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Jacques Berndorf

 

 

Eifel-Kreuz

 

 

Kriminalroman

 

 

 

 

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Inhalt

Impressum

Der Autor

Zitat

Widmung

ERSTES KAPITEL

ZWEITES KAPITEL

DRITTES KAPITEL

VIERTES KAPITEL

FÜNFTES KAPITEL

SECHSTES KAPITEL

SIEBTES KAPITEL

ACHTES KAPITEL

NEUNTES KAPITEL

ZEHNTES KAPITEL

 

Originalausgabe © 2006 by GRAFIT Verlag GmbH

E-Book © 2014 by GRAFIT Verlag GmbH

Chemnitzer Str. 31, D-44139 Dortmund

korrigiert nach den neuen Regeln deutscher Rechtschreibung

Internet: http://www.grafit.de

E-Mail: info@grafit.de

Alle Rechte vorbehalten.

Umschlaggestaltung: Peter Bucker

eISBN 978-3-89425-809-2

Jacques Berndorf – Pseudonym des Journalisten Michael Preute – wurde 1936 in Duisburg geboren und lebt heute in der Eifel. Er war viele Jahre als Journalist tätig, arbeitete unter anderem für den stern und den Spiegel, bis er sich ganz dem Krimischreiben widmete.

 

Seine Siggi-Baumeister-Geschichten haben Kultstatus, im Grafit Verlag sind erschienen: Eifel-Blues, Eifel-Gold, Eifel-Filz, Eifel-Schnee, Eifel-Feuer, Eifel-Rallye, Eifel-Jagd, Eifel-Sturm, Eifel-Müll, Eifel-Wasser, Eifel-Liebe, Eifel-Träume und Eifel-Kreuz.

 

Das Wetter war umgeschlagen. Es war kalt, ein halber Sturm wehte, und vor uns lagen wie eine Mauer die schwarzen Forsten der Schnee-Eifel, wo die Drachen hausten …

 

Ernest Hemingway, der um die Jahreswende 1944/45 als Kriegsberichterstatter mit den alliierten Truppen in die Eifel vorrückte, wo in den Tagen darauf mehr amerikanische Soldaten starben als im gesamten Vietnamkrieg.

 

Für meine Frau Geli.

 

Für Nadine und Simon, irgendwo in Down Under, auf Bali, oder sonst wo.

 

Für Beate und Thomas Weber in Emsdetten.

ERSTES KAPITEL

 

Es war so ein Morgen, an dem alles schieflief. Wie üblich schwebte ich in tranigem Zustand die Treppe hinunter in die Küche und versuchte, einen Kaffee herzustellen. Mein Hund Cisco stürmte in den Raum und sprang an mir hoch, weil er wahrscheinlich der Meinung war, er habe mich vier Wochen nicht gesehen. Dazu jaulte er von Herzen, bellte ein paarmal und pinkelte in heller Begeisterung eine Serie hübscher, mattgelber Ornamente auf die Küchenfliesen. Von dem Getöse angelockt, erschien mein Kater Satchmo, verzog sich beim Anblick Ciscos aber sicherheitshalber auf den Küchentisch, fauchte kurz und machte sich über eine halbe Frikadelle her, die ich dort über Nacht deponiert hatte.

Ein Blick durch das Fenster verriet mir, dass draußen heller Sonnenschein war, dass ein paar Schäfchenwolken am Himmel trieben, dass irgendwelche blöden Vögel zwitscherten, dass da zwei Schmetterlinge mit Namen Kleiner Fuchs durch die laue Luft taumelten, dass eine Hummel gegen die Fensterscheibe brummte, vielleicht, um mich aufzufordern, herauszukommen und mein Dasein in diesem Erdenjammer freudig zu bestaunen. All die Zeichen ekelhafter Lebenslust waren mir von Herzen zuwider.

Ich war allein im Haus, meine Existenz ging mir auf die Nerven, so etwas wie Privatleben hatte ich nicht vorzuweisen, beruflich sah ich weder ein Nahziel noch etwas von bleibendem Wert, was ich betreiben konnte. Ich hätte den Rasen mähen müssen und mein Teich gammelte im Zeichen haushoher Schilf- und Grasbewachsung seinem jähen Ende entgegen. Mir war durchaus bewusst, dass alle meine lieben Fische jeden Tag an akutem Sauerstoffmangel eingehen konnten. Mein Teich würde Schlamm sein und ich würde an seinem Ufer sitzen und darüber nachsinnen, wieso alles auf Erden dem Untergang geweiht war, noch ehe man sich richtig daran erfreuen konnte. Diem perdidi, sagten die Lateiner: Ich habe den Tag verloren.

Natürlich genügte Satchmo die halbe Frikadelle nicht und ich gab ihm noch einen ordentlichen Schlag Industriefleisch in sein Schälchen. Cisco bekam einen Napf Wasser und zwei Handvoll steinharter Kekse, die angeblich sein Wohl und Wehe steuerten. Merksatz: Auch wenn es dir beschissen geht, sorge für deinen Haushalt. Im Falle deiner Beerdigung darf niemand sagen können: Er hat sich zuletzt ja so gehen lassen …

Die Kaffeemaschine äußerte ein letztes Blubbern und ich goss mir einen Becher voll. Heraus kam heißes Wasser, ich hatte vergessen, Kaffeepulver in den Filter zu tun. Also das Ganze noch einmal.

Es folgte die Besichtigung meines Wohnzimmers, das Zurückziehen der Vorhänge, das Öffnen der Terrassentür, das Einschalten des Fernsehers – alles wie gehabt.

Auf dem Bildschirm sagte jemand voller Inbrunst: »Und jetzt gucken wir uns an, was alles drin ist in diesem leckeren Gericht. Da wären zweiunddreißig Prozent Kohlenhydrate …« Der Mann war etwa fünfzig, und es dauerte zwei Sekunden, ehe ich begriff, dass das, was er auf dem Kopf trug, keine Wurzelbürste aus der Küche war, sondern seine ins Strohgelbe gefärbten Haare. Ich schaltete ihn ab, ich kann morgens um diese Zeit mit geklonten Wesen nichts anfangen.

In dem Moment schellte es an der Tür.

Tante Anni krähte: »Guten Morgen, mein Lieber! Es ist Zeit für einen ausgreifenden Spaziergang. Die Welt lacht.«

»Davon bin ich nicht überzeugt«, erwiderte ich. »Komm rein. Wenn du Glück hast, kriegst du einen Kaffee.«

»Du hast nicht zugehört. Ich will wirklich spazieren gehen.«

»Das ist doch alles eitel Zeug«, murrte ich.

»Du bist mal wieder seit Wochen schlecht drauf«, stellte sie fest. »Du brauchst eine Frau oder so was in der Art. Jedenfalls eine Korrektur.«

»Willst du nun einen Kaffee? Oder bist du nur gekommen, um zu korrigieren?«

»Gut«, schnaufte sie und trat ein. Sie trug ihre blauen Turnschuhe aus Leinen, die aus der Zeit der Bauernkriege stammen mussten. Dazu weiße Söckchen. »Das gibt meinen Füßen freies Spiel«, pflegte sie zu sagen.

Ich holte uns den Kaffee und hockte mich ihr gegenüber in einen Sessel.

