Umschlag

Jan Zweyer

Eine brillante Masche

Die fast wahre Geschichte
eines Lügners

Roman

 

 

 

 

 

 

Der Autor

Jan Zweyer wurde 1953 in Frankfurt am Main geboren und wuchs in Bad Oeynhausen auf. Mitte der Siebzigerjahre zog er ins Ruhrgebiet, studierte erst Architektur an den Fachhochschulen Bochum und Dortmund, dann Sozialwissenschaften an der Ruhr-Universität Bochum. Zwischen den beiden Studiengängen schrieb er als ständiger freier Mitarbeiter für die Westdeutsche Allgemeine Zeitung. Nach seiner letzten Abschlussprüfung war er zunächst als Drittmittelknecht an der Ruhr-Universität, danach viele Jahre in unterschiedlichen Funktionen für verschiedene Industrieunternehmen tätig. Heute arbeitet Zweyer als freier Schriftsteller in Herne.

Nach zahlreichen zeitgenössischen Kriminalromanen um den Anwalt Rainer Esch aus Herne begab er sich in historische Gefilde. In seiner einzigartigen Goldstein-Trilogie ermittelt Kommissar Peter Goldstein in drei unterschiedlichen Regimes.

www.jan-zweyer.de

 

Johann Bos, alias Baron Joachim von Hohenfeld, alias Hans Hoffmann, alias Heinz Forst, alias Hans Bayer, alias Mampe, war einer der größten Hochstapler der Nachkriegszeit. Bos stand ein gutes Dutzend Mal vor Gericht. Er wurde zeitweise von über achtzehn Staatsanwaltschaften gesucht, sieben Mal festgenommen. Heute ist er vergessen.

Dieses Buch erzählt seine Geschichte. Es stützt sich weitgehend auf Tatsachen.

1

Prozesseröffnung

Arnsberg, 15. und 16. August 1950

»Meine Herren, Sie verschleudern Millionen!«

Schlagzeile Osnabrücker Neues Tageblatt vom 17. 8. 1950

Das Gericht betrat den großen Sitzungssaal des Landgerichts in Arnsberg. Alle Anwesenden erhoben sich. Der Vorsitzende, Landgerichtsrat Dr. Wilhelm Döring, dem man ansah, dass er sich der Würde seines Amtes sehr wohl bewusst war, nahm Platz und gab dem Anklagevertreter mit einem knappen Kopfnicken zu verstehen, dass der Höflichkeit nun Genüge getan sei.

Als alle wieder saßen, ließ der Vorsitzende einen prüfenden Blick durch seinen Gerichtssaal schweifen. Er runzelte die Stirn, verlor aber kein Wort darüber, was sein Missfallen erregt hatte, schaute kurz nach links und rechts zu den anderen Mitgliedern seines Richterkollegiums, nickte erneut, setzte eine Brille auf und griff zu einer roten Akte. Er öffnete sie, schaute hinein, senkte den Deckel wieder und sagte mit einem fast gelangweilten Tonfall: »Ich eröffne die Sitzung der ersten Strafkammer des Landgerichts Arnsberg und rufe auf: das Strafverfahren Johann Bos, Aktenzeichen LGA/2303-R-1950. Ich stelle fest: Die Anklage vertritt Herr Staatsanwalt Dr. Bergmann, dem Gericht persönlich bekannt. Vor Gericht sind erschienen: der Angeklagte Herr Johann Bos und sein Rechtsvertreter Dr. Julius Kaessmann aus Dortmund, Letzterer ebenfalls dem Gericht bekannt. Des Weiteren sind anwesend die Zeugen …«, der Vorsitzende sah über den Rand seiner Brille in den Saal, »… mir scheint, dass ein Großteil der geladenen Zeugen nicht hier ist.«

Bevor jemand antworten konnte, meldete sich der Verteidiger des Angeklagten zu Wort. »Herr Vorsitzender, ich gehe davon aus, dass eine Beweisaufnahme nicht erforderlich sein wird. Mein Mandant beabsichtigt, ein umfängliches Geständnis abzulegen.«

»So?«, erwiderte Dr. Döring. »Das erspart uns ja allen viel Arbeit. Herr Staatsanwalt?«

Dr. Bergmann erhob sich. »Ja, der Angeklagte ist im vollen Umfang geständig.«

»Das hört man gerne. Da können wir ja höchstwahrscheinlich auf die Zeugenaussagen verzichten. Zur Sicherheit bitte ich die Zeugen, jetzt trotzdem den Gerichtssaal zu verlassen und im Flur zu warten. Der Angeklagte kann sich ja schließlich noch anders entscheiden, was seine Aussagebereitschaft angeht. Oder seine Einlassungen reichen dem Gericht nicht aus. Über Ihre Pflichten werde ich Sie jeweils vor Ihren Aussagen belehren, sollte dies erforderlich sein.«

Neun Personen standen auf und gingen zur Tür. Im Raum verblieben nur noch die Prozessbeteiligten, einige Journalisten, nicht mehr als fünf Zuhörer und ein einzelner Justizwachtmeister in Uniform, der hinter der Anklagebank stand.

