Umschlag

Christiane Höhmann

Untervörde

Kriminalroman

 
 

 

Die Autorin

Christiane Höhmann arbeitete nach ihrem Germanistik- und Anglistikstudium fünfundzwanzig Jahre lang als Gymnasiallehrerin. Sie hat Sachbücher, Kurzgeschichten, Essays und Romane veröffentlicht und erhielt 2007 den ›Akademiepreis Wolfenbüttel‹ in der Sparte Literatur. Heute ist sie als Autorin, Dozentin und Coach in Paderborn tätig.

www.christiane-hoehmann.de

 

 

Für Annika und Lisa

 

»Warum hast du das getan?«

»Weil ich es konnte.«

Freitag, 1. August 1997

Prolog

In diesem Jahr brachte er die Ernte rechtzeitig ein. Seit Anfang Juli war es heiß, unerträglich drückend, die Leute hörten nicht auf zu klagen. Alle meckerten im Dorf, ganz gleich, ob es nun regnete oder sonnig war.

Karl hielt die Presse für einen Augenblick an und betrachtete die Heuballen auf dem Feld. Eine gute Ernte. Er pfiff erfreut durch die Zähne und drehte sich zum Weg. Am Waldrand, auf dem Weserradweg, lief jetzt eine junge, blonde Frau vorbei. Das Haar hatte sie zu einem Pferdeschwanz gebunden, der im Takt hin und her schwang. Karl betrachtete ihre Bewegungen mit Wohlgefallen. Viola war und blieb einfach anders als die Frauen im Dorf, die nach dem ersten Kind aussahen, als ob sie das Bier selbst tränken, das ihre Männer kistenweise in die Häuser schleppten. Sie gingen in die Breite und schoben ihre Kinderwagen immer langsamer durch die Straßen.

Die da drüben hatte auch schon eine sechsjährige Tochter, das tägliche Joggen allein konnte nicht der Grund dafür sein, dass sie so schlank und quirlig war, so durchtrainiert und immer fröhlich, wenn er sie sah.

Karl hob die Hand an seinen verschwitzten Hut und erwiderte ihr Winken.

Wenig später ließ ihn ein klapperndes Geräusch noch einmal aufsehen. Ein gelb gekleideter Radfahrer fuhr langsam in dieselbe Richtung wie die Joggerin. Offenbar war das Schutzblech locker, das Klappern wurde lauter, aber das schien ihn nicht zu kümmern. Der kräftige, grobe Mann sah nicht herüber. Das Gesicht hielt er abgewandt, den Blick auf den Wald gerichtet. Wahrscheinlich war das ein Weserradler, der sich beim Fahren ausruhte, weil er ahnte, dass hinter der Kurve der nächste Anstieg in den Wald vor ihm lag. Oder hatte Karl den Mann schon mal im Nachbarort gesehen?

Er zuckte die Achseln und warf die Maschine wieder an. Ihr Dröhnen hallte in den Wald und über den Fluss bis ins Dorf. Wenn er auf dem Ackerschlepper saß und seine Bahnen zog, konnte die Welt leer sein, er bekam nichts von ihr mit.

Freitag, 3. August 2012

1

Das muss das Dorf sein, dachte Klara, als sie den abschüssigen Weg aus dem Wald hinunterratterte, auf das Licht und die Sonne zu. Wohin sie blickte sattgrüne Wiesen und vor ihr, auf der anderen Weserseite, noch ein paar Hundert Meter entfernt, der graue Kirchturm mit dem geschwungenen Dach.

Sie stoppte an den Hinweisschildern, die in rosafarbenen Bartnelken standen. Links ging es am Waldrand weiter auf dem Weserradweg, das nächste Dorf war schon ausgeschildert. Der Weg halb rechts, fast geradeaus, der mit Ortsmitte gekennzeichnet war, führte auf eine Brücke zu, und dahinter kam man am Schützenhaus vorbei zur Hauptstraße von Untervörde. Genau so hatte sie die Gegend in Erinnerung. Bis hin zum betäubenden Duft nach Nelken und Heu passte alles.

Einen Moment lang ärgerte sie sich, dass sie Yvonne diesen Anblick nicht zeigen konnte. Ausgerechnet gestern Abend war die Freundin am Weserufer so von Mücken zerstochen worden, dass sie es vorgezogen hatte, die Tour abzubrechen. Yvonne und ihre Empfindlichkeit! Kein Wunder, sie hockte ja immer nur fein gekleidet in ihrem Anwaltsbüro. Bestimmt hatte sie einen Anruf erhalten, wurde im Büro gebraucht und wollte das nicht zugeben.