Es war für mich geradezu bestürzend, wie gesund sie war und wie viel Spaß sie am Leben hatte. Sie musste, wenn mich nicht alles täuschte, inzwischen zweiundachtzig sein. Sie hatte drei- oder viermal ernsthaft versucht zu sterben, aber es war ihr nicht gelungen. Stattdessen war ihr Gelächter über das eigene Alter und seine Wehwehchen immer lauter geworden. Von ihr stammt der berühmte Satz: »Heute, mein Lieber, geht es mir blendend. Abgesehen von den anhaltenden Schwindelgefühlen, dem Ziehen in der rechten Nierengegend, der Atemnot, den häufig auftretenden ekelhaften Blähungen und drei beschissenen Hühneraugen.«

Cisco lief zu ihr und nahm neben ihr auf dem Sofa Platz. Sie streichelte ihn gedankenverloren, sah mich an und fragte: »Im Ernst, was ist mit dir los?«

»Ich weiß nicht genau. Wahrscheinlich ist einfach tatsächlich nichts los und ich kann nicht zugeben, dass das so ist.«

»Warum kommst du nicht zu mir, um zu reden? Warum gehst du nicht zu Rodenstock und Emma? Warum verkriechst du dich in dieser Bude?«

»So eine Phase hat doch jeder mal.«

»Deine Weisheit betört mich.«

»Ich will euch nicht auf den Nerv gehen.«

»Das ist eine sehr dumme Bemerkung.«

Satchmo tauchte maunzend auf und rieb sich an ihren Beinen. Dann sprang er neben Cisco auf das Sofa, rollte sich ein und blinzelte träge.

»Ich habe eben einen Witz gelesen«, sagte sie. »Einen aus der Eifel: Da erlaubt die Großmutter der kleinen Enkelin, auf dem Dachboden herumzustöbern. Dann kommt die Kleine herunter, rennt zur Omi und sagt: ›Guck mal, da lag dieser Regenschirm.‹ Und sie zeigt einen alten Schirm, dessen Speichen verbogen sind und dessen Tuch zerrissen ist. ›Der ist kaputt, den schmeiße ich jetzt in die Mülltonne!‹ Daraufhin sagt die Oma: ›Nein, nein, nein. Für im Haus zu tragen, reicht der immer noch!‹« Tante Anni strahlte mich an.

»Du hast gewonnen«, sagte ich und konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen.

»Wenn ich einen Schnaps haben könnte …«, erwiderte sie bescheiden.

Ich goss ihr einen Obstler vom Stefan Treis von der Mosel ein und sagte: »Shalom!«

Vorsichtig nippte sie an dem Gebräu. »Weißt du, Junge, wir haben nur diesen einen Tanz.«

»Ich habe davon gehört.«

»Dann tanz! Es muss ja nicht gleich ein Wiener Walzer linksherum sein, es reicht auch ein Schieber.« Sie kicherte. »Wir nannten das früher Schieber, wenn ein Mann seine Partnerin mit starrem Gesicht und seiner ganzen Figur einfach vorwärts schob und dabei den Eindruck erweckte, als besuche er seine eigene Beerdigung. Und jetzt gehe ich spazieren. Gehst du mit?«

»Nein, ich bleibe hier. Ich lache noch ein bisschen über deinen Witz.«

»Mach das«, nickte sie und trank den Schnaps aus. Dann stand sie auf und verschwand über die Terrasse. Sie hinterließ einen sanften Duft nach Eau de Cologne.

Ich fütterte die Fische und stellte fest, dass sich die englische Wasserminze geradezu wüst ausbreitete und mindestens drei Meter in das Wasser hineingewachsen war. Da, wo sie sich nicht hatte durchsetzen können, war das rankende Vergissmeinnicht mit langen hellgrünen Trieben und kleinen hellblauen Blüten wie ein Keil über die Oberfläche geschossen. Das alles war entschieden zu viel Grünzeug. Sogar die Sumpfsegge hatte sich Anteile des Wassers erobert. Ich wünschte mir zum tausendsten Mal ein kleines Gummiboot, damit ich meinen Hintern nicht nass machen musste, wusste aber gleichzeitig, dass ein nasser Hintern an einem warmen Tag ungeahnte Wohligkeit verbreiten konnte. Wie auch immer: Ich würde mannhaft sein und tapfer und endlich den Teich säubern.

Am Vogelhäuschen tummelte sich ein Schwarm Sperlingsvögel, wenngleich die Futterquelle leer war. Macht der Gewohnheit. Ein Rotkehlchen gesellte sich dazu und kurz darauf ein Dompfaff. Ich hockte auf dem Plastikstuhl in der Sonne und dachte über Tante Annis Bemerkungen nach. Ich kam zu dem Schluss, dass ich nichts anderes war als ein melancholischer, stinkfauler Fastfuffziger, der einfach vor sich hin gammelte, statt irgendetwas zu unternehmen, was Sinn machte. Am meisten stank mir, dass ich mich in diesem vollkommen idiotischen Zustand auch noch bedauerte.

Die pechschwarze Katze von Doro schlich langsam um die Hausecke, sprang an der Terrassenmauer hoch, linste ins Haus, drehte sich, entdeckte die kleine Schale mit den Brekkies, hockte sich andächtig davor und genehmigte sich ein Häppchen. Ich wollte sie warnen, aber es war zu spät: Hoch aufgerichtet wie ein gefalteter Bettvorleger betrat Satchmo die Bühne und zitterte vor Erregung. Die Schwarze ging zwei Schritte zur Seite und senkte leicht den Kopf, als wollte sie sagen: »Nun hab dich nicht so.« Aber mein Satchmo war auf Zoff aus und fauchte ein paarmal, ehe er die Schwarze anging. Sie schrien wüst herum und prügelten sich, wobei sie zunächst darauf achteten, sich nicht allzuwehzutun. Irgendwann wurde es Satchmo dann doch zu gemütlich und er fiel über sie her. Er musste eine harte gewischte Rechte am Kopf hinnehmen und gab jämmerliche Töne von sich. Schließlich türmte die Schwarze und Satchmo bildete sich ein, gesiegt zu haben. Er kam zu mir an den Teichrand und blutete wie ein Ferkel aus einem Riss hinter dem linken Ohr.

»Das hast du wunderbar gemacht«, lobte ich ihn. »Obwohl du keine Eier mehr hast.«

Wahrscheinlich erwartete er von mir seine augenblickliche Einlieferung auf eine Intensivstation, jedenfalls wirkte er plötzlich tödlich beleidigt und schob ab, um seinen Schmerz zu genießen. Katzen werden mir letztlich immer unheimlich sein.

Ich ging ins Haus und zog mich teichgemäß um, ein uraltes T-Shirt, eine abgeschnittene Jeans, Gartenlatschen.

Tante Anni hatte recht, wir hatten nur diesen einen Tanz, und warum sollte ich nicht vorübergehend im Teich tanzen? Die Vorstellung erheiterte mich: Baumeister hüfttief im Schlamm, leidenschaftlich und hingebungsvoll Tango tanzend.

Ich gestehe, ich habe immer ein wenig Angst davor, in den Teich zu gehen. Nicht weil ich wasserscheu bin, sondern weil mich der Gedanke plagt: Jetzt zertrete ich eine kleine Welt nach der anderen. Was wahrscheinlich so ist.

Das Wasser war kühl und sehr angenehm und ich paddelte genussvoll, ehe ich den ersten Arm voll Grün erfasste und einfach ausrupfte. Es waren wohl viele Doppelzentner herauszurupfen, bis der Teich von der drohenden Verlandung befreit sein würde und wieder leben konnte.

