Der ganze Zoo …«

»… bleibt geschlossen, bis die Spurensicherung beendet ist.«

Das glatte Gesicht des Zoodirektors gewann einige Schattierungen an Röte. »Das können Sie nicht machen. Sie befinden sich in meinem Zoo, Herr Bühler.«

Reinhold zog gekonnt eine Augenbraue hoch und ließ den Mann eiskalt auflaufen. »Im Moment«, erklärte er betont freundlich, »befinden Sie sich an meinem Tatort, Herr Haddenhorst.«

Der Direktor wurde noch röter, presste die Lippen zusammen, schluckte dann aber seine Entgegnung herunter. Und plötzlich war die Auseinandersetzung so schnell beendet, wie sie begonnen hatte. Haddenhorst zauberte ein verbindliches Lächeln auf sein Gesicht und sagte eilig: »Natürlich. Selbstverständlich. Wie gedankenlos von mir. Das muss wohl der Schock sein, verstehen Sie.«

»Wer wäre bei so einem Ereignis nicht schockiert«, gab sich Reinhold entgegenkommend. Und bevor der andere sich wehren konnte, fügte er hinzu: »Sobald wir gesicherte Erkenntnisse haben, werden wir Sie sofort informieren. Aber im Moment helfen Sie uns am meisten, wenn Sie uns einige Ansprechpartner zur Verfügung stellen.«

»Ähm, ja«, sagte Haddenhorst überrascht, aber er reagierte schnell. Ein Profi, dachte ich, sah man von seiner Eröffnung einmal ab. »Nun, Dr. Kaden scheint ja schon instruiert zu sein«, sagte der Direktor mit Blick auf den Mann mit dem schwarzen Koffer.

Bei diesen Worten erinnerte ich mich. Ich kannte den Mann aus einer Reportage im Fernsehen. Dr. Frank Kaden war der Tierarzt des Zoos.

Nun deutete der Direktor auf die geschniegelte Frau im blauen Hosenanzug, die aussah wie seine Finanzberaterin. »Am besten ist, Sie halten sich an Frau Alders, unsere Pressesprecherin, sie hat den besten Überblick über den gesamten Zoo.«

Ich betrachtete die Frau skeptisch. Wir waren Polizisten und keine Reporter.

»In Ordnung«, beeilte sich der Direktor dann, »ich schaue mal, ob ich Ihren Kollegen draußen helfen kann. Sie kümmern sich um die Herrschaften von der Polizei, Frau Alders?« Es war eine rhetorische Frage, denn er war schon auf halbem Weg zur Tür.

Die Pressesprecherin blieb zumindest äußerlich ungerührt. »Wenn ich Sie richtig verstanden habe, sollen die Schlafbox der Schimpansen geräumt und die Tiere einzeln untersucht werden«, vergewisserte sie sich sachlich bei Reinhold und Ralf, die das bestätigten. Zu mir sagte Reinhold: »Markus, ich stelle die Kommission zusammen, du übernimmst hier.«

Vielleicht hatte er sich den Direktor zum Vorbild genommen, denn im nächsten Augenblick war er auf demselben Weg und ebenso schnell nach draußen verschwunden.

Unter gegenseitigem Händeschütteln holten Eva und ich unsere offizielle Vorstellung bei dem Tierarzt und der Pressesprecherin nach. Kaden wirkte nun etwas gefasster als zuvor, die Alders zeigte immer noch professionelle Haltung.

»Was passiert jetzt?«, fragte ich.

Der Tierarzt kniete sich hin und öffnete seinen Koffer. Darin befanden sich, eingebettet in schwarzen Schaumstoff, ein langes Rohr und einige kleine Pfeile. Spritzen mit langer Nadel und rot-gelben Stabilisatoren, um genau zu sein.

»Dr. Kaden wird jetzt die Schimpansen betäuben, damit sie untersucht und in ein anderes Gehege gebracht werden können«, erklärte Claudia Alders.

Der Inhalt des Koffers ging also eindeutig mehr in Richtung Scharfschützengewehr. Kaden holte eine gläserne Ampulle aus seiner Jackentasche hervor, zog das Betäubungsmittel auf eine Spritze und füllte damit den vorderen Teil des Geschosses. Danach presste er mit einer dritten Spritze Luft in den hinteren Teil.

»Wozu ist das denn?«, fragte Eva.

»Die Druckluft presst das Mittel in den Muskel des Tiers, nachdem die Nadel eingedrungen ist«, brummte John Lennon.

»Wie lange wirkt das Mittel?«, wollte Ralf wissen.

»Unterschiedlich«, nuschelte Kaden. »Aber diese Dosis auf jeden Fall eine Stunde.«

Ralf nickte. »Das wird reichen.«

Die Pressesprecherin nahm ihn beim Arm. »Die Wirkungsdauer lässt sich nicht hundertprozentig vorhersehen. Wir können Ihnen zur Untersuchung im Aufenthaltsraum der Pfleger einen Platz einrichten, der befindet sich in einem Container direkt hier vor der Tür.«

»Sehr gut, das schaue ich mir sofort an.« Und mit diesen Worten war auch er verschwunden.