»Dann kommen wir nun zu den persönlichen Daten des Angeklagten.«

Dr. Kaessmann stupste seinen Mandanten mit dem Ellenbogen leicht in die Seite. Johann Bos verstand und erhob sich. Der Angeklagte war groß gewachsen, schlank, trug einen olivgrünen Anzug, dazu ein lindgrünes Hemd und eine dunkelgraue Krawatte. Die wenigen Haare, die ihm geblieben waren, waren kurz geschnitten. Insgesamt machte Bos einen gepflegten Eindruck.

»Sie sind Johann Bos, geboren am 3. April 1912 in Osnabrück?«, wollte der Vorsitzende wissen.

»Ja.« Der Angeklagte sprach mit kräftiger Stimme.

»Und Sie wohnen?«

»Das wissen Sie doch, Herr Richter. Im Knast in Arnsberg.«

Einige der Zuhörer lachten leise. Dr. Döring warf ihnen einen vorwurfsvollen Blick zu, rügte aber diese Unziemlichkeit nicht. »Ich meine, wo haben Sie vor Ihrer Verhaftung gewohnt?«

»Sie meinen, wo ich zuletzt meine Klamotten hatte?«

»Wenn Sie das so formulieren wollen.«

»Also, eigentlich war das keine Wohnung, sondern ein Hotelzimmer. In Hamburg, da, wo ich verhaftet wurde.«

»Sie haben doch nicht in einem Hotelzimmer gewohnt?«

»In Hamburg schon.«

Die Zuhörer tuschelten amüsiert.

»Hatten Sie denn keine andere Bleibe?«

»Doch, aber nicht in Hamburg.«

»Wo denn dann?« Es war dem Vorsitzenden anzumerken, dass er langsam die Geduld verlor.

»In Herne.«

»Und wo da genau?«

»Mont-Cenis-Straße 25.«

»Na bitte. Halten wir also fest: Ihr Wohnsitz ist in Herne.«

»Wenn Sie das sagen, Herr Vorsitzender.«

»Und Ihr Beruf?«

»Was ich gelernt habe?«

»Ja. Und das, womit Sie vor Ihrer Verhaftung Ihre Brötchen verdient haben.«

»Gelernt hab ich Schlachter. Und das Geld habe ich verdient …« Bos machte eine Pause, sah zum Vorsitzenden hin und meinte schelmisch: »Genau. Deswegen stehe ich ja hier, oder?«

Erneut glucksten einige der Zuhörer vernehmlich.

Um die Vernehmung abzukürzen, meinte der Landgerichtsrat in Richtung des Protokollanten: »Also bleiben wir bei Schlachter.« An den Angeklagten richtete er die Frage: »Sie sind deutscher Staatsbürger?«

»Schon immer gewesen.«

»Gut. Damit ist die Vernehmung des Angeklagten zur Person abgeschlossen. Wir kommen nun zur Verlesung der Anklageschrift. Herr Bos, Sie dürfen sich wieder setzen. Herr Staatsanwalt, Sie haben das Wort.«

»Herr Richter?« Bos stand immer noch.

»Ja?«

»War das jetzt alles zu meiner Person?«

»Ja, warum?«

»Wollen Sie nicht mehr wissen?«

»Später.«

»Dann brauch ich aber etwas Zeit.«

»Wie meinen Sie das?«

»Herr Vorsitzender, bei meinem Lebenslauf muss ich schon etwas weiter ausholen. Mein Vater war ziemlich streng mit mir. Er hat mich häufiger geschlagen …«

»Angeklagter, Sie haben jetzt nicht mehr das Wort.«

»Aber meine Mutter hat sich immer vor mich gestellt. Sie war eine gute Frau, müssen Sie wissen. Und ich …«

Dr. Kaessmann zog Bos mit sanfter Gewalt zurück auf seinen Stuhl. »Sie sind jetzt noch nicht dran«, raunte er ihm zu. »Sie haben später noch Gelegenheit …«

»Können wir jetzt mit der Sitzung fortfahren«, bellte der Landgerichtsrat nun sichtlich genervt durch den Saal. »Ohne weitere Unterbrechungen durch das Publikum oder den Angeklagten?«

»Sicher, Herr Vorsitzender«, bekräftigte der Verteidiger.

»Gut«, meinte Dr. Döring. »Herr Staatsanwalt …«

Staatsanwalt Dr. Bergmann hatte dem Wortwechsel mit sichtbarer Belustigung zugehört. Jetzt räusperte er sich und begann mit der Verlesung der Anklageschrift. »Der Schlachter Johann Bos, geboren am 3. April 1912 in Osnabrück, wird angeklagt, in der Zeit zwischen dem 1. Juni 1945 und dem 13. Januar 1948 wegen Betruges in insgesamt fünfundvierzig Fällen, wegen versuchten Betruges in zwanzig Fällen, wegen Urkundenfälschung in …« Die Verlesung der neunundfünfzig Seiten der Anklageschrift nahm über eine Stunde in Anspruch.

Als der Staatsanwalt geendet hatte, fragte Landgerichtsrat Dr. Döring den Angeklagten: »Und was sagen Sie dazu?«

»Also, bevor ich beginne, muss ich Ihnen mitteilen, dass ich für meine Stellungnahme eine Redezeit von mindestens vier Stunden benötige. Und meinen Lebenslauf wollen Sie ja auch noch hören. Sagen wir also eher fünf Stunden. Hätten Sie so viel Zeit?«

Dem Vorsitzenden rutschte fast die Brille von der Nase. »Sie wollen was?«, fragte er konsterniert.