Ich stand gerade wackelig auf einer steil abfallenden Strecke, da schrillte das Telefon. Ich ließ es schrillen, verlor aber den Halt und tauchte rückwärts in meine schwimmenden Kostbarkeiten. Als ich wieder Luft bekam, muss ich wie ein garnierter Karpfen ausgesehen haben, lange Triebe von der Minze hingen malerisch rechts und links von meinem Kopf und meiner Schulter herab.

Das Telefon schrillte wieder.

Ich fluchte unflätig und ließ es klingeln.

Als es zum dritten Mal losging, wusste ich, dass der Unbekannte keine Ruhe geben würde. Ich entstieg dem Bade und schlurfte auf die Terrasse.

Ein Handtuch hatte ich nicht, daher rannte ich mit Höchstgeschwindigkeit durch mein Wohnzimmer zum Telefon, ergriff es und lief wieder hinaus, wohl wissend, dass ich ein Chaos hinterließ. Eine wunderschöne, tropfende, schlanke Ranke vom Vergissmeinnicht schmückte mein neues Sofa.

Das Telefon blieb stumm, natürlich.

Ich entschied, mir erst mal eine Pfeife zu stopfen, und wählte eine McRooty von Vauen. Mit ihr fühle ich mich immer so harmlos und gemütlich.

Dann endlich wieder das Telefon.

Ein misstrauischer Rodenstock fragte: »Bin ich da richtig? Bin ich mit Eurer Königlichen Hoheit Baumeister verbunden?«

»Was redest du für ein Zeug?«

»Was man so redet, wenn man nicht genau weiß, ob der Angerufene noch lebt. Wie geht es dir?«

»Hervorragend. Warum fragst du?«

»Weil es bereits vier Wochen her ist, dass du mir die letzte Unterredung gewährt hast. Es hätte ja sein können, dass du nach Timbuktu gereist bist. Willst du gar nicht wissen, was deine Freunde so treiben?«

»Ach, Scheiße, Rodenstock. Ich habe mir mal eine Auszeit genommen. Aber nun ist Schluss damit. Tut mir leid.«

»Das ist schön zu hören. Meine Frau wollte heute Abend Spaghetti kochen, aber das wird nun wohl nichts.«

»Was soll denn dieses undeutliche Gefasel?«

»Es gibt Arbeit, falls du Arbeit magst.« Er räusperte sich. »Vielleicht hörst du erst mal zu und entscheidest dann.«

»Gut, ich höre.«

»Also, die Mordkommission hat seit vier, fünf Stunden mit zwei Leichen zu tun. Eine junge Frau, Alter etwa fünfundzwanzig, wurde erschossen und dann in einem Waldstück abgelegt. Kopfschuss von hinten aus einer sehr kurzen Entfernung. Sieht nach einer Hinrichtung aus. Wenn du von Hersdorf in Richtung Weißenseifen fährst, kommst du durch den Staatsforst Gerolstein. Da, wo du nach Mürlenbach abbiegst, triffst du auf drei Wege, die in den Wald führen. Auf dem mittleren Weg wurde sie gefunden. Die Frau ist noch nicht identifiziert. Bei der zweiten Leiche handelt es sich um einen Gymnasiasten. Achtzehn Jahre jung, aus der Eifel. Er hängt in einer alten feudalen Villa, die wegen ihrer früheren Geschichte St. Adelgund heißt. Den Fall kann ich nicht schildern, das musst du dir selbst ansehen.«

»Wie bitte? Wieso hängt er?«

Er räusperte sich wieder und entgegnete widerwillig: »Wie gesagt, das musst du dir selbst ansehen.«

»Haben die Fälle etwas miteinander zu tun?«

»Weiß man noch nicht.«

»Und wo finde ich diese Villa?«

»Fahr nach Prüm. Von dort aus begibst du dich auf die Große Eifelroute nach Südsüdost, Richtung Schönecken. Durch Schönecken durch, dann nach links in Richtung Hersdorf. Du befindest dich dann praktisch auf der Rückseite der Bertradaburg in Mürlenbach. Hast du das drauf?«

»Ja.«

»Linker Hand steht ein pompöses, schlossartiges Gebäude aus rotem Sandstein, ungefähr dreihundert bis vierhundert Meter von der Straße entfernt an einer schmalen Stichstraße, mitten in einem Tannenwald.«

»Und wo bist du?«

»Ich starre fassungslos auf diesen Jungen. Werde aber weiterfahren zu der toten Frau. Das dürften von hier aus acht bis zehn Kilometer sein.«

»Lässt Kischkewitz uns denn an den Jungen heran?«

»Ja, wenn du dich wie immer an die Regeln hältst und schweigst und nicht fotografierst und niemanden nach Einzelheiten fragst. Gib Gas, Alter. Der Anblick des Jungen ist geradezu lähmend.«

»Wo ist denn Emma?«

»Hier, neben mir. Du kannst sie mit zurücknehmen, wenn du hier fertig bist. Bis später.«

Es war mir ziemlich gleichgültig, auf welche Weise ich an Kleidungsstücke kam. Ich rannte, immer noch triefend, durch das Haus nach oben, streifte die Teichsachen ab, stellte mich unter die Dusche, zog wahllos an, was mir in die Quere kam, belud meine Weste mit allem Nötigen und fuhr los.

Ich liebe unsere Nachbarn, die Holländer. Aber warum die dauernd in die Eifel fahren, um ausgerechnet hier mitten auf irgendwelchen Kreuzungen ihren Straßenatlas zu entdecken, wird mir ständig ein Rätsel bleiben. Diese jetzt standen im Kreisverkehr in Dreis und diskutierten. Ich hoffe, die Diskussion führte irgendwann zu einem glücklichen Ende.

Wenn dir gerade keine Holländer im Weg stehen, triffst du in der Eifel garantiert auf einen Truck. Und vor dem Truck fahren weitere vier bis sechs Trucks. Solltest du kein Selbstmordtyp sein, bescheidest du dich und studierst von hinten Achsaufhängungen und Stoßdämpfer. Bis Gerolstein trödelte ich hinter einem Laster her.

Ich entschied mich für die Nebenstrecke nach Schönecken, die hinter Büdesheim beginnt und sich durch eine bemerkenswert schöne Landschaft schlängelt. Wiesenhügel, schnurgerade gezogene Buschreihen, die Erosion verhindern sollen, eine Landschaft, die Gelassenheit vermittelt und keine Atemlosigkeit duldet, eine sanft hin- und herschwingende kleine Straße, die die Ausstrahlung von etwas Privatem hat. Dann geht es plötzlich in einer Linkskurve hügelab zu einer scharfen S-Kurve, durch ein Tal mit einem Bach, anschließend wieder aufwärts und dann parallel zu dem Bach, der jetzt rechts durch die Wiesen mäandert, an den Ufern flankiert von vielen Erlen.

Wo steht dieses St. Adelgund?

Endlich sah ich es, zwei kleine rote Türme ragten aus hohen Tannen. Die schmale Stichstraße, die durch die Wiesen dorthin führte, wurde von einem Streifenwagen blockiert, an dessen rechter Seite ein Beamter lehnte. Er sah mich und winkte gelangweilt: »Sie können durch, Sie werden erwartet.«

Das war neu, das verwirrte mich etwas.

Ich lenkte den Wagen über den Bach in den Schatten des Waldes und blickte verblüfft auf St. Adelgund, von dessen Existenz ich bis heute nichts gewusst hatte. Es war ein mächtiges Haus, das Gebäude wirkte ungemein bedrohlich, kalt und arrogant. Ein dunkelgrünes Eisentor verhinderte ein Weiterkommen, nach rechts und links verlief eine sicherlich zweieinhalb Meter hohe Mauer aus rotem Backstein bis in den Wald hinein.