Der Tierarzt schob den Pfeil in das Rohr und trat an das Käfiggitter.

»Das ist wie im Dschungel, oder?«, fragte ich.

Aber Kaden reagierte nicht darauf. Stattdessen fragte er: »Welchen zuerst?«

»Den hier vorne mit den blutigen Zähnen«, schlug Eva vor, was sicherlich ganz im Sinne von Ralf war.

»Das ist Gombo«, sagte die Pressesprecherin.

»Im Fernsehen heißen Schimpansen immer Charly«, kommentierte ich.

»Ja, ganz genau«, antwortete sie gedehnt.

Waren die Schimpansen bisher schon außer Rand und Band gewesen, wurden sie nun rasend vor Wut, als der Tierarzt sich näherte. Er richtete aus sicherer Entfernung die Spitze des Blasrohrs auf den Käfig und nahm Gombo ins Visier. Der Affe starrte auf die Mündung, bleckte seine Zähne und fuchtelte mit seinen Armen, als wolle er dem Tierarzt den Kopf abreißen. Kaden holte tief Luft, stieß in das Rohr und im nächsten Augenblick steckte der Pfeil in Gombos Schulter. Der Affe riss sich die Spritze aus dem Körper und schleuderte sie zurück zum Tierarzt. Das gefährliche Geschoss verfehlte Kaden nur um Zentimeter. Ein anderer Schimpanse kam schreiend vorgeschossen und versuchte, durch das Gitter zu greifen. Kaden beobachtete den Vorgang ungerührt. In der ganzen Gruppe im Käfig schwoll ein Kreischen an, das bald ohrenbetäubend wurde.

Der Tierarzt wandte sich an uns. »Sie warten am besten draußen, bis das Mittel wirkt.«

Ich verstand das nicht so ganz, aber die Pressesprecherin sagte sofort: »Natürlich, Frank.«

Unter beängstigendem Gruppenkreischen der Schimpansen folgten wir ihr bereitwillig. »Das scheint den Affen nicht zu gefallen«, meinte ich, als die Tür hinter uns zufiel und wir auf dem schmalen Schotterweg für das Personal standen.

»Ihnen würde es auch nicht gefallen, mit einem Blasrohr betäubt zu werden«, beschied mich die Alders kühl und musterte mich dabei von Kopf bis Fuß.

»Ein Punkt für Sie.«

»Warum sollen wir draußen warten?«, fragte Eva.

»Damit das Mittel wirkt, müssen die Tiere ruhig sein. Wenn die Affen zu aufgeregt sind, muss die Dosis so weit erhöht werden, dass es gefährlich werden kann.«

Und tatsächlich schien der Geräuschpegel im Affenhaus zu sinken, sobald wir außer Sicht waren.

»Durch fremde Personen werden die Affen unruhig?«, hakte ich nach.

»Richtig«, bestätigte die Alders. Angesichts der Leiche im Schimpansengehege schien sie mir immer noch ziemlich cool, andererseits für eine Pressesprecherin auch ziemlich kurz angebunden.

»Aber die Schimpansen sind es doch durch die Besucher gewohnt, oder? Ich meine, wie viele Besucher hat der Zoo an einem schönen Sonntag?«, bohrte ich weiter.

»Zwischen vier- und fünftausend.«

»Wow!«, sagte Eva.

»Und das macht die Affen nicht unruhig?«

Sie musterte mich mit einem Blick, als wollte sie mein Vorwissen abschätzen, um dann passend auf meine Frage reagieren zu können. »Natürlich werden die Schimpansen dann auch unruhig. Und die anderen Affen auch. Aber es ist etwas anderes, ob sich fremde Menschen auf den Besucherterrassen aufhalten, wo die Schimpansen das gewohnt sind, oder ob fremde Menschen im hinteren Bereich auftauchen, der für die Tiere ein sicherer Rückzugsort sein sollte.«

Das leuchtete mir natürlich ein. Und offenbar hatte sich unser Warten schon gelohnt. Die Metalltür zum Affenhaus schwang auf und heraus kam der Tierarzt mit Simon und Elen. Die drei trugen Gombo mit vereinten Kräften auf einer Plastikplane über den Weg. Wir machten ihnen Platz und als sie an uns vorbeizogen, sah ich, dass der Affe immer noch irgendeinen blutigen Fetzen an sich drückte wie einen wertvollen Schatz, den er erbeutet hatte. Die Geste wirkte kindlich, aber ich entdeckte auch die grauen Haare im Gesicht des Affen.

»Wie alt ist Gombo eigentlich?«, fragte ich.

»Er ist einer der beiden ältesten Schimpansen im Zoo, er ist in diesem Jahr achtunddreißig geworden«, erhielt ich Auskunft, als sei ich ein Reporter.

»Und wie alt …?«, wollte ich weiterfragen.