»Ihnen meine Geschichte so erzählen, dass mir Gerechtigkeit widerfährt. Dafür sind wir ja schließlich alle hier, nicht wahr?«

Dr. Döring schluckte und bewahrte nur mühsam die Fassung. Der Staatsanwalt versteckte sich hinter seiner Anklageschrift und die anderen Richter und die Schöffen sahen so aus, als ob ihnen etwas heruntergefallen war, so intensiv suchten ihre Blicke den Boden ab. Nur der Verteidiger blickte gelassen zur Richterbank hinüber. Ihn wunderte nach den vielen Gesprächen mit seinem Mandanten rein gar nichts mehr.

»Da haben Sie allerdings recht. Trotzdem beantworten Sie zunächst meine Frage.«

»Wie mein Anwalt schon gesagt hat: Ich hab’s gemacht.«

»Können Sie sich denn an alle diese Vorkommnisse, die der Herr Staatsanwalt aufgezählt hat, noch erinnern?«

»Nein. Aber wenn es so in den Akten steht, wird es schon stimmen.«

»Sie bekennen sich also in allen Anklagepunkten schuldig?«

»Ja.«

»Wie war das denn beispielsweise am 15. Juni 1945 im Taunus?«

»Juni 45? Da muss ich überlegen …« Bos kratzte sich am Kopf. »Keine Ahnung. Herr Vorsitzender, in der ganzen Zeit ist so einiges passiert. Aber ich gebe alles zu. Sie wollen mir doch nichts Böses.«

Der Landgerichtsrat lehnte sich in seinem Stuhl zurück. Man sah, wie es in ihm arbeitete.

Dann meinte er nur knapp: »Ich unterbreche die Verhandlung für eine kurze Beratung.«

Etwa eine Viertelstunde später erschienen die Richter wieder im Saal. »Herr Staatsanwalt, Herr Verteidiger«, begann der Vorsitzende seine Erklärung. »Angesichts der Tatsache, dass der Angeklagte Taten gesteht, an die er sich nicht erinnern kann, werden wir wohl um die Vernehmung der Zeugen in einem Beweisverfahren nicht umhinkommen. Ich möchte keinem von Ihnen die Revisionsgründe auf dem Silbertablett liefern. Da von den insgesamt siebzig vorgesehenen Zeugen nur neun erschienen sind, werden wir diese erneut laden. Es ergeht deshalb folgender Beschluss: Das Verfahren wird unterbrochen. Neuer Termin von Amts wegen. Zu Ihrer Information: Wir werden am zweiten Verhandlungstag mit der Einlassung des Angeklagten zu seinem Lebenslauf beginnen. Die Sitzung ist geschlossen.« Die Richter erhoben sich.

Johann Bos schien enttäuscht. »Ich darf nichts mehr sagen?«

»Nein«, meinte Dr. Kaessmann. »Heute nicht. Aber das war ja erst Tag eins. Das Gericht wird Ihnen noch das Wort erteilen.«

Bos erhob sich und begann, laut zu sprechen. »Diese Vertagung ist eine große Ungerechtigkeit, das möchte ich ausdrücklich feststellen.«

Sein Anwalt zupfte ihn am Ärmel. »Herr Bos, nun beruhigen Sie sich doch.«

»Ich will mich aber nicht beruhigen. Die Zeugen haben sich gegen mich verschworen, denn sonst wären sie ja wohl erschienen, oder?« Da die Richter und Schöffen Anstalten machten, den Gerichtssaal zu verlassen, rief er ihnen hinterher: »Sie verschleudern Millionen an Steuergeldern. Eine Verschwendung ist das, jawohl! Lassen Sie mich vier Stunden reden und wir sind fertig und alle können nach Hause gehen. Dann brauchen wir auch keine Zeugen mehr. Ich gestehe ja alles. Sie werfen das Geld von uns Steuerzahlern zum Fenster hinaus.«

Erst als der Justizwachtmeister seinen rechten Arm griff, um ihm wieder Handschellen anzulegen, beruhigte sich Bos. Entgeistert schüttelte er den Kopf. »So was«, meinte er zu seinem Verteidiger. »Da ist man geständig und kein Mensch hört einem zu. Das verstehe, wer will.« Dann sprach er die anwesenden Pressevertreter an: »Meine Herren, ich lade Sie zu einer Privatkonferenz ein. Dort werden Sie alles erfahren, was ich weiß.«

Der Justizwachtmeister griff ein. »Herr Bos, kommen Sie bitte mit.«

»Aber ich muss doch meine Konferenz …«

»Das Einzige, was Sie müssen, ist, jetzt in Ihre Zelle zu gehen.« Mit diesen Worten zog er den weiter lamentierenden Angeklagten mit sich.

Noch am selben Tag ging telefonisch eine Einladung des Vorsitzenden bei dem Vertreter der Anklage und dem Staatsanwalt ein. Die Herren wurden gebeten, am nächsten Tag erneut in Arnsberg zu einer inoffiziellen Besprechung mit dem Gericht zu erscheinen.