Klara hatte der Freundin stumm nachgesehen, als sie am Morgen zum Hamelner Bahnhof radelte. Sie selbst fuhr noch nicht nach Berlin zurück. Nicht, bevor sie die Dörfer und Landschaften wiedergesehen hatte, die an diesem Tag vor ihr lagen.

Am ärgerlichsten war, dass sie sich von Yvonne erst zu dieser Fahrradtour hatte überreden lassen.

»Warum fliegst du nicht in ein schickes Hotel irgendwo auf den Malediven oder nach Miami?«, hatte Klara sie gefragt.

»Ich liebe es, die deutschen Landschaften mit dem Rad zu erkunden.« Yvonne hatte sich vor dem Spiegel hin- und hergedreht und ihren schlanken Bauch gemustert. In dem blau-weißen Fahrraddress sah sie aus wie eine Schülerin. Klara betrachtete die gut proportionierte Freundin mit den kurzen, schwarzen Haaren neidisch. Manchmal hatte sie das Gefühl, dass Yvonne alles besaß, was ihr abging: eine gute Familie, Schönheit und beruflichen Erfolg. Doch im selben Moment schämte sie sich für ihren Neid. Sie wusste nur zu gut, dass es der Freundin gar nicht so gut ging, wie es schien. Yvonne wünschte sich ein Kind, aber ihre Beziehungen waren bisher daran gescheitert, dass sie Männer nicht wirklich in ihre Nähe lassen konnte. Nur in der Wohngemeinschaft mit Klara und Gregor hielt sie es längere Zeit aus. Aber auch da war sie häufig abwesend und Klara hatte oft das Gefühl, sich mehr von Yvonne zu wünschen, als die ihr gab.

»Wahrscheinlich willst du nur Rad fahren, weil du dir so schicke Klamotten zugelegt hast«, hatte Klara gestichelt. »Ja, ich hab’s! Du bist bei Globetrotter vorbeigekommen, konntest nicht widerstehen und jetzt müssen wir eine Radtour unternehmen. Durch blühende Landschaften!« Yvonnes Spiegelbild lachte.

Sport war nicht so Klaras Ding. Und dann gleich eine mehrtägige Fahrt, mit Übernachtungen an unterschiedlichen Orten? Sie war skeptisch gewesen. Morgens würden sie noch nicht wissen, wo sie abends ankommen und Quartier beziehen würden. Andererseits wünschte sie sich, den Job am Zimmertheater in Kreuzberg mal für eine Weile vergessen zu können. Mit Yvonne Urlaub machen, das war zumindest etwas Neues.

Und an einem Fluss entlangzuradeln, durch kühle Waldstücke und offene Ebenen und Täler, irgendwo zu übernachten und am Abend in den Muskeln zu fühlen, was man geleistet hatte – wider Erwarten machte das gute Laune.

Jetzt war sie schon den vierten Tag auf Tour. Dass die Freundin sie ausgerechnet heute im Stich lassen musste, wo sie Klaras Heimatdorf passieren wollten, war wirklich blöd.

Während Klara weiter auf die Schilder starrte, fielen ihr die Fotos ein, die sie im Nachlass des Vaters gefunden hatte – Bilder von glücklichen Menschen in einem verträumten Dorf an der Weser, mit einem geschwungenen Kirchturmdach. Ihre ersten Jahre hatte sie dort verbracht. Später hatte sie sich oft dahin zurückgewünscht, wo es warm war und friedlich und wo man alles und jeden kannte. Andere Kinder brauchten doch auch nicht das, was ihnen wichtig war, aufzugeben und in eine fremde Stadt zu ziehen. Warum sie?

Sie würde nicht ohne Yvonne in ihr Heimatdorf hineinfahren, beschloss sie plötzlich, wandte sich nach links, wo der Fahrradweg ins nächste Dorf weiterführte, und schwang sich in den Sattel.

Sie hatte erst ein paar Meter zurückgelegt, als ihr Rad plötzlich so schlingerte, dass sie sich kaum noch halten konnte. Sie sprang ab und besah sich den Schaden. Mist, schon wieder ab, die Kette! Mindestens drei Mal hatte sie sich in den letzten Tagen die Finger damit dreckig gemacht.

Ratlos betrachtete sie das Fahrrad, das nicht mal ihr gehörte, sondern Gregor aus der WG. Sie beschloss, es in die Sonne zu schieben, um es auf den Kopf zu stellen und nachzusehen, warum die Kette ständig absprang. Andererseits: Reparieren konnte sie sowieso nichts. Sie kannte sich mit Technik absolut nicht aus. Langsam schob sie das Rad den Weg zwischen Wald und Feld entlang zurück, wobei ihr der Schweiß vom Haaransatz in die Augen lief. Hinter dem Feld erhob sich ein kleiner, kegelförmiger Hügel, davor lag die Ortschaft mit dem Kirchturm, von dem jetzt Glockenschläge zu hören waren. Zwölf Uhr. Sie sehnte sich nach einem schattigen Plätzchen in einem Eiscafé oder einem Biergarten. Das lahmende Fahrrad hatte sie jäh aus der verträumten Sommerstimmung gerissen.