Ich war anscheinend sehr berechenbar, denn sie unterbrach mich und erklärte: »… bis zu fünfzig Jahre.«

Gombo war inzwischen am Ort seiner Untersuchung angelangt. Ralf hatte sich mit seinem mobilen Labortisch und einigen Koffern mit Ausrüstung im Container der Tierpfleger ausgebreitet. Wir standen neben Ralf, als er sich über Gombo beugte.

Zunächst betrachtete er den Schimpansen sorgfältig, ohne ihn anzufassen. Dann wies er Elen an, verschiedene Stellen in Nahaufnahme zu fotografieren: Hände, Arme, Füße und das Gesicht. Ralf zog die Lippen des Affen zurück, entblößte sein Gebiss und Elen drückte erneut den Auslöser. Dann entfernte Ralf das Objekt aus den Händen des Affen, hielt es vor Elens Linse und tütete es ein. Danach folgten Spurenproben der Hände, der Fingernägel, von Kinn, Wangen, Hals. Schließlich kam die Blutprobe an die Reihe. Gombo schlief tief und fest und ließ die Prozedur widerstandslos über sich ergehen.

»Jetzt wird es kompliziert«, brummte Ralf und drückte die Kiefer des Tieres auseinander. Er leuchtete mit einer Taschenlampe in die Mundhöhle und fischte dann mit einer langen Pinzette einzelne Partikel heraus, die ich überhaupt nicht vom Zahnfleisch oder der Schleimhaut hätte unterscheiden können.

Schließlich holte er zwei kleine Metallpfannen aus einem Koffer. »Danach sind wir fertig«, erklärte Ralf. Er öffnete eine weiße Dose mit Schraubverschluss, in der sich eine zähe rosafarbene Masse befand, die ekelhaft nach Zahnarzt roch.

»Muss das denn auch noch sein?«, fragte die Alders.

Ralf hielt die Pfanne an den Kiefer, um die Größe abzuschätzen, dann spachtelte er das klebrige Zeug hinein. »Ja, leider«, sagte Ralf. »Es kann sein, dass wir die Abdrücke nicht brauchen, aber jetzt habe ich den Affen einmal hier, dann ist der Aufwand geringer. Auf diese Weise können wir später die Bissspuren zuordnen.«

»Aber das macht den Mann doch auch nicht wieder lebendig«, wandte die Alders ein. »Ist es denn so wichtig, welcher Affe wo zugebissen hat?«

Ich musste die Vorstellung einer Horde Schimpansen, die sich im Blutrausch über den Körper in ihrem Gehege hermachten, gewaltsam verdrängen. Ralf schob derweil die Metallpfanne in den Mund des Affen und drückte sie gegen den Oberkiefer. »Wir müssen ausschließen, dass jemand anders das Opfer gebissen hat«, erklärte er geduldig.

Als sie verstand, worauf er damit hinauswollte, weiteten sich ihre Augen, dann hob sie ihre Hand vor den Mund und drehte sich eilig weg. Ich fand es beruhigend, ihre menschliche Seite kennenzulernen.

Ralf löste die obere Pfanne, dann kam Gombos Unterkiefer an die Reihe.

Ich nahm Claudia Alders am Arm und führte sie behutsam einige Schritte zur Seite. »Ich möchte Sie noch um etwas bitten«, sagte ich leise zu ihr. »Sie kennen doch die Mitarbeiter des Zoos?«

»Ja«, erwiderte sie tonlos.

»Wir haben ein Foto des Toten, aber sein Gesicht ist ziemlich … entstellt.« Ich überließ ihr die Schlussfolgerung.

Sie nickte, nun wieder so gefasst wie zuvor. »Zeigen Sie schon her.«

Ich hielt ihr das Foto hin. Ihr Erkennen war offensichtlich. Mit vor Schreck aufgerissenen Augen und stockender Stimme sagte sie: »Das ist Peter. Kunze. Ein Tierpfleger.«

Ich angelte mein Handy aus der Tasche, drückte Reinholds Kurzwahl und gab die Information gleich weiter. »Frau Alders hat gerade das Opfer identifiziert. Peter Kunze, ein Tierpfleger aus dem Zoo.«

»Verstanden, danke«, lautete Reinholds knappe Antwort. Während wir weiter vor Ort tätig waren, konnte er im Präsidium die Datenbank befragen, Adresse und Angehörige des Opfers ermitteln und ein Foto des lebendigen und unversehrten Peter Kunze auftreiben, mit dem wir die Identifizierung vorläufig bestätigen konnten.

Die Pressesprecherin war fassungslos. »Er ist … er war … ich habe ihn doch gestern noch gesehen«, stammelte sie, aber die dicke Schicht Make-up auf ihrem Gesicht verbarg wirkungsvoll alle anderen Regungen.

»Er war gestern bei der Arbeit?«, fragte Eva.

»Ja … ich …«, setzte die Alders an.