»Meine Herren«, leitete der Gerichtsrat das Gespräch am 16. August ein. »Sicher wundern Sie sich, warum ich zu diesem etwas ungewöhnlichen Mittel greife. Aber das Gericht hat einen Beschluss gefasst, über den ich Sie informieren möchte, bevor er öffentlich im Gerichtssaal verkündet wird. Da sich der Angeklagte nach eigener Aussage nicht an alle ihm zur Last gelegten Vorfälle erinnern kann oder will, müssen wir ja nun doch in eine umfangreiche Beweisaufnahme eintreten. Dafür aber benötigen wir die Zeugenaussagen. Wie Sie selbst gesehen haben, sind von den ursprünglich siebzig vorgesehenen Zeugen gestern nur neun erschienen. Wir werden die Zeugen also neu laden müssen. Da ich bezweifle, dass alle diesmal der Ladung Folge leisten, habe ich mich mit meinen Kollegen darauf verständigt, einige der Verhandlungstage nicht in Arnsberg, sondern in den Städten durchzuführen, an denen die Taten begangen wurden beziehungsweise in deren Nähe sie stattfanden. So steigt die Wahrscheinlichkeit, dass wir alle Zeugen hören können. Zum anderen ist es schlicht billiger, wenn das Gericht reist, als wenn wir das Dutzenden Zeugen zumuten.«

Dr. Bergmann verzog keine Miene, als ob ihn dieser Beschluss nicht weiter tangierte.

Anders reagierte Dr. Kaessmann. »Das ist in der Tat ein Novum in der Geschichte der bundesrepublikanischen Justiz«, meinte er. »Ach, was sage ich: Das ist mir in meiner dreißigjährigen Praxis noch nicht passiert. Wie haben Sie sich das praktisch vorgestellt?«

»Wir beabsichtigen, in München, Würzburg, Frankfurt und Hannover zu tagen. Wie Sie anreisen, bleibt Ihnen überlassen. Wir können Ihnen allerdings anbieten, mit uns die Bundesbahn zu nutzen. Mein Büro könnte sich auch um Ihre Fahrscheine und die Sitzplatzreservierung kümmern. Dann könnten wir gemeinsam in einem Abteil reisen.« Dr. Döring lächelte. »Selbstverständlich wird dort nicht über den Prozess gesprochen. Der Angeklagte hingegen wird in einem Personenwagen transportiert. Zwei Beamte begleiten ihn und er wird an den Füßen gefesselt, um jede Fluchtgefahr auszuschließen.«

»Ich nehme an, Widerspruch wäre ohnehin zwecklos?«, erkundigte sich der Verteidiger.

»So ist es«, erwiderte der Vorsitzende.

2

Die erste Liebe

Osnabrück, 20. Juli 1929

Die Luft in der Scharfen Lotte war zum Schneiden. Johann Bos hatte seinen einzigen Anzug angezogen. Die Ärmel waren zwar leicht abgestoßen und die Hose etwas zu kurz, aber in dem schummerigen Licht des Nachtklubs würde das nicht weiter auffallen. Außerdem, so nahm Johann nicht zu Unrecht an, dürften die Gäste des Etablissements in der Osnabrücker Altstadt ihre ganze Aufmerksamkeit den Tänzerinnen schenken, die auf der kleinen Bühne mehr schlecht als recht Josephine Baker imitierten. Nur auf das charakteristische Bananenröckchen verzichteten die Damen. Stattdessen trugen sie ein Nichts aus durchsichtigem Mull, sehr zur Freude der überwiegend männlichen Besucher.

Der Siebzehnjährige hatte mit Schwierigkeiten bei der Einlasskontrolle gerechnet, aber der Türsteher hatte nur einen flüchtigen Blick in sein Gesicht geworfen und ihn dann passieren lassen.

Er schaute in die Getränkekarte. Das Herrengedeck kostete ein kleines Vermögen, aber Johann hatte sich kurz vor Feierabend mit einem schnellen Griff in die Kasse der Metzgerei, in der er seine Lehrjahre absolvierte, ausreichend Mittel für den Abend angeeignet. Er rechnete nicht damit, dass er wegen dieser Geldbeschaffung belangt würde. Sein Meister lag schon seit Tagen mit einer Sommergrippe zu Bett und dessen Frau, die ihn im Laden ersetzte, war in geschäftlichen Dingen nicht bewandert. Eine Registrierkasse gab es nicht. Und da auch die Verkäuferin, die sonst hinter dem Tresen stand, Urlaub hatte, war es ihm ein Leichtes gewesen, die handschriftlichen Eintragungen der Tageseinnahmen zu manipulieren und einen gehörigen Batzen für sich abzuzweigen.

Skrupel verspürte Johann keine, bezahlte ihm sein Lehrherr doch, wie er fand, nur einen Hungerlohn für seine harte Arbeit.

»Der Herr wünschen?«, fragte ein Keller, der an seinen Tisch getreten war.

»Ein Bier.«

Der Mann zog merklich die rechte Augenbraue hoch. »Bier nur als Gedeck. Als Einzelgetränk nur Sekt oder Champagner.« Sein Tonfall wechselte von devot zu herablassend.