Plötzlich hörte sie Stimmen und sah auf. Ein paar Meter weiter stand eine junge Frau auf dem Fahrradweg und starrte ins Gebüsch. Sie rührte sich nicht. Aus den Büschen hörte Klara eine Frauenstimme unaufhörlich in besorgtem Ton reden. Irgendetwas Beunruhigendes musste sich dort befinden, etwas, das man erst sehen konnte, wenn man davorstand.

Sie schob das Fahrrad weiter, bis sie bei den beiden Spaziergängerinnen angekommen war.

»Ein Wegkreuz?«, fragte sie die ältere Frau freundlich, die inzwischen wieder auf den Weg zurückgetreten war.

»Ein totes Mädchen«, antwortete diese und Klara sah ihre schlecht operierte Hasenscharte, die das Gesicht stärker beherrschte als die Fältchen um Mund und Augen.

»Eine Frau«, ließ sich die Jüngere vernehmen, die zur grauen Wanderhose ein grünes T-Shirt trug. »Sie war sechsundzwanzig«, ergänzte sie und deutete auf das Kreuz, das etwas nach hinten versetzt in den Büschen stand.

»Was ist mit Ihrem Fahrrad?«, wandte sich die ältere Frau, die wohl die Mutter der Jüngeren war, Klara zu.

»Eine Panne, mir ist die Kette abgesprungen, irgendwas muss kaputt sein«, sagte Klara zerstreut. Das war gerade das Unwichtigste überhaupt.

»Im Dorf gibt es eine Tankstelle. Wir sind gerade vorbeigekommen«, warf die Tochter ein und Klara drehte sich zu ihr um. »Direkt an der Dorfstraße. Sie müssen nur ein Stück hochlaufen zum anderen Ende.« Die Frau deutete auf den Kirchturm, wandte sich der Mutter zu und nahm ihren Arm. Sie hatte es plötzlich eilig.

»Danke.« Klara fiel nichts mehr ein, um sie aufzuhalten. Sie sah den beiden nach, bis sie im Wald verschwunden waren.

Langsam drehte sie sich wieder dem Kreuz im Gebüsch zu.

Viola Maria Göbel stand am Querbalken und unter dem Namenszug waren zwei Lebensdaten in das Holz geschnitzt. Viola Maria Göbel, geboren 10. März 1971, gestorben 1. August 1997. Neben dem Namenszug war ein Herzchen aus hellerem Holz befestigt.

Mama, ich vermisse dich. Deine Klara, stand darauf. Und unter dem Namenszug und den Daten: Nichts ist mehr, wie es war. Deine Eltern.

Viola Maria Göbel war Klaras Mutter.

Die Spaziergängerinnen mussten das Kreuz entdeckt haben, weil vor diesem etwas verblichenen Gebilde ein leicht welker Strauß Blumen in einer Plastikvase stand. Lilafarbener Sommerflieder und gelbe Sonnenköpfchen, wie man sie zurzeit in den Gärten überall sehen konnte. Wenn auch nicht in einer Lücke in einem Gebüsch an einem Fahrradweg.

Klara stand lange da und starrte ins Grün. Dann erst bemerkte sie die Tränen, die über ihre Wangen liefen.

Aber das war sechzehn Jahre her, sie konnte sich kaum noch an die Mutter erinnern, inzwischen war so viel passiert. Nach dem tödlichen Unfall war der Vater mit Klara weggezogen, die Großeltern auch, Mamas Eltern, die den Tod der einzigen Tochter kaum verschmerzen konnten. Sie waren längst tot, Papa auch, Klara war am Leben.

Die Mutter war an der Bundesstraße 83 verunglückt, die nicht weit von hier das Dorf passierte und in starken Kurven weiterlief.

Damals, als der Unfall passierte, hatten sie Klara sofort zu den anderen Großeltern gebracht, ein paar Ortschaften entfernt. Zu Papas Eltern, die nicht mit ihr darüber sprachen, was passiert war, sie aber trösteten, wenn die Verzweiflung sie überwältigen wollte.

Klara erinnerte sich kaum an ihre Mutter. Da war ein Lächeln, eine Hand, die ihr über die Haare strich und im Spaß die Augen zuhielt. Mama war witzig gewesen.

Nachdem sie nicht mehr da war, hatten sie nicht mehr oft gelacht.