Und gerade als ich dachte, sie könnte vielleicht ein paar ruhige Minuten gebrauchen, um sich zu sammeln, stürmte ein kleiner bärtiger Mann mit imposantem Bauch auf uns zu. »Claudia, meine Güte, ich habe es gerade erst gehört …« Er erreichte uns, prallte auf die Pressesprecherin, umschloss sie mit seinen Armen und redete aufgeregt weiter, ohne Luft zu holen. »… das ist ja furchtbar, grauenvoll, mein Gott, was sollen wir denn jetzt nur machen?«

»Manfred …«, sagte die Alders verlegen und befreite sich aus dem Griff des Bärtigen.

»Das ist ja ein Albtraum, und das in unserem Zoo. Ogottogottogott«, sprudelte der Mann. Ich vermutete, dass er an normalen Tagen mit Bauch, Bart und Lachfalten eine gemütliche Erscheinung abgab, aber im Moment hüpfte er von einem Bein aufs andere, suchte mit sprunghaften Blicken seine Umgebung ab und wirkte mit den hektischen Flecken im Gesicht wie die leibhaftige Panik.

Ich räusperte mich und gewann so seine Aufmerksamkeit. Vielleicht war in diesem Moment sogar ein Anflug von Dankbarkeit im Gesicht der Pressesprecherin zu erkennen. »Mein Name ist Wegener von der Kriminalpolizei, das ist meine Kollegin Frau Kotschenreuth.«

»Ja. Natürlich. Wie dumm von mir«, sagte er und rollte auf uns zu. »Manfred Weinmann.«

Sein Händedruck war weich und feucht vom Schweiß. »Und was ist Ihre Aufgabe im Zoo?«, fragte ich.

»Ich bin … der zoologische Berater.«

Was auch immer das bedeuten mochte, bei diesen Worten kam der Mann wieder auf den Teppich. Die Flecken in seinem Gesicht verschwanden. »Was ist denn hier passiert?«, fragte Weinmann, nun bedeutend ruhiger.

»Es ist Peter … Herr Wegener hat mir ein Foto gezeigt«, sagte die Alders.

Ich nutzte die Gunst der Stunde und hielt ihm ebenfalls das Foto hin.

Er schluckte, dann nickte er. »Das ist Peter Kunze. Einer unserer Tierpfleger. Und er ist tot?«

»Die Schimpansen haben … Hat dir der Chef nichts gesagt?«, fragte Claudia Alders.

Weinmanns Miene verdüsterte sich. »Du kennst ihn doch … der sagt mir nie was freiwillig.«

Meine Neugier war geweckt. »Warum nicht?«, fragte ich möglichst unschuldig.

»Weil ich Biologe bin«, entgegnete Weinmann barsch.

Ich war ziemlich stolz auf meine Selbstkontrolle, aber der Pressesprecherin war mein überraschter Blick nicht entgangen. »Es ist ganz hilfreich, wenn man bei der Arbeit weiß, was man tut«, erklärte sie.

»Was man nicht von jedem hier behaupten kann«, brummte Weinmann.

»Und deshalb erfahren Sie zu wenig?«, wunderte sich Eva.

»Herr Dr. Haddenhorst wägt sorgfältig ab, wem er welche Informationen zukommen lässt«, erklärte Weinmann steif.

»Der Zoodirektor ist kein Biologe«, tippte ich.

»Er ist Betriebswirt«, bestätigte Weinmann, als sei dieser Beruf etwas Unanständiges. Was auf einen offenen oder verdeckten Krieg der Professionen im Zoo hindeutete. Sehr interessant.

»Damit sind Sie unzufrieden«, vermutete ich.

Er hatte den Mund schon geöffnet, um mir zu antworten, überlegte es sich im letzten Moment aber anders. Aus den Augenwinkeln sah ich die Pressesprecherin kaum merklich den Kopf schütteln. Vermintes Gelände, dachte ich.

»Es bringt einige Schwierigkeiten mit sich«, formulierte es Weinmann schließlich diplomatisch.

Ich betrachtete ihn einige Sekunden und versuchte abzuwägen, welches Vorgehen für uns zweckmäßig wäre. Den Krieg der Berufsgruppen erforschen oder zuerst den Hintergrund des Opfers und den Tatort?

Eva schien zu demselben Ergebnis gekommen zu sein wie ich, denn sie fragte: »Sie haben doch bestimmt eine Personalakte über Peter Kunze?«

Die Pressesprecherin nickte. »Selbstverständlich. Ich hole sie Ihnen.« Und dann stöckelte sie in Richtung der Verwaltungsgebäude am Haupteingang davon.

»Arme Claudia«, murmelte Weinmann, als er der Pressesprecherin hinterherschaute.

»Sie ist ziemlich mitgenommen«, versuchte ich, ihm mehr Details zu entlocken.

»Die beiden kannten sich gut«, verriet Weinmann.

»Frau Alders und Peter Kunze?«, fragte ich erstaunt. Eine Reaktion hatte ich bei ihr zwar bemerkt, aber damit hätte ich nun nicht gerechnet. Die Selbstbeherrschung der Alders war geradezu phänomenal.