Ich parkte den Wagen neben vier zivilen Fahrzeugen und der Limousine eines Beerdigungsunternehmers. Der alte braune Mercedes gehörte Kischkewitz, den Sprinter konnte ich den Spurenspezialisten und Technikern zuordnen.

Es war sehr still, der Wind kam sanft das Tal herunter und ich fragte mich, ob in diesem düsteren Haus je ein Mensch glücklich gewesen war. Mir fiel auf, dass es keine Gardinen gab, dass alle Fenster über eine Doppelverglasung verfügten und dass sie so klar und sauber waren, als seien sie gestern erst geputzt worden. Der Schornstein entließ eine matte Rauchfahne in den Sonnenschein.

Der rechte Flügel des eisernen Tores quietschte leise, als ich ihn vorwärts schob.

Die mächtige Haustür öffnete sich und ein Uniformierter kam heraus. Er nahm seine Mütze ab und kratzte sich in den Haaren. Dann sah er mich und hielt inne. Er schien misstrauisch.

»Was suchen Sie hier?«, blaffte er, um etwas besonnener hinzuzusetzen: »Darf ich erfahren, wer Sie sind?«

»Mein Name ist Baumeister, ich kenne Herrn Kischkewitz sehr gut. Kriminalrat a. D. Rodenstock hat mich hierher bestellt.«

»Ach so«, sagte er, seine Stimme war brüchig. »Ja, dann gehen Sie mal rein. Das ist nichts für schwache Nerven. Wie in einem schlechten Film ist das.« Er drehte sich um und hielt die Tür für mich auf. »Wer sich das wohl ausgedacht hat? Ich muss unbedingt einen Moment was anderes sehen und eine rauchen.«

Ich schloss die Tür hinter mir und stand in einem gewaltigen Treppenhaus, in dem kein Licht brannte. Ich fühlte mich an die mystische, rätselhafte, schreckauslösende Villa der Rocky Horror Picture Show erinnert. Die Treppe nach oben war mindestens drei Meter breit, der Fußboden war mit exquisiten holländischen Kacheln ausgelegt, so wie es reiche Leute vor 1930 geliebt hatten. Jede Tür war eine zweieinhalb Meter hohe Kostbarkeit aus Eifeleiche, mit Schnitzereien aus Linden- oder Ulmenholz belegt. Alles zusammen bildete eine überzeugende Demonstration von Einfluss und Macht.

Undeutlich vernahm ich Stimmen und andere Geräusche. Es ging noch einmal drei Stufen hoch in die eigentliche Halle, an deren Ende eine zweiflügelige Tür weit offen stand.

Sie hatten ihn vor der jenseitigen Stirnseite des Raumes aufgehängt, ihn auf ein hohes Kreuz aus Birkenstämmen genagelt: Sie hatten ihn gekreuzigt.

Das Bild war bizarr und es schlug mir wie ein Hieb in den Magen.

Kischkewitz’ Frauen und Männer hatten rechts und links des Toten zwei schwere Scheinwerfer auf den Boden gestellt, wohl um den Spurensuchern ihre Arbeit zu erleichtern. So hing er da, unübersehbar im grellen Licht, und war der Mittelpunkt einer geradezu atemberaubenden Szene.

Der Tote war fast nackt, trug nur ein dunkelgraues Stück Tuch, das ihm um die Hüften geschlungen worden war. Der Kopf mit den blonden, langen Haaren hing nach links geneigt in der unnachahmlichen Demut, die seit fast zweitausend Jahren mit diesem Bild verbunden ist. Das Gesicht hatte die sanfte Härte und den matten Glanz von Marmor, dabei sehr friedlich. Seine Augen waren geschlossen. Und überall an seinem Körper war Blut, das zu dunklen Flecken geronnen war. Dort, wo es kein Blut gab, war seine Haut bleich, nahezu weiß.

Links von mir sagte Emma leise: »Sie trauen sich noch nicht, ihn abzuhängen, sie fürchten, sie könnten etwas übersehen.« Sie saß auf einem Hocker.

»Das ist … das ist unglaublich«, stammelte ich.

»Ja«, sagte sie. »Wenn du es einfach auf dich wirken lässt, ist er Christus, nichts als Christus.«

»Ich weiß, dass er achtzehn Jahre alt wurde. Wie heißt er, wer ist er?«

»Das ist Sven, Sohn höchst ehrbarer Eltern. Der Hausname lautet Dillinger. Sven wurde seit vier Tagen vermisst.«

»Wer hat das hier entdeckt?«

»Entdeckt hat es eigentlich niemand. Die Mordkommission in Trier und die Kriminalgruppe in Wittlich haben jeweils anonyme Anrufe erhalten. Sie sind sofort hierher gerast und haben Sven so gefunden. Die Scheinwerfer stammen übrigens nicht von den Kriminaltechnikern, wie du vielleicht meinst. Sie standen schon da und waren eingeschaltet. Das Kreuz ist mit vier schweren, schrägen Holzbalken auf dem Parkett verankert. Dabei entstand natürlich ein bisschen Schmutz, so etwas geht nicht ohne Abfälle. Dieser Abfall aus Borkenstückchen und Sägespänen wurde zusammengekehrt und gemeinsam mit der kleinen Kehrschaufel und dem Besen sorgfältig in die Ecke des Raumes gelegt … Während ich so rede, habe ich eine Vision: Ich sehe den Täter irgendwo stehen und kichern. Das alles hier ist in Szene gesetzt worden, das sollte so gefunden werden. Jemand wollte eine Botschaft loswerden.«

»Eine Botschaft muss jemanden haben, an den sie sich richtet.«

»Richtig. Aber der Adressat ist noch unbekannt.« Emma zündete sich einen Zigarillo an. »Unser Freund Kischkewitz ist nervös und wird zunehmend nervöser. Das ist wieder mal eine Geschichte, die für ihn alles oder nichts bedeuten kann.«

»Wieso das? Schau dir das Bühnenbild an, schau dir diesen Toten an, da muss es von Spuren wimmeln.«

»Denkst du«, erwiderte sie spöttisch. »Ob du es glaubst oder nicht, sie haben bisher nicht einen einzigen brauchbaren Fingerabdruck gefunden. Nicht einmal auf den Birkenstämmen.«

»Das kann doch gar nicht sein!«

»Doch, das ist Fakt«, nickte sie. Abrupt fauchte sie: »Was soll das hier, Baumeister? Jemand geht in den Wald, schlägt eine ziemlich massive Birke und zimmert ein Kreuz daraus. Dann hat er das Kreuz hergebracht und diesen Jungen daraufgenagelt. Und zwar nicht so, wie es viele Jesusdarstellungen zeigen, sondern so, wie es historisch wahrscheinlicher ist: Die schweren Nägel sind durch die Sehnen in der Handwurzel getrieben worden und nicht durch die Handflächen. Das alles, ohne einen brauchbaren Fingerabdruck zu hinterlassen. Und dann wurde die Polizei benachrichtigt.«

»Wieso sind die Jesusdarstellungen falsch?«, fragte ich etwas dümmlich.