Der Siebzehnjährige spürte, wie er errötete. Dieser Schnösel, dachte er wütend und erwiderte so überheblich, wie es ihm möglich war: »Entschuldigung. Ich vergaß, dass wir hier nicht in Berlin sind. Dort gelten bekanntlich andere Regeln. Dann eben ein Gedeck.«

Der Kellner verbeugte sich leicht. Johanns kleiner Triumph wurde nur durch das Grinsen geschmälert, das der Ober andeutete, als er sich von seinem Tisch entfernte.

Heftiger Applaus brandete auf. Die Tänzerinnen hatten ihre Darbietung beendet und verließen die Bühne. Der Conférencier kündigte als den nächsten Höhepunkt des Abends den Auftritt eines Zauberers an, der – so sein vollmundiges Versprechen – sie durch seine Künste in Verblüffung versetzen werde.

Der Magier entpuppte sich als pickeliger Jüngling in einem Frack, der an seinem schlaksigen Körper schlotterte. Mehrmals stolperte der Künstler über die zu langen Beinkleider, was das Publikum mit schadenfrohem Gelächter quittierte.

Als Nächstes folgte eine Sängerin undefinierbaren Alters, die sich bemühte, mit rauchiger Stimme die aktuellen Schlager vorzutragen. Da sie aber dann und wann ihren Text vergaß und ihre Aussetzer mit schlichtem Gesumme zu überbrücken versuchte, hielt sich die Begeisterung ihrer Zuhörer in recht engen Grenzen.

Johann ärgerte sich. Was hatten ihm seine Freunde nicht alles von dem Lokal vorgeschwärmt: In der Scharfen Lotte gingen willige Mädchen ein und aus, hatten sie ihm erzählt. Die Tanzdarbietungen seien an Frivolität nicht zu überbieten. Und was hatte er bis jetzt erlebt? Einen drittklassigen Zauberer. Eine vergessliche Sängerin. Gut, die halb nackten Mädchen hatten auch seine Fantasie angeregt. Aber lüsterne Gedanken konnte er sich auch machen, ohne viel Geld für Bier und Korn auszugeben – er war hier, um etwas Handfestes zu erleben.

Der Ansager trat wieder auf die Bühne und versprach den Zuschauern, nun folge der absolute Höhepunkt des Abends: Chantal d’Armagnac.

Johann meinte, sich zu erinnern, diesen Nachnamen schon einmal gehört zu haben, wenn auch in einem anderen Zusammenhang. Hatte sein Vater nicht auf dem letzten Familienfest über Armagnac gesprochen? Der Alte dürfte in Gegenwart seiner Gattin wohl kaum die Tänzerin gemeint haben. Deren laszives Lächeln war auf den Fotografien zu bewundern, die in den Schaukästen draußen vor dem Nachtklub ausgestellt waren. Er musste sich irren. Es waren wohl doch seine Freunde gewesen, die diesen Namen erwähnt hatten. Eigentlich war der Begriff ›Freunde‹ für die Jungs, mit denen er seine Zeit totschlug, zu hoch gegriffen. Einige von ihnen kannte er seit der Schulzeit, andere hatten sich später dazugesellt. Sie trafen sich täglich in den frühen Abendstunden, rauchten, ließen Bierflaschen kreisen. Ihre Gespräche drehten sich um Mädchen, ihre Lehrherren, die neuesten Filme. Wirklich vertraut war Johann mit keinem von ihnen. Auch in ihrer Gesellschaft blieb er verschlossen.

Das Licht auf der Bühne erlosch und die kleinen Lampen auf den Tischen im Gästebereich wurden gedimmt, bis es fast dunkel in dem Lokal war. Leises Klavierspiel erklang. Dann erhellte ein Scheinwerferkegel einen schwarzen Vorhang, der sich leicht bewegte und dann plötzlich aufgerissen wurde. Der Blick wurde frei auf eine schlanke Schwarzhaarige, deren lange Beine in hochhackigen Schuhen endeten. Chantal trug einen schwarzen Ledermantel, dessen Kragen hochgeschlagen war, einen Zylinder und in der rechten Hand hielt sie eine Reitpeitsche.

Johanns Kehle fühlte sich trocken an. Was für eine Frau! Er griff zum Bierglas, trank es in einem Zug aus und winkte den Kellner herbei, um ein neues Getränk zu bestellen, ohne dabei den Blick von der Bühne zu wenden. Denn Chantal trat vor und begann, langsam und mit neckischem Lächeln, die Knöpfe ihres Mantels zu öffnen.

Er fieberte dem Kommenden entgegen. Was trug sie wohl darunter? Nichts? Johann spürte, wie sich seine Männlichkeit regte.

Chantal war nun am letzten Knopf angekommen. Sie legte beide Hände an den Mantel.

Jetzt, dachte Johann, würde sie das Geheimnis lüften. Der Klavierspieler erhöhte das Tempo und damit die Spannung.

Nun mach schon, schrie Johann in Gedanken. Zeig mir, was du hast!

Aber Chantal drehte sich abrupt um und verharrte regungslos im Scheinwerferlicht.