»Ja, er hat ihr mal bei einem Forschungsprojekt geholfen. Das muss Jahre her sein«, sagte er gedankenverloren. »Und dann hatte Peter private Probleme …«

Wir warteten geduldig, aber er sprach nicht weiter. »Und sie hat ihm geholfen?«, vermutete ich.

»Ja. Peters Mutter ist sehr krank«, sagte Weinmann vage. »Jeder nimmt Rücksicht auf ihn.«

Da in dem Punkt aus Weinmann wohl nichts herauszubekommen war, wechselte ich das Thema. Zunächst hatte der Tatort Vorrang. »Wir benötigen einige Informationen über das Affenhaus«, verkündete ich.

»Ich kann Sie gerne rumführen«, erklärte Weinmann sich bereit.

Wir besorgten ihm einen schicken Ganzkörperanzug mit Überziehschuhen. Es kostete ihn einige Mühe, sich hineinzuzwängen, aber als der zweite Affe auf einer Plastikplane die Untersuchungsstation erreichte, war der zoologische Berater ordnungsgemäß eingetütet.

»Mein Gott«, brummte Weinmann, als er das blutverschmierte Gesicht des Affen sah. »Armer Limbo.«

»Die Schimpansen haben Ihren Pfleger Kunze zerfleischt«, gab ich angesichts dieses Mitgefühls zu bedenken.

»Schimpansen sind ganz friedliche Tiere«, behauptete Weinmann, während Ralf erneut mit seiner Untersuchungsprozedur begann.

Ich tauschte einen Blick mit Eva, aber die konnte sich darauf auch keinen Reim machen. Weinmann schien unsere Skepsis zu spüren. »Nur in solchen Situationen werden sie unberechenbar. Brutal.«

»Was sind das genau für Situationen?«, hakte Eva nach.

»Wenn sie einen hilflosen Körper antreffen.«

In den klassischen Detektivromanen überführten sich viele Verdächtige selbst, indem sie aus Unachtsamkeit Wissen preisgaben, über das nur der Täter verfügen konnte. Weinmann hatte deshalb augenblicklich unsere volle Aufmerksamkeit.

»Ein hilfloser Körper?«, fragte Eva arglos.

Weinmann nickte bestimmt. »Ja, etwas anderes ist vollkommen ausgeschlossen. Die Schimpansen hätten Peter niemals angegriffen. In freier Wildbahn jagen Schimpansen zwar und können auch Menschen angreifen, aber Peter … Sie kannten ihn doch.«

»Was genau bedeutet hilflos?«, hakte Eva nach.

»Das heißt, er lag auf dem Boden und konnte sich nicht mehr normal fortbewegen. Etwa wenn er gestürzt war und sich ein Bein gebrochen hatte. Von den Schmerzen benommen, sodass er wirklich hilflos war. So etwas ist schon vorgekommen.«

Der zoologische Berater gehörte wohl nicht zu den klassischen Verdächtigen, sondern vielleicht doch eher zu den Personen, die einfach mehr über Schimpansen wussten als wir. »Was ist mit einem bewusstlosen Menschen?«

Weinmann schüttelte den Kopf. »Ausgeschlossen. Einen Menschen, der sich überhaupt nicht mehr bewegt, würden die Schimpansen niemals anrühren.«

Spätestens jetzt war mir klar, dass ich mit meinem Erfahrungswissen über menschliches Verhalten bei den Schimpansen nicht weiterkommen würde.

»Das bedeutet, Peter Kunze war bei Bewusstsein, als die Schimpansen ihn angegriffen haben«, stellte Eva fest.

Obwohl er in seinem Anzug schwitzte, wurde Weinmann angesichts dieser Schlussfolgerung eine Spur blasser. »Ja, das heißt es wohl.«

»Dann lassen Sie uns doch schauen, wie das passiert sein kann«, schlug Eva vor. Sie ließ Weinmann absichtlich im Ungewissen, wie genau der Tatort aussah und worauf das hindeutete. Dass sie ihn zusätzlich mit einem ihrer berühmten Röntgenblicke fixierte, ließ dem armen Mann nur noch mehr Schweiß ausbrechen.

Wir näherten uns dem Affenhaus wieder über den Besucherweg. Am Abzweig zum Personalzugang blieben wir stehen. »Welche Möglichkeiten sehen Sie, nachts auf das Zoogelände zu gelangen, ohne groß aufzufallen?«

»Der Zoo ist ringsum eingezäunt«, sagte er nachdenklich und rieb sich mit einer professoralen Geste das Kinn. »Wenn man von außen kommt, müsste man also diesen Zaun überwinden. Sie könnten von der Berliner Straße kommen, durch diesen Personaleingang hier vom Grotenburgparkplatz oder durch die Gärten hinten von der Vaderstraße.«

Ich notierte mir eifrig die Möglichkeiten. In diesen Bereichen musste die Spurensicherung den Zaun ganz genau untersuchen, im restlichen Gelände reichte wahrscheinlich eine bloße Sichtkontrolle.