»Es gibt Untersuchungen, die die Bibel auf Schwachstellen abklopfen. So wie Jesus auf den meisten Darstellungen am Kreuz hängt, kann er vor zweitausend Jahren nicht am Kreuz gehangen haben. Das war damals nicht möglich, er wäre abgestürzt.«

In diesem Moment schrie Kischkewitz wütend: »Martin, verdammte Hacke, geh sicherheitshalber die Rückseite und Vorderseite des Opfers noch einmal an!«

Von hinten wurde eine fahrbare, grell quietschende Leiter dicht an den Toten gefahren. Jemand in der weißen Arbeitskleidung der Techniker kletterte hinauf, drehte den Kopf und brüllte zurück: »Ihr seid ja alle beknackt, es gibt einfach keine Prints!«

»Versuch es, bitte«, seufzte Kischkewitz, deutlich ruhiger. »Tut mir leid.«

»Hat er euch angerufen?«, fragte ich und deutete in Kischkewitz’ Richtung.

»Nein«, sagte Emma. »Er war auf einer Gewerkschaftskonferenz in Koblenz und hat auf dem Rückweg bei uns reingeschaut, nur so, Guten Tag sagen. Und während er bei uns war, kriegte er den Anruf von seinen Kollegen.«

Ein junger Mann schoss plötzlich durch die Tür unmittelbar neben uns und sagte atemlos: »Chef! Der Vater! Der Vater kommt! Wir konnten ihn nicht aufhalten.«

»Um Gottes willen«, stöhnte Kischkewitz.

Er rannte durch den Raum in die Halle und befahl: »Macht den Laden dicht!«

Emma sprang von ihrem Hocker und schloss die große Tür.

Ein Automotor heulte auf, erstarb. Dann knallte eine Tür, jemand rief voller Erregung: »… schließlich geht es um meinen Sohn!«

Kischkewitz’ Stimme war deutlich zu vernehmen: »Das ist ein Tatort. Bleiben Sie draußen.«

»Du lieber Gott«, seufzte Emma. »Wie soll der Mann das verstehen?«

Kischkewitz sagte wieder etwas, wesentlich leiser. Dann wurde es ganz still, bis ein hoher, verzweifelt klingender Ton aus der Halle in den Saal schallte. Der Mann weinte.

»Was ist mit der Frau im Wald?«, fragte ich.

»Sie ist noch nicht identifiziert«, antwortete Emma. »Sie liegt in einem Waldstück in Richtung St. Thomas. In der Gemarkung von Weißenseifen. Kopfschuss.«

»Und wie wurde sie entdeckt?«

»Ein Bauer, der sich einen Eichenstamm aus dem Wald ziehen wollte, hat sie gefunden.«

»Vor diesem Fund?«

»Vor diesem Fund. Die Nachricht kam ungefähr eine halbe Stunde früher. Bei der Frau ermittelt eine Gruppe der Wittlicher.«

Draußen wurde ein Auto gestartet.

Kischkewitz kehrte zurück und wirkte verunsichert. Er sah mich an, nickte und murmelte: »Das ist noch mal gut gegangen. Kein Vater würde diesen Anblick aushalten. Martin, hast du inzwischen was?«

»Nee«, sagte der Mann auf der Leiter, »hier ist einfach nichts. Das ist alles clean.«

Kischkewitz stieg die andere Seite der Leiter hoch. »Das kann doch nicht sein, dass ihn niemand ungeschützt berührt hat und dass das verdammte Kreuz ohne jede Spur ist!«

»Sieht aber so aus«, murmelte Martin. »Bis auf das Einschussloch ist hier nichts.«

Fragend blickte ich zu Emma.

»Er wurde wahrscheinlich erst erschossen, ein Kopfschuss, den kannst du von hier aus nicht sehen. Vermutlich war er also schon tot, als er gekreuzigt wurde.« Das klang wie ein Seufzer.

Entschlossen ordnete Kischkewitz an: »Wir nehmen ihn noch nicht ab! Wir beginnen mit allem noch mal von vorn. Und noch etwas, Leute: Seht zu, dass ihr das Fenster findet, durch das das Kreuz gereicht wurde. Es muss Berührungsspuren, Schleifspuren geben. «

Eine Frau in dem Pulk der Techniker stöhnte.

»Das Ganze von vorn!«, wiederholte Kischkewitz brüllend. »Macht eure Augen auf!«

Anschließend kam er langsam zu uns, schüttelte den Kopf, sagte aber nichts.

»Was ist das hier für ein Haus?«, fragte ich.

»Irgend so ein Kölner mit viel Geld hat sich das Ding gebaut. Das muss um das Jahr 1890 gewesen sein. Der Mann war ein leidenschaftlicher Jäger. Später wurde es an die Diözese in Trier verkauft. Schwestern zogen ein. Sie machten daraus ein Heim für Waisenkinder und schwer erziehbare Jugendliche. Auch gestrauchelte Mädchen sind hier untergekommen. Um 1980 zog sich die Kirche plötzlich zurück und das Haus stand leer. Zehn Jahre später erstand es wieder jemand aus Köln, für einen Appel und ein Ei. Er brachte es mit viel Geld in Schuss und starb darüber. Die Gemeinde sollte es zurückkaufen, aber die hatte kein Geld. Im Moment sieht es so aus, dass die Witwe des letzten Besitzers das Gebäude notdürftig in Ordnung hält, aber erwartet, dass die Gemeinde einen Käufer findet. Wenn du es haben willst – es kostet nur einen Euro. Allerdings wird wohl allein die Heizungsrechnung deine Rente auffressen.«

»Und wieso hängt dieser Junge hier? Ich meine, es muss doch eine Verbindung zwischen dem Jungen und diesem Haus geben.«

»Das ist in der Tat merkwürdig.« Kischkewitz zündete sich einen seiner grauenhaft riechenden Stumpen an. »Bis jetzt wissen wir von keiner Verbindung zwischen dem Jungen und dem Haus. Die Besitzerin aus Köln hat vor einem Jahr neue Sicherheitsschlösser und Überwachungskameras installieren lassen. Die Schlösser sind an keiner Stelle angekratzt, eingebrochen ist hier also niemand. Der Einzige, der vor Ort einen Schlüssel hat, ist der Ortsbürgermeister. Und der hat ihn niemandem gegeben. Trotzdem muss noch jemand über einen Schlüssel verfügen und hat uns den Toten serviert. Und falls du glaubst, dass die Kameras irgendetwas aufgezeichnet haben, liegst du falsch. Die sind irgendwie ausgeschaltet worden und haben Pause gemacht.«

»Haben die Aufzeichnungsgeräte denn wenigstens die Pausen notiert?«

»Nein. Das ganze System ist außer Funktion gesetzt worden. Ich war immer schon der Meinung, dass der Segen der Elektronik ein Gerücht ist.«

»Was ist mit der Frau bei Weißenseifen?«

Kischkewitz ließ sich an der Wand herunterrutschen. Erschöpft hockte er auf dem alten Parkett. »Sie ist sehr teuer gekleidet, trägt ein Vermögen an Klamotten mit sich herum und Diamanten um den Hals, die ich für ein Jahresgehalt nicht kaufen kann. Sie war eine schöne Frau, ganz ohne Zweifel, und sie ist nicht am Auffindungsort getötet worden. Sie liegt da wie entsorgt. Allerdings haben wir keine frischen Reifenspuren gefunden, also ist auch die Frage, wie die Leiche dorthin gelangte, ungeklärt.« Er schnaufte unwillig. »Ich bin froh, dass ihr das hier sehen könnt. Es verstößt zwar gegen jede Regel, aber wir können Hilfe gebrauchen.« Er lächelte flüchtig. »Und in der Vergangenheit war eure Einmischung ja durchaus schon mal dienlich. Also, falls euch etwas dazu einfällt …«

»Ob das hier eine religiöse Botschaft ist?«, fragte Emma leise.