Klara riss sich los und schob ihr Fahrrad in Richtung Dorf. Ein Fußmarsch würde ihr jetzt guttun, dort gab es bestimmt jemanden, der sich das Rad ansehen konnte, während sie sich einen Eiskaffee genehmigte.

2

Viola, dachte Uli Becker, und kniff die Augen zusammen. Da kommt Viola. Die schmale Frau mit den von der Sonne hellblond gebleichten, aus dem Gesicht gebundenen Haaren schob ein Fahrrad neben sich her und wanderte langsam die Dorfstraße hinauf.

Ein Klicken im Zapfhahn signalisierte, dass der Tank voll war. »He«, sagte Dirk und schob den Kopf aus dem Autofenster. »He, Uli, voll!«

Dirk Heinrichsmeier war seit dreißig Jahren Kunde der Tankstelle. Wo sollte er auch sonst tanken, es gab ja weit und breit keine andere. Aber er stieg nie aus dem Auto, bestand immer auf Bedienung, wie früher.

»So ist das im Dorf«, hatte Ulis Onkel ihm damals gesagt, als er die Tanke übernahm. »Das kannst du nicht ändern, versuch es besser gar nicht erst.«

Uli hängte den Zapfhahn ein. »Fünfundachtzig«, knurrte er, nahm den Zweihunderter entgegen und ging in den Tankstellenshop. Als er mit dem Wechselgeld wieder herauskam und es ins Auto reichte, war auf der Dorfstraße niemand mehr zu sehen.

Scheiße, dachte Uli. Total überarbeitet und zu viel gesoffen gestern. Jetzt sah er schon Gespenster durch die Mittagssonne heranflimmern. Er warf seiner Frau einen Blick zu, die die letzten Kunden an der Kasse bedient hatte und jetzt die Ladentür abschloss. Mittagspause. Er würde sich in die Werkstatt verziehen, während Meike das Essen kochte.

Aus dem Fenster der Werkstatt sah er die junge Viola dann wieder. Sie stand an den Zapfsäulen, hielt das Fahrrad mit einer Hand am Lenker fest und sah irritiert um sich. Viola ist seit vielen Jahren tot, du Vollpfosten. Und wenn sie noch leben würde, wäre sie nicht Anfang zwanzig, wie die da. Einen Sekundenbruchteil lang erschien Violas Gesicht vor seinem inneren Auge – sie hatte in der Kirche immer den Weihnachtsengel gespielt. Niemand wäre damals auf die Idee gekommen, eine andere auszuwählen als sie, mit ihrem feinen Gesicht und den langen, blonden Haaren.

Die junge Frau lehnte ihr Rad an eine Zapfsäule und schob die Tür zur Werkstatt auf. »Hallo?«

Uli wischte sich die Hände an der Hose ab und trat vor. »Mittagspause«, sagte er unfreundlich.

»Guten Tag«, kam es zurück, »ich brauche Hilfe mit meinem Rad. Die Kette springt immer ab.«

Sie hatte wirklich große Ähnlichkeit mit Viola, die meistens Sportkleidung getragen hatte: beigefarbene Sweatshirts und Fleecejacken, darunter Tops in Lila, Weinrot, Orange, was eben gerade in Mode gewesen war. Und natürlich teure Laufschuhe mit einem Markennamen.

Die junge Frau vor ihm hatte auch so ein Modebewusstsein, das sah man sofort: schwarze Radlerhosen und ein petrolfarbenes Shirt, dazu eine gleichfarbige Weste. Außerdem besaß sie Violas Stimme und Violas Figur. Schlanke, durchtrainierte Beine.

Ach Quatsch, dachte Uli und schaute zur Seite. Die hier ist mager und kein bisschen trainiert. Die Haare sind strähnig und ihre Nase ist zu lang. Sie sieht anders aus als Viola. Er war wirklich durch, dass er das nicht sofort gesehen hatte. Ich brauche Urlaub, dachte er zum wiederholten Male in dieser Woche. Aber solange Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen Sommerferien hatten, musste er die Tanke noch offen halten, sonst ging ihm sein Hauptgeschäft flöten. Danach würde es mit den Kumpeln vom Verein nach Malle gehen. Diese Aussicht hob seine Stimmung.