»Lassen Sie uns noch kurz draußen bleiben.« Ich deutete auf das Dach. »Wenn ich auf einen dieser beiden Stege kommen möchte, wo ist der einfachste Zugangsweg?«

Weinmann nahm wieder seine Grüblerpose ein. »Beide Stege laufen längs über das Dach. An jeder Längsseite führt eine Treppe nach oben. Wenn Sie die erreichen wollen, müssen Sie eine Leiter anlegen und können dann über die Treppe nach oben steigen. Oder Sie gehen zur nördlichen Giebelseite, dort befindet sich eine ausziehbare Leiter, die an der Wand installiert ist.«

Ich notierte das ebenfalls. Die Längsseite des Affenhauses, die zum Grotenburgstadion ausgerichtet war, erreichten wir in wenigen Schritten. Die Treppe begann an der Dachrinne in etwa drei Metern Höhe. Was mich direkt zu meiner nächsten Frage brachte: »Und wo bekomme ich eine Leiter her?«

»Ganz einfach«, erklärte Weinmann und marschierte zielstrebig zu einem kleinen Schuppen rechts der Personaltür. Hinter einer Holztür mit Vorhängeschloss sahen wir ein wildes Lager aus Eimern, Karren, Säcken – und eine Leiter.

Weinmann hatte seine Hand schon ausgestreckt, als ich sagte: »Stopp! Nicht anfassen.«

Der zoologische Berater zuckte erschrocken zurück und schaute mich schuldbewusst an. »Aber warum denn … Ach so. Natürlich. Fingerabdrücke.«

Ich hielt Elen an, die von der Schimpansenuntersuchungsstation zurück ins Affenhaus gehen wollte. »In diesem Verschlag ist eine Leiter, mit der man zu dieser Treppe dort kommt. Vielleicht gibt es auf dem Dach Spuren, die zeigen, dass hier diese Nacht einer hochgeklettert ist.«

Elen seufzte. »Geht in Ordnung, wir machen uns gleich dran.«

»Wie sieht es denn innen aus?«, fragte Eva.

Elen schüttelte den Kopf. »Uns fehlen immer noch der linke Fuß und ein Teil vom Unterschenkel.«

Weinmann starrte sie mit bleichem Gesicht an, ein Schrecken, den man nur sehr schwer spielen konnte. Ich gab ihm keine Möglichkeit, nachzufragen, sondern nahm ihn beim Arm. »Wollen wir einmal herumgehen? Wo war doch gleich die andere Leiter?«

Wir folgten dem Fußweg für Besucher und stiegen am Ausgang des Affenhauses über eine niedrige Wegeinfassung. Ich sah die Leiter sofort hinter Bäumen und Büschen an der vermoosten Betonfassade.

»Komisch«, meinte Weinmann. »Die müsste doch hochgezogen sein.«

Damit lieferte er mir ein neues Stichwort. Ich stoppte den Biologen mit meiner Hand auf der Schulter. »Was meinen Sie?«

»Das ist so eine Leiter zum Ausziehen. Normalerweise ist sie hochgefahren, aber jetzt ist sie unten, sehen Sie?«

Und ob ich das sah: Der bewegliche Teil der Leiter mochte, wenn er hochgefahren war, drei oder vier Meter vom Boden entfernt sein. Jetzt bot sie bequemen und kürzesten Zugang direkt zum Dach.

Ich nahm mein Handy. »Elen, vergiss den Schuppen für den Augenblick. An der Nordseite befindet sich eine Leiter. Mit der fangt ihr an.«

Zwei Minuten später kam sie mit zwei Kollegen durch das Gebüsch und sie begannen, die Umgebung abzusuchen. »Der Boden ist hier zwischen den Pflanzen noch recht feucht und weich«, meinte Elen nach einem prüfenden Blick. »Könnte sein, dass wir gute Spuren finden.«

»Und jetzt die dritte Seite?«, forderte Eva Weinmann auf.

Unter Elens strengen Blicken schlugen wir einen weiten Bogen zurück auf den Weg. »Am besten«, sagte Weinmann, »nehmen wir den Besuchereingang und dann einen der hinteren Notausgänge. Das geht am schnellsten.«

Der Mann war furchtbar blass und ich sah, wie seine Knie beim Gehen zitterten, aber er dachte mit, das musste ich ihm lassen. Wir folgten ihm in die schwüle Wärme des Affentropenhauses. Ein Betonweg schlängelte sich durch einen künstlichen Dschungel, manchmal als Steg geführt, an anderen Stellen als Holzbrücke über ein schmales Gewässer. Wir passierten das Gehege der Orang-Utans, dann das der Gorillas und erreichten schließlich das der Schimpansen.