»Ich habe keine Ahnung«, erwiderte Kischkewitz wütend. »Der Mörder hat gewollt, dass wir mit diesem Szenario konfrontiert werden. Wenn ich Christus am Kreuz sehe, denke ich automatisch: Das ist der Sohn Gottes, der hinwegnimmt die Sünden der Welt. Also gut, nehmen wir das an. Aber um welche Sünden geht es? Wo wurden diese Sünden begangen, wer beging sie? Andererseits ist auch denkbar, dass dieser Junge da an dem Kreuz bestraft werden sollte. Für Sünden, die er begangen hat. Er hat eine uralte Strafe empfangen, die Strafe des Kreuzes. So wie der Jude namens Jesus, der niemals in seinem Leben vorhatte, eine eigene Religion zu gründen. Vielleicht steckt hinter dem Mord die Überlegung, dass die Moral auf dieser Welt abhanden gekommen ist, dass Ethik nicht mehr sichtbar ist, dass es zunehmend an ideellen Werten fehlt, dass eine böswillige Wirtschaftsform, die wir gnädig Globalisierung nennen, unseren Planeten an den Rand des Untergangs treibt.« Kischkewitz stöhnte erneut. »So ein Mord von möglicherweise religiösen Eiferern macht mir Angst. Was soll ich bloß der Presse sagen? Die kann ich kaum hinhalten.«

»Sag ihnen am besten die Wahrheit«, riet Emma. »Wenn du ihnen etwas verschweigst, gehen die Spekulationen ins Bodenlose.«

Kischkewitz wandte sich wieder mir zu. »Natürlich haben wir Spuren von Händen und Fingern gefunden. Aber das sind nur Schlieren, weil Handschuhe im Spiel waren. Da hat jemand sehr sauber gearbeitet.«

»Gibt es in anderen Räumen Anzeichen dafür, dass sich in letzter Zeit Menschen in der Villa aufgehalten haben?«, wollte Emma wissen.

»Nein.«

»Was ist mit dem Dachstuhl und dem Keller?«, fragte ich.

»Nichts. In zwei Kellerräumen stehen alte Möbel rum, typische Rumpelkammern. Ansonsten ist das Haus völlig leer, so, als wäre seit vielen Jahren niemand hier gewesen.«

»Die Fenster sehen aber aus wie frisch geputzt«, teilte ich meine Beobachtung mit.

»Das hat der Ortsbürgermeister organisiert. Für den Fall, dass ein Kaufinteressent auftritt. Vor einer Woche hat er eine Polin hergefahren, ihr das Haus aufgeschlossen und, als sie fertig war, wieder abgesperrt. Mit der haben wir schon gesprochen. So, und jetzt muss ich zu den Eltern des Jungen.« Er stemmte sich hoch, nickte uns zu und verschwand.

»Schlimme Aufgabe«, sagte Emma. »Davor hatte ich mein ganzes Berufsleben lang Angst. Was machen wir jetzt?«

»Ich kann dich heimbringen. Ich denke mal, zu der Frau werde ich nicht mehr fahren, ich werde Kischkewitz nach Fotos fragen. Wahrscheinlich ist sie ja sowieso schon auf dem Weg in die Rechtsmedizin nach Mainz. Vorher würde ich mir allerdings gern das ganze Haus ansehen, die Atmosphäre einfangen.«

»Gut«, nickte Emma. »Ich warte so lange. Und dann mache ich Spaghetti con aglio, olio e peperoncino. Du bist herzlich eingeladen. Aber nicht vor neun Uhr abends.«

In dem Moment meldete sich ihr Handy und sie lauschte kurz. Dann teilte sie mir mit: »Meine Pläne haben sich soeben geändert. Rodenstock kommt her und nimmt mich wieder auf. Gute Reise durch dieses Haus, und falls du Gespenstern begegnest, grüß sie schön.«

Ich fing im Keller an.

Die meisten Räume waren tatsächlich kahl und leer und sahen so aus, als habe man sie am Tag zuvor ausgefegt. Der Heizungsraum war sehr groß, der Brenner neu, die mächtigen Öltanks geradezu jungfräulich.

Die alten Möbel waren in zwei nebeneinanderliegenden Räumen verstaut. In dem linken lagerten vor allem alte Stühle. In dem rechten war so etwas wie eine eigene Welt entstanden: Kommoden, uralte Eichenkisten, Sessel, das Gerüst eines Doppelbettes, ein auseinandergenommener Schrank, weiß lackierte alte Küchenmöbel und eine große Menge mit Brokat überzogener Polster von irgendwelchen Sitzgelegenheiten bildeten ein geordnetes Chaos. Ein Antiquitätenhändler hätte hier reiche Beute machen können.

Verblüffend war, dass es in diesem Raum vollkommen anders roch als in den anderen. Die sanfte Note von Moder und Feuchtigkeit fehlte völlig, der Duft des alten leer stehenden Hauses war nicht auszumachen.

Stattdessen roch es eindeutig nach irgendwelchen Essenzen, die Frauen und Männer von heute benutzen, weil die Werbung ihnen sagt, das sei der Geruch für den Sieger, für den Sportsmann, für den cleveren jungen Manager, der allein wegen seiner fantastischen Ausdünstungen von schönen Frauen angehimmelt wird.

Wenn man die Tür dieses Raumes öffnete, lief man zunächst gegen vier Küchenstühle, weißer Schleiflack. Dahinter stand hochkant eine Kiste, die vielleicht schon mit Columbus gereist war. In der Breite nach rechts folgten der Aufsatz eines alten Schrankes, daneben eine Lücke, dann zwei aufeinandergestellte alte Holzsessel mit dicken tiefblauen Polstern.

Ich quetschte mich durch die Lücke.

Wer immer die Szene angerichtet hatte, er mochte behagliche deutsche Bürgerlichkeit im Geist der stillosen Achtundsechziger. Vor mir lagen zwei große Matratzen nebeneinander. Weitere Matratzen von der Sorte grau-weiß gestreifter Stoff lehnten an der Wand. Zwischen den Matratzen auf dem Boden befand sich ein alter Kerzenleuchter aus Zinn, in dem weiße Haushaltskerzen abgebrannt worden waren, ein benutzter, aber leerer Aschenbecher, zwei Colaflaschen, leer, und zwei Flaschen Wodka, jede halb voll.

Ich sagte irgendetwas Dummes, wahrscheinlich: »Heiliges Kanonenrohr!«, und verließ den Keller.

Weil ich mir nicht vorwerfen lassen wollte, oberflächlich zu sein, öffnete ich anschließend jede Tür im Haus bis hinauf zum Dachboden. Doch ich fand sonst nichts, was bemerkenswert war.

Emma hockte nach wie vor im Speisesaal auf ihrem Hocker dicht an der Wand und beobachtete Kischkewitz’ Truppe, die gerade dabei war, das Kreuz mitsamt dem Körper des Jungen langsam nach vorn zu kippen.

»Im Keller ist etwas«, sagte ich.

»Alte Möbel«, erwiderte sie leichthin.

»Nein. Besucher.«

Sie warf mir einen prüfenden Blick zu, stand auf und lief hinaus in die Halle und die Treppe hinunter. Nach drei Minuten kehrte sie zurück. »Du hast recht. Kischkewitz dreht durch, wenn er davon hört. Wie bist du darauf gekommen?«

»Es roch so anders«, antwortete ich.

»Heh, Peter«, rief Emma.