»Lassen Sie das Rad mal da«, sagte er. »Aber stellen Sie es aus dem Tankbereich. Am besten dorthin.« Er deutete um die Ecke des Ladens, wo eine Plastikbank mit Tisch stand. »Damit nicht noch einer dagegenfährt. Ich schau’s mir an. Fahrräder sind aber nicht mein Spezialgebiet, sag ich gleich.«

Die junge Frau nickte und lächelte. »Kann ich vielleicht einen Kaffee bekommen?«, fragte sie und sah ihn mit Violas blauen Augen an. »Ich war schon am Gasthaus und bei den Läden.« Sie deutete die Straße hinunter. »Ist aber alles zu.«

Er nickte. »Die machen erst um vier wieder auf. Und wir um drei. Aber einen Kaffee können Sie noch kriegen. Können sich damit nebenan in den Biergarten setzen.«

Er zeigte unbestimmt in Richtung Straße, schloss die Ladentür auf und wunderte sich über sich selbst. Hatte er das nötig, nur weil sie ihn an die Klassenkameradin von früher erinnerte? Na ja, etwas mehr war Viola schon für ihn gewesen. Aber wen interessierte das noch.

Er stopfte den Schlüssel in seine Tasche und fuhr sich durch das Haar. Vokuhila, fiel ihm plötzlich ein. Vokuhila hatte Viola seine Frisur genannt und gelacht. Vorne kurz, hinten lang war damals voll angesagt. Warum er diese Frisur jetzt schon über zwanzig Jahre lang beibehalten hatte, wusste er selbst nicht. Wahrscheinlich fiel ihm nichts anderes ein. Damals hatte er eine dunkelbraune, jetzt eine graue Vokuhila. »Echt retro«, sagte Marlene dazu. Er stellte einen Pappbecher in den Automaten und zog der Kundin einen schwarzen Kaffee.

»Kann ich auch eine Zeitung bekommen?« Er schob sie ihr hinüber und tippte in die Kasse.

»Tödlicher Unfall auf der B 83«, las sie vor, »Radler durchstößt Frontscheibe des Mercedes.«

»Passiert dauernd«, sagte er, »ist halt gefährlich, hier zu fahren. In diesem Jahr hatten wir schon sieben Verkehrstote.« Er wusste gar nicht, warum er so viel quatschte, konnte aber auch nicht damit aufhören. »Mein Bruder ist auch vor ein paar Jahren dabei gewesen, jetzt sein Freund. Hab alles noch mal durchgemacht, als der jetzt ins Gras gebissen hat.«

»Mit dem Rad?« Die junge Frau lehnte sich mit dem Kaffee in der Hand an den Stehtisch im Laden und musterte ihn aufmerksam.

»Nö. Mit dem Auto frontal in einen Entgegenkommenden. Fragen Sie mich nicht, wie so was geht. Die Jugendlichen sind halt total leichtsinnig. Die fahren viel zu schnell.« Er schüttelte den Kopf.

»Und – fühlen sich die anderen im Dorf dann nicht gewarnt, wenn so viel passiert?«

»Gewarnt? Nö, das schreckt die gar nicht ab. Wissen Sie, man vergisst ja so schnell. Jeder lebt sein Leben weiter und vier Wochen später wird wieder alles riskiert.«

»Die meisten denken wahrscheinlich auch, ihnen kann das nicht passieren«, sagte sie und stellte den Becher vorsichtig auf den Tisch, neben die Zeitung.

»Genau. Es trifft immer nur die anderen.«

Uli beobachtete, wie die junge Frau in den heißen Kaffee blies und ein paar kleine Schlucke nahm. Wenn sie aufsah, blickte sie ihm, der immer noch hinter der offenen Kasse stand, unverwandt in die Augen, so wie damals Viola. Nicht nur ihm, das war einfach ihre Art gewesen. Ihn hatte dieser Blick allerdings immer mehr verunsichert, als er zugeben mochte.

»Hier gibt es nicht nur Unfälle, müssen Sie wissen«, entfuhr es ihm. »Wenn Sie mich fragen: Das hier ist ein Todesdorf, sag ich. Morddorf haben sie es schon genannt, in der Zeitung.« Er sah sie bedeutungsvoll an, aber sie reagierte nicht.

»Sie kommen ja von oben, aus dem Wald. Haben Sie das Kreuz nicht gesehen? In der Nähe der Brücke? Man wundert sich, wie viele daran vorbeigehen, ohne es zu sehen.«

Die junge Frau hob den Kopf und schaute geistesabwesend aus dem Fenster.

»Hallo?« Der Tankwart wedelte mit der Hand vor ihrer Nase herum. »Jemand zu Hause?« Sie drehte ihm das Gesicht zu, in dem Ärger aufblitzte. Noch immer antwortete sie nicht.

»Ein Mordsfluss fließt durch ein Morddorf«, sagte er gedämpft. »Das ist ’ne Headline, was? Morde hat’s hier nämlich auch schon gegeben. Würde man in dieser ruhigen Gegend nicht erwarten, stimmt’s? Ich hab das schon als Kind mitgekriegt, weil ich in der Gastwirtschaft da unten groß geworden bin.« Er nickte und wies mit dem Daumen auf die Dorfstraße.