Die Szene hatte sich kaum verändert, doch sie wirkte von der Besucherplattform aus seltsam unwirklich, fast wie ein schlechter Traum. Ich erkannte Karl, der sich gerade streckte, wahrscheinlich weil ihm das viele Knien auf den Rücken geschlagen war. Unsere Blicke trafen sich. Er winkte uns zu. »Gleich haben wir es!«, rief er herüber.

»Alles vollständig?«, fragte ich.

»Nein, aber alles abgesucht.« Er machte sich wieder an die Arbeit.

Der Rumpf von Peter Kunze hing immer noch im Geäst des Geheges und anscheinend gab dieser Anblick Weinmann den Rest. Er schlug zwar eilig seine Hand vor den Mund, doch das kam zu spät. Er drehte sich weg und erbrach sich unter heftigem Würgen auf zwei wehrlose Dschungelpflanzen.

Wir warteten einen Moment, bis die Krämpfe des Biologen nachließen, dann legte ich ihm eine Hand auf die Schulter. »Kommen Sie«, sagte ich und schob ihn zum Notausgang.

Obwohl es ja schon einige Jahre her war, erinnerte ich mich noch genau an meinen ersten Tatort mit Leiche. Ich hatte mein Frühstück ausgekotzt und war danach von den Jungs der Spurensicherung zur Schnecke gemacht worden. Von wegen Tatortkontamination. Kurzum: Ich fühlte voll mit Weinmann.

»Frische Luft hilft«, sagte Eva.

»Wie … furchtbar«, stammelte Weinmann unterdessen. »Was ist da passiert? Was ist da … bloß passiert?«

Genau das würden wir herausfinden. Die Notausgangstür schwang quietschend auf und wir traten nach draußen. Der Biologe sog gierig die Luft ein und schloss die Augen. Er öffnete sie direkt wieder. Wahrscheinlich hatte er – wie ich damals – sofort die Leiche vor Augen gehabt, wie eingebrannt in seine Netzhaut. Und das würde noch tagelang so bleiben. Zumindest wussten wir nun mit ziemlicher Sicherheit, dass Weinmann die Leiche gerade zum ersten Mal gesehen hatte. Um uns diese Reaktion vorzuspielen, hätte er über eine Abgebrühtheit verfügen müssen, die ich ihm nicht zutraute.

»Es geht schon wieder«, behauptete Weinmann schließlich tapfer. »Aber … mein Gott, ich dachte, vielleicht ist er noch einmal ins Gehege gegangen, ist gestolpert und …« Ihm versagte die Stimme.

»Mit Sicherheit ist Herr Kunze nicht gestolpert«, bestätigte ich. »Er ist vom Dach in das Gehege gestürzt.«

»Aber wie … ich meine, warum …?«

»Das werden wir herausfinden«, unterbrach ich ihn, denn wir wollten seine Ortskenntnisse nutzen und nicht, dass er sich in etwas hineinsteigerte, was weder ihm noch uns helfen würde. »Wo ist der nächste Zugang zum Dach?«

»Wie? O ja. Hier entlang.«

Wir folgten ihm wenige Schritte. Es war dasselbe wie auf der gegenüberliegenden Seite: Die Treppe begann an der Regenrinne und führte zum Steg auf dem Dach hinauf. Hier war die Leiter, mit der man das untere Ende der Treppe erreichen konnte, nicht in einem eigenen Holzverschlag verstaut, sondern sie hing offen sichtbar quer an der Wand. In ihrer Halterung gesichert mit zwei schweren Vorhängeschlössern.

»Wer hat einen Schlüssel dafür?«, fragte Eva.

Weinmann runzelte die Stirn. »Der hängt an einem Schlüsselbrett hinten bei den Tierpflegern im Affenhaus.«

»Also kann jeder, der dort arbeitet, sich leicht diesen Schlüssel besorgen?«

»Natürlich. Ich meine, es ist ja nicht so, dass es dort etwas zu klauen gäbe.«

Ich betrachtete die Leiter nachdenklich. Wer auch immer auf das Dach geklettert war, um Peter Kunze durch die offene Luke zu werfen, hatte wahrscheinlich die Leiter an der nördlichen Giebelseite benutzt. Die Spurensicherung würde sich das alles noch vornehmen, genau wie die Stege zur Öffnung beim Schimpansengehege. Mit diesem Teil mussten wir warten, bis die Kollegen fertig waren. Aber es gab einen Bereich, den wir jetzt schon anschauen konnten.

»Wollen wir wieder nach innen gehen?«, fragte ich.

Wir nahmen die Notausgangstür in die entgegengesetzte Richtung und gelangten wieder in den Besucherbereich des Affenhauses.

Weinmann schirmte mit einer Hand seine Augen ab und drehte den Kopf, damit er nicht mehr in das Schimpansengehege sehen konnte, schaute dadurch aber zwangsläufig auf sein eigenes Erbrochenes.

»Wie peinlich«, murmelte er.

»Das geht jedem so beim ersten Mal«, beruhigte ich ihn. Auf der anderen Seite des Grabens packte Karl seine Sachen zusammen und die Kollegen sammelten sich um das Holzgestell, auf dem immer noch der größte Teil der Leiche hing.