Ein dünner, großer Mann drehte sich um und kam zu uns.

»Im Keller ist was«, sagte Emma. »Das dürft ihr nicht vergessen.«

»Wie?«, fragte dieser Peter.

»Schau es dir an«, murmelte Emma. »Die Tür steht offen, der rechte Raum.«

Peter verschwand, tauchte nach ein paar Minuten mit einem krebsroten Kopf wieder auf und schrie: »Wer hat den Keller abgesucht?«

»Ich«, antwortete ein dicklicher junger Mann vollkommen gleichgültig.

»Dann geh noch mal runter! Da warten garantiert weitere vier Stunden Arbeit auf dich.«

»Wieso denn das?«, fragte der dickliche Mensch weinerlich.

»Dich hätten sie besser ins Archiv gesteckt«, blaffte der, der Peter hieß. Dann beugte er sich vor, klatschte wütend auf seine Oberschenkel und zischte: »Verdammte! Und das heute, wo meine Frau Geburtstag hat! Warum kriege ich immer diese gottverdammten Praktikanten!« Er richtete sich wieder auf und herrschte den Dicklichen an: »Jetzt beweg dich endlich in diesen Keller und schau dir an, was du übersehen hast! Aber komm um Gottes willen nicht auf die Idee aufzuräumen. Tanja, geh mit ihm, sonst baut er noch mal Blödsinn.«

Aufreizend langsam wandte sich der dickliche Praktikant um und verließ den Speisesaal.

Stattdessen erschien Rodenstock. Er küsste seine Frau auf das Haar und ich fühlte Neid aufkommen.

»Aha, sie nehmen ihn schon ab«, stellte Rodenstock fest. »Die Frau ist auf dem Weg in die Rechtsmedizin. Eine vollkommen artfremde Erscheinung, sie passt nicht in den Wald, irgendwie unwirklich. Irgendetwas Neues hier?«

»Baumeister hat im Keller Besuch entdeckt«, antwortete Emma. »Gerade noch rechtzeitig.«

»Dein Freund und Helfer, die Internationale Presse in der Eifel«, sagte Rodenstock ironisch. »Muss ich das sehen?«

»Unbedingt«, nickte Emma.

»Also, ich fahre dann«, teilte ich mit. »Und ich komme zum Essen. Den anderen Tatort sehe ich mir morgen an.«

»Warte mal! Sag noch, was hast du als Erstes gedacht, als du diesen toten Jungen hier gesehen hast?« Rodenstocks Gesichtsausdruck wirkte auf einmal sehr verkrampft.

»Weiß nicht«, antwortete ich. »Anfangs erinnerte ich mich an Kreuzigungsdarstellungen, wie man sie früher in der Eifel in biblischen Geschichten aufgeführt hat. Unwirklich, rührend hilflos, eben Laientheater. Aber jetzt, nachdem mir klar geworden ist, dass dieser Junge dargeboten werden sollte, friere ich. Irgendwie erscheint mir diese Inszenierung simpel und gleichzeitig eiskalt. Ach, Rodenstock, erspar mir das jetzt, wir wissen noch zu wenig.«

Er nickte. »Bis später dann«, sagte er.

»Moment – was hast du denn gedacht?«

»An religiöse Fanatiker, an Extremisten, ja sogar an Terroristen«, antwortete er.

»Das eine muss das andere nicht ausschließen«, erwiderte ich nachdenklich. »Ich sehe euch bei den Nudeln.«

Ich setzte mich in mein Auto und fuhr gemächlich Richtung Heimat. Ratlos fragte ich mich, was Menschen dazu getrieben haben könnte, einen Achtzehnjährigen zu kreuzigen. Halt, Korrektur: einen Achtzehnjährigen erst zu erschießen und dann zu kreuzigen. Oder meinetwegen erst zu kreuzigen und dann zu erschießen. War der Junge geopfert worden? Geopfert wofür?

Hinter Pelm fuhr ich auf einen Parkplatz und hockte mich an den kleinen Bach, der sich munter gurgelnd durch die Wiesen des Tales schlängelte. Ich stopfte mir eine schön gebogene Caminetto aus dem italienischen Cucciago und versuchte, ruhig zu werden. Mein Hirn produzierte einen Wust von schnell wechselnden, bedrückenden Bildern, keine Spur von Gelassenheit, keinerlei Möglichkeit zur Konzentration.

Aber auf was sollte ich mich auch konzentrieren? Auf einen Achtzehnjährigen aus gutem Haus, den man gekreuzigt hatte? Ich kannte nur seinen Namen, und das war buchstäblich alles – Sven Dillinger.

Eine Zeit lang lauschte ich dem Plätschern des Baches.

Was ist eigentlich eine Kreuzigung? Eine Hinrichtungsform für Verbrecher und Aufständische bis weit in das dritte Jahrhundert hinein. Die Menschen wurden an das Kreuz gebunden oder genagelt und buchstäblich für jedermann ausgestellt. Meistens war das Kreuz nur ein Pfahl, später wurde es der Schandpfahl des Mittelalters. Die Betroffenen starben tagelang, ganz langsam, und die Gnade ihres Landesherrn war sehr groß, wenn er ihnen zum Ende hin einen schnellen Schwertstreich gewährte. In der Regel ließ man die Leichen am Kreuz verwesen. Der sagenumwobene Kaiser Konstantin I., der höchst privat seine halbe Familie ermorden ließ, hatte diese ziemlich brutale Tötungsform in seinen frühen Jahren ausgiebig befürwortet, bis er dann das Christentum zur Staatsreligion erklärte und das Kreuz einen vollkommen anderen Sinn bekam. Die Geschichtsbücher nannten ihn Konstantin den Großen, obwohl seine Größe bei näherem Hinschauen sehr fragwürdig war. Kindern, die um Einschlafgeschichten baten, konnte man mit Konstantin nicht kommen – zu viel Hass und Blut klebte an dem Mann und zu viel fragwürdige Verherrlichung durch die katholische Kirche.

Endlich trödelte ich nach Hause, dort setzte ich mich an meinen Teich, schmauchte vor mich hin und hatte ständig das Bild in meinem Kopf, wie Sven Dillinger blutverschmiert an seinem Kreuz gehangen hatte. Es würde mir Albträume bereiten.

Tante Anni trat durch das Gartentor und hüpfte behände über die Terrassentreppe zu mir herunter.

»Emma hat angerufen und gesagt, du nimmst mich mit. Ich bin eingeladen, ich will auch Spaghetti.«

»Das ist schön. Willst du einen Schnaps?«

»Natürlich.«

Ich stellte ihr einen Plastikstuhl neben meinen und ging ihr einen Schnaps holen.

»Ihr habt neue Fälle, sagt Emma. Dann hast du ja jetzt Arbeit«, stellte sie fest.

»Ja, das stimmt, das habe ich. Wobei mir einfällt, dass ich in Hamburg anrufen muss, weil sie wissen sollten, dass da eine Geschichte kommt. Bin gleich wieder da.«

Ich wählte die Hamburger Nummer und erwischte Neumann, der etwas muffig erschien, was aber nichts besagte, weil er immer muffig war.

»Ich habe eine mögliche Geschichte. Hier ist ein achtzehnjähriger Gymnasiast erst erschossen und dann gekreuzigt worden, beziehungsweise vielleicht auch umgekehrt.«

»Gekreuzigt? Ist die Eifel derart zurückgeblieben, dass dort noch gekreuzigt wird?« Er lachte meckernd.