Die junge Frau ließ den Kaffeebecher los, den sie so umklammert hatte, dass ihre Knöchel weiß geworden waren. »Wer wurde denn ermordet?«

»Was?« Er löste den Blick von ihren Händen. »Ermordet? Ach so, ja. Eine Frau. Schon ewig her. Da war so einer, der hatte zwei Frauen geschwängert. Eine musste dran glauben. Der Typ muss inzwischen schon uralt sein. Wohnt aber noch hier im Dorf. Ich kenn sie ja alle«, fuhr er fort. »Täter und Opfer. Tanken halt alle hier, was soll man machen.« Viola und ihren Mörder kenn ich auch, hätte er beinahe gesagt, konnte sich aber gerade noch bremsen. »Ist furchtbar, wenn so was passiert. Und man denkt immer, man ist im Dorf, da gibt es so was nicht. Stimmt aber nicht. Hier gibt es alles. Ist ein richtiges …«

»Morddorf«, fiel das Mädchen ein.

Uli nickte wieder. »Meine Frau und ich, wir haben jedenfalls auf unsere Tochter, die Marlene, immer gut aufgepasst. Vielleicht mehr als in der Großstadt. Die Realität ist immer schlimmer als das Fernsehen, das können Sie glauben.«

Von oben hörte man jetzt klappernde Sohlen, eine Tür wurde aufgerissen. »Uli, Essen.« Das war Meike. Ja, natürlich, er musste hoch.

Er machte ein paar Schritte auf die junge Frau zu und sie nahm ihren Kaffeebecher und die Zeitung vom Tisch und bewegte sich zur Tür.

»Wird man nicht mehr los, was?«, meinte sie. »Die Bilder, meine ich.«

»Kann Ihnen auch passieren«, sagte er, plötzlich ärgerlich, dann strich er sich verlegen durch das Haar. »Ich würde an Ihrer Stelle nicht alleine eine Radtour machen. Ist einfach keine gute Idee.«

»Was? Das Radfahren?« Die Frau lachte spöttisch und wartete, den Becher in der einen, die Zeitung in der anderen Hand, bis er ihr die Tür geöffnet hatte. »Ich komm dann nach drei wieder, ja? Und danke schön.«

Uli sah ihr verstohlen auf den Hintern, als sie durch die Zapfsäulen hindurchlief, kramte nach seinem Schlüssel, schloss die Ladentür ab und ging langsam die paar Stufen hoch zur Wohnung. Plötzlich hatte er das Gefühl, uralt zu sein und völlig überarbeitet. Seine Schritte machten ein schlappendes Geräusch auf jeder Stufe.

Bevor er sich an den Tisch setzte, ging er in sein Büro und zog einen Ordner aus dem Regal. Er hatte eine ganze Weile nicht mehr hineingesehen. Er fing an zu blättern und schlug Plastikfolien um, in denen Zeitungsausschnitte steckten. Als Meike wieder rief, klappte er den Ordner mit einem Knall zu und schob ihn hinter die anderen.

Das Grausamste, was er sich je hatte vorstellen können, war passiert.

Und der Mörder war nicht weit entfernt.

3

Klara ging in den menschenleeren Biergarten neben der Tankstelle, setzte sich auf eine der abgeschabten Holzbänke, die unter groben dunklen Balken standen, und stellte den Becher vor sich auf den Tisch. Der Biergarten gehörte zur Gastwirtschaft, deren Hintertür zum Garten ebenso verschlossen war wie die Vordertür zur Straße. Die schwarze Aufschrift Biergarten am Haus war teilweise abgeplatzt, die Ansammlung von langen, dunklen Holztischen mit feststehenden Bänken, von denen der Lack absplitterte, wirkte schäbig.

Ein Bierpilz mit einem ausgewaschenen Dach stand in einer Ecke. Wespen umkreisten ihn, offenbar war die Theke nach dem letzten Fest nicht gründlich abgewischt worden.

Nur der Wein, der sich an den Balken über den Bänken rankte, verschönerte den Hof ein bisschen. Die blauen Trauben hingen voll und appetitlich herunter.

Klaras Blick wanderte über die Fensterfront des Hauses. Hier fehlte alles, was ein Dorfgasthaus heimelig und anziehend machen konnte – farbenfrohe Wände, Blumenkästen an den Fenstern, mit roten und weißen Petunien oder Geranien bepflanzt. Der ehemals weiße Putz war ergraut, die Scheiben verhängt durch dichte, weiße Gardinenstores mit gleichmäßigen Falten.