Der Kellner brachte das Bier. Johann griff danach und kippte es hinunter. Damit hatte der Ober anscheinend gerechnet, denn er war zwischen den Tischen, die sein Revier bildeten, stehen geblieben. Auch die anderen Männer im Saal reagierten ähnlich und orderten neu.

Endlich ließ Chantal, immer noch mit dem Rücken zu ihrem Publikum, den Mantel langsam über ihre Schultern gleiten.

Johann hielt den Atem an. Weiße Haut wurde sichtbar, immer mehr. Kein Mieder oder Büstenhalter. Nur nacktes Fleisch!

Dann fiel der Mantel. Ein bewunderndes Raunen lief durch den Saal. Auch Johann schnappte nach Luft. Wohlgeformte Pobacken leuchteten für einen Moment im grellen Licht des Scheinwerfers, der dann plötzlich alles in Rot tauchte. Chantal ließ die Peitsche sanft über ihren Körper streichen.

Johanns Erektion wurde schier unerträglich. »Nun dreh dich endlich um«, flüsterte er, griff mit der rechten Hand in seine Hosentasche und umfasste sein Glied.

Als ob Chantal sein Flehen erhört hätte, wandte sie sich wieder den Zuschauern zu. Schemenhaft waren ihre prallen Brüste auszumachen. Und ein Dreieck, welches ihre Scham verdeckte und dessen Besatz aus Glassplittern im Lichtkegel funkelte.

Johann beugte sich vor, um besser sehen zu können. Und genau in diesem Augenblick sah Chantal zu ihm hinüber. Sie lächelte ihn an. Und er ejakulierte in seine Unterhose.

Dem folgenden Programm mit Jongleuren und dem erneuten Auftritt der Tanzgruppe schenkte Johann keine Beachtung. Stattdessen sprach er den Kellner an: »Ist es möglich, dass ich mich mit Fräulein d’Armagnac ein wenig unterhalten kann?« Ein Geldschein wechselte den Besitzer.

»Madame ist sehr wählerisch, was ihre Gesprächspartner angeht. Und anspruchsvoll mit ihren Getränken.«

Ein weiterer Schein verschwand in der Hosentasche des Obers.

»Wäre sie mit einem Glas Sekt zufrieden?«, erkundigte sich Johann und überschlug schnell die ihm verbliebene Barschaft.

»Champagner wäre besser.« Der Kellner beugte sich vor und setzte mit vertraulicher Stimme fort: »Der Champagner im Einzelausschank ist nicht so nach ihrem Geschmack. Aber privat trinkt sie häufiger Sekt, ich habe sie schon des Öfteren dabei beobachtet. Die Marke, die sie bevorzugt, gibt es allerdings nur in Flaschen.«

»Und die kostet?« Der Kellner nannte den Preis.

Johann schluckte. Wenn er diese Rechnung beglich, wäre nicht nur seine Beute perdu, sondern auch ein Wochenlohn. Er gab sich einen Ruck. »Dann bitten Sie Madame an meinen Tisch. Und wenn sie kommt, bringen Sie uns den Sekt. Und zwei Gläser. Aber nur dann.«

Die Züge des Kellners verzogen sich spöttisch. Johann hingegen war so aufgeregt, dass er es nicht bemerkte. Die bewundernswerte Chantal würde bald hier neben ihm am Tisch sitzen.

Nachdem der Kellner verschwunden war, inspizierte der Jüngling den Schritt seiner Hose. Von seinem kleinen Malheur war glücklicherweise nichts zu sehen. Es fühlte sich zwar auf seiner Haut noch etwas klebrig und feucht an, aber das würde trocknen.

Etwa zwanzig Minuten später trat die sehnsüchtig Erwartete an seinen Tisch. Sie trug nun ein langes Abendkleid, dessen seitlicher Schlitz bis zu ihrem Oberschenkel reichte und eine ebenfalls schwarze Stola. Johann sprang auf und machte eine Verbeugung, so wie er es aus Filmen kannte. »Bos, angenehm.« Er rückte Chantal den Stuhl zurecht und wartete, bis sie Platz genommen hatte. Erst dann setzte er sich auch.

Der Kellner brachte den Sekt und schenkte ein. Johann hob das Glas und prostete seinem Gast zu.

Auch Chantal hob das Glas. »Wohlsein«, sagte sie mit einer hohen, fast piepsigen Stimme ohne jeden Akzent. »Ach, wie das prickelt. Ich liebe Sekt.«

»Wo haben Sie so gut Deutsch gelernt?«

Sie schaute ihn verwundert an. »Wie bitte?«

»Na, Sie sprechen gar nicht wie eine Französin.«

Chantal lachte auf. »Ich bin auch keine. D’Armagnac ist mein Künstlername.«

Johann ärgerte sich über seine Unbeholfenheit. Das würde ihm nicht noch einmal passieren, schwor er sich.

»Sie … Sie sind sehr schön«, sagte er unvermittelt.

»Danke.« Chantal legte wie zufällig die Hand auf seinen Arm. »Ich habe dich hier noch nie gesehen. Bist du das erste Mal in diesem Laden?«

»Ja.«

»Und wie alt bist du?« Sie musterte ihn amüsiert.