Wir folgten dem Weg diesmal in die andere Richtung bis zum Besucherausgang. Wir warfen einen Blick in den Container zu Ralf, der mit einem neuen Affen beschäftigt war, und erreichten wieder den Personaleingang. Neben den Zugangswegen zum Dach lag noch eine andere Frage auf der Hand, die ich nun an Weinmann weiterreichte. »Ist diese Tür normalerweise abgeschlossen?«

»Ja. Das macht der letzte Tierpfleger am Abend.«

»Und wer hat einen Schlüssel für diese Tür?«

»Die Tierpfleger«, sagte Weinmann. »Wir haben ein spezielles Schließsystem für unsere Häuser.«

Wenn die ausgezogene Leiter an der Giebelseite darauf hinwies, dass jemand auf diesem Weg auf das Dach geklettert war, besaß diese Person mit Sicherheit keinen Schlüssel. Denn warum hätte er klettern sollen, wenn er einfach die Tür aufschließen und sein Opfer ohne Gefahr und Anstrengung direkt ins Gehege hätte legen können? Auf der anderen Seite stellte sich die Frage, warum überhaupt irgendjemand auf diese Weise einen anderen Menschen hätte ermorden sollen. Warum ihn ins Schimpansengehege schmeißen und nicht direkt erstechen, wenn man das passende Messer sowieso schon in der Hand hielt? Oder erschießen, erwürgen, ja sogar ertränken wäre noch einfacher gewesen als die Akrobatik und die Unwägbarkeiten, die der Täter sich hier zugemutet hatte.

Ich schob die Gedanken beiseite, wir würden später in der Kommission darüber spekulieren und wir mussten jetzt vor allem die Fakten sichern. Ich warf einen Blick auf das Schloss, das keinen besonders soliden Eindruck machte. Aber Personen, die sich nicht damit auskannten, also keine professionellen Einbrecher waren, hätte es schon abgeschreckt. Es war scheinbar unbeschädigt.

Wir gingen durch den schmalen Flur und gelangten wieder zur Schlafbox der Schimpansen. Es befanden sich nur noch zwei Affen darin. Der Tierarzt zog das Betäubungsmittel auf einen weiteren Pfeil.

»Und es ist wirklich Peter?«, fragte er bedrückt.

Weinmann nickte. Ich zückte erneut das Foto. Je sicherer wir mit der Identifizierung im Zoo vorankamen, desto weniger mussten wir den Angehörigen zumuten.

»O mein Gott«, flüsterte der Tierarzt. Die Ampulle rutschte aus seiner Hand, fiel und rollte über den Betonboden davon. Er nahm es scheinbar überhaupt nicht mehr wahr, sondern starrte nur auf das Foto.

»Sie erkennen Peter Kunze?«, fragte ich sachlich.

Er riss sich mit sichtlicher Mühe von dem schrecklichen Anblick los. »Ja. Natürlich. Das ist Peter.«

»Er ist vom Dach in das Gehege gestürzt«, verriet Weinmann.

»Ich muss Sie bitten, Dritten gegenüber Stillschweigen zu bewahren. Nur die Informationen, die wir in der Pressekonferenz mitteilen, dürfen weitergegeben werden.«

Beide Männer nickten verstört.

»Selbstverständlich«, murmelte Kaden.

Aus der Tür zum Gehege tauchte Simon auf. »Was für ein Tatort …«

»Fertig?«, fragte Eva.

»Und wie«, meinte er und zog seine Gesichtsmaske herunter.

»Ich meine, sind alle Spuren gesichert?«

Simon nickte. »Alles abgesucht. Die Teile, die noch fehlen, müssen hier in der Box sein.« Er deutete mit dem Kopf auf die Schlafbox, in der die letzten beiden Schimpansen mit Drohgebärden durch die Gitterstäbe versuchten, den Tierarzt einzuschüchtern.

»Du kommst gerade recht«, sagte ich. »Ich glaube, jetzt wird es technisch.«

Simons Augen leuchteten kurz auf. »Dann lass mich mein Arbeitsgerät holen.« Er brauchte zehn Sekunden, dann stand er abmarschbereit mit seinem Aluminiumkoffer vor uns. »Technik sagst du? Wobei mir alles recht ist – Hauptsache kein Leichenpuzzle mehr.«

Der Tierarzt beschäftigte sich mit einer neuen Ampulle, der Biologe wusste nicht so recht, was er von uns halten sollte.

»Wo kann man das Dach öffnen?«, fragte ich.

»Dazu müssen wir nach oben«, erklärte Weinmann. »Das Dach und die gesamte Technik des Affenhauses werden zentral gesteuert. Folgen Sie mir.« Er führte uns durch einen schmalen Gang, vorbei an der Gorillabox, die inzwischen keine Gorillas mehr enthielt, sondern die von Ralf bereits untersuchten Schimpansen, die benommen gegen die Nachwirkungen der Betäubung ankämpften.