Zwei Fenster waren gekippt, die anderen geschlossen. Als sie die Fensterfront länger betrachtete, schloss sich plötzlich eines der gekippten Fenster mit einem Knall. Sie zuckte zusammen, dann lachte sie auf. Sie wurde also beobachtet. Das war vielleicht auch ganz gut so in dieser verlassen wirkenden Ortschaft, in der sich die Menschen an einem heißen Mittag in ihre Häuser zurückzogen und die Türen verrammelten.

Das Gerede des seltsamen Tankwarts mit den langen grauen Haaren und den zugekniffenen Augen klang ihr noch im Ohr. Warum hatte er das gesagt: Das kann Ihnen auch passieren? Was sollte das heißen?

Der Tankwart musste aus derselben Generation stammen wie ihr eigener Vater, um die fünfzig war er wohl. Wahrscheinlich hätte der sich sogar noch an Vater erinnert. Aber er machte einen so angefressenen Eindruck, dass sie keine Lust gehabt hatte, mit ihm über ihre Familie zu sprechen. Der Spruch mit dem Morddorf hatte fast wie eine Drohung geklungen. Krass.

Dies war wohl eher ein Dorf von Straßenkillern als ein Morddorf.

Sie dachte wieder an die Mutter. Ihr war ein Falschfahrer frontal ins Auto gefahren, einen Airbag hatte ihr betagtes Auto nicht gehabt.

Als der Tankwart von dem Kreuz gesprochen hatte, war eine Erinnerung schemenhaft in ihr aufgetaucht und sie hatte versucht, sie festzuhalten. Ja, das Mahnmal für die Mutter hatte es früher schon gegeben, als Kind hatte sie es mit dem Vater besucht. Nicht oft allerdings. Der Vater hatte zu arbeiten und Hameln, wo sie dann wohnten, lag nicht gerade um die Ecke. Irgendwann war sie von zu Hause weggegangen nach Berlin, wo sie zur Schauspielschule wollte.

Klara trank den letzten Schluck von ihrem Kaffee und beschloss, auf keinen Fall hier im Biergarten zu warten, bis der Typ seine Tankstelle wieder aufmachte und sich ihr Fahrrad ansah.

Sie nahm ihren Rucksack, hängte ihn um und ging die Dorfstraße hinunter. Es war sehr still, unheimlich still, bis auf die Autos, die immer wieder plötzlich die Straße hinunter- oder heraufjagten.

Sie zog ein Papiertaschentuch aus der Weste und wischte sich über Stirn und Nacken. An der Bushaltestelle, nicht weit von der Gastwirtschaft entfernt, hielt ein Bus, die Tür schob sich auf und drei Kinder mit Tornistern auf den Rücken purzelten wie Falläpfel heraus und kamen ihr, der Junge vorweg, die beiden Mädchen hinterher, mit schleppenden Schritten und müden Gesichtern entgegen. Klara sah auf die Uhr. Zwanzig nach eins. Schon damals hielt der Bus, der nach Schulschluss an der Grundschule im Nachbarort abfuhr, hier um zwanzig nach eins und sie gehörte zu denen, die langsam die Dorfstraße hinauftrotteten. Wie hieß der Ort noch gleich? Sie blieb stehen. Ein Hund bellte, vor einem Haus saß eine alte Frau auf einer Bank, die seitlich unter einem Plastikvordach stand.

Polle, so hieß er. Dort war die Grundschule gewesen. Polle – Pulle – pillern, über diesen Namen hatten sie sich als Kinder immer kaputtgelacht.

Auf der anderen Straßenseite fiel ihr der Metzgerladen auf, dessen Fenster dunkel und dessen Tür geschlossen war. Sie schaffte es, zwischen zwei Autos die Straße zu überqueren, stand eine ganze Zeit lang an der Scheibe und betrachtete die ausgestellten Wurstwaren. In der Pelle gereift. Hier hatten sie bestimmt früher eingekauft. War dies nicht sogar der erste Laden, zu dem sie als kleines Kind alleine gehen durfte? Noch bevor sie die Schule besuchte? Immer vorsichtig die Dorfstraße entlang, die damals noch nicht annähernd so befahren war wie heute. Auch der Weg zum Kindergarten führte hier vorbei. Den durfte sie aber lange Zeit nicht alleine gehen.