»Einundzwanzig«, schwindelte Johann. Ob sie ihm diese Lüge abnahm? Als Neunzehnjähriger hatte er sich schon erfolgreich ausgegeben. Aber einundzwanzig?

Sie ließ erneut ihr Lachen hören. »Nie im Leben. Aber es ist mir egal. Ich bin nicht der Rausschmeißer.«

Sie machte eine Pause und ihre Hand näherte sich seiner. Johann wurde der Hemdkragen zu eng und sein Glied regte sich wieder.

»Lass mich raten. Sechzehn?«

»Siebzehn«, gestand er.

Chantal zeigte auf die Sektflasche im Kühler. »Hast du dein Sparschwein geplündert, um mich einzuladen?«

»Natürlich nicht«, log Johann und versuchte, so erwachsen wie möglich zu klingen. »Mein Vater hat mir das Geld gegeben.«

»Um es in einem Nachtklub zu verprassen?«

»Dafür nun nicht gerade. Aber er überlässt mir die Entscheidung, was ich mit meinem Geld anstelle.«

»Ein großzügiger Vater. Was macht er denn so?«

Johanns Gedanken rasten. Jetzt hatte er sich selbst in die Bredouille geritten.

Seine Familie lebte am Rand der Stadt in einem kleinen Kotten. Vater verdiente sein Geld mit Viehhandel, der die Familie gerade so ernährte. Wenn Mutter nicht manchmal als Näherin arbeiten würde, wäre mehr als einmal in den vergangenen Monaten außer trockenem Brot nichts auf den Tisch gekommen. »Er ist im Fleischgeschäft tätig«, stieß er hervor.

»Im Fleischgeschäft also. Metzger?«

Woher wusste sie, dass er als Metzger arbeitete? Hatte sie ihn im Laden seines Lehrherrn gesehen? Nein, das konnte nicht sein, beruhigte er sich. Eine Dame wie sie würde nie in der kleinen Metzgerei einkaufen. »Nein. Meine Familie besitzt eine Großschlachterei bei Münster«, behauptete er. »Bos und Sohn. Vielleicht haben Sie schon einmal davon gehört?«

Sie hatte nicht. Wie auch.

Ruhiger geworden, begann Johann nun, eine Geschichte zu erfinden. Er erzählte von der Villa, die sie bewohnten, seinen Ausflügen in die Umgebung, den Autos und den Bediensteten. Je länger er sprach, desto sicherer fühlte er sich. Und Chantal hing an seinen Lippen.

Schließlich war der Sekt ausgetrunken. »Lädst du mich noch zu einer weiteren Flasche ein?«, bat sie.

Johann wand sich wie ein Aal. Dazu fehlte es ihm an Geld. Aber schnell fiel ihm eine Ausrede ein. »Ich muss leider zurück ins Hotel. Wir brechen morgen recht früh zurück nach Münster auf.«

»Wir?«

»Na, ich und der Chauffeur, der mich gebracht hat.«

Sie sah ihn bewundernd an, beugte sich vor und hauchte ihm einen Kuss auf die Wange. »Kommst du wieder?«

»Natürlich.« Und in diesem Augenblick glaubte er fest daran, Chantal hätte sich in ihn verliebt.

3

Kriminelle Jugend

Arnsberg, 2. Oktober 1950

Auf den Zuhörerbänken des Gerichtssaals saßen die Besucher dicht an dicht. Anscheinend hatte es sich herumgesprochen, dass dieser Prozess einen gewissen Unterhaltungswert besaß. Dem Vorsitzenden war aus ebendiesem Grund der Andrang nicht so recht. Zu viel Öffentlichkeit brachte nur Unruhe. Und die konnte er gerade in diesem Verfahren nicht gebrauchen, in dem nur wenig so war, wie eigentlich in Strafprozessen üblich.

»Sie haben sich dann noch öfter mit dieser Chantal getroffen?« Landgerichtsrat Dr. Döring nahm seine Lesebrille ab und schaute Bos an.

Der nickte nur.

»Ich habe Sie nicht verstanden, Angeklagter.«

»Ich habe ja auch nichts gesagt, Herr Vorsitzender.«

»Haben Sie nun oder nicht?«

»Natürlich habe ich.«

»Immer in der Scharfen Lotte?«

»Anfangs schon. Später musste ich mir ja eine neue Unterkunft suchen. Zu Hause durfte ich nicht bleiben.«

»Weshalb nicht?«

»Aber Herr Vorsitzender, das steht doch alles in den Akten.«

»Seien Sie so freundlich und erzählen Sie es uns noch einmal.« Der Tonfall ließ erkennen, dass Dr. Döring nicht mehr so geduldig war, wie seine Worten glauben ließen, im Gegenteil. Er war es leid, ständig die heitere Unruhe unter den Zuhörern dämpfen zu müssen, konnte den treuherzigen Hundeblick des Angeklagten nicht mehr ertragen und verspürte nicht die geringste Lust, immer wieder dessen ausschweifende Redebeiträge zu unterbrechen. Aber er war der Vorsitzende in diesem Gerichtssaal. Es war sein Prozess. Und er gedachte, ihn streng nach Recht und Gesetz zu Ende zu bringen. Deshalb bewahrte er die Fassung, auch wenn es in ihm brodelte.