»So sieht es aus.«

»Gibt es Bilder?«

»Ab morgen Nachmittag.«

Ich würde Kischkewitz darum bitten. Er wusste, dass ich nichts an die Tagespresse weitergab und ihm meine Geschichte zur Freigabe vorlegen würde.

»Wie viel Text?«

»Bis jetzt maximal zehn Zeilen.«

»Dann verstehe ich das richtig, dein Anruf ist eine Warnung?«

Manchmal formulierte er gut, ich musste lachen. »Ja, genau, das ist erst mal nur eine Warnung. Die BILD wird auf dem Titel eine halbe Seite bringen, wie ich das einschätze. Und der Focus wird sich zieren, weil er das für eine schmuddelige Geschichte hält.«

»Also gut. Vorläufig eine Seite. Aber vergiss nicht, mein Lieber, dass ohne Bilder nichts läuft.«

»Der Junge am Kreuz«, versprach ich siegessicher.

»Das wäre angenehm«, erwiderte er. »Weiß man denn schon etwas über das Motiv?«

»Nein.«

»Für eine Meldung mit einer derart wichtigen Bedeutung und dermaßen gewaltiger krimineller Energie ist deine Ankündigung geradezu sensationell substanzlos. Denk dran: Wir zahlen nichts, falls das Ding nicht ins Blatt kommt.«

»Warum rufe ich dich eigentlich an?«

»Das weiß ich auch nicht«, sagte er seufzend. »Lass von dir hören, wenn du mehr hast.«

»Ich bin entzückt«, hauchte ich, aber er hatte schon aufgelegt.

Ich gesellte mich wieder zu Tante Anni, die traumverloren in meinen Teich starrte. Sicherheitshalber hatte ich die Schnapsflasche mit nach draußen genommen. Sie trank nie viel, aber dauernd. »Das hilft gegen die Plagen des Alters«, war ihr Kommentar dazu.

»Und? Bist du deine Geschichte losgeworden?«

»Ja, ich glaube schon.«

»Ich denke über diesen gekreuzigten Jungen nach. Wie sah der aus?«

Ich beschrieb ihr die Szene, so gut das ging.

»Weiß man, wie die Unbekannten in dieses Haus gekommen sind?«

»Nein. Aber ich vermute, dass es für jemanden, der sich mit solchen elektronischen Haussicherungen auskennt, kein großes Problem darstellt, so eine Anlage auszuschalten. Man muss wahrscheinlich nur ein paar Tricks kennen. Und jetzt komm, junge Frau, die Nudeln warten.«

Sie grinste: »Ich bin geil auf Nudeln.«

Als wir vom Hof fuhren, blieben Satchmo und Cisco zurück und sahen uns betrübt nach. »Ihr fresst doch sowieso keine Nudeln«, sagte ich beschwichtigend, aber in Wahrheit wusste ich das gar nicht genau, ich hatte es noch nie versucht. Deutlich erinnerte ich mich an meine erste Katze Molli, die leidenschaftlich gern grüne Bandnudeln mit Knoblauch fraß.

Wir rollten vor Rodenstocks Haus, er stand in der Tür und erwartete uns. Sein etwas grimmiger Gesichtsausdruck sagte mir, dass etwas vorgefallen sein musste.

»Wir haben Post bekommen«, verkündete er.

Wir marschierten hinter ihm her, er lief durch die Küche zum Esstisch, streichelte dabei seiner Frau kurz über die Schultern und setzte sich. »Nehmt Platz, bitte.«

»Was für Post?«, fragte ich.

Er drehte ein Foto um, das auf dem Tisch lag. »Das hier.«

Es war ein Farbfoto von der Größe einer Postkarte, gedruckt auf einem normalen DIN-A4-Blatt, und zeigte den gekreuzigten Sven Dillinger. Zweifellos war es in dem düsteren Bau St. Adelgund aufgenommen worden.

»Kein Kommentar dabei, einfach nur dieses Foto. In unserem Briefkasten. Jemand macht sich lustig, da hat jemand nicht die geringste Furcht. Das gleiche Foto ging übrigens auch nach Trier und nach Wittlich.«

»Vielleicht will dieser Jemand erwischt werden«, bemerkte Emma von ihren Töpfen her. »Vielleicht geht es gar nicht um Hohn und Spott, vielleicht sucht der Fotograf Hilfe.«

»Hilfe wobei?«, fragte Rodenstock scharf. »Bei einem Mord?«

»Hast du die Nachbarn gefragt, ob vor eurem Haus ein Auto gehalten hat?«, fragte ich.

»Natürlich. Niemand hat irgendwen gesehen.«

Ich überdachte das. Dann murmelte ich: »Da stimmt was nicht. Es fehlt etwas, etwas ganz Entscheidendes. Ob Hohn und Spott oder aber das Bedürfnis, Hilfe zu bekommen, der Grund für die Fotos sind, können wir noch nicht entscheiden. Aber es fehlen Adressaten. Und zwar Zeitungen, Radiostationen, Fernsehleute. Denn wenn die unbekannten Täter sich schon lustig machen oder um Hilfe rufen wollen, dann müssen sie Öffentlichkeit suchen.«

Rodenstock musterte mich einen Augenblick. »Du hast recht. Das müssen wir abklären.« Er stand auf und verschwand im Wohnzimmer, wo er auf seinem kleinen Schreibtisch so etwas wie einen Kommandostand aufgebaut hatte.

Wir hörten ihn telefonieren, wenig später kehrte er an den Tisch zurück. »Fritz-Peter Linden vom Trierischen Volksfreund hat das Foto auch bekommen. Er glaubte, jemand wollte ihm einen Streich spielen, dachte, dass es sich um eine Fotomontage handele. Ich habe ihm gesagt, dass er sich an die Kripo wenden soll. Es macht keinen Sinn, so zu tun, als sei diese Sache nicht geschehen. Was, zum Teufel, läuft da ab?«

»Jetzt macht mal eine Pause«, sagte Emma am Herd. »Die Spaghetti kommen. Und ich will gut gelaunte Leute am Tisch sehen. Du, Anni, könntest bitte das Weißbrot schneiden, und du, Rodenstock, könntest darüber nachdenken, unseren Gästen etwas zu trinken anzubieten.«

»Nichts als Arbeit«, schnurrte Tante Anni vergnügt.

Rodenstock seufzte nur tief auf und machte sich an die Arbeit.

»Was wissen wir über diesen Sven? Wo ging er zur Schule?«, fragte ich, Emmas Weisung ignorierend.

»Bei Bleialf zu Klosterbrüdern«, sagte Rodenstock. »Auf eine alte, ehrwürdige Institution. Erst seit etwa zehn Jahren ist sie auch für Mädchen zugänglich.«

»Dann war Sven so etwas wie ein Fahrschüler?«

»Ja. Er fuhr jeden Tag mit seinem eigenen Pkw. Der Vater hat seine Datscha in Stadtkyll stehen und gilt als schwerer Rechtsausleger. Sagt jedenfalls das Geschwätz. Sven hat eine Schwester, Julia Dillinger. Sie ist zwei Jahre jünger und besucht die gleiche Schule.«

»Wie war Sven als Schüler?«

Rodenstock stellte Weinflaschen und Wasser auf den Tisch. »Angeblich sehr gut und den Lehrern zum Teil überlegen. Aber auch das ist erst mal nur ein Gerücht.«

»Die Stimme, die anonym bei der Polizei angerufen hat, war das eine junge Stimme, alte Stimme, erwachsen, jugendlich, männlich, weiblich?«