Umschlag

Andreas Hoppert

Ein eindeutiger Fall

Kriminalroman

 
 

Über das Buch

Marc Hagen übernimmt kurzfristig das Mandat eines verstorbenen Kollegen. Der Fall scheint klar: Rainer Höller hat seine Tochter Monja ermordet, die Indizien lassen keinen anderen Schluss zu. Monjas Mutter war ausgerechnet Hagens erste große Liebe – es kommt zu einem Wiedersehen.

Während sich der Anwalt tiefer in die Akten eingräbt, beginnt er zu zweifeln, ob der Fall tatsächlich so eindeutig ist. Denn Monja war längst nicht so unschuldig, wie ihre Mutter sie darstellt …

Der Autor

Andreas Hoppert wurde 1963 in Bielefeld geboren. Nach dem Jurastudium war er zunächst wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Uni/GHS Siegen, seit 1990 ist er Richter am Sozialgericht in Detmold. Mit dem Politthriller Der Fall Helms debütierte Hoppert im Jahr 2002 als Schriftsteller. Zahlreiche Romane um den Anwalt Marc Hagen folgten. Zuletzt erschien Der Zahlenmörder.

 

Für Tatjana

Kapitel 1

Der Anruf, der sein gesamtes Leben ändern sollte, erreichte Marc Hagen an einem Montagabend um einundzwanzig Uhr.

Er hatte es sich gerade auf seiner Couch bequem gemacht und eine Dallas-DVD eingelegt, als der schrille Ton des Telefons die Stille durchschnitt. Ärgerlich schälte er sich aus seiner Decke, stand auf und nahm den Hörer von der Station. »Hagen«, sagte er in einem Ton, der dem ungebetenen Anrufer gleich deutlich machen sollte, dass er störte.

»Guten Abend, Herr Hagen«, meldete sich am anderen Ende eine männliche Stimme. »Mein Name ist Dr. Bartholdy. Ich nehme an, das sagt Ihnen was.«

Das tat es tatsächlich. Dr. Bartholdy war der Vorsitzende der ersten großen Strafkammer des Landgerichts Bielefeld.

Marc wechselte den Hörer in die andere Hand. »Was verschafft mir die Ehre Ihres Anrufs?«, fragte er.

»Oh, ›die Ehre Ihres Anrufs‹. So bin ich schon lange nicht mehr begrüßt worden. Aber ich kann nicht sagen, dass es mir missfällt. Entschuldigen Sie, dass ich so spät anrufe, aber die Angelegenheit duldet keinen Aufschub. Wir verhandeln gerade den Fall Rainer Höller. Sie wissen, wovon ich rede?«

Marc hielt unwillkürlich den Atem an. »Nur das wenige, was ich in der Zeitung gelesen habe. Höller soll seine sechzehnjährige Tochter getötet haben.«

»Das ist korrekt. Der Prozess gegen ihn hat vor drei Wochen begonnen. Genauer gesagt, der zweite Prozess. Der erste ist vor einem halben Jahr geplatzt, weil eine Schöffin längerfristig erkrankt ist. Leider ist heute wieder etwas sehr … Unangenehmes passiert. Ich habe vor vier Stunden die Nachricht erhalten, dass Höllers Verteidiger, Norbert Vogel, ganz plötzlich verstorben ist. Herzinfarkt.«

»Oh«, war alles, was Marc dazu einfiel.

»Na ja, er war ja schon über siebzig«, fuhr der Richter fort. »Und einen schöneren Tod kann man sich eigentlich nicht vorstellen. Er war wohl gerade dabei … na, Sie wissen schon.«

»Nein, weiß ich nicht.«

Bartholdy seufzte. »Also, er hat den Geschl…«

»Jetzt habe ich verstanden.«

»Schön. Nun stellt uns Vogels Tod natürlich vor erhebliche Probleme. Irgendwie scheint auf diesem Verfahren eine Art Fluch zu liegen. Der Prozess steht kurz vor seinem Abschluss, aber ohne Verteidiger können wir natürlich nicht weitermachen.« Er machte eine dramatische Pause. »Und da kommen Sie ins Spiel. Sie sind doch noch als Rechtsanwalt zugelassen, oder?«

»Das bin ich. Es hängt sogar noch ein Messingschild mit meinem Namen neben der Haustür. Allerdings übe ich den Beruf derzeit praktisch nicht aus.«

»Ja, davon habe ich gehört und das ist – ehrlich gesagt – auch der Grund meines Anrufs. Denn dann haben Sie Zeit! Zeit, sofort einzuspringen und Rainer Höllers Verteidigung zu übernehmen.«

Marc hatte so etwas Ähnliches bereits erwartet, aber als er das Angebot jetzt aus Bartholdys Mund hörte, merkte er, wie seine Kehle trocken wurde. »Ihnen ist aber bekannt, dass ich nicht gerade ein Strafrechtsspezialist bin?«, gab er zu bedenken.

»Sie haben in der Vergangenheit doch schon Strafverteidigungen übernommen, oder? Und soweit ich mich entsinne, sogar in Mordprozessen.«

»Das ist richtig, aber Jahre her.«

»Ach, so was verlernt man nicht. Das ist wie Fahrradfahren. Herr Hagen, Sie würden uns wirklich sehr helfen, wenn Sie Höllers Verteidigung übernehmen könnten. Sie wissen ja, dass wir den Prozess maximal drei Wochen unterbrechen können. Sonst platzt er erneut und wir müssen wieder ganz von vorn anfangen und sämtliche Zeugen noch mal vernehmen. Das ist natürlich etwas, was ich unter allen Umständen vermeiden möchte. Ich denke, drei Wochen müssten für den neuen Verteidiger reichen, um sich einarbeiten zu können. Der Fall ist nicht sonderlich kompliziert.«

»Trotzdem«, erwiderte Marc. »Drei Wochen Vorbereitung für einen Mordprozess?«

»Totschlagprozess«, korrigierte der Richter sofort. »Höller ist nicht wegen Mordes angeklagt, weil die Staatsanwaltschaft meinte, keine Mordmerkmale nachweisen zu können. Ich schlage vor, Sie machen sich einfach selbst ein Bild und nehmen Akteneinsicht. Anschließend sehen wir weiter.«

»Mhm. Der wievielte Anwalt bin ich, den Sie anrufen?«

Unbehagliches Schweigen folgte, dann drang ein leises Lachen durch die Leitung. »Sie waren nicht unbedingt der, an den ich als Erstes gedacht habe«, gab Bartholdy zu. »Wie Sie ja selbst gesagt haben, sind Sie kein klassischer Strafverteidiger und praktizieren seit ein paar Jahren nicht mehr. Aber das ist jetzt auch so etwas wie der entscheidende Vorteil, denn Sie können – im Gegensatz zu Ihren Kollegen – sofort übernehmen!« Bartholdy zögerte. Einige Sekunden später hörte Marc seine zaghafte Stimme wieder. »Sie haben doch Zeit, oder?«

»Zeit hätte ich schon«, antwortete Marc. »Aber zuerst müsste ich natürlich mit Höller sprechen. Was sagt der eigentlich dazu?«

»Ich habe bereits mit ihm in der JVA telefoniert. Er meint, da er außer Vogel keinen Rechtsanwalt kennt, solle ich den neuen Verteidiger für ihn aussuchen. Was ich hiermit mache. Vogel war sein Pflichtverteidiger, und falls ich Ihr endgültiges Okay bekomme, würde ich Sie auch zu Höllers Pflichtverteidiger bestellen. Wie sieht es aus? Sind Sie grundsätzlich dabei?«

Marc schwieg einen Moment, als müsse er sich die Sache durch den Kopf gehen lassen. Dabei hatte er sich längst entschieden. Bartholdy ahnte wohl nicht einmal ansatzweise, wie sehr er mit seinem Anruf offene Türen bei Marc eingerannt hatte. Endlich mal wieder ein richtiger Fall, endlich ein Ende der Eintönigkeit, die seit über zwei Jahren sein Leben bestimmte. Marc sehnte sich schon lange danach, wieder aktiv werden zu können.

Und dann gab es da noch einen ganz anderen Grund, warum ihn gerade dieser Fall besonders interessierte. Aber den brauchte der Richter ja nicht unbedingt zu wissen.

»Ich bin dabei!«, sagte er also.

Kapitel 2

1993

Marc blickte zur Seite – und da war sie wieder. So ging es jetzt schon seit einigen Wochen jeden Samstag, wenn Marc den Soundgarden, eine der größten Diskotheken Ostwestfalens, besuchte.

Er kam meist um kurz nach Mitternacht und stellte sich auf die ›Affenfels‹ genannten Stufen direkt neben dem Diskjockey. ›Affenfels‹, weil hier hauptsächlich Männer standen, die sich aus der erhöhten Position eine bessere Sicht auf die weiblichen Diskothekenbesucher auf der großen Tanzfläche direkt unter ihnen versprachen.

Aber es hielten sich eben nicht nur Männer auf dem Affenfelsen auf.

An einem Samstag vor zwei Monaten war sie ihm zum ersten Mal aufgefallen. Ein dunkelhaariges, schlankes, äußerst attraktives Mädchen, das er auf etwa zwanzig schätzte. Sie sah aus wie ein Fotomodell und bewegte sich mit einer Selbstsicherheit, als sei ihr das auch vollkommen bewusst. Wenn sie die Tanzfläche betrat, wichen die anderen Tänzer beinahe ehrfürchtig ein wenig zurück, als wollten sie ihr eine Bühne für ihren großen Auftritt bieten. Und so entstand um sie herum jedes Mal eine kleine Insel in der wogenden Masse, wenn sie mit ihrem sehr kurzen Rock, den sehr langen Beinen und den sehr hohen Schuhen wie ein Star im Rampenlicht tanzte und dabei die schwarzen Haare fliegen ließ.

Marc konnte seine Augen nicht von ihr abwenden. Und wenn er sich umblickte, stellte er fest, dass es den anderen Männern auf dem Affenfelsen nicht anders ging.

Und noch etwas fiel Marc auf: Sie kam immer allein.

Dann war der Samstag gekommen, an dem sie zum ersten Mal neben ihm stand. So nah, dass sich ihre Arme berührten. Dieser Vorgang wiederholte sich von da an wie ein Ritual von Woche zu Woche. Marc war immer zuerst da, irgendwann kam das schwarzhaarige Mädchen und stellte sich neben ihn. Ab und zu ging sie auf die Tanzfläche und kehrte danach wie selbstverständlich an ihren Platz genau neben ihm zurück.

Mittlerweile wusste er bereits einiges über sie. Welche Musik sie mochte (Ace of Base), was sie trank (ausschließlich Mineralwasser) und welche Zigarettenmarke sie rauchte (Marlboro). Aber das war es dann auch schon. Sie wechselte nie ein Wort mit ihm, sie lächelte ihn nie an, ja, sie sah nicht einmal zu ihm herüber. Stand einfach nur so da, Woche für Woche, Samstag für Samstag.

Nach kurzer Zeit war es um Marc geschehen gewesen und er hatte sich unsterblich in die unbekannte Schöne verliebt. Doch er hätte sich nie getraut, sie anzusprechen, obwohl er nichts mehr ersehnte, als dieses Mädchen endlich kennenzulernen. Zum einen war er in so etwas nicht sonderlich geschickt. Zum anderen war ihm klar, dass er sich ohnehin einen Korb einfangen würde. Schließlich bekam Marc hautnah mit, dass die Männer Schlange bei ihr standen. Kein Wunder: Ein Mädchen, das so aussah und immer alleine kam, zog das andere Geschlecht natürlich an wie das Licht die Motten. Und so waren es jeden Abend mindestens drei oder vier Typen, die sich bei ihr eine Abfuhr holten. Marc bekam wegen der lauten Musik zwar nicht mit, was geredet wurde, aber länger als zwei, drei Minuten dauerte kein Gespräch mit der Unbekannten. Dann zogen die Männer den Schwanz ein und trotteten betont lässig wieder ab, bemüht, sich einen Rest an Würde zu bewahren.

An diesem Abend wollte er es endlich wagen. Besser ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Er merkte, dass diese Frau seinen Kopf blockierte. Sie war abends sein letzter Gedanke, bevor er einschlief, und morgens der erste, nachdem er aufgewacht war. Mittlerweile war es so schlimm geworden, dass schon sein Jurastudium darunter litt.

Deshalb würde er heute Nägel mit Köpfen machen, hopp oder topp, barfuß oder Lackschuh. Nachdem er sich die zu erwartende Abfuhr geholt hatte, würde er einfach ein paar Monate nicht mehr in den Soundgarden gehen und sie irgendwann vergessen haben. Das hoffte er zumindest.

Zur Vorbereitung seiner Aktion hatte er sich Mut in Form von ein paar Bier angetrunken. Vielleicht half das ja, seine Schüchternheit zu überwinden und seine Zunge zu lockern.

Am Anfang lief auch alles wie geplant. Irgendwann an diesem Abend stand sie neben ihm. Marc merkte, wie ihm der Schweiß ausbrach. Er öffnete probehalber den Mund, stellte aber sofort fest, dass der staubtrocken war.

Nein, so ging es nicht. Er musste zuerst noch ein Bier trinken, um seine Kehle und die Lippen anzufeuchten.

Als er mit seinem Getränk von der Bar auf den Affenfelsen zurückkehrte, stellte er fest, dass ihm ein Konkurrent zuvorgekommen war und bereits mit seiner Angebeteten sprach.

Verdammt, dachte Marc. Er trank in hastigen Schlucken und warf dabei immer wieder verstohlene Blicke zur Seite. Einerseits hoffte er, dass sie den Typen schnell abfertigen würde. Andererseits wünschte er sich aber auch, das Gespräch möge endlos dauern. Dann hatte er wenigstens eine Ausrede, sie nicht ansprechen zu müssen. Vielleicht gingen die beiden ja auch zusammen weg, in dem Fall hätte sich das Thema ohnehin erledigt.

Tatsächlich dauerte es diesmal fast zehn Minuten, bis der Typ endlich abzog. Marc fuhr sich mit der Zunge über die Lippen und merkte, dass sein Mund schon wieder wie ausgetrocknet war. Es half alles nichts, es musste noch ein Bier her.

Er ging zu der nächstgelegenen Bar. Als er nach einigen Minuten zurückkam, war das Mädchen verschwunden. Marc erschrak, doch dann entdeckte er es auf der Tanzfläche.

Nach zwei Liedern stellte sie sich wieder neben ihn. Marc kippte den Rest seines Bieres herunter. Jetzt oder nie. Er atmete einmal tief durch und drehte sich halb zur Seite, doch in dem Moment, als er den Mund öffnen und die Unbekannte ansprechen wollte, kehrte der Typ von eben zurück und fing an, sie wieder vollzulabern.