»Nach unserem ersten Treffen hatte ich mir vorgenommen, am nächsten Wochenende wieder in das Nachtlokal zu gehen.«

»Wovon wollten Sie diesen Besuch denn bezahlen?«

»Tja, da treffen Sie den Nagel auf den Kopf, Herr Vorsitzender. Ich war nämlich wirklich total pleite. Da blieb mir nichts anderes übrig, als mir noch einmal etwas Geld von meinem Lehrherrn zu leihen.«

»Leihen?«

»Ich dachte damals, ich würde es ihm wieder zurückgeben können.«

»Wovon denn?«

»Mir wäre bestimmt etwas eingefallen.«

»Das glaube ich Ihnen aufs Wort«, rief Staatsanwalt Dr. Bergmann in den Saal und erntete dafür einen missbilligenden Blick des Vorsitzenden.

»Wie oft haben Sie sich denn aus der Kasse …«, Dr. Döring räusperte sich, »… etwas … äh … geliehen?«

»So fünf, sechs Mal. Kann aber auch zehn Mal gewesen sein.«

»Und dann ist Ihnen Ihr Arbeitgeber auf die Schliche gekommen?«

»Leider.«

Einige Zuhörer lachten erneut. Bos drehte sich zu den Zuhörerreihen hin und deutete eine Verbeugung an.

»Angeklagter«, blaffte der Landgerichtsrat los. »Hier spielt die Musik. Sehen Sie zu mir und lassen Sie die Mätzchen. Haben Sie verstanden?«

»Natürlich, Herr Vorsitzender.«

»Dann weiter. Sie wurden vor ein Jugendgericht gestellt?«

»Das muss so im November 1929 gewesen sein.«

»Am 25. November, um genau zu sein«, ergänzte der Vorsitzende. »Sie wurden wegen mehrfachen Diebstahls und Unterschlagung zu einhundert Mark Geldstrafe und drei Monaten Jugendarrest verurteilt.«

»So viel hab ich bekommen? Aber wenn es in den Akten steht …«

Dr. Döring unterbrach Bos erneut: »Das Gericht kennt mittlerweile Ihr unerschütterliches Vertrauen in die Qualität unserer Prozessakten. Sie müssen das nicht immer wieder betonen. Fahren Sie fort.«

»Als ich aus dem Jugendknast kam, war ich meine Lehrstelle los und mein Vater hat mich zu Karneval an die frische Luft gesetzt. Obwohl – fast hätte ihn meine Mutter noch umgestimmt. Fast. Na ja. Ich habe meinen Koffer geschnappt und bin los. Das muss kurz vor meinem achtzehnten Geburtstag gewesen sein.«

»Und wovon haben Sie gelebt?«

»Die ersten Tage habe ich in Scheunen übernachtet. Aber dann kehrte der Winter zurück. Ich konnte bei einem Bauern in der Nähe von Telgte als Helfer anfangen. Die Ställe reinigen, Kühe melken, aussäen. Eben alles, was so anfällt.«

»Und dann?«

»Ich habe gespart, bis ich genug Geld zusammenhatte.«

»Wofür?«

»Einen neuen Anzug. Ich wollte heiraten.«

»Wen?«

»Chantal d’Armagnac natürlich. Sie war auch sofort einverstanden.«

»Sie waren aber noch nicht volljährig.«

»Das war ein Problem, da haben Sie recht, Herr Vorsitzender. Aber ich hatte mich erkundigt. Mit einer Genehmigung meiner Eltern wäre eine Heirat möglich gewesen.«

»Und? Haben sie die Einwilligung erteilt?«

»Nicht direkt. Aber auf dem Formular, das mir das Jugendamt für die Einreichung beim Familiengericht gegeben hatte, standen ihre Unterschriften.«

»Verstehe. Sie haben sie gefälscht.«

Bos strahlte über beide Ohren. »Woher wissen Sie das?«

Der Vorsitzende verdrehte die Augen. »Und diese Chantal hat Sie dann geheiratet, obwohl sie nur ein Landwirtschaftshelfer waren?«

»Das wusste sie ja nicht. Ich habe es ihr jedenfalls nicht erzählt. Sie dachte doch immer noch, meinem Vater gehörte ein großer Schlachthof.«

»Haben Sie sich nicht dafür geschämt, ihr solche Lügen aufzutischen?«

»Nein, warum? Sie hieß ja auch nicht Chantal d’Armagnac, sondern Mechthild Waldkämper.«

»Das haben Sie ihr also nicht übel genommen?«

»Natürlich nicht, denn wir haben uns blendend verstanden. Nur wollte sie unbedingt meine Eltern kennenlernen – die erfundenen, meine ich. Die Idee hat mir natürlich nicht gefallen. Anfangs konnte ich Chantal noch hinhalten. Aber dann bestand Sie auf ein Treffen. Es ging ihr weniger um die Eltern als um die Villa, die Autos und den Schlachthof, nehme ich an.«

»Da könnten Sie richtigliegen.«

»Außerdem waren meine Ersparnisse schnell aufgebraucht und wir lebten von ihren Einkünften. Zunächst hat sie mir noch geglaubt, als ich von einem Problem mit den Überweisungen meines Vaters erzählte. Aber als dann wochenlang kein Geld kam