Klaras Schritte waren so schleppend geworden wie die der Schulkinder, die längst in irgendwelchen Häusern in den Seitenstraßen verschwunden waren. Wenn sie damals um zwanzig nach eins die Dorfstraße hinaufgegangen und in die Tulpenstraße abgebogen war, hatte sie den nervigen Teil des Tages hinter sich gehabt. Mama hatte die Haustür aufgerissen und sie mit einem großen Hallo begrüßt, als ob sie nicht wie jeden Tag von der Schule, sondern von einer Reise zurückgekehrt wäre. Obwohl Mama um drei wieder im Nachbarort an der Kasse sitzen musste, hatte sie Mittagessen gekocht und Klara und sie saßen sich am Tisch gegenüber. Sie saßen beide da und pickten wie zwei Vögelchen im Essen, ohne zugeben zu wollen, dass sie nun mal nicht gerne aßen. Die Mutter genauso wenig wie Klara. Essen war, wie viele andere Verrichtungen auch, offenbar etwas für andere Leute oder vor allem für Männer. Klara und Viola jedenfalls gaben darauf nichts. Sie hätte mich einfach mittags von der Schule abholen und zu einem Eis einladen können und den Quatsch mit dem Mittagessen vergessen, dachte Klara jetzt. Das wär’s gewesen, das hätten wir beide gemocht. Klara lachte auf. Seltsam, dieser Gedanke nach der langen Zeit. Ein Optimierungsvorschlag für ihre Mutter, die seit sechzehn Jahren unter der Erde lag. Sie verscheuchte den Gedanken und setzte sich wieder in Bewegung.

Weiter unten passierte sie eine Bäckerei, die zu einer Billigkette gehörte. An dieses Schaufenster erinnerte sie sich nicht. War der Laden damals auch schon eine Bäckerei gewesen? Dann war sie zu weit entfernt von ihrem Elternhaus gewesen, als dass man Klara alleine hätte hinlaufen lassen. Auf einmal sah sie das Fachwerkhaus vor ihrem inneren Auge, in dem sie zusammen mit Mutters Eltern gelebt hatten. Nebenan war ein Bauernhof gewesen.

Um dort hinzugelangen, müsste sie die Dorfstraße wieder hochgehen bis fast zum Ende des Ortes.

Aber zuerst würde sie ihren Weg zum Kindergarten fortsetzen. Es war nicht mehr weit, er lag neben der Kirche in einem kleinen Park. Dort würde es schattig und kühl sein.

4

Hajo stand in der Küche und starrte auf die Straße. Die Mutter zog geräuschvoll die Haustür hinter sich zu. Sie ging schon wieder in die Kirche. Das nervte. Das heißt, gehen konnte man das kaum nennen. Sie schlurfte und schob ihren Hintern mühsam die Straße entlang. Hajo betrachtete ihr dunkelblaues, weites T-Shirt, das kaum lang genug war, um ihren Oberkörper bis zu den Stamperbeinen zu verdecken. Hundertdreißig Kilo schätzte er. Mindestens. Wie fett seine Mutter wirklich war, war ihm allerdings nicht aufgefallen, bis Tobias und er neulich über dicke Leute gequatscht hatten. Die dicksten Maschinen lebten in den USA, hatte Tobias erzählt und die Haare mit Schwung aus dem Gesicht geworfen. Und etwas von einem Kran, mit dem sie jemanden aus dem Haus hieven mussten, um ihn ins Krankenhaus zu bringen. Hajo hatte nichts weiter dazu gesagt, aber an seine Mutter gedacht. Die Sau konnte sich kaum noch bewegen. Trotzdem ging sie jeden Tag zur Kirche, beten. Als ob das etwas ändern könnte. Er trat mit dem Fuß gegen den Mülleimer, der ins Schwanken kam.

Obwohl sie ihn angekeift hatte, jetzt sofort den Hof zu fegen. Leider musste er das tun, sonst würde sie nächsten Monat die Knete für das Smartphone nicht herausrücken. Am liebsten würde er gleich erst mal in sein Zimmer gehen und weiter chatten. Sollte sie es doch mal bei dem da oben probieren. Vielleicht konnte sie den so herumkommandieren. Aber nein, um den schlich sie herum wie eine Krankenschwester. Allerdings nur, wenn er runterkam. Die Treppe kam sie kaum noch hoch, das machten angeblich ihre Knochen nicht mit.

Für ihn, Hajo, jedenfalls gab es wirklich Wichtigeres als den verdammten Hof in diesem blöden Dorf, aus dem er nicht herauskam, solange er die Penne nicht fertig hatte. Und das war nun mal sein Ziel. Außerdem gut verdienen, in den Urlaub fahren, alles, was seine Alte sich nicht mal vorstellen konnte, die immer schon von ALG 2 lebte. Nein, nicht immer schon. Erst seit der Vater in den Knast gewandert war und es niemanden gab, der den Hof bestellen konnte. Er selbst war ja gerade mal frisch auf der Welt gewesen.

Hajo lauschte nach oben. Ein dumpfes Poltern kam von da. Ein Stuhl war gerückt worden oder etwas umgefallen.