Das Mädchen betrachtete den jungen Mann von oben bis unten, als habe es ein ekliges Insekt vor sich, und dann sagte sie vier Worte, die Marc trotz des Lärms genau verstehen konnte: »Hau ab, du nervst!«

Der Typ guckte erst etwas ungläubig, doch nach einigen Sekunden schien er endlich zu begreifen, dass hier nichts zu holen war. Er machte auf dem Absatz kehrt und verschwand in der Menge.

›Hau ab, du nervst!‹, ging es Marc immer wieder durch den Kopf. Zum ersten Mal hatte er ihre Stimme gehört! Eine dunkle, rauchige Stimme. Gut, das, was sie gesagt hatte, war nicht sehr freundlich gewesen. Aber wenn man jeden Abend zigmal angesprochen wurde, blieb einem wahrscheinlich nichts anderes übrig, als dem Gegenüber irgendwann ein für alle Mal klarzumachen, was Sache war.

Marcs frisch angetrunkener Mut sackte endgültig in sich zusammen. ›Hau ab, du nervst!‹ Von einem ›Nein, danke‹ hätte er sich ja vielleicht nicht sofort entmutigen lassen. Aber wenn sie ihn mit denselben Worten abfertigte wie diesen Typen, wäre die nächsten Tage und Wochen nichts mehr mit ihm anzufangen, das wusste er aus Erfahrung. Also war es vielleicht besser, einfach gar nichts zu machen. Aber so, wie es bisher gelaufen war, ging es auch nicht weiter. Er beschloss, den Soundgarden vorerst nicht mehr zu besuchen, um das Mädchen aus seinem Kopf zu vertreiben.

Trotzdem erschrak er, als sie einen Blick in ihre Handtasche warf, so wie sie es immer machte, kurz bevor sie ging. Sie wollte schon los? Aber sie war doch gerade einmal eine Dreiviertelstunde da gewesen! Offenbar hatte sie für heute die Nase voll. Verdammt, dachte er. Das war es dann also. Er würde sie nicht wiedersehen.

Marc seufzte schwer und starrte auf die Tanzfläche. Im selben Augenblick wurde er am Arm angestoßen. Er wandte sich nach links und schaute direkt in das Gesicht der unbekannten Schönen. Sie hatte einen Zettel in der Hand, den sie Marc in die Hand drückte.

»Ruf mich doch mal an«, sagte sie. Dann war sie weg.

Marc hatte vor Schreck aufgehört zu atmen. Erst nach geschlagenen fünf Minuten wagte er es, den Zettel auseinanderzufalten. Ilka stand da. Und eine Telefonnummer.

So fing es an.

Kapitel 3

Am nächsten Morgen saß Marc um Punkt zehn Uhr in der Sprechzelle der Justizvollzugsanstalt Bielefeld und wartete auf seinen neuen Mandanten. Fünf Minuten später wurde Rainer Höller hereingeführt.

Marc wusste aufgrund einer Internetrecherche, die er gestern Abend nach Bartholdys Anruf durchgeführt hatte, dass der Häftling sechsundvierzig Jahre alt war. Höller war schlank und knapp ein Meter neunzig groß. Man sah ihm an, dass er einmal ein gut aussehender Mann gewesen sein musste. Allerdings machte er jetzt einen verlebten und verhärmten Eindruck, woran wahrscheinlich auch die langen Monate, die er in der Untersuchungshaft verbracht hatte, einen nicht unerheblichen Anteil hatten. Obwohl er als Untersuchungshäftling nicht dazu verpflichtet war, trug er die blaue Anstaltskleidung.

Marc erhob sich von seinem Platz und reichte Höller die Hand, die der zögernd ergriff.

»Mein Name ist Hagen«, stellte er sich vor. »Ich bin Rechtsanwalt.« Er deutete in Richtung des Stuhls auf der anderen Seite des Tisches und wartete, bis Höller sich gesetzt hatte. »Sie wissen ja, dass Ihr Verteidiger, Herr Rechtsanwalt Vogel, gestern ganz überraschend verstorben ist.«

»Hab ich gehört. Er war ja nicht mehr der Jüngste. Und als Verteidiger auch nicht gerade eine Granate. Was ist mit Ihnen? Sind Sie gut?«

»Es gibt Bessere«, gab Marc zu.

»Warum bekomme ich dann keinen von denen?«

»Weil Sie sich die nicht leisten können. Es steht Ihnen natürlich frei, sich zuerst selbst nach einem neuen Verteidiger umzusehen. Aber wenn ich Dr. Bartholdy richtig verstanden habe, haben Sie ihm die Auswahl überlassen.«

Höller winkte müde ab. »Ja, ja. Ist doch eh alles egal.«

»Sie haben also keine Einwände, dass ich Ihre Verteidigung übernehme?«

Höller schüttelte stumm den Kopf.

»Gut, aber zunächst müssen wir noch etwas klären: Der Richter möchte, dass das Verfahren spätestens in drei Wochen weitergeht, damit der Prozess nicht wieder platzt. Für mich ist jedoch nicht entscheidend, was das Gericht will, sondern vielmehr, was Sie wollen. Ich könnte beantragen, den Prozess abzubrechen, damit ich mich erst in die Akten einlesen kann. Bei einem Kapitalverbrechen hätte die Kammer wahrscheinlich gar keine andere Möglichkeit, als dem stattzugeben.«

»Auf gar keinen Fall!«, wehrte Höller sofort ab. »Ich sitze jetzt seit fast einem Jahr in diesem Bau. Ich halte es nicht länger aus. Der Prozess musste schon einmal von vorn beginnen, ein zweites Mal stehe ich das nicht durch. Ich kann einfach nicht mehr!«

»Gut. Dann werde ich als Nächstes in die Kanzlei von Rechtsanwalt Vogel fahren und mich in den Fall einarbeiten. Ich weiß bisher praktisch nur, dass Sie Ihre Tochter getötet haben sollen.«

Höller hob verzweifelt die Hände. »Aber das ist doch absurd! Herrgott, ich bin Monjas Vater! Ich bringe doch nicht mein eigen Fleisch und Blut um!«

»Das ist ein schlechtes Argument«, entgegnete Marc. »In Deutschland werden jedes Jahr etwa einhundert Kinder von ihren Eltern getötet und in neunzig Prozent dieser Fälle ist der Vater der Täter.«

»Aber welchen Grund hätte ich denn haben sollen, meine Tochter zu töten?«

»Wie gesagt, ich kenne den Fall bisher nur aus der Zeitung und aus dem Internet. Wenn ich mich recht entsinne, sollen Sie heftigen Streit mit Ihrer Tochter gehabt haben.«

»Na und, welcher Vater hat den nicht ab und zu mit seiner Tochter? Monja war sechzehn, da sind Mädchen oft nicht ganz einfach. Und für Monja galt das in ganz besonderem Maße.«

»Ich habe auch eine Tochter etwa in dem Alter«, bestätigte Marc seufzend.

»Dann wissen Sie, was ich meine. Manchmal könnte man sie mit dem Kopf gegen die Wand klatschen, aber das setzt man doch nicht in die Tat um. Ich habe meine Tochter nicht ermordet!«

»Sie sind nicht wegen Mordes, sondern nur wegen Totschlags angeklagt«, erinnerte Marc ihn.

