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Impressum

Der Autor

Zitat

Widmung

ERSTES KAPITEL

ZWEITES KAPITEL

DRITTES KAPITEL

VIERTES KAPITEL

FÜNFTES KAPITEL

SECHSTES KAPITEL

SIEBTES KAPITEL

ACHTES KAPITEL

NEUNTES KAPITEL

ZEHNTES KAPITEL

Danksagung

 

Jacques Berndorf

 

 

Eifel-Träume

 

 

Kriminalroman

 

 

 

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Originalausgabe © 2004 by GRAFIT Verlag GmbH

E-Book © 2014 by GRAFIT Verlag GmbH

Chemnitzer Str. 31, D-44139 Dortmund

Internet: http://www.grafit.de

E-Mail: info@grafit.de

Alle Rechte vorbehalten.

Umschlagillustration: Peter Bucker

eISBN 978-3-89425-831-3

Jacques Berndorf – Pseudonym des Journalisten Michael Preute – wurde 1936 in Duisburg geboren und lebt heute in der Eifel. Er war viele Jahre als Journalist tätig, arbeitete unter anderem für den stern und den Spiegel, bis er sich ganz dem Krimischreiben widmete.

 

Seine Siggi-Baumeister-Geschichten haben Kultstatus, im Grafit Verlag sind erschienen: Eifel-Blues, Eifel-Gold, Eifel-Filz, Eifel-Schnee, Eifel-Feuer, Eifel-Rallye, Eifel-Jagd, Eifel-Sturm, Eifel-Müll, Eifel-Wasser, Eifel-Liebe, Eifel-Träume und Eifel-Kreuz.

 

Leider können wir nicht mehr so werden wie die Kinder; stattdessen müssen wir mit ansehen, dass die Kinder so werden wie wir.

Erich Kästner

 

Für meine Frau Geli

ERSTES KAPITEL

 

Das Leben floss langsam und ganz unaufgeregt dahin.

Ich hockte auf der Terrasse und blätterte in einem Magazin, was in diesem Sommer wahrlich kein Genuss war. Chaos und Ängste um die Terrorismusbekämpfung, das Unheil von Madrid, Brutalität in Fernost, Hinrichtungen im Nahen Osten, mein schönes Deutschland im Reformstau. Die Opposition hierzulande behauptete, der Kanzler sei ein Banause, während der Kanzler behauptete, die Opposition sei ein breitflächiger Brei aus Durchschnittlichen. Dieser Kanzler hat, so denke ich, einen miesen Job: Macht er etwas falsch, schreit die Kritik, macht er etwas richtig, kreischt die Kritik. Stolpe, dieser Maut-Mann, berief zum zehnten Mal eine ultimative Konferenz mit der Industrie ein und rechnete ganz ernsthaft damit, ernst genommen zu werden. Ein Industriemanager fühlte sich von den Medien übel verfolgt, weil er für das bloße Ausräumen seines Schreibtisches die ungefähre Summe von dreißig Millionen Euro eingestrichen hatte. Und er war der festen Überzeugung, er habe das durchaus verdient, und eigentlich sei es sogar zu wenig gewesen. Deutschland – die Lachnummer.

Gott sei Dank kam mein Satchmo vorbei und jaulte herzzerreißend, weil er wie üblich dicht vorm Hungerkollaps stand. Also marschierte ich in die Küche und klatschte etwas Katzenpampe auf einen Teller. Aber er fraß nicht. Stattdessen stellte er sich auf einen Brocken Vulkangestein und röhrte seinen Schmerz hinaus in die stille, sonnige Landschaft.

Es war jetzt ein Vierteljahr her und er trauerte immer noch. Wenn ich ihm eine Schüssel mit seinem geliebten Industriefutter hinstellte, tapste er heran, schnupperte, wandte sich um und begann, nach Paul zu rufen. Er verhielt sich nach dem Motto: Komm endlich her, hier ist was zu fressen! Doch Paul kam nicht, Paul konnte gar nicht kommen. Irgendein unbekannter Autofahrer hatte ihn genau vor meiner Haustür erwischt. Paul hatte sich wohl noch mit letzter Kraft in die Rosen geflüchtet, die die Gemeinde unter die jungen Ahornstämme gepflanzt hat, und dort sein Leben ausgehaucht. Ich hatte mich schuldig gefühlt, wie wir uns immer schuldig fühlen, wenn uns Anvertraute plötzlich und scheinbar so grundlos gehen müssen. Neben dem Forsythienbusch hinter dem Haus hatte ich ihn begraben. Satchmo war nun allein und hatte wochenlang den ganzen Tag über nach dem Freund gerufen. Zuweilen war er wie ein Blitz quer über die Straße zu Rudi Latten gerast, als hätte er dort Pauls Schwanzspitze entdeckt. Es war ein richtiges Katzenelend und Satchmo beruhigte sich nur langsam, ging immer noch mindestens dreimal pro Tag durch das hohe Gras zur Gartenmauer, weil er von dort aus einen guten Überblick hatte. Kein Paul mehr, nirgendwo.

»Suche nicht nach Paul«, sagte ich zum tausendsten Mal. »Das Leben war eine Sekunde lang gegen ihn.« Und zum tausendsten Mal sah er mich prüfend an und schien zu denken, dass die blöden Menschen von den größeren Zusammenhängen nicht die geringste Ahnung haben.

Beachtlich und würdevoll fand ich, dass mein Hund Cisco sich über Satchmos Geheul nicht aufregte, sondern ganz still dalag und ihn beobachtete. Vielleicht, um zu verstehen, was sich in Satchmos Seele abspielte. Na ja, dämlicherweise suchen wir Menschen bei allen Tieren nach menschlichen Verhaltensmustern.

Cisco ruhte weit entfernt unter dem großen roten Ginsterbusch und blinzelte träge. Nun entschied er sich, uns Gesellschaft zu leisten. Er trottete heran, legte seinen Kopf zwischen die Vorderpfoten und sah Satchmo beim Fressen zu. Er rührt Katzenfutter nicht an. Das ist unter seiner Würde.

Am Teichrand stand eine prächtige violette Distel, sicherlich achtzig Zentimeter hoch und mit mehr als dreißig Blüten bestückt. Um sie herum tanzte ein Pärchen Kaisermantel, eine kleine, wunderschöne Orgie in hellem Orange mit schwarzen Flecken. In der Namensgebung waren die Leute vergangener Generationen besser gewesen als wir und ich fragte mich, wie man diesen Schmetterling wohl heute nennen würde. Wahrscheinlich Orange-Plus oder Yellow Brush oder vielleicht auch Believe-in-God, auf jeden Fall fantasielos und streng neudeutsch.

Dann rief Emma an, ihre Stimme war munter und angriffslustig. »Weißt du eigentlich, dass Tante Anni schlecht dran ist?«

»Nein, weiß ich nicht. Was fehlt ihr denn?«

»Sie klingt nicht gut und vor allem: Sie liegt nur noch im Bett und will nicht aufstehen.«

»Hat sie Fieber, einen Infekt oder so was? Soll ich hinfahren?«

»Nicht nötig. Ich fahre hin. Wie geht es dir?«

»Na ja, wie immer. Entschieden zu langsam.«

»An was arbeitest du?«

»Das weiß ich auch nicht so genau.«

Sie lachte und legte auf und ich fühlte mich angesichts ihres positiven Lebensdranges elend.

Günter von nebenan schlurfte hinter dem Haus entlang, sah mich und meinte leicht verlegen: »Du siehst im Moment nicht so aus, als hättest du die Arbeit erfunden.«

Ich erwiderte, er habe recht, aber er selbst würde auch nicht den Eindruck erwecken, als würde er sich danach drängen. Pingpong.

»Im Moment nicht«, gab er zu. »Aber ich habe eine Gefährtin gefunden. Und da hat man dann Lust auf anderes.«

Das war nun wirklich ein Grund, Freude zu empfinden, und ich sagte begeistert: »Herzlichen Glückwunsch. Wer ist die Arme?«

»Tja«, antwortete er mit der typischen Zurückhaltung der hiesigen Bevölkerung, »die kennst du sowieso nicht.«

Vorläufiges Ende der Unterhaltung.

Er machte ein paar Schritte auf den Teichrand zu, beugte sich vor, starrte ins Wasser, richtete sich wieder auf, drehte sich langsam zu mir und erklärte schließlich doch in dürren Worten: »Ich lag ja im Krankenhaus. Und neben mir lag ein junger Mann, der immer Besuch von seiner Mutter kriegte. Dann war der Junge gesund und verschwand. Nur seine Mutter, die kam weiter. Zu mir.«

Da schimmerte stählerner Lebenswille auf, das war Eifeldramatik pur, da schallte das Jagdhorn. »Und? Wie ist sie?«

»Klasse, würde ich sagen. Sie ist ein paar Jährchen älter, aber was macht das schon?«

»Gar nix!«, stimmte ich zu. »Halt sie fest.«

Er strahlte und nickte: »Das will ich wohl.« Mit der Betulichkeit eines Tanzbären verschwand er um die Hausecke.

»Wisst ihr«, erklärte ich Hund und Kater, »solche erfreulichen Besuche sollten wir öfter verzeichnen. Aber ihr liegt nur rum und guckt angewidert. Das baut nicht auf, das ist kontraproduktiv. Blöde Bande!«

Wie aufs Stichwort kam Rodenstock in seinem neuen Auto angeschossen, einem schwarzen, unscheinbaren Seat mit vier Zylindern und lächerlichen 247,5 PS. Er ließ das Vehikel auf meinen Hof krachen, als sei er vom Himmel gefallen, schlug die Wagentür kanonenschlagartig zu und trabte auf die Terrasse.

Fröhlich tönte er: »Na, du bist ja schon auf. Erstaunlich.«

»Ich warne dich, ich bin schlecht gelaunt.«

»Macht nichts. Hast du einen Kaffee da und eventuell einen Kognak und dann noch …«

»Ja, ja, ich weiß schon. Nur eine Zigarre habe ich nicht.«

»Aber ich!«, strunzte er und zog einen Glimmstängel aus der Brusttasche seines Hemdes, der durchaus Ähnlichkeit mit einem Ofenrohr hatte. »Monte Christo«, lautete die Verkündigung. »Raucht auch unser Kanzler.«

»Hauptsache, bei dem raucht überhaupt noch was«, kommentierte ich giftig, ging aber in die Küche, goss ihm einen Kaffee ein und einen vierfachen Carlos III in der vagen Hoffnung, es möge nicht zu dick kommen. Natürlich fand ich auch noch zwei, drei Riegel tiefschwarze Herrenschokolade, die so trocken war, dass es staubte, und die seine Verdauung für Tage lahm legen würde.

Ich kannte Rodenstock schon seit Jahren. Wenn er in dieser Stimmung war, nahm er einen langen, hochkonzentrierten Anlauf auf irgendein Thema, das ihn beseelte. Es konnte durchaus geschehen, dass bei dem Gespräch absolut nichts herauskam, weil das Thema eigentlich kein Thema war. Es war allerdings auch möglich, dass er einen Plan ausgeheckt hatte, wie man am schnellsten den Restkommunismus aus China vertreibt oder den Eskimos Eisstangen verkauft. Ein paar Tage zuvor hatte er mit aller Gewalt diskutieren wollen, wie man George W. Bush dazu bringen könnte, einen Crashkurs in Weltgeschichte zu belegen, um anschließend das Buchstabieren von Dritte-Welt-Staaten zu lehren. Er war der beste Freund, den ich im Leben hatte, aber er war zuweilen verdammt anstrengend.

Jetzt saß er in der Sonne und zelebrierte Rodenstock pur. Er brach eine winzige Ecke Schokolade ab und legte sie sich mit verklärtem Gesichtsausdruck auf die Zunge. Er lutschte ein wenig, eigentlich war es nur ein Hauch von Lutschen. Dann trank er einen kleinen Schluck Kaffee, gefolgt von einer Winzigkeit Brandy. Schließlich grinste er wie ein Honigkuchenpferd und sagte: »Wunderbar!« Fehlte nur noch, dass er schnurrte. Er riss ein Streichholz an und hielt es an die Zigarre. Eingehend beobachtete er, was das Streichholz mit der Zigarre machte, und ich gewann den dumpfen Eindruck, er wollte mich in den Wahnsinn treiben. Das zweite Streichholz folgte und noch immer zog Rodenstock nicht an dem gewaltigen Glimmstängel.

Nun strahlte er mich an und seufzte: »Diese Welt ist heute einfach überwältigend schön!« Erst dann kamen ein größeres Stück Schokolade, ein normaler Schluck Kaffee, ein größerer Schluck Brandy und ein gewaltiger Zug aus der Knasterrolle. Er beugte sich sanft zu Cisco und kraulte ihn hinter dem Ohr. »Braves Vieh«, sagte er leutselig. Satchmo kraulte er nie.

»Lass es raus!«, forderte ich.

Er spitzte den Mund, schloss die Augen und intonierte den Satz: »Also, diese Isabell, ich sage dir, diese Isabell ist einfach super, ein Superweib mit sagenhaften Aussichten. Selbst wenn sie jetzt im ersten Anlauf auf die Schnauze fällt, so wird sie letztlich kein Mensch stoppen können. Irgendwann ist sie voll da, und dann muss sich drum herum alles verdammt warm anziehen. Sie ist die geborene Siegerin. Ihre Gegner werden zittern.«

Da nichts folgte, wagte ich zu fragen: »Und wer sind die Gegner?«

Rodenstock teilte mit einem gewaltigen Handkantenschlag die Luft vor seinem Bauch und trompetete: »Gegner eben. Die CDU, die SPD, die Grünen, die Freien Wähler, notfalls auch die FDP. Schlicht alle.«

Er tat mir irgendwie leid, aber er musste zurechtgestutzt werden.

»Wenn du mir verraten würdest, von wem du redest, könnte ich mich an dem Gespräch beteiligen.«

Ein missbilligender Blick traf mich. »Ich rede von Isabell«, schnaubte er empört.

»Das habe ich schon verstanden. Aber wer, bitte, ist das?«

»Wo lebst du?«

»Zurzeit auf meiner Terrasse.«

»So weit ist es mit dir gekommen! Du bist richtig abgedreht, du weißt nicht mal, wer Isabell ist. Dabei redet die ganze Eifel von Isabell. Seit Wochen. Ach, was sage ich, seit Monaten.« Er wirkte richtig biestig.

»Wenn du mich mit einfachen Worten auf den neuesten Stand bringen könntest, wäre ich dir von Herzen dankbar.«

»In der Verbandsgemeinde Jünkersdorf wird demnächst ein neuer Verbandsgemeindebürgermeister gewählt«, sagte er mit gesenkten Lidern, als könnte er mich nicht neben sich sehen, ohne Ekel zu empfinden. »Natürlich hat die CDU einen Kandidaten aufgestellt, genauso wie die Freie Wählergemeinschaft. Und dann kam Isabell Kreuter, parteilos. Die Frau ist achtunddreißig, hat eine kleine Tochter und einen ordentlichen Ehemann. Und weil die CDU dachte, dass ihr Kandidat sowieso gewinnt, hat sie sich nicht sonderlich angestrengt. Und nun wird es heiter: Die Isabell macht Punkte und der CDU-Kandidat steht fahl und blässlich daneben. Die Ortsbürgermeister verfallen in Panik, weil sie nahezu alle von der CDU sind, in jedem Fall stinkkonservativ.« Er schwieg.

»Wo ist die Sensation?«

Er starrte mich an, als sei ich aus einem Raumschiff gefallen. Mehrere Male machte er »Phh, phh«, schüttelte den Kopf. »Baumeister, du musst krank sein. Ich glaubte, du seiest ein Journalist. Das ist in der Eifel seit 1948 nicht passiert, dass … Ach, was sage ich? Isabell Kreuter ist nicht von der CDU, hat eine Witterung, die durchaus grün gestreift ist, und sie ist eine Frau. Allein dass sie kandidiert, ist für die Eifel die absolute Sensation. Sag mal, liest du keine Zeitung mehr?«

»Also gut, die Isabell ist eine Eifelsensation. Was weiter?«, sagte ich teilnahmslos.

»Ich bin im falschen Film«, äußerte er und warf ein Stück Bitterschokolade ein, trank seinen Brandy in einem Zug aus. Dann schüttete er Kaffee nach und zog so gewaltig an seinem Lötkolben, dass sein Gesicht in einer Qualmwolke verschwand. »Was ist los mit dir, Junge?«

Satchmo sprang auf meinen Schoß.

»Ich weiß nicht«, gab ich zu. »Ich laufe nicht in der richtigen Spur.«

»Und du weißt den Grund nicht?«

»Nein.«

»Du hängst seit Wochen in deinem Bau herum, grübelst nach, hast keine richtige Aufgabe, findest dich selbst mies und das Leben ist sowieso eine Qual. So was in der Richtung?« Er beugte sich vor und musterte mich besorgt.

»So ungefähr«, nickte ich.

»Würdest du sagen, du leidest an einer Depression?«

»Rodenstock, ich weiß es nicht. Ich habe wirklich keine Ahnung, weshalb ich so beschissen dran bin. Falls ich dir auf den Geist gehe, verschwinde doch einfach wieder.«

»Oh, der Kleine wird auch noch unhöflich.« Er blickte hinüber zur Kirche. »Dir ist nicht zu helfen.«

Satchmo krallte sich auf meinem rechten Oberschenkel fest und durchstieß mühelos den Jeansstoff. Es schmerzte und ich schubste ihn hinunter.

»Ist was passiert, von dem ich nichts weiß?«, forschte Rodenstock weiter.

»Nein«, versicherte ich. »Vielleicht bin ich ja so schlecht dran, weil nichts passiert.«

»Dann heb deinen Arsch, geh in die Wälder oder stell deine Füße in einen Bach und hör dem Leben zu. Emma hat …«

In dem Augenblick meldete sich das Telefon und ich drückte die grüne Taste. Weil ich eigentlich nicht gestört werden wollte, sagte ich heiser: »Bundeskanzleramt, Abteilung Altenhilfe.«

»Baumeister. Wie schön, Ihre Stimme zu hören. Ich liebe Ihre Zynismen. Ich brauche Ihre Hilfe. Nachdem vorhin die Annegret gefunden worden ist, ist ja nun klar, dass es schon wieder einen Fall von Mord an einem Kind gibt. Ich setze voraus, Sie sind wie immer bestens informiert. Nachdem Deutschland diesen wahnwitzigen Fall der beiden getöteten Kinder in Eschweiler durchlitten hat, hatte man eigentlich den Eindruck, es könne nicht schlimmer kommen. Dann dieser Nachfolger von Dutroux, der in Frankreich und Belgien mordete. Und jetzt also die kleine Annegret in Hildenstein …«

»Was sagt die Meldung?«, fragte ich und spürte ein hohles Gefühl im Bauch.

»dpa jagte eben einen Blitz durch. Die Dreizehnjährige ist gegen elf Uhr dreißig ermordet aufgefunden worden. Klar ist wohl, dass ihr Schädel mit einem Stein eingeschlagen wurde. Eine Sexualtat ist laut dpa nicht auszuschließen, zumal das Kind mit nacktem Unterleib gefunden wurde. Interessant fanden wir, dass die Kleine schon seit drei, vier Tagen vermisst und nun relativ nah beim Elternhaus in einem Gestrüpp entdeckt worden ist. Wir fragen uns natürlich, warum sie nicht eher gefunden wurde. War da vielleicht der nette Onkel von nebenan der Täter, dem kein Mensch so eine Sauerei zutrauen würde?«

Mittlerweile hatte ich begriffen, dass es nur Grothmann aus Hamburg sein konnte, mit dem ich sprach. »Was genau wollt ihr?«

»Eine aufmerksame Studie. Nichts Schnelles, nichts Überhastetes, nichts für einen Tag. Wenn es im nächsten Heft erscheinen kann, dann ist das okay. Wenn nicht, dann ist das auch okay, dann machen wir es später. Glauben Sie, dass Sie das auf die Beine bringen können?«

»Was ist mit Bildmaterial?«

»Na ja, wie üblich. Die Eltern haben wir schon, die Schulkameraden auch. Das liegt alles vor. Bilder der Toten vielleicht. Allerdings nur, wenn ein Foto dabei ist, das die anderen nicht haben. Ach – machen Sie sich bildmäßig keine Gedanken! Gut wäre eine sorgfältige Beobachtung der Arbeit der Mordkommission. Noch besser wäre eine gut gemachte Geschichte über die Bevölkerung der kleinen Stadt. Wie reagieren die Leute darauf? Verändert sich nach so einem Ereignis etwas? Ich muss Ihnen das nicht erklären, Sie wissen schon: eine Geschichte, in der die intensive Neugier des Baumeisters deutlich wird. Das ist es, was ich liebe, das will ich haben. Halten Sie Kontakt zu uns, damit wir wissen, wie wir stehen! Ach ja, Sie werden nach den Sätzen des Hauses bezahlt, egal, ob die Geschichte erscheint oder nicht. Machbar?«

»Einverstanden«, sagte ich schnell.

»Brauchen Sie einen Vorschuss?«

»Nein, ich komme klar. Ich melde mich. Und danke für den Anruf.«

»Gerne«, verabschiedete sich Grothmann wie ein Oberkellner.

»Rodenstock«, sagte ich atemlos in die anschließende Stille. »Jetzt bin ich gewissermaßen im Arsch: Ich habe eine Geschichte am Hals, die Annegret heißt, und ich weiß nichts darüber.«

Er stand da wie eine Skulptur. »Als die Kleine spurlos verschwunden ist und du dich nicht gerührt hast – da wussten wir, dass mit dir etwas nicht stimmt. Bist du bereit, wieder am Leben teilzunehmen?«

»Ja, natürlich. Wer ist Annegret?« Ich schloss die Augen und öffnete sie wieder. Ich sah den Garten, den Teich, die Mauer und es schien mir so, als wachte ich aus einem langen Schlaf auf.

Rodenstock setzte sich. »Ich hätte gerne noch einen großen Brandy, die Geschichte ist ziemlich schlimm. Ich nehme an, sie haben das Kind gefunden?«

»Ja. In der Nähe des Elternhauses. Erschlagen. Hast du den Fall verfolgt? Ich hole dir schnell den Brandy. Was ist mit Kaffee?«

Er zerquetschte die Zigarre halb geraucht und ziemlich brutal im Aschenbecher und nickte heftig.

Als ich mit den Getränken zurückkehrte, räusperte er sich. »Also gut, dann fange ich mal an. Die Geschichte begann vor drei Tagen. Das Mädchen besuchte eine Schule in Hildenstein. Es heißt mit vollem Namen Annegret Darscheid, wie der Eifelort Darscheid, keine Geschwister. Sie machte sich nach der Schule gemeinsam mit einem Trupp anderer Schüler auf den Heimweg. Wie immer. Die letzten paar hundert Meter lief Annegret stets allein. Donnerstag kam das Mädchen zu Hause nicht an. Die normale Rückkehrzeit war gegen ein Uhr mittags. Als Annegret gegen siebzehn Uhr immer noch nicht zu Hause war, telefonierten die Eltern in Hildenstein herum. Normale Reaktion. Gegen neunzehn Uhr haben sie dann die Polizei verständigt. Die Wache hat den Vorfall vorschriftsmäßig zur Kriminalpolizei nach Wittlich durchgegeben. Die jagte sofort einen Wagen mit zwei Beamten nach Hildenstein. Die Beamten sondierten die Besonderheiten, wobei es eigentlich keine Besonderheiten gab, außer der Tatsache, dass das Mädchen nicht nach Hause gekommen war. Sehr schnell haben sie die freiwilligen Feuerwehren angefordert, die in einem solchen Fall immer zuerst ins Geschäft kommen, weil die mit großer Schnelligkeit viele Hilfskräfte mobilisieren können. Jupp Leuer aus Kelberg hatte in etwa sechzig Minuten zweihundert Mann nach Hildenstein beordert, die im großen Maßstab die Suche aufnahmen. Sogar zwei Helis, die Wärmebildaufnahmen machen können, waren involviert. Die Leute haben Hildenstein durchpflügt, sie haben das Städtchen buchstäblich auseinander genommen. Kein Schuppen, den sie nicht geöffnet haben, kein Dachboden, der nicht untersucht wurde, kein Gehölz, das sie nicht Zentimeter für Zentimeter durchforstet haben. Ich weise dich in diesem Zusammenhang auf die Berichterstattung im Trierischen Volksfreund hin, die sehr gut und sehr umfassend war.«

»Was ist das für ein Mädchen gewesen, diese Annegret?«

»Ein Sonnenschein, wie eine ihrer Lehrerinnen gesagt hat. Ein umwerfend nettes Mädchen. Verdammt noch mal, Baumeister, du musst doch ihr Foto in der Zeitung gesehen haben!«

»Habe ich nicht. Jedenfalls nicht bewusst. Hast du etwas in dieser Sache unternommen?«

»Nein.« Er schwenkte sein Brandyglas. »Ich habe mich in den Fall nicht eingemischt. Wahrscheinlich deshalb, weil du kein Wort gesagt hast. Und weil Kischkewitz uns vor sechs Tagen in Heyroth besucht hat. Er hat einen neuen Stellvertreter aufs Auge gedrückt bekommen. Auf Anweisung vom Innenministerium. Der Mann war kaum in Wittlich angekommen, da begann er schon offen und unglaublich brutal gegen Kischkewitz zu intrigieren. Mobbing in Reinkultur. Er behauptete sofort, Kischkewitz sei eine Flasche. Erstens habe Kischkewitz einen unklaren Todesfall versaut. Dabei ist da einfach eine Scheißpanne passiert, wie sie immer und überall vorkommt. In Ediger-Eller an der Mosel lag ein Dreißigjähriger tot in seinem Bett. Kischkewitz hatte keinen Todesermittlungsbeamten an der Hand und schickte einen jungen Nachwuchsmann. Der war nicht nur neu, sondern auch noch leichenscheu und hat nicht entdeckt, dass der Tote stranguliert worden ist, denn er hat die Bettdecke nicht weggezogen. Zweites Mobbingdesaster ist eine junge Frau. Es geht das Gerücht, dass sie die Geliebte von Kischkewitz ist. Tatsächlich ist sie die Ehefrau eines Handwerkers aus Bitburg, der sich erhängt hat. Kischkewitz leistet Trauerhilfe. Und der Hammer ist nun die Entdeckung, dass sich plötzlich beide Vorfälle in der Personalakte von Kischkewitz wiederfinden, obwohl sie dem Ministerium kein Mensch offiziell berichtet hat.«

»Wie geht er damit um?«

»Eigentlich gar nicht. Ein solcher Angriff passt absolut nicht zu seinem Charakter. Leute, die mobben, betrachtet er wie Insekten, mit denen er nichts anfangen kann. Hilflos eben.« Rodenstock schnalzte mit den Fingern. »Das würde mir im Übrigen genauso gehen. Also – was machen wir jetzt?«

Ich musste grinsen. »Ich denke, wir steigen ein.«

»Ein erstes Lächeln«, grinste er zurück. »Sieh mal, meine Ehefrau rauscht heran.«

Emma rauschte wie üblich und wie ihr Mann mit viel zu viel Gas auf den Hof und würgte den Volvomotor schlussendlich ab.

Sie kam auf die Terrasse und erklärte mit steinernem Gesicht: »Das mit Anni ist richtig schlimm. Ich habe Detlev Horch zu Hilfe gerufen. Er sagt, wenn alte Leute keine Lust mehr haben weiterzuleben, dann kann er wenig machen. Und bei Anni scheint genau das der Fall zu sein. Was können wir tun?«

»Was meint sie denn selbst?«, fragte Rodenstock.

»Das ist es ja eben«, schimpfte Emma. »Sie sagt nichts, keinen Piepser. Sie liegt einfach rum und spricht kein Wort. Wie ein trotziges Kind.«

»Hat sie unangenehme Post bekommen?«, fragte ich. »Irgendetwas aus Berlin?«

Emma schüttelte den Kopf. »Ich habe nichts gesehen. Und wie geht es dir?« Sie musterte mich misstrauisch.

»Er tritt gerade wieder in eine erdnahe Umlaufbahn ein«, ergriff Rodenstock bissig das Wort. »Er muss den Fall der Annegret machen.«

»Du lieber mein Vater«, seufzte Emma. »Und? Wirst du das schaffen?«

»Ich weiß es nicht«, sagte ich. »Wir werden sehen.«

»Was ist eigentlich mit dir?« Zwischen ihren Augenbrauen stand eine tiefe Falte, und das war kein gutes Zeichen.

»Irgendwas ist schief. Aber ich weiß nicht, was.«

»Neulich war ich hier«, erinnerte sie sanft. »Ich habe dich zum Mittagessen nach Heyroth eingeladen. Punkt zwölf solltest du aufschlagen. Du hast ja, ja gesagt und mich sitzen lassen.«

»Tut mir leid.«

»Wenn es vorbei ist, dann ist es gut. Aber du solltest vielleicht lernen, dich mitzuteilen. Du verkriechst dich in deinem Haus und die Welt draußen findet nicht mehr statt. Das ist nicht gesund. Es ist auch nicht sehr gesund, wenn ein Mann wie du ohne Frau lebt. Du kommst mir vor wie amputiert.«

»Nicht so dicke!«, warnte Rodenstock.

»Ist doch wahr«, schnaubte seine Frau empört. Aber immerhin setzte sie sich: »Bekommt man hier eigentlich keinen Kaffee?« Dann bemerkte sie Rodenstocks Brandy und fluchte: »Verdammt, es ist noch früh am Tag!«

»Das Abendland geht mal wieder unter«, erwiderte Rodenstock ergeben. »Gehen wir in den Keller!«

Wir mussten alle lachen und der Tag sah freundlicher aus.

»Der Reihe nach«, formulierte ich. »Was machen wir mit Anni?«

»Abwarten, was Horch feststellt«, bestimmte Emma.

»Was machen wir mit Annegret?«, fragte ich weiter.

»Ich werde hören, was Kischkewitz herausgefunden hat. Dann sehen wir weiter«, antwortete Rodenstock. Er war aufgestanden und lehnte sich an den Träger der Terrassenbedachung. Er starrte in den Garten, als sehe er Bilder, die wir nicht sehen konnten. Ich registrierte, dass Emma ihn sehr misstrauisch, angstvoll beinahe, beobachtete. Bei den beiden war irgendetwas nicht in Ordnung.

»Ich mache euch ein Essen«, sagte Emma überbetont laut. »Spaghetti aglio e olio. In einer Stunde in Heyroth.«

»Dann dusche ich jetzt den Dreck der Wochen weg und erscheine pünktlich.«

Ich sah noch zu, wie sie meinen Hof verließen, und fühlte mich seltsam erleichtert. Ich konnte wieder wahrnehmen, dass die Sonne schien, hörte die Spatzen tschilpen und erinnerte mich daran, dass sie eine aussterbende Spezies waren. Dabei erschien mir eine Welt ohne Spatzen unmöglich.

Ich stellte mich unter die Dusche, während mein Hund sich davor postierte und wüst zu bellen begann.

Anschließend entdeckte ich, dass ich eine Woche lang dasselbe Hemd getragen hatte – das war das deutlichste Zeichen meiner lang anhaltenden Desorientierung. Wütend dachte ich: Alter Mann, du könntest mir eigentlich einen Fingerzeig geben, an welcher Stelle meines Daseins ich mich zum Idioten mache. Und als schnelle Reaktion auf diese Bitte flüsterte meine wund gescheuerte Seele: Nimm es dir nicht so übel, gelegentlich spinnen wir doch alle.

Allerdings gab es einen Punkt, den ich als unentschuldbar empfand: Da verschwindet in unmittelbarer Nachbarschaft ein kleines Mädchen spurlos – und Baumeister nimmt es nicht einmal wahr.

Gerade als ich das Haus verlassen wollte, schrillte das Telefon. Also trabte ich zurück und sagte brav: »Ja, bitte?«

Ihre Stimme erweckte den Eindruck, als würde sie sich nur noch von hartem Schnaps und filterlosen Zigaretten ernähren. »Kann ich dich mal sprechen?«

»Ja, sicher. Emma sagt, du seiest krank.«

»Ja, etwas«, erwiderte Tante Anni. »Schenkst du mir ein paar Minuten …?«

»Bin schon unterwegs.« Ich rief Emma an und riet ihr, die Spagetthi noch nicht in der Topf zu werfen. Tante Anni ging vor, Tante Anni war Familie.

Sie hatte sich bei Elke und Harry in der kleinen Einliegerwohnung einquartiert. Ihre Zelte in Berlin waren abgebrochen, ihr Haus verkauft, die Erinnerungen sehr frisch und nachhaltig in ihrer Seele aufgehoben. Sie schrieb viel. Keine Briefe, sondern irgendwelche geheimnisvollen Geschichten über ihr Leben. Sie füllte Briefblock um Briefblock und irgendwann hatte sie gescherzt, falls es ein Bestseller werden würde, bekäme ich zwanzig Prozent. Aber sie ließ niemanden etwas lesen und zuweilen warf sie wütend einen voll geschriebenen Block in den Papierkorb und tobte, sie sei nicht einmal mehr fähig, gewisse unangenehme Wahrheiten ihres Lebens schonungslos aufzuschreiben.

»Ich bin eine richtig betuliche, depperte Alte. Dauernd versuche ich, mich selbst übers Ohr zu hauen!« Fluchen konnte sie wie ein Droschkenkutscher.

Sie hatte vor nicht allzu langer Zeit entschieden, ihre alte Heimat Berlin hinter sich zu lassen und in die Eifel zu ziehen. Wir waren zusammen in die Hauptstadt gefahren und hatten vor ihrem Haus gestanden. Sie hatte kein Wort gesagt, nur das Haus angestarrt, in dem sie ein Leben lang mit ihrer Geliebten glücklich gewesen war. Sie hatte still geweint, nach meiner Hand gegriffen und schwer geatmet. Wir blieben noch nicht einmal über Nacht. Tante Anni war mutterseelenallein in ihre Bank spaziert, hatte die notwendigen Aufträge veranlasst und mit versteinertem Gesicht Abschied von der Stadt genommen, in der sie eine Mörderjägerin gewesen war und in der Verwandte versucht hatten, ihr das Haus auf eine Art abzujagen, wie man vor zweihundert Jahren dumme Eingeborene auf anderen Kontinenten zu betrügen versucht hatte.

Die Hauseinrichtung hatte sie dem Verein der Obdachlosen geschenkt. Auf dem Rückweg in die Eifel in Höhe der Raststätte in Garbsen sagte sie resolut: »Ich habe Hunger und ich brauche einen Schnaps.« Es endete damit, dass sie keinen Bissen aß, aber in aller Gemütsruhe sechs doppelstöckige Birnenschnäpse in sich hineinschüttete. Bald darauf war sie eingeschlafen und hatte bis weit hinter Dortmund volltönend geschnarcht. Seither hatte sie über Berlin nicht mehr geredet, nur geschrieben.

Ich sah den Wagen von Detlev Horch vor dem Haus parken. Als ich anhielt, kam er heraus.

Ganz ohne Umschweife, wie das so seine Art ist, sagte er: »Sie gefällt mir nicht, aber sie hat versprochen, ins Krankenhaus zu gehen. Ein paar Tage nur, um festzustellen, was eigentlich los ist. Sie … Na ja, ich möchte keine Pferde scheu machen. Ich bin wieder hier, wenn der Krankenwagen kommt.«

Ich bedankte mich und ging hinein.

Tante Anni lag in ihrem Bett und hielt sich einen Spiegel vor das Gesicht. Ohne den Blick von dem Spiegel zu nehmen, bemerkte sie: »Ich hätte eigentlich erst zum Friseur gehen sollen. Ob die Bianca mich im Krankenhaus besuchen und herrichten kann?«

»Sicher tut sie das, wenn du sie bittest. Aber eigentlich ist das doch Blödsinn, wenn du nach zwei, drei Tagen wieder hier sein wirst.«

»Das weiß man nie so genau, nicht wahr?« Sie legte den Spiegel auf das Bett: »Setz dich.« Ihr Gesicht war das wunderschöne Gesicht einer alten Frau, die genau weiß, wie das Leben spielt. »Was treibst du zurzeit?«

Ich setzte mich auf einen Hocker, der neben dem Bett stand. »Ich fuhrwerke an ein paar Themen herum, an die ich nicht glaube. Vorhin haben die Hamburger angerufen. Ich soll die Sache der verschwundenen Annegret in Hildenstein recherchieren. Sie ist heute Mittag gefunden worden. Mit eingeschlagenem Schädel und vielleicht missbraucht.«

»Mord an einem Kind ist immer etwas ganz besonders Schreckliches. Es berührt und verstört uns zutiefst. Na ja, das weißt du selbst. Ich habe in der Zeitung von ihr gelesen, ich bin gespannt, was man herausfindet.« Sie richtete ihren Blick auf mich. »Ich möchte einiges mit dir abklären, damit wir später keine Probleme bekommen.«

»Wieso Probleme? Wieso später?«

»Es könnte ja sein, dass mir etwas geschieht.«

»Du liegst im Bett, hast wahrscheinlich irgendeinen Infekt und willst mit mir über das Sterben reden. Und du willst gut frisiert sterben.«

»So ist es. Natürlich sollte ich ein Testament machen, so richtig beim Notar. Aber das ist mir zu mühselig. Deshalb habe ich einen Brief geschrieben.« Sie reichte mir ein Kuvert. »Du bist jetzt Besitzer meines gesamten Geldes. Du und Emma. Und ich will eingeäschert werden. Ich will keinen Grabstein, ich will nur das kleine Plakat Wiese über mir, sonst nichts.« Sie lächelte. »Du kannst ja einen kleinen Zweig in die Erde bohren, damit du mich wiederfindest, wenn du mit mir reden willst. Sonst redest du nachher auf dem Friedhof noch mit einem wildfremden Menschen. Ich sage das alles nur für den Fall, dass was schiefgeht.«

»Darf ich eine Frage stellen?«

Als sie nickte, fragte ich: »Du willst wirklich sterben?«

»Das ist bei uns Menschen so ein kleines Problem. Man will es, man will es nicht. Auf jeden Fall ist es so, dass ich es erwarte. Sicherheitshalber.«

»Du bist noch lange keine hundert. Du beziehst eine gute Rente. Das würde ich ausnutzen.«

»Ach Gottchen, Junge, sei doch nicht so melancholisch. Nimm das Kuvert und besuche mich im Krankenhaus. Und jetzt mach dich an die Arbeit.«

Widerspruch war zwecklos. Ich stand auf und ging hinaus. Ich stand neben dem Auto in der Sonne und musste heftig schlucken. Den Brief warf ich ins Handschuhfach, sollte ihn lesen, wer wollte.

Wenige Minuten später zockelte ich gemächlich über den Berg nach Heyroth.

Emma sagte: »Ich wette, sie hat dir ein Testament oder so was in die Hand gedrückt.«

»Gewonnen.«

»Und was steht drin?«

»Ich will es nicht wissen.«

»Dann komm, ich schmeiße die Spagetti ins Wasser. Rodenstock schiebt schon missmutig Kohldampf.«

Kurz darauf beugte sie sich über einen ihrer edlen Töpfe und rührte mit einem Holzlöffel darin herum. »Da ist noch etwas«, murmelte sie gepresst.

»Raus damit, ich habe heute sowieso Sprechstunde.«

»Vera hat angerufen. Sie will herkommen, nicht zu dir. Sie ist voll auf die Nase gefallen in der Pressestelle des LKA.« Emma hob den Kopf und lächelte schnell. »Aber natürlich will sie eigentlich dich sehen und nicht uns.«

»Ich möchte einen feisten Weißwein zum Essen!«, rumpelte Rodenstock scharf von nebenan.

»Kischkewitz kommt heute Abend vorbei«, erklärte Emma seine Aggressivität. »Der steht kurz davor, seinen Job hinzuschmeißen. Denn sein Gegner hat ihm Annegrets Leiche geklaut.«

»Wie bitte?«

»So ist es«, bestätigte Rodenstock hinter mir empört. »Was bin ich froh, dass ich dem Scheißverein nicht mehr angehöre!«

»Was ist denn passiert?«

»Annegrets Leiche ist von einem Spaziergänger entdeckt worden. Der hat natürlich sofort die Polizei alarmiert und dann natürlich jeden, der ihm über den Weg lief, über seinen Fund informiert. Und blitzschnell machte die Botschaft die Runde: Annegret liegt im Amor-Busch. So heißt das winzige Wäldchen. Die Kriminalisten sind losgeschossen und wollten den Fundort sichern. Aber währenddessen kamen schon die Eltern und zahllose andere Hildensteiner über den Acker gelaufen. Und sie ließen sich nur schwer davon abhalten, zu der Toten durchzubrechen. Hysterische Schreierei, völlig hilflose Polizeibeamte, weil entschieden zu wenig. Die Mutter der Kleinen ist unter den Bäumen zusammengebrochen. Es muss schrecklich gewesen sein. Und dann passierte es: Kischkewitz’ Stellvertreter entschied in reiner Panik: Wir bringen die Tote weg, sonst läuft das hier aus dem Ruder! Eine Stunde später kam Kischkewitz, wollte die Leiche selbstverständlich in situ belassen, alle Aspekte in Ruhe abklären – und die Leiche war weg.«

»Dafür müsste man den Kerl zwanzig Jahre auf die Galeere schicken. Wie kann man so dämlich sein?«

»Der Mann ist überzeugt, er habe absolut richtig gehandelt. Angeblich hat er sofort mit dem Innenministerium in Mainz telefoniert und sich dessen Segen geholt. Jedenfalls ist die scheußliche Folge des Ganzen, dass es noch nicht einmal mehr möglich ist, festzustellen, ob die Kleine auch dort gestorben ist, wo sie gefunden wurde.«

»Es gibt Essen, Leute«, mahnte Emma.

»Wie heißt dieser Stellvertreter eigentlich?«, wollte ich wissen.

»Klemm«, sagte Rodenstock mit viel Verachtung. »Adolf Klemm.«

»Und was ist jetzt mit dem Auffindungsort?«

»Gesichert durch Absperrung in einem Durchmesser von rund einhundert Metern und …«

»Spagetti!«, blaffte Emma. Dann grinste sie mich an: »Du hast jetzt ziemlich viel an den Hacken, wie ihr Deutschen so sagt.«

»Was ist mit Vera? Wann kommt sie?«

»Auch heute Abend. Aber du kannst ihr ja ausweichen«, antwortete Rodenstock.

»So ein gewaltiger Stuss«, kommentierte Emma, kochlöffelschwingend. »Setzt euch endlich!«

Anfangs aßen wir schweigend. Als Rodenstock dann fragte, wie ich mich der Geschichte Annegret nähern wollte, wusste ich keine schnelle Antwort.

»Schleich wie immer um den Fundort herum«, sagte Emma. »Geh in Kneipen, rede mit den Leuten.« Sie schnaufte unwillig: »Wieso bringe ich dir eigentlich deinen Job bei?«

»Weil du ein hilfsbereiter Mensch bist«, lächelte Rodenstock. »Die Spagetti sind fantastisch, ich werde Wolken von Knoblauch ausstoßen und für den plötzlichen Tod unendlich vieler Kleinlebewesen und Einzeller verantwortlich sein.«

Plötzlich gab es draußen ein mörderisches Geheul und wir mussten lachen.

Mein Hund Cisco hatte gelernt, die knapp zweitausend Meter bis zu Rodenstocks Haus zu rennen und dann zu heulen wie ein Bärenjunges, dem die Mutter abhanden gekommen ist. Emma ließ ihn rein und er gebärdete sich, als habe er uns seit drei Monaten nicht mehr gesehen. Irgendwie verhakelte er sich mit den Pfoten in der Tischdecke und ich konnte gerade noch die Terrine mit den Spagetti hochnehmen, ehe der gesamte schäbige Rest auf den Fußboden landete. Merke: Leben mit Tieren ist außergewöhnlich lehrreich, aber porzellanfeindlich.

»Das sind ja nur Teller.« Rodenstock machte sich auf den Weg, um einen Besen und eine Kehrschaufel aufzutreiben.

»Was soll ich ihr nun sagen, wenn sie kommt?«, fragte Emma.

»Sag ihr, was du willst, ich bin nicht ihr Gegner.«

 

Wenig später startete ich in den Fall, von dem ich drei Tage lang keine Notiz genommen hatte. Mir war mulmig zu Mute. Es war ein Gefühl ganz nah bei der Angst. Morde an Kindern kann ich nicht begreifen, will ich nicht begreifen, sind einfach ekelhaft.

Automatisch stellte sich mir die Frage: Was weißt du eigentlich von Hildenstein? Natürlich hatte ich die Geschichtsbücher gelesen: Hildenstein – Geschichte eines Eifelstädtchens. Aber was war hängen geblieben?

Fränkische Gräber, keltische Gräber. Eisengewinnung. Augustinerkloster. Adolf Hitler war in seinem Sonderzug durch Hildenstein gefahren, als er den Westwall besuchte. Was noch? Wenig oder nichts, Bruchstücke. Muss man eigentlich etwas wissen?

Ich stoppte den Wagen und rief Rodenstock an. »Verrat mir bitte, wo sich das Haus der Eltern befindet.«

»Es gibt an der Nordecke der Gemeinde eine Siedlung mit ungefähr vierzig neuen Häusern. Die Straße heißt Am Blindert. Das letzte Haus auf der rechten Seite. Dahinter sind Felder, dann kommt dieses Wäldchen, Amor-Busch, in dem das Mädchen gefunden wurde.«

»Danke dir. Glaubst du, dass du Kischkewitz in seiner Mobbingsache helfen kannst?«

»Nein«, erwiderte er. »Wie kommst du darauf! Wir sind Freunde und er fragt mich ab und zu nach meiner Meinung. Aber, verdammt noch mal, ich bin Rentner, ich habe keine Stimme mehr, niemand würde auf mich hören.«

»Ich dachte, man kann etwas über diese Fachzeitschrift Der Kriminalist machen. Die veröffentlichen oft Leserbriefe zu aktuellen Themen und Mobbing ist ein aktuelles Thema. Öffentlichkeit kann schaden, aber sie kann auch nutzen.«

»Du fängst ja wieder an mitzudenken«, sagte er langsam. »Dann werde ich mal rumtelefonieren und mich möglichst ekelhaft benehmen. Aber pass auf dich auf, du bist noch in der Erholungsphase.«

»Ja, Papi.«

Ich betrachtete den Bach, der sich rechts von mir bildhübsch und unverdorben durch die Wiesen schlängelte. Forellen tummelten sich darin, Insekten tanzten über dem Wasser und fünfzig Meter entfernt stand ein Graureiher im Flachwasser und tat harmlos. Cisco auf dem Hintersitz schlief den Schlaf der Gerechten und schnarchte leise.

Wie nähert man sich einer kleinen Stadt, in der ein Mädchen getötet worden ist? Sie hatte keine Chance bekommen, ihr Leben zu leben, jemand hatte den Faden brutal durchtrennt. Ich kannte viele der Umstände, die zu den Morden an den kleinen Geschwistern in Eschweiler geführt hatten. Ich hatte über den Fall Dutroux in Belgien gelesen, der vor Gericht Widerliches aussagte, von Auftraggebern sprach, die ihren Spaß mit kleinen, gequälten, hilflosen Mädchen suchten. Die immer mehr davon haben wollten.

Was, um Gottes willen, ist das für eine Welt? Hatte ich allen Ernstes vor, in diese Welt hineinzukriechen, mich wie ein Leichenfledderer in ihr zu bewegen und meine Träume von diesen menschlichen Abgründen bestimmen zu lassen? Ich dachte etwas panisch: Sei auf der Hut, Baumeister, denn wenn du damit beginnst, kannst du nur schwer umkehren.

Plötzlich bemerkte ich hinter mir eine Bewegung. Cisco stellte die Pfoten auf meine Sitzlehne und leckte hündisch mein rechtes Ohr.

»Hör zu«, sagte ich. »Die Geschichte wird wahrscheinlich mies, spießbürgerlich, unglaubwürdig, ekelhaft blutig und anderes mehr. Aber wir machen sie. Wir haben Tante Anni am Hals, die unbedingt sterben will. Wir erwarten Vera, die ich einmal geliebt habe und die gegangen ist, weil ihr das nicht reichte. Wir haben also genügend zu tun. Lass uns anfangen.«

Er hüpfte auf den Beifahrersitz und von dort auf meinen Schoß. Die Pfoten landeten auf meinem rechten Unterarm, als wollte er sagen: Gib Gas, Alter!

So zockelten wir los und Cisco jaulte vor Vergnügen.

Nun erinnerte ich mich plötzlich an die Geißler in der Geschichte Hildensteins. Katholische Priester, die auf der Kanzel standen und mit mächtigen Worten die kleinen eiflerischen Sündenböcke in Angst und Schrecken trieben. Sie schlugen dabei ohne Unterlass mit schweren Lederpeitschen oder Stricken auf den eigenen Rücken ein, was Blutspritzer auf die Gesichter der Gläubigen wehte. Der Gott dieser Priester war grausam und kannte selbst für die Frömmsten offensichtlich nur Verachtung.

Ich fuhr durch die Straßen Hildensteins, vorbei an den soliden Bürgerhäusern, in denen immer noch erkennbar vor langer Zeit Bauern gehaust hatten: kleiner, ja kleinster Wohnteil, groß und solide die Scheune. Die Gründungssteine waren endlich verschämt aus der Beeteinfassung im Garten gekramt und wieder dorthin gesetzt worden, wo sie ursprünglich stolz eingebunden gewesen waren – in die Torbögen aus Sandstein. Es gab Häuser, die vor 1700 hier gestanden hatten, und die Steine mit dem Baujahr waren heute wieder ein solider Teil des berechtigten Stolzes. Die Eifler, die sich schämten, aus der Eifel zu sein, starben aus.

Ich nahm die Bundesstraße Richtung Norden und bog dann rechts ab in eine schmale Straße, die – wie angesagt – Am Blindert hieß. Die Straße machte einen sanften Linksbogen. Das Erste, was mir auffiel, waren zwei Wagen mit Schüsseln auf den Dächern. Drum herum wuselten aufgeregt eine Menge Leute – Fernsehteams.

»Das ist nicht unser Ding«, teilte ich meinem Hund mit. Ich wendete und fuhr zurück auf die Bundesstraße. Nach etwa sechshundert Metern lenkte ich den Wagen in einen Feldweg, der auf eine Waldung zulief. Das musste das Wäldchen sein, in dem man die Kleine gefunden hatte und das im Volksmund Amor-Busch hieß. Natürlich war ich auch hier nicht allein. Rechts auf einer Wiese standen zwei Streifenwagen und ein Wagen der freiwilligen Feuerwehr.

Ich parkte, ließ meinen Hund im Auto und ging gemächlich los. Es war wie immer, jeder Tatort jagt mir Angst ein, ist oft die Ursache großer Beklemmung.

Ein Uniformierter sagte in aller Gemütsruhe: »Sie dürfen nicht rein in den Busch. Das ist Sperrgebiet.«

»In Ordnung«, nickte ich. »Ich wollte mir nur ansehen, wo es passiert ist. Was ist das Helle da zwischen den Bäumen?«

»Ein Zelt«, erklärte er und schnaufte leicht. »Der Leiter K hat das angefordert, sie haben es eben aufgebaut.«

»Ist Kischkewitz da drin?«

»Ach, jetzt weiß ich, wer Sie sind. Der Pressefritze. Nein, Kischkewitz ist gar nicht hier. Da drin ist nur ein Doktor aus Köln, den Namen kenne ich nicht. Er hat gesagt, dass er in den nächsten achtundvierzig Stunden nicht gestört werden will.«

»Benecke!«, rief ich erstaunt. Ich hatte mal eine Reportage über den Kriminalbiologen geschrieben. »Dr. Mark Benecke. Das ist eine verdammt gute Idee. Hat Kischkewitz gesagt, wann er wiederkommt?«

»Er wollte, glaube ich, Fotos holen. Sie können ja solange warten.«

»Nachdem die Leiche des Mädchens so schnell weggebracht worden ist, werde ich das auch tun.«

Er sah mich von der Seite an, er wusste nicht genau, wie ich einzuordnen war. Bedächtig nickte er. »Ja, da ist ja wohl eine Panne passiert.«

»Das ist keine Panne, das ist eine professionelle Schweinerei«, schimpfte ich.

»Woher wissen Sie überhaupt davon?«, fragte er.

»Ich weiß es eben«, erklärte ich unfreundlich. Dann schlenderte ich zu meinem Auto zurück, ließ Cisco heraus und nahm ihn an die Leine. Ich stopfte mir eine kleine, handliche, gebogene Brebbia und schmauchte einen Moment vor mich hin. Schließlich trollten wir uns wieder in Richtung des Uniformierten.

»Heute Mittag muss hier ja der Teufel los gewesen sein«, plauderte ich versöhnlich.

»Kann man so sagen«, antwortete er vorsichtig, war aber offensichtlich nicht bereit, weitere Erklärungen abzugeben. Er beschloss, missmutig auszusehen und in die Ferne zu blicken.

»War die Kleine blond oder braun?«, erkundigte ich mich.

Sein Kopf ruckte zu mir und er fragte verblüfft: »Seit Donnerstag gab es fünf Pressekonferenzen, jeder konnte ein Foto haben.«

»Ich war verreist«, behauptete ich lahm.

Eine Weile schwiegen wir beide. Schließlich sagte er mit Verachtung: »Wissen Sie, was mir passiert ist? Da steht hier vorhin ein Team von einem Privatsender und der Redakteur, oder wer das war, kommt zu mir und fragt, was ich als Vater empfinden würde? Ich sollte mir mal vorstellen, dass das meine Tochter wäre. Dabei hält er mir einen Fünfhunderteuroschein unter die Nase. Ich dachte, so etwas kann man nicht erfinden. Das ist doch verrückt.«

»Das ist schlimm«, stimmte ich zu. »Aber ich will Sie nicht ausfragen.«

Er sah mich kurz und strafend an. »Das können Sie auch gar nicht. Ich sage nämlich nichts mehr. Ihre Branche ist total kaputt!« Der Mann war ein schlanker, fast hagerer Typ um die vierzig. Wahrscheinlich stammte er aus der Eifel, spät geborener Kelte.

»Bis wohin darf ich denn gehen?«

»Wir haben das Plastikband um den ganzen Busch gelegt, das sehen Sie ja. Sie können rundherum spazieren, aber nicht zwischen die Bäume und Büsche. Und lassen Sie Ihren Hund im Auto!«

Ich nickte.

Ich betrachtete das Elternhaus der kleinen Annegret. Es lag auf einer leicht nach unten geneigten Fläche ungefähr dreihundert Meter entfernt. Noch immer tummelten sich Leute mit Fernsehkameras davor. Zwischen dem Haus und dem Busch befand sich eine breite Wiese, dann folgten ein schon abgeernteter Ackerstreifen und wieder eine Wiese. Links von dem fast kreisrunden kleinen Wald weideten Pferde auf zwei Koppeln, dahinter baute sich der Hildensteiner Stadtforst scharfkantig hoch und abweisend wie eine Mauer auf.

Das Bild vermittelte mir eine einfache, klare Botschaft – aber ich konnte den Gedanken nicht festhalten, er war mir im Bruchteil einer Sekunde wieder entglitten.

Ich brachte den Hund zum Wagen und ging zu dem Uniformierten zurück. »Eine Frage habe ich doch. Wie ist es möglich, dass man sie erst nach drei Tagen gefunden hat?«

»Ganz einfach«, sagte er, nun ein wenig freundlicher. »Sie lag in einer Geländefalte, elf Meter lang und nicht breiter als zwei bis zweieinhalb Meter. Rund einen Meter tief. Und sie war zugedeckt mit altem Laub und Zweigen.«

»Und warum haben die Suchhunde sie nicht gewittert?«

»Das weiß ich nicht. Und jetzt ist es ja auch egal.«

Hinter uns rollte ein schwerer Mercedes heran und parkte neben meinem Auto. Kischkewitz kletterte mühsam aus dem Wagen und lief auf uns zu, stark vornübergebeugt mit einer schmalen Ledertasche unter dem linken Arm.

Er begrüßte mich: »Hallo!«, und setzte schwer atmend hinzu: »Rodenstock hat mich angerufen und erzählt, dass du auftauchen wirst. Und dass du von dem Herumgeeiere hier am Tatort schon weißt. Mehr Informationen als den anderen kann ich dir nicht bieten. Das alles ist zum Kotzen.«

»Kein Problem. Ich habe Zeit, wahrscheinlich bin ich hier der Einzige, der Zeit hat. Ist das Dr. Benecke in dem Zelt da?«

»Ja, aber die Information unterliegt einer strengen Mediensperre. Obwohl es eigentlich schon jeder weiß.« Er lächelte schmal und zynisch.

Der Uniformierte bewegte sich unruhig, sagte aber keinen Ton.

»Mit anderen Worten, der Mann in dem Zelt versucht zu reparieren, was noch zu reparieren ist?«

»Genau das.« Kischkewitz nahm die Ledermappe in beide Hände und zog einen Stapel Schwarz-Weiß-Fotos heraus. Es waren ungefähr zwanzig. »Wenn du dir das hier ansiehst, wirst du das ganze Ausmaß der Schweinerei begreifen, in die wir reingerutscht sind. Bei genauem Hinsehen kannst du feststellen, dass noch nicht einmal ein Maßstab ausgelegt wurde.«

Der Uniformierte bekam Stielaugen und ich erklärte freundlich: »Wir sind Freunde. Das konnten Sie nicht wissen.«

»So in etwa«, bestätigte Kischkewitz. Sein Gesicht war grau und erschöpft. »Ich habe diese Abzüge für Benecke machen lassen. Er muss wissen, wie wir die Tote aufgefunden haben. Schau sie dir an.« Unversehens wurde er rabiat. »Nun los, nimm sie schon.« An den Uniformierten gewandt setzte er hinzu: »Nach wie vor, kein Zutritt zu dem Wäldchen hier. Für niemanden. Und kontrollieren Sie auch unsere Kollegen, notieren Sie Zeitpunkt, Namen und Begründung, weshalb sie unter die Bäume wollen.«

Ich hatte ihn noch nie so bitter sprechen hören, deshalb schwieg ich, nahm die Fotos und ging zu meinem Auto.

Ich setzte mich hinters Steuer und starrte auf etwas, was ich niemals mehr im Leben vergessen werde.