»Ja, ja, ich weiß«, erwiderte Höller matt. »Aber was macht das schon für einen Unterschied?«

»Nach meiner Schätzung ungefähr zehn Jahre Knast.«

»Das meine ich nicht!«, brauste Höller auf. »Was macht das moralisch für einen Unterschied? Glauben Sie, die Leute interessiert es, ob ich wegen Totschlags oder wegen Mordes angeklagt bin? Für die bin ich der Mörder meiner Tochter. Punkt. Aber ich war es nicht!« Er starrte Marc aus blutunterlaufenen Augen an. »Glauben Sie mir?«

»Meine Meinung ist irrelevant«, erwiderte Marc zurückhaltend. »Entscheidend ist, wie die Richter den Fall sehen, denn die fällen das Urteil über Sie.«

»Ich will aber, dass mein Verteidiger mir glaubt!«

Marc lehnte sich zurück. »Wieso sollte ich das tun? Ich kenne Sie doch gerade mal zehn Minuten. Wenn ich in meinem bisherigen Leben eines gelernt habe, dann, dass man aus dem Äußeren und dem Verhalten eines Menschen keinerlei Rückschlüsse ziehen kann. Ich habe schon die charmantesten und sympathischsten Mandanten gehabt und hinterher hat sich herausgestellt, dass sie mich von A bis Z belogen haben.«

Höller nickte resigniert. »Na ja, Sie sind wenigstens ehrlich.«

»Wer könnte Monja denn Ihrer Meinung nach getötet haben?«, versuchte Marc, seinen Mandanten auf andere Gedanken zu bringen. »Haben Sie irgendeinen Verdacht?«

Höllers Kopf ruckte nach oben. »Einen Verdacht? Nein! Ich weiß es!«

»Sie wissen es?«, wiederholte Marc erstaunt.

»Jawohl, ich weiß es. Monja wurde von Andreas Bartels ermordet, dem neuen Freund meiner Exfrau. Meine Ex und ich haben uns vor drei Jahren getrennt und seitdem ist sie mit Bartels zusammen. Ich bin aber davon überzeugt, dass zwischen den beiden vorher schon was lief. Egal, das gehört hier jetzt nicht her. Monja hat Bartels nie als den neuen Lebensgefährten ihrer Mutter akzeptiert. Sie hat ihn regelrecht gehasst. Sie haben dauernd gestritten und diese Auseinandersetzungen waren wesentlich schlimmer als die Differenzen mit mir. Bartels hat sie auch geschlagen. Er durfte ja nicht mal mit meiner Ex zusammenziehen, weil Monja das nicht wollte. Und dann hat meine Tochter mir noch etwas erzählt: Bartels hat sie sexuell belästigt! Wenn sie ihn angezeigt hätte, wäre er erledigt gewesen, das wusste Bartels. Deshalb hat er sie ermordet!«

Marc machte sich ein paar Notizen auf seinem Block. Als er wieder aufsah, fragte er: »Und wie kommt es dann, dass Sie vor Gericht stehen und nicht dieser Bartels?«

»Ganz einfach: Bartels ist Polizist und gegen so einen wird natürlich nicht ermittelt. Da hackt die eine Krähe der anderen kein Auge aus.«

»Das kann aber nicht der einzige Grund sein«, meinte Marc. »Wenn Bartels ernsthaft als Täter in Betracht kommt, muss gegen ihn ermittelt worden sein. Dafür wird schon die Staatsanwaltschaft gesorgt haben.«

Höller schnaubte höhnisch. »Polizei, Staatsanwaltschaft, das ist doch alles dieselbe Bagage! Angeblich hat Bartels für die Tatzeit ein Alibi. Drei seiner Kollegen haben ausgesagt, sie seien zu der Zeit, als Monja ermordet wurde, mit ihm zusammen gewesen. Es soll auch eine Videoaufnahme existieren, die das belegt. Aber diese Kollegen haben allesamt gelogen und die Videoaufnahme ist gefälscht.«

»Und das können Sie beweisen?«

»Nein, das ist ja mein Problem!«

Marc nickte verstehend. »Sie mögen Bartels nicht besonders, oder?«

»Ist Ihnen das aufgefallen?«, fragte Höller sarkastisch zurück. »Nein, ich mag den Mann, der mir die Frau ausgespannt, der meine Tochter ermordet und der dafür gesorgt hat, dass ich jetzt im Knast sitze, nicht besonders. Aber eines kann ich Ihnen garantieren: Wenn ich hier rauskomme, werde ich für Gerechtigkeit sorgen! Eigentlich sollte der Prozess nächste Woche mit Bartels’ Zeugenvernehmung fortgesetzt werden. Ich habe all meine Hoffnung in diesen Tag gesetzt. Und jetzt ist Vogel tot.«

»Sie werden sich noch etwas gedulden müssen, bevor der Prozess weitergehen kann. Zunächst muss ich mich in den Fall einarbeiten. Aber ich denke, es ist auch in Ihrem Interesse, dass ich Sie bestmöglich vertrete.«

»Natürlich. Aber dann will ich, dass Sie Bartels fertigmachen.«

Marc holte tief Luft. Ja, davon träumten alle Angeklagten. Dass ihr schneidiger Verteidiger mit wehender Robe den gegnerischen Zeugen in der Luft zerriss. Allerdings kam so etwas – außer in Hollywood-Filmen und Gerichtsshows – in der Realität fast nie vor.

»Ich werde mein Bestes tun«, versprach er trotzdem. »Allerdings gibt es da noch etwas, was Sie wissen müssen.« Er zögerte. Jetzt würde sich entscheiden, ob er dieses Mandat behielt oder nicht. Also raus damit. »Ich kenne Ihre Exfrau.«

Höller starrte ihn an. »Was soll das heißen?«, fragte er scharf.

»Also genauer gesagt, kannte ich Ihre Frau«, präzisierte Marc. »Wir waren mal zusammen. Das ist aber eine Ewigkeit her, fast ein Vierteljahrhundert. Ich hoffe, das ist kein Problem für Sie. Ich kann Ihnen versichern, dass ich Ihre Frau seit 1993 nicht mehr gesehen habe und wir auch keinerlei Kontakt hatten.«

Höller blies die angestaute Luft langsam zwischen den Lippen hervor. Offenbar brauchte er Zeit, diese Information zu verarbeiten.

»Nein«, sagte er schließlich und Marc hielt unwillkürlich den Atem an. »Wenn es so war, wie Sie sagen, habe ich damit kein Problem. Schließlich kannte ich Ilka 1993 noch gar nicht. Und als ich sie kennengelernt habe, war mir natürlich klar, dass ich nicht ihr erster Freund bin.« Er rang sich ein schwaches Lächeln ab. »Und wissen Sie was? Ich kann sehr gut nachvollziehen, dass man sich in Ilka verliebt. Ist mir schließlich auch passiert. Na, dann haben wir ja sogar was gemeinsam.«

Marc atmete erleichtert durch. »Schön, dass Sie es so sehen.«

»Wie sollte ich es sonst sehen?« Höller klatschte in die Hände. »Gut, wäre das geklärt. Wie geht es weiter?«

»Ich werde jetzt zuerst in die Kanzlei von Rechtsanwalt Vogel fahren und mir seine Akten über Ihren Fall besorgen. Danach melde ich mich wieder bei Ihnen.«

Kapitel 4

1993

Marc drückte die Klingel neben dem Namensschild Köhler und sah sich unbehaglich um. Der Stadtteil Baumheide galt als das verrufenste Viertel Bielefelds. Hier lebten Sozialhilfeempfänger, Ausländer und Spätaussiedler; Drogenrevierkämpfe, Schießereien, Schlägereien und Polizeieinsätze waren an der Tagesordnung. Triste Plattenbausiedlungen dominierten das Straßenbild – und in einem dieser Plattenbauten wohnte auch Ilka.

Nachdem sie ihm in der Diskothek den Zettel zugesteckt hatte, hatte Marc noch volle drei Tage gebraucht, bis er endlich den Mut gefasst hatte, sie anzurufen. Aber dann war alles ganz schnell gegangen. Sie war gleich am Apparat gewesen und schien sich tatsächlich darüber zu freuen, dass er sich meldete.

Schon für den nächsten Nachmittag hatten sie sich bei ihr zu Hause verabredet. Marc hatte aus dem kurzen Gespräch herausgehört, dass Ilka noch bei ihren Eltern wohnte. Da es seiner Meinung nach nicht schaden konnte, Ilkas Mutter auf seiner Seite zu haben, hatte er einen Blumenstrauß besorgt, den er jetzt in der Hand hielt.

Marc hörte den Summer und die Tür sprang auf. Er betrat ein gefliestes Treppenhaus, in dem es nach Essen roch, und machte sich daran, die Stufen hochzusteigen. Währenddessen zerrte er nervös das Papier von dem Strauß, zerknüllte es und steckte es in seine Jackentasche.

Als er im zweiten Stock ankam, öffnete sich eine Tür und Ilka trat heraus.

Marc hätte sie fast nicht erkannt. Im Soundgarden trug sie äußerst kurze Röcke und sehr hohe Schuhe, jetzt war sie vollkommen ungeschminkt und mit Jeans, einem schlabberigen Pullover und dicken Wollsocken bekleidet. Marc konnte kaum glauben, dass es sich um dieselbe Frau handelte. Ilka wirkte auf einmal so … jung.

Sie strahlte ihn aus ihren blauen Augen an. »Hallo, Marc«, sagte sie mit ihrer rauchigen Stimme. »Komm rein. Oh, sind die für mich?« Sie deutete auf die Blumen.

Marc betrat den schmalen Flur. »Äh, nein. Um ehrlich zu sein, hatte ich die für deine Mutter gekauft.«

Anstatt enttäuscht zu sein, lachte Ilka. »Das ist gut, ich hasse Blumen.«

»Du hasst Blumen? Ich dachte, alle Frauen lieben Blumen.«

»Du wirst schon noch merken, dass ich nicht ›alle Frauen‹ bin«, sagte sie. »Ich kann mit Blumen einfach nichts anfangen. Sie mögen noch so schön sein, nach ein paar Tagen sind sie verwelkt und man muss sie wegschmeißen. Ich finde, man sollte sein Herz nicht an Dinge hängen, die so schnell vergänglich sind. Aber du hast Glück, meine Mutter sieht das ganz anders.«

Sie drehte sich um und rief nach hinten: »Mama, kommst du mal?«

Ein paar Sekunden später hörte Marc, dass sich eine Tür öffnete und schlurfende Schritte den Flur herunterkamen. Als er Ilkas Mutter dann erblickte, zuckte er unwillkürlich zusammen.

Die Frau hatte ein rotes, von dicken Adern und Falten durchzogenes Gesicht und war unbestimmbaren Alters, irgendwo zwischen fünfzig und siebzig. Wenn Marc nicht gewusst hätte, dass es sich um Ilkas Mutter handelte, hätte er sie eher für ihre Oma gehalten. Sie schwankte beim Gehen bedenklich hin und her. Sein Verdacht bestätigte sich, denn als sie vor ihm stand, schlug ihm eine Alkoholfahne mitten ins Gesicht.

Marc warf Ilka einen unsicheren Blick zu, aber die tat so, als sei das alles vollkommen normal.

Er riss sich zusammen. »Hallo, Frau Köhler, mein Name ist Marc, schön, Sie kennenzulernen.« Er streckte seine Hand aus und hielt ihr den Strauß entgegen. »Die sind für Sie!«

Ilkas Mutter nahm ihm die Blumen ab und betrachtete sie einen Moment mit abwesendem Blick. Dann öffnete sie einen zahnlosen Mund. »Die sind aber schön«, nuschelte sie. »So was hat mir schon lange keiner mehr geschenkt.« Mit diesen Worten watschelte sie davon.

»Mein Zimmer ist dahinten«, sagte Ilka.

Marc folgte ihr den Flur entlang in einen winzigen, etwa acht Quadratmeter großen Raum, der mit einem Bett, einem Schreibtisch samt Stuhl, einem schmalen Kleiderschrank, einem Bücherregal und einem kleinen Schminktisch vollgestellt war. An der Wand hingen Poster von Euro-Dance-Stars.

»Setz dich doch«, sagte Ilka und zeigte auf den Schreibtischstuhl, die einzige Sitzgelegenheit außer dem weißen Bett, auf dem Ilka Platz nahm. »Möchtest du was trinken?«

Marcs Blick fiel auf eine Colaflasche auf dem Schreibtisch. »Ja, eine Cola wäre gut.«

Sie goss ihm ein Glas ein, das sie ihm anschließend reichte.

Marc sah sich in dem Zimmer um. »Schön hast du’s hier«, sagte er, nur um etwas zu sagen.

»Na ja, ein bisschen klein. Aber es geht schon.«

»Ich wollte mich noch bei dir bedanken, Ilka.«

»Bedanken? Wofür?«

»Für den Zettel. Ich glaube, ich hätte es nie gewagt, dich anzusprechen.«

Ilka lachte. »Ja, den Eindruck hatte ich auch. Eigentlich bin ich da ziemlich altmodisch und meine, der Mann sollte den ersten Schritt machen. Aber dann hätte ich wahrscheinlich bis zum Ende meiner Tage warten können, oder?« Sie zögerte. »Warum hast du mich eigentlich nie angesprochen? Habe ich einen derart furchterregenden Eindruck auf dich gemacht?«

»Nein, ganz im Gegenteil. Aber ich habe im Soundgarden wahrscheinlich zu viele Typen kommen und schnell wieder gehen sehen.«

Ilka grinste breit. »Ja, es waren eine ganze Menge. Aber fast alles Idioten. Du hättest mal hören sollen, was die zum Teil für Sprüche draufhatten.«

»Was war der beste?«

Ilka dachte einen Moment nach. »Darf ich bitten oder wollen wir erst tanzen?«

Sie lachten beide.

»Nein, ehrlich«, fuhr Ilka fort. »Und als ich dem Typen meine Meinung gesagt habe, war er auch noch beleidigt.«

Es entstand Schweigen und keiner wusste, wie er die Stille ausfüllen konnte.

»Und was machst du so, Ilka? Studierst du?«

»Nein.« Sie sah ihn erstaunt an. »Ich bin doch erst siebzehn!«

Marc hätte sich fast an seiner Cola verschluckt. »Siebzehn?«, hustete er. »Ich hätte dich für mindestens drei Jahre älter gehalten.«

»Das macht die Schminke«, antwortete Ilka, als sei es das Natürlichste auf der Welt.

»Ich fürchte, dann muss ich erst mal prüfen, ob ich überhaupt hier sein darf«, sagte Marc und grinste etwas unbeholfen. »Ich studiere Jura und möchte keinen Ärger bekommen.«

»Wie alt bist du denn?«

»Einundzwanzig.«

»Und du studierst Jura? Hier in Bielefeld?«

»Ja, aber ich bin noch ziemlich am Anfang. Im vierten Semester.«

»Was willst du mal werden?«

»Das weiß ich noch nicht. Das wird sich wahrscheinlich erst während des Referendariats herausstellen. Da durchläuft man alle Stationen: Gericht, Staatsanwaltschaft, Rechtsanwalt, Verwaltung. Spätestens danach werde ich klarer sehen.«

»Warum hast du überhaupt angefangen, Jura zu studieren?«

»Gute Frage! Wahrscheinlich aus demselben Grund, aus dem die meisten meiner Kommilitonen Jura studieren: Weil sie nicht so genau wissen, was sie wollen. Mein Vater ist auch Jurist. Da lag ein Jurastudium wohl nahe. Und was machst du so? Gehst du noch zur Schule?«

»Ich mache gerade meinen Realschulabschluss und beginne am ersten August eine Lehre als Krankenschwester. Ich habe schon ein paar Praktika bei der DLRG und in Kliniken gemacht. Aber ich will diesen Beruf nicht mein ganzes Leben ausüben. Eigentlich möchte ich Model werden.«

»Ich kenne mich da zwar nicht so aus, aber wenn du mich fragst: Meiner Meinung nach hast du sehr gute Chancen.«

»Danke. Ich habe mich schon bei ein paar Agenturen beworben, aber die haben mir gesagt, ich sei mit meinen ein Meter siebzig zu klein. Außerdem sei mein Busen zu groß. Für den Laufsteg sei ich deshalb nicht geeignet, aber vielleicht für Fotoaufnahmen. Na ja, man wird sehen.«

»Was sagen deine Eltern dazu?«

Ilka zuckte die Achseln. »Mein Vater ist schon vor meiner Geburt abgehauen und meiner Mutter ist es egal, was ich mache. Sie interessiert sich nur dafür, wie sie die nächste Flasche Schnaps bezahlen kann.«

Marc zögerte, bevor er seine nächste Frage stellte. »Ist deine Mutter der Grund, warum du nur Mineralwasser trinkst?«

»Woher weißt du …? Ach ja, natürlich, aus dem Soundgarden. Du bist ein guter Beobachter.«

»Nur bei Menschen, die mich interessieren.«

»Ich habe nicht gemerkt, dass du an mir interessiert bist.«

»Ich bin nicht nur ein guter Beobachter, ich bin auch sehr gut darin, meine wahren Absichten zu tarnen.«

»Und was sind deine wahren Absichten?«

Marc merkte, wie Hitze in seinen Nacken stieg. »Also … äh … ich würde dich sehr gerne näher kennenlernen.«

Ilka stand von ihrem Bett auf und setzte sich auf Marcs Schoß. Ein leichtes Lächeln umspielte ihre Lippen. »Na, dann fang mal an.«

Zwei Stunden später schaute Marc auf seine Uhr. »Ich fürchte, ich muss los«, sagte er. »Ich habe gleich noch ein Seminar.« Er hielt inne. »Mir hat der Nachmittag sehr gut gefallen. Das sollten wir unbedingt wiederholen.«

Ilka gab ihm einen Kuss. »Unbedingt!«, bestätigte sie. »Du meldest dich dann?«

Marc nickte und griff routinemäßig in seine Jackentasche, um zu kontrollieren, ob sein Autoschlüssel noch da war. Dabei fühlte er das Packpapier, das er vor der Haustür achtlos von dem Blumenstrauß abgezogen hatte und nun herauszog.

»Kann ich das Papier irgendwo entsorgen?«, fragte er Ilka.

»Klar, in der Küche steht ein Mülleimer, ganz hinten rechts.«

Als Marc den Eimer öffnete, glaubte er, seinen Augen nicht zu trauen. Zwischen Taschentüchern und leeren Pizzaschachteln lag … sein Blumenstrauß.

Marc seufzte, dann packte er sein Papier obendrauf. Egal, dachte er. Das war trotzdem mit Abstand der beste Tag seines Lebens!

Kapitel 5

Die Kanzlei von Rechtsanwalt Vogel lag in der Nähe des Bielefelder Landgerichts in einer zweistöckigen Gründerzeitvilla unterhalb der Sparrenburg. Marc stellte seinen Alfa Romeo direkt davor ab, durchschritt einen kleinen Vorgarten und öffnete die Eingangstür.

An einem hüfthohen Tresen direkt dahinter saß eine Frau, die sich erhob, als sie Marc erblickte. Ihm stockte unwillkürlich der Atem. Sie war Mitte zwanzig, etwa ein Meter achtzig groß und Marc konnte ihr – da sie Schuhe mit zehn Zentimeter hohen Absätzen trug – direkt in die himmelblauen Augen schauen. Ihre lange blonde Löwenmähne fiel ihr bis weit auf den Rücken. Alles an ihr schien unecht zu sein, was ihr das Aussehen einer Barbiepuppe verlieh: die winzige Stupsnase, die vollen Lippen, die gebleachten Zähne und die glatte, hohe Stirn.

Sie trug eine weiße Bluse, deren oberste drei Knöpfe geöffnet waren und den Blick auf ein üppiges Dekolleté freigaben. Kurz gesagt: Diese Frau war ein fleischgewordener Männertraum. Marc fühlte sich unwillkürlich an Anna Nicole Smith erinnert, das texanische Fotomodell, das in den Neunzigerjahren einen neunundachtzigjährigen Milliardär geheiratet und ihm die letzten Lebensmonate versüßt hatte.

Marc räusperte sich. »Frau Schwuch?«, fragte er. »Mein Name ist Hagen, wir hatten telefoniert.«

Sie strahlte ihn an. »Kimberly Schwuch«, bestätigte sie. »Aber meine Freunde nennen mich Kimmy. Ich habe Sie schon erwartet.«

»Freut mich, Sie kennenzulernen. Frau Schwuch, ich …«

»Kimmy«, korrigierte sie ihn sofort.

»Also gut, Kimmy. Ich hatte Ihnen ja schon am Telefon gesagt, dass ich Herrn Vogels Handakten im Fall Rainer Höller benötige. Haben Sie die schon für mich rausgesucht? Ich habe nicht allzu viel Zeit.«

Kimmy lächelte nachsichtig. »Ja, ich weiß, Anwälte haben nie Zeit. Aber wollen Sie sich nicht erst mal alles ansehen? Ich führe Sie gerne herum.«

»Das wird nicht nötig sein. Geben Sie mir einfach die Akten und dann bin ich auch gleich wieder weg.«

Sie sah ihn irritiert an. »Wie ›weg‹? Sie leiten von nun an doch Herrn Vogels Kanzlei, oder?«

»Das muss ein Missverständnis sein. Ich übernehme ausschließlich den Fall Höller.«

»Aber … aber wie soll es denn hier weitergehen? Jetzt, wo Herr Vogel tot ist.«

»Das kann ich Ihnen leider auch nicht sagen. Ich vermute, die Anwaltskammer wird einen Kollegen bestellen, der die Geschäfte provisorisch fortführt. Letztendlich müssen natürlich die Erben entscheiden, was aus der Kanzlei wird. War Herr Vogel verheiratet?«

»Ja, er hatte eine Frau und zwei Kinder, die allerdings längst erwachsen sind. Er war ja schon vierundsiebzig.«

»Trotzdem hat er noch als Anwalt gearbeitet?«

»Ja, aber er hat nur die Fälle übernommen, an denen er interessiert war. Er hatte ziemlich viel Geld und hätte eigentlich gar nicht mehr arbeiten müssen. Aber mal unter uns.« Kimmy senkte die Stimme und beugte sich verschwörerisch nach vorn, sodass Marc perfekte Sicht auf ihren Busen hatte. »Ich glaube, er war hauptsächlich deshalb hier, um nicht zu Hause sein zu müssen. Er und seine Frau haben sich wohl nicht besonders gut verstanden. Dabei war Herr Vogel ein so toller Mann. Und jetzt ist er tot.«

Kimmys blaue Augen füllten sich mit Tränen und Marc war für einen Moment versucht, seinen Arm um sie zu legen. Stattdessen reichte er ihr ein Taschentuch, das sie dankbar annahm. »Sie haben Ihren Chef sehr gemocht, nicht wahr?«, fragte er behutsam.

Kimmy zog schniefend die Nase hoch. »Ja. Wir haben sehr eng zusammengearbeitet. Und dann dieser Schock. Ich war bei ihm, als er gestorben ist.«

Marc zuckte zusammen. »Aber … oh.«

»Ja, es ist nicht schön, einen Menschen sterben sehen zu müssen, vor allem nicht, wenn man ihn so gern hatte.« Sie schüttelte verloren den Kopf und sah Marc an. »Aber was wird denn jetzt aus mir?«

Marc breitete hilflos die Arme aus und ließ sie wieder sinken. Nach dem, was er soeben erfahren hatte, sahen Kimmys Zukunftsaussichten in der Kanzlei wohl nicht allzu rosig aus. »Wie gesagt, das müssen Vogels Erben entscheiden. Aber selbst dann, wenn es für Sie hier nicht weitergehen sollte, müssen Sie sich keine Sorgen machen. Qualifizierte Rechtsanwalts- und Notarfachangestellte werden immer gesucht.«

»Ich bin aber nicht qualifiziert«, erwiderte Kimmy leise. »Ich habe keine Ausbildung, ich habe nicht mal einen Schulabschluss. Ich bin mit sechzehn von der Schule abgegangen, um Model zu werden. Das hat aber irgendwie nicht geklappt. Ich meine, ich hätte durchaus viel Geld verdienen können, mit Nacktaufnahmen und Pornos und so. Aber das wollte ich nicht. Ich bin nicht so eine.«

Sie sehen aber so aus, hätte Marc fast gesagt.

Kimmy hatte inzwischen schon weitergesprochen. »Irgendwann hatte ich die Nase voll von den ganzen schmierigen Typen. Ich habe mir selbst das Tippen beigebracht.« Sie wedelte mit ihren langen rosa Krallen vor Marcs Nase hin und her. »Mittlerweile schaffe ich fast zweihundert Anschläge in der Minute. Und ich werde immer besser. Dann habe ich mich als Sekretärin beworben. Erst ohne großen Erfolg, aber bei Herrn Vogel hat es schließlich geklappt, obwohl ich überhaupt keine Erfahrung hatte. Er hat mich Vollzeit eingestellt, dabei gibt es hier eigentlich gar nicht so viel zu tun.«

Marc nickte langsam. Er konnte sich nur zu gut vorstellen, aus welchen Gründen Kimmy die Stelle bekommen hatte.

»Was ist mit Ihnen?«, fragte Kimmy. »Ich glaube, Sie sind nett. Können Sie nicht eine Sekretärin gebrauchen?«

»Ich fürchte, nicht. Ich habe derzeit zwar keine Sekretärin, aber ich brauche auch keine, weil ich keine Mandanten habe.«

Kimmy stand die Verwirrung ins Gesicht geschrieben. Von einem solchen Rechtsanwalt hatte sie offenbar noch nie gehört. »Sie haben doch jetzt Herrn Höller«, beharrte sie. »Da müssen doch bestimmt Schriftsätze geschrieben werden. Ich kann Ihnen aber auch helfen, wenn Sie mal was recherchieren müssen.«

Marc dachte darüber nach. »Okay, dann arbeiten Sie zunächst weiter für mich, bis das Verfahren gegen Rainer Höller abgeschlossen ist. Einverstanden?«

Kimmy strahlte über das ganze Gesicht. »Einverstanden!«, bestätigte sie. »Und wer weiß: Vielleicht sind Sie ja so zufrieden mit mir, dass wir unsere Beziehung irgendwann mal vertiefen können.«

Kapitel 6

1993

Die nächsten Wochen waren die schönsten seines Lebens.

In der Uni ließ Marc sich fast gar nicht mehr blicken und verbrachte stattdessen fast jede freie Minute mit Ilka. Sie gingen shoppen, ins Freibad und ins Kino. Von den ersten drei Filmen, die sie sich gemeinsam im Astoria ansahen, bekam Marc nichts mit, weil sie die ganze Zeit herumgeknutscht hatten wie verliebte Teenager – der Ilka ja auch noch war.

Aber dann schlug sie vor, in jenen Streifen zu gehen, der gerade für weltweite Diskussionen sorgte: Ein unmoralisches Angebot mit Robert Redford und Demi Moore. Schon nach fünf Minuten fand Marc die Handlung langweilig und vorhersehbar, zumal er im Vorfeld einiges dazu gelesen und gehört hatte, und ließ seine Hand zu Ilkas Knie hinüberwandern. Doch zu seinem Erstaunen wurden seine Annäherungsversuche diesmal abgewiesen.

Mit sanftem Nachdruck legte Ilka seine Hand in seinen Schoss zurück. »Lass mal, das interessiert mich«, sagte sie.

Die nächsten zwei Stunden beobachtete Marc sie immer wieder, wie sie mit fasziniertem Gesicht gebannt auf die Leinwand starrte.

Als sie anschließend wieder in seinem Golf saßen, sagte er: »Der Film scheint dich ja mächtig beeindruckt zu haben.«

»Hat er«, bestätigte Ilka. »Man kommt ins Nachdenken.«

Marc warf ihr vom Fahrersitz aus einen schnellen Seitenblick zu. Er rang noch einen Augenblick mit sich, dann fragte er: »Würdest du, also rein hypothetisch, so ein Angebot annehmen und für eine Million Dollar mit einem fremden Mann schlafen?«

Auf Ilkas Lippen machte sich ein breites Grinsen breit. »Wieso ›rein hypothetisch‹?«, fragte sie zurück. »Was glaubst du, wie viele von diesen Angeboten ich schon bekommen habe? Es war zwar keine Million, aber vierstellige Beträge waren schon dabei.«

Marc starrte durch die Windschutzscheibe nach vorn. Er wagte kaum, seine nächste Frage zu stellen. »Und?«, brachte er schließlich mit belegter Stimme hervor. »Wie … äh … wie hast du reagiert?«

Ilka warf ihm einen belustigten Blick zu. »Was glaubst du?«

»Du hast natürlich empört abgelehnt!«

»Was macht dich da so sicher?«

»Nun … äh … ich meine, wir sind zwar erst ein paar Wochen zusammen, aber ich denke, ich kenne dich inzwischen ein bisschen. Und wie man es auch dreht und wendet: Letztendlich handelt es sich um Prostitution.«

»Da scheinst du dich ja auszukennen. Warst du schon mal in einem Bordell?«

Marc spürte, dass er feuerrot anlief. »Äh … nein. Das heißt ja … Also jein.«

Ilka grinste. »Du musst dich schon entscheiden.«

Marc atmete tief aus. Dieses Gespräch nahm gerade eine Wendung, die ihm nicht gefiel. Für einen Moment war er versucht, Ilka einfach anzulügen, entschied dann aber, dass Ehrlichkeit gerade zu Beginn einer Beziehung vielleicht doch der bessere Weg war. »Ich bin nach einer Uniparty stockbesoffen mit zwei Kommilitonen im Eros-Center gelandet«, sagte er. »Mit einer der Damen bin ich mir auch handelseinig geworden und habe sie bezahlt.«

»Die Antwort ist also ein klares Ja!«, stellte Ilka fest.

»Ganz so einfach ist die Sache nicht. Ich war so betrunken, dass ich sofort eingeschlafen bin, als ich auf ihrem Bett lag. Es ist also nichts passiert. Ich weiß nicht, wie lange ich geschlafen habe, aber irgendwann wurde ich von einem muskelbepackten Herrn mit einem Kopf wie eine Bowlingkugel geweckt. Er meinte, meine halbe Stunde sei nun um und ich müsse das Zimmer räumen. Als ich nicht sofort reagiert habe, hat er mich ziemlich unsanft vor die Tür gesetzt.«

Ilka musste lachen. »Wie auch immer«, meinte sie. »Auf jeden Fall scheinst du der Prostitution nicht grundsätzlich ablehnend gegenüberzustehen.«

»Wie gesagt, ich war betrunken«, versuchte Marc, sich zu verteidigen.

»Nach meiner Erfahrung macht man im betrunkenen Zustand nichts, was man nüchtern nicht auch tun würde«, erwiderte Ilka ernst. »Es fallen nur die Hemmungen weg.«

»Vielleicht hast du recht«, sagte Marc nach einer kurzen Pause. »Aber es ist doch wohl ein Unterschied, ob ich zu einer professionellen Dame gehe oder ob meine Freundin so ein Angebot bekommt.«

»Aha, für dich macht es also einen Unterschied, ob man einer Professionellen oder einer ›normalen‹ Frau so ein Angebot macht. Hast du schon mal einer Frau etwas zu trinken ausgegeben, um sie anzusprechen?«

»Ja, aber wenn du damit andeuten willst, dass das schon etwas mit Prostitution zu tun hat, geht das wohl ein bisschen weit.«

»Und was ist, wenn ein Mann eine Frau zum Essen einlädt? Wenn er ihr Blumen schenkt? Oder Schmuck? Läuft nicht im Endeffekt alles auf dasselbe hinaus? Der Mann investiert Geld, um die Frau ins Bett zu bekommen. Ist es da nicht ehrlicher, wenn man sich gleich auf einen Preis einigt, das Geschäft wird erledigt, am Ende sind alle zufrieden und man geht wieder seiner Wege?«

Marc sah sie zweifelnd an. »So siehst du das also?«

»Ich stelle nur Fragen.«

»Und wo bleibt die Liebe?«

Ilka lachte. »Als Robert Redford Demi Moore das Angebot macht, geht es nicht um Liebe, es geht um Sex. In dieser Gesellschaft läuft es doch so: Wenn eine Frau von einem Mann teure Geschenke bekommt und irgendwann mit ihm ins Bett geht, ist das in Ordnung. Wenn eine Frau Bargeld nimmt, ist sie eine Prostituierte. Diese Moralvorstellung gilt aber nur in Bezug auf Frauen. Stell dir mal vor, Demi Moore würde dich fragen, ob du mit ihr schläfst. Und wenn du nicht innerhalb von zwei Sekunden Ja sagst, bietet sie dir zusätzlich noch einen Haufen Geld. Erzählst du diese Story anschließend deinen Freunden, wird dich jeder beglückwünschen und dich für einen tollen Hecht halten. Bekommst du dieses Angebot jedoch als Frau von Robert Redford, wirst du als Nutte beschimpft.«

»Da ist vielleicht was dran. Aber wenn Demi Moore mich fragen würde, ob ich Sex mit ihr will, würde ich trotzdem sofort Nein sagen, solange ich mit dir zusammen bin. Egal, ob mit oder ohne Geld.«

Ilka sah ihn lange von der Seite an, dann legte sie ihre Hand auf sein Knie. »Das ist lieb von dir.«

Es entstand eine Pause. »Du hast meine Frage noch nicht beantwortet«, sagte Marc in die Stille.

»Welche Frage?«

Marc seufzte. »Du meintest, du hättest schon derartige Angebote bekommen. Hast du sie angenommen oder nicht?«

Ilka musterte ihn von der Seite. »Das ist wichtig für dich, oder?«

»Vielleicht. Aber es ist auf jeden Fall möglich, die Frage klar mit Ja oder Nein zu beantworten. Ich war ehrlich zu dir, jetzt bist du dran.«

Ilka ließ sich Zeit. »Nein«, sagte sie schließlich. »Ich habe diese Angebote nicht angenommen. Das bedeutet aber nicht, dass ich zu so einem Angebot immer Nein sagen würde. Du hast leicht reden. Deine Eltern haben Geld. Du weißt nicht, wie es ist, wenn deine Mutter ihre gesamte Rente versäuft, wenn buchstäblich nichts mehr da ist, um sich etwas zu essen zu kaufen, wenn man hungert. Du denkst vielleicht, dass es das in diesem Land nicht gibt, aber glaub mir, Marc, das ist die Realität!« Sie sah ihn eindringlich an. »Ich habe mir eines geschworen: Ich will nicht so enden wie meine Mutter.«

Marc nickte langsam. Ihm war nicht ganz klar, ob es ihm gefiel, was Ilka gerade gesagt hatte. Aber er wusste ihre Ehrlichkeit zu schätzen. Und noch etwas wusste er: Er liebte diese Frau. So sehr, wie er noch nie einen Menschen geliebt hatte.

Kapitel 7

Mit Vogels Handakten im Kofferraum fuhr Marc zu seinem Reihenhaus zurück. Dort packte er die vier dicken Ordner aus, trug sie in sein Arbeitszimmer im ersten Stock und begann sofort, sie durchzuarbeiten. Vier Stunden später hatte er eine erste Durchsicht beendet und sich das Wichtigste aufgeschrieben.

Nach Lage der Akten stellte sich der Fall wie folgt dar: Monja Höller, die sechzehnjährige Tochter von Ilka und Rainer Höller, hatte die Wohnung ihrer Mutter am 2. Juli letzten Jahres, einem Samstag, um etwa neunzehn Uhr verlassen, um sich mit Freunden zu treffen. Vorher hatte sie ihrer Mutter hoch und heilig versprochen, um Punkt dreiundzwanzig Uhr wieder zu Hause zu sein. Um Viertel nach acht war Monja auch tatsächlich im Bijou, einer Kneipe im ›Neuen Bahnhofsviertel‹, erschienen und hatte sich dort mit einem befreundeten Pärchen getroffen. Man hatte etwas gegessen und getrunken. Fünf Minuten nach dreiundzwanzig Uhr erhielt Monja einen Anruf von ihrer Mutter, die sich erkundigte, wo ihre Tochter stecke und warum sie entgegen der Absprache noch nicht zu Hause sei. Nach einer kurzen Diskussion versprach Monja, sofort aufzubrechen, und verließ das Bijou auch tatsächlich gegen zwanzig nach elf.

Danach verlor sich Monja Höllers Spur. Im Neuen Bahnhofsviertel gab es aus Datenschutzgründen fast keine Überwachungskameras und die Polizei konnte daher nicht feststellen, wohin Monja vom Bijou aus gegangen war. Auch die Auswertung ihrer Handydaten führte nicht weiter, da das Mädchen sein Smartphone ausgeschaltet